Marcel, 21. 08. 2010

Am Abend laufen wir in die Bucht von Porto Palermo ein. Innerhalb der Bucht steht auf einer kleinen Halbinsel in Form eines Tischtennisschlägers ein aus dem frühen 19. Jahrhundert stammendes Fort – erbaut von Ali Pascha, dem “romantisch orientalischen Ungeheuer”. Der späte Nachmittag auf See war fast windstill, doch just in dem Moment, als wir an der groben Betonmole längsseits gehen wollen, beginnen die allabendlichen Fallböen mit bis zu 6bf den Berg hinab zu wehen. Der Wind ist heiß, wie in einem Umluftherd und trägt den Duft von Gewürzen (Salbei, Thymian) den Hang hinab in die Bucht. Von der einzigen Yacht, einer weiß geleckten großen Motoryacht vom Typ “Porno- oder Drogenboot”, die außer uns am Pier liegt kommt uns sofort Hilfe entgegen. Wie wir später bei ein paar Bier und Whisky im Salon der “Pershing 45” erfahren, der montenegrinische Skipper, der für einen albanischen Bauunternehmer arbeitet. Dragan war als Seemann auf Handelsschiffen weltweit unterwegs, u.a. einige Jahre auf der Nordsee. Das Leben als Sportskipper erscheint ihm entspannter zu sein, zumal sein Boss bis vor einigen Monaten noch nie ein Schiff betreten hat, und er ihm so die eine oder andere Geschichte über die Notwendigkeiten einer Yacht auftischen kann.

Am nächsten Morgen ist es windstill und schon früh sehr heiß. Die Grillen zirpen, die Hähne krähen und auf der Mole steht um 0600 ein Einheimischer, der mit seinem Kofferradio die albanische Senderlandschaft absucht. Joanna verschwindet kurz aus der Koje, um sich mit Ohropax wieder einzurollen.

Am Vormittag besichtigen wir Ali Paschas Burg auf der kleinen Halbinsel. Der freundliche Ticketverkäufer lässt uns vier für 300 statt 400 Lek in die Burg, da wir unser Geld vergessen haben und nur noch zufällig 300 Lek in der Hosentasche finden. Das gesamte Kastell ist erstaunlich gut erhalten. Die Räume im inneren sind kühl und dunkel, nur mit einem kleinen, hohen Fenster versehen. Das Auge muss sich lange an die Dunkelheit gewöhnen. Auf Anraten des Reiseführers habe ich vorsorglich eine Taschenlampe mitgebracht.

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Marcel, 20. 08. 2010

Wir segeln von Korfu über Albanien und Montenegro nach Split – ein Vier-Länder-Törn. Die Gastlandflaggen liegen schon griffbereit im Kartentisch. Von Gouviá auf Korfu nach Sarandë sind es nur ca. 15sm. Dort werden wir in Albanien einklarieren und dieses touristisch noch relativ unerschlossene Land erkunden.

Albanien? Geht das überhaupt? Kann man dort segeln? – Viele Segler schütteln erst einmal verständnislos den Kopf, wenn man von seinen Plänen berichtet in Albanien zu segeln. Auch Herbert, den wir später in Cavtat in Kroatien beim Einklarieren treffen, ist von Korfu kommend an Albanien vorbei gefahren. Ok. Herbert hat auch Montenegro nicht angelaufen, wo er einiges verpasst hat. Die meisten Segler, die von Norden mit dem Ziel Korfu unterwegs sind, machen den Umweg hinüber nach Italien und wieder zurück. Dies gilt ebenso für die Süd-Nord-Route. Und auch Nicht-Segler sehen in Albanien selten ein für Nord-West-Europäer ansprechendes Reiseziel. Die ersten Assoziationen: Kosovo-Krieg, Drogen- und Waffenschmuggel, Schieberbanden. Und tatsächlich gilt in Albanien seit einigen Jahren ein sogenanntes Sportboot-Moratorium, das bis 2012 verlängert wurde. Das Gesetz verbietet die Registrierung und Nutzung privater Sportboote an Albaniens Küsten. Davon ausgenommen sind lediglich Fischer sowie Boote für den Transport von Waren – und Boote unter ausländischer Flagge natürlich. Trotzdem sehen wir nur wenige andere Yachten in albanischen Gewässern. Im Hafen von Sarande liegt ausser der Chulugi noch eine kleinere französische Segelyacht, sowie eine Luxusyacht unter, wie so häufig, britischer Flagge. Im weiteren Törnverlauf sahen wir gerade einmal zwei oder drei andere Yachten etwas weiter draußen vor der Küste kreuzen – und das zur Hauptsaison, in der sich in Kroatien die Schiffe in den Buchten gegenseitig über den Anker fahren. Nur in Orikum, der einzigen Marina in ganz Albanien, finden wir ein paar mehr Yachten am Steg.

Unser Einklarierungshafen in Albanien ist von Süden kommend Sarandë. Der Ort hat erst in der Zeit der kommunistischen Herrschaft einen städtischen Charakter bekommen. Seit den 50er und 60er Jahren ist Sarandë zu einem Urlaubsort geworden. Die Entwicklung mündete im Bauboom der letzten Jahre. Unser Freund Giacomo bereist seit einigen Jahren Albanien und beobachtet wie „das letzte Paradies Europas“ die gleichen Fehler macht, wie der westliche Mittelmeerraum (oder auch Korfu) in den Jahren davor. Der Ort dehnt sich aus, kriecht die Hänge der Bucht hinauf, und verliert den Reiz eines kleinen Küstenstädtchens. Und so ist das Bild geprägt von riesigen Wohnklötzen, verteilt über die gesamte breite der Bucht. Schon während der Ansteuerung fällt uns ein tiefes Wummern auf. Da das menschliche Ohr besonders tiefe Frequenzen nicht orten kann, vermuten wir zunächst, dass mit dem Motor irgend etwas nicht stimmt. Das Schaukeln in Wind und Welle verrät aber bald, dass die Quelle des lauter werdenden Geräusches an Land zu suchen ist. Und tatsächlich wird die Bucht bis auf Meilen auf das Wasser hinaus von einem riesigen Hotelkomplex mit Diskomusik beschallt. Ein Service in dessen Genuss wir noch häufiger kommen werden. Auch später in Durres und Shengin kann man sich bei der Ansteuerung voll auf das tiefe Wummern in der Magengegend verlassen.

Wir melden uns während der Ansteuerung über Funk bei der Port Police. Man fragt, wie viele Meilen wir noch entfernt seien und weist uns an, den westlichen Teil der Bucht anzulaufen. Wir machen unterhalb eines riesigen gelben Verladekrans fest. Auch an der Mole werden wir herzlich empfangen. Ein Agent, den ich schon vorher kontaktiert habe, übernimmt die Behördengänge. Da wir im Zollbereich des Hafens liegen, markiert durch eine gelbe Linie, bekommen wir einen Shore Pass zur Besichtigung der Stadt. Diesen müssen wir in der Nacht wieder vorzeigen, um auf das Schiff zurück zu kommen.

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Glücklich nach dem Geld-gegen-Papiere Austausch. Auf meine Anfrage per Mail sagte mir der Agent die Einklarierung würde 30€ kosten. Als er jedoch die Chulugi an der Mole sieht steigt der Preis spontan auf 50€. Der Skipper weiß jedoch die kurzfristige Gebührenerhöhung wieder herunterzuhandeln. Und so einigen wir uns dann doch auf die versprochenen 30€.


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Nachdem die Formalitäten erledigt sind dürfen wir die gelbe Flagge zur Einklarierung abnehmen.


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In diesem Stile werden uns auch die nächsten Küstenstädte Albaniens empfangen. Das wissen wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht und freuen uns auf eine ursprüngliche Küste.

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Am zweiten Tag – Impressionen aus Sarandë:

Typische Architektur. Links die auch in Griechenland all überall anzutreffenden Betongerippe.

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Unsere Feigenhändlerin

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Schachspielenden Männer, mitten auf einer Baustelle

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Joanna & Marcel, 26. 07. 2010

Mit dem Auto erkunden wir an zwei Tagen den Nordosten und Nordwesten der Insel Korfu. Die Küstenstraße schlängelt sich von Gouviá aus nach Norden und von dort Richtung Westen immer am Berghang entlang. Die ersten Kilometer sind geprägt von Bettenburgen, Wäldern aus Reklameschildern und Verkaufsständen voller Plastikmüll in Form von Sonnenschirmen, Luftmatratzen, Gummitieren, Strandspielzeug und billigen Devotionalien mit I ♥ Corfu-Aufdrucken. Stillere Ortschaften und einzelne Weiler findet man, wenn man sich von der Küstenstraße nach Westen in die Berge hinaufarbeitet. Am besten erfährt man die Landschaft zu Fuß. Wir stellen das Auto am Ende einer asphaltierten Straße ab und satteln die Rücksäcke. Eine kleine Betonstraße quält sich in praller Mittagssonne den Berg hinauf. Die Vegetation trocken und verbrannt. Oben findet sich ein von der EU finanzierter verlassener Parkplatz mit kleineren Neubauruinen – vielleicht Toilettenhäußchen? Hier oben?

Auf einem engen Fußweg beginnen wir von hier den Abstieg in den Schlund der Erde. Plötzlich ist es um uns herum dicht und tiefgrün bewachsen. Eine Smaragdeidechse huscht in die Büsche, kurz bevor ich den Auslöser des Fotoapparats drücken kann. Immer tiefer geht es hinunter bis uns eine von Tropfsteinen bewachsene Felsendecke die Sonne nimmt. Es ist sofort spürbar kühler. Ganz unten hört man Wasser tropfen. Unsere Stimmen werden von den Felswänden zurückgeworfen. Nach einer kleinen Pause steigen wir den Hang wieder hinauf und gehen zurück zum Auto.


Suchbild


Lagune bei Pelekito – Palio Perithia – Westküste


Der schönste Part unserer mehrfachen Versuche, mit dem Wander-Rother eine straßen- und hotelfreie Wanderung zu finden. Das Wasser war überraschenderweise sehr kalt und die Buchten nicht überlaufen. Ich traute meinen Augen nicht! Denn bis dahin hatten wie keine besonders angenehme Erfahrungen mit dem Tourismus- und Straßenbaupolitik der Insel gemacht. Ich denke, daß die Insel zur Zeiten Durrells, also bis in die 1950er Jahre wirklich ein Juwel war. Leider ist das, was man davon als eine kleine Ahnung bekommen konnte, unmittelbar bedroht. Es drückte auf unsere Stimmung, aber wir haben die Hoffnung, daß bspw. diese Doppelbucht so bleibt, wie sie sich uns präsentierte.


Ein Stück Mexiko in den Bergen: Verlassene Dörfer, die sich jetzt ein wenig mit Tourismus und Tavernen füllen.



Eine sehr schöne, kurze Wanderung entlang der (tobenden) „Nord-Ost See“.

Für mehr Impressionen, siehe unter Picasa:

Joanna & Marcel, 24. 07. 2010

Wir verbringen ein langes Wochenende auf Korfu. Die Mittagshitze in der Marina bei feucht-schwüler Luft veranlasst uns dazu, für eine Nacht Gouviá zu verlassen und in das nur 7sm entfernte Kalami zu segeln. Dort wollen wir das „White House“ besuchen, in dem die Familie Durrell in den 1930er Jahren bis zum Einmarsch der deutschen Truppen gewohnt hat (siehe unter Reisebegleiter). Das Haus beherbergt eine Taverne und ein Appartment im oberen Stockwerk.

Die Bucht ist mehr als lebhaft. Motorboote kreisen wie lästige Fliegen um die ankernden Yachten. Wir versuchen uns auszumalen, wie die Bucht vor 70 Jahren ausgesehen hatte. Das „Rebhuhn“ in dem sich Laurace „Larry“ Durrell mit seinen Künstler- und Literatenfreunden regelmäßig traf, konnten wir nicht ausfindig machen.


Kalami hat man einen traumhaften Blick hinüber zur albanischen Küste. Nur wenige Meilen trennen Kurfu an dieser Stelle vom Festland. Steigt man etwas den Hügel hinauf sieht man die Hafenstadt Sarandë, in der wir in wenigen Wochen nach Albanien einklarieren wollen.


Bei Durrells zu Gast.

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(1) Die Durrells in Corfu Margo, Nancy (Lawrence’s Frau), Lawrence, Gerald und ihre Mutter, Louise.
(2) Lawrence (l) und Gerald Durrell. Photograph: Loomis Dean/Getty

Joanna & Marcel, 07. 07. 2010

Moses Joseph Roth (* 2. September 1894 in Brody/ehem. Polen, heute Ukraine; † 27. Mai 1939 in Paris) war ein österreichischer Schriftsteller und Journalist.


„Roth ist leider ein Narr, wenn auch ein liebenswerter. Welch ein herrlicher Mensch geht da zugrunde“ (Stefan Zweig) 1935

Bezeichnend für Roth ist die Mystifizierung seiner Kindheit, seiner Herkunft, seiner Ausbildung. Seinen familiären Hintergrund beschreibt er folgendermaßen:

„Meine Mutter war eine Jüdin von kräftiger, erdnaher, slawischer Struktur, sie sang oft ukrainische Lieder, denn sie war sehr unglücklich […] Sie hatte kein Geld und keinen Mann. Denn mein Vater, der sie eines Tages nach Westen mitnahm, wahrscheinlich nur, um mich zu zeugen, ließ sie in Kattowitz allein und verschwand auf Nimmerwiedersehen. Er muss ein merkwürdiger Mensch gewesen sein, ein Österreicher vom Schlag der Schlawiner, er verschwendete viel, trank wahrscheinlich und starb, als ich sechzehn war, im Wahnsinn. Seine Spezialität war die Melancholie, die ich von ihm geerbt habe.“ (Joseph Roth, zit.: Süddeutsche Zeitung, 2. Sepember 1994)

Sein Vater gehörte der chassidischen Bewegung an, Roth lernte ihn jedoch tatsächlich nie kennen. Im Jahre 1913 schrieb sich Roth mit 19 Jahren an der Universität von Lwow (ehem. Polen) ein, wechselte aber bereits im zweiten Semester nach Wien, wohin er mit seiner Mutter übersiedelte. Er studierte dort Germanistik und Philosophie. 1916 bis 1918 diente er in Galizien: Er und ein Freund waren beide „bei Ausbruch des Krieges Pazifisten. Beide ändern aber [-aus später für ihn nicht wieder nachvollziehbaren Gründen-] ihre Haltung, sie empfinden es als Schande, unnütz in Wien zurückgeblieben zu sein und melden sich freiwillig.“ Militant war Roth jedoch trotzdem nie, so betont er stets das Leid, das der Krieg bringt. „Die Insassen des Kriegsspitals Numero XXIV […] waren blind oder lahm. Sie hinkten. Sie erwarteten eine Amputation oder waren bereits amputiert. Weit hinter ihnen lag der Krieg. Vergessen hatten sie die Abrichtung; den Feldwebel; den Herrn Hauptmann; die Marschkompanie; den Feldprediger; Kaisers Geburtstag; die Menage; den Schützengraben; den Sturm. Ihr Frieden mit dem Feind war besiegelt. Sie rüsteten schon zu einem neuen Krieg; gegen die Schmerzen; gegen die Prothesen; gegen die lahmen Gliedmaßen; gegen die krummen Rücken; gegen die Nächte ohne Schlaf; und gegen die Gesunden.“

Krieg, seine materielle Unsicherheit, die politische Entwicklung und die mentale Krankheit (fortschreitende Schizophrenie) seine Ehefrau trieben ihn immer mehr zum Alkoholismus. Nach seiner Teilnahme am ersten Weltkrieg und nachdem er sein Studium aus finanziellen Gründen abgebrochen hatte, begann Roth für einige neue, kritische, leider aber nur kurzlebige Zeitungen zu schreiben. Er verarbeitete damals in seinen Feuilletons Gedanken, „die“, so Helmut Peschina, „aus dem Geist der Stunde geboren waren.“ Roth lebte und schrieb also zuerst in Wien, dann, ab dem Jahre 1920, in Berlin. 1923 kehrte er wieder nach Wien zurück. Er reiste auch sonst viel herum- außerordentlich viel. Einen „Großteil“, schreibt man in „Sehnsucht nach Paris, Heimweh nach Prag“ (wahrscheinlich doch etwas aufbauschend), „seines Lebens verbrachte er in Hotels, ohne festen Wohnsitz.“ Wie viele andere emigrierte Roth 1933 nach Frankreich, wo er bereits 1939, im Alter von 45 Jahren arm und alkoholsüchtig starb.

Vom September bis Dezember 1926 bereiste er die Sowjetunion, wo er angesichts des realexistierenen Kommunismus davon Abstand nahm, damit zu sympathisieren. Mai bis Juni 1927 Albanien und Jugoslawien, im Herbst 1927 das Saargebiet, Mai bis Juli 1928 Polen und Oktober/November 1928 Italien.

„Roth vertritt (in seinen Romanen) auch die Position des journalistischen „Handwerkers“. Roth war seinen Zeitgenossen in erster Linie als Journalist bekannt und journalistische Arbeiten machen gut die Hälfte seines Werkes aus. Roths Zugehörigkeit zur Neuen Sachlichkeit – die ja eine Gegenbewegung zu dem die Literatur der Weimarer Zeit prägenden Expressionismus war – leitet sich vielleicht eben auch davon ab, dass Roth kein Expressionist war. Am Sprachexperiment „Expressionismus“ nimmt Roth nicht teil, sondern bleibt in seinen (meisterlich verwendeten) sprachlichen Mitteln konservativ.“ (Wikipedia)


Quellen

http://de.wikipedia.org/wiki/Joseph_Roth (ausnahmsweise ein guter Text)

http://www.josephroth.de/index.html

http://cafe.twoday.net/stories/4971919/


Einzug in Albanien

Das Meer ist still, die Wolken hängen festgenagelt am Himmel wie Bilder an der Wand, auf dem Wasser schwimmt ein Geisterboot ohne Schwanken, an einem unsichtbaren Seil, dem Schiff entgegen, um mich abzuholen. Es sind nur zwei an Bord, die nach Albanien gehen: ein Mann, der im Lande der Bärte Gilette-Apparate verkaufen will, und ich.

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Marcel, 18. 06. 2010

Die letzten 20 Meilen liegen vor uns, das Südkap von Korfu oder Kerkyra 5 Meilen voraus. Wir haben endlich nach langer Zeit wieder 100m² Segelfläche gesetzt – Groß, Fock und Klüver stehen im Wind. Bei moderaten 3 bf Wind aus NW machen wir 3,7kn. Das ist keine Rekordgeschwindigkeit, aber wir wollen die letzten Stunden auf See so gut nutzen, wie es geht. Auch auf die Gefahr hin, wieder einmal im Dunkeln in Gouviá anzukommen. In beleuchteten Marinas ist das Anlegen bei Nacht nicht so problematisch, wie in stockfinsteren Buchten nach einem geeigneten Ankerplatz zu suchen. Zumal man sich auch auf die elektronischen Seekarten nicht immer verlassen kann. Der Peloponnes zieht an steuerbord an uns vorbei. Paxos verschwindet achtern zwischen diesigem Himmel und azurblauem Meer.

Hinter dem Südkap von Korfu verschwindet auch der Wind wieder zur Gänze und kommt dann plötzlich aus E, leider nicht ausreichend zum segeln. Unter Motor legen wir die letzten Meilen nach Gouviá zurück. Aus dem Dunst taucht vor uns Kerkyra-Stadt auf. Die Akropolis und die Altstadt im Sonnenuntergang ist ein letztes kleines Highlight unserer zweieinhalbwöchigen Reise.

Im Nordosten tauchen in der feuchten, heißen Luft des Abends die Berge der albanischen Küste auf. Kurz vor dem Ziel packt uns schon jetzt das Fernweh und der Wunsch, am nächsten Morgen die Leinen wieder los zu werfen. In Gedanken sind wir schon auf unserer nächsten Fahrt nach Albanien, Montenegro und Kroatien.

Um 2045 erreichen wir im letzten Licht des Tages die riesige Gouviá Marina. Nach 518 Seemeilen, 4 Breiten- und 5 Längengraden. Insgesamt haben wir seit dem 1. Januar diesen Jahres 1.045 Seemeilen mit Chulugi zurückgelegt!

Marcel, 18. 06. 2010

Zum Abschluss unseres Kreta-Korfu-Törns noch ein Beitrag in der Rubrik Gastronautisches: Seeigel. Jeder ist bestimmt schon mal auf einen draufgetreten und hat sie verflucht oder sich wenigstens eine solche Geschichte anhören müssen. Doch man kann sich rächen und sie essen. In vielen Mittelmeerregionen und in Japan gelten sie als Delikatesse. Bei Vassilis (angeblich der beste Koch Paxos´) bekommen wir frischen Seeigel mit Öl und Zitrone. Dazu selbstgebackenes, knuspriges und noch warmes Brot zum Tunken. (Der Chardonnay aus organischem Weinbau war auch sehr gut!)

Schwarze Seeigel enthalten zu gewissen Zeiten (im Sommer) äußerst schmackhaften Rogen (ähnlich Kaviar). Die Seeigel werden mit einem Messer auseinandergebrochen und die Innereien werden im Meerwasser  ausgespült. Die orangefarbenen Eier, falls vorhanden, haften fest in der Schale und sind nicht zu übersehen. Sie werden mit Zitronensaft beträufelt und ausgelöffelt. Da manche Seeigelarten ein Gift enthalten, soll man bei der eigenen Zubereitung, damit es dann nicht der letzte Genuß bleibt, immer lokale Fischer befragen und im Zweifelsfall auf diese Delikatesse verzichten. Auf den englischsprachigen Speisekarten findet man sie unter „Sea Urchin“.

Hier noch ein Rezept für Seeigel nach katalanischer Art. Seeigel war das Lieblingsgericht von Salvador Dalí.

Seeigel a la „Cap de Creus“ – „Garotes a la Cap des Creus“

Rezept für vier Personen

Einkaufsliste:

12 fangfrische Seeigel

200 g Schnittlauch

200 g Petersilienblätter

100 g Kerbelblätter

2 Lorbeerblätter

Salz

150 g Sahne

Pfeffer aus der Mühle

grobes Meersalz

Zubereitung:

Die Seeigel mit einem spitzen Gegenstand öffnen und jeweils das Innere herauslösen. Die Hälfte der Seeigelpanzer säubern und die Stachelspitzen mit einer Schere abschneiden. Das herausgelöste Innere der Seeigel in die gesäuberten Seeigelpanzerschalen legen. Beiseite stellen.

Inzwischen die frischen Kräuter waschen und grob hacken. Zusammen mit den Lorbeerblättern in kochendem Salzwasser etwa drei Minuten garen. Dann mit einem Schaumlöffel herausnehmen und zusammen mit etwas Sud und Sahne im Mixer pürieren. Mit Salz und Pfeffer würzen. Abkühlen lassen. Die Seeigel in den Panzern jeweils mit Kräutersauce übergießen und im Ofen kurz garnieren. Auf mit grobem Meersalz gefüllten Suppentellern servieren und nach Belieben mit Meeresfrüchteschalen garnieren.

Marcel, 17. 06. 2010

Nur 2,5sm von Gaios nach Norden liegt der kleine, ruhige Ort Longos (Loggos), den wir uns für den letzten Tag vor der Überfahrt nach Korfu aussuchen. Das Bild wird geprägt von einem winzigen Fischerhafen, gerahmt von ein paar Häusern und einer Handvoll Tavernen. Daneben steht die Ruine einer alten Olivenöl- und Seifenfabrik mit einem gemauerten Kamin. Von den, in den Reiseführern beschriebenen Plänen, die Fabrik in ein Hotel umzubauen, ist man scheinbar noch weit entfernt. In diesem verfallenen Zustand unterstreicht die Ruine aber das romantische Bild, welches man sich bei Annäherung von See von Longos macht. Einzig eine fährenähnliche, riesige Motoryacht zerstört dieses Gemälde. Anstatt in der Bucht zu ankern, fallen die Anker gute 200m vor einem kleinen Anleger, an welchem das Monstrum mit dem Heck festmacht. Die Gäste der drei Tavernen schauen jetzt anstatt aufs Meer und in die Bucht hinaus, auf einen bierbäuchigen Engländer in zu kurzer Badehose, der wie Jabba the Hutt auf dem Achterdeck herumwabert.

Der Ort besteht aus zwei Straßen, von denen sich die eine leider zwischen den Fischerbooten und den seeseitigen Restaurants entlang schlängelt. Auch der Linienbus zwängt sich über den nur wenige Meter breiten Asphalt. Davon abgesehen ist der Ort die Ruhe selbst. In einer Ecke nahe der alten Fabrik ist ein Katzenasyl eingerichtet. Eigentlich sind die Griechen nicht für ihre Liebe zu Hunden und Katzen berühmt, zu streunenden Tieren schon gar nicht. Wir spenden einen Sack Katzenfutter und schlendern weiter in der Hitze des Nachmittags durch die Gassen. Es gibt ein altes Schulgebäude in dem im Spätsommer ein über die Insel hinaus bekanntes Klassik-Festival statt findet.

Unter anderem soll sich in Longos der beste Koch der Insel niedergelassen haben. Man bekommt “neue griechische Küche” serviert. Am Nachmittag wollen wir uns das WM Spiel der Griechen anschauen und die gastronautische Reise bei jenem Vassili abschließen, der so gelobt wird. Denn für den morgigen Abend in Gouviá auf Korfu machen wir uns nicht so große Hoffnungen auf einen kulinarischen Höhepunkt.

Die Griechen gewinnen dann ihr Spiel mit 2:1 und sichern sich den Verbleib im Turnier. Das scheint die Einheimischen aber nur beiläufig zu interessieren. Die Gäste in den Bars schlürfen unaufgeregt ihre Limonaden. Bei Vassilis bekommen wir Lachscarpaccio mit Orangen-Chili-Gelee und frischen Seeigel in Öl und Zitrone (s. unter „Gastronautisches“). Der Chardonnay aus organischem Anbau rundet das Dinner fantastisch ab. Es hat sich also gelohnt.

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Marcel, 17. 06. 2010

Aeolos, der Gott der Winde, nahm Odysseus und seine Gefährten auf seiner schwimmenden Insel Aiolia, die heute gerne mit einer der Äolischen Inseln (deren Namen sich daher ableitet) oder mit Ustica identifiziert wird, gastfreundlich auf. Für deren Heimkehr gab er ihnen einen Sack mit günstigen Winden mit auf die Fahrt, welcher verschlossen bleiben sollte. Die Gefährten des Odysseus allerdings öffneten den Sack und alle Winde entwichen gleichzeitig, so dass sie nach Aiolia zurückgetrieben wurden. Eine erneute Bitte um günstige Winde wurde jedoch von Aeolos abgewiesen.

Bei unserer nächsten Tour werden wir auch bei Aeolos anfragen müssen. In den letzten zwei Wochen haben wir den Großteil der Strecke unter Motor zurücklegen müssen. Wir hatten den Wind von vorne oder gar keinen Wind. Da sehnen wir uns schon den Herbst mit seinen Stürmen herbei…

Homer: Odyssee, 10. Gesang

Und wir kamen zur Insel Äolia. Diese bewohnte
Äolos, Hippotes‘ Sohn, ein Freund der unsterblichen Götter.
Undurchdringlich erhebt sich rings um das schwimmende Eiland
Eine Mauer von Erz, und ein glattes Felsengestade.

Ilions Macht, der Achaier Schiffen, und unserer Heimfahrt;
Und ich erzählt‘ ihm darauf umständlich die ganze Geschichte.
Als ich nun weiter verlangte, und ihn um sichre Geleitung
Bat, versagt‘ er mir nichts, und rüstete mich zu der Abfahrt.
Und er gab mir, verschlossen im dichtgenäheten Schlauche

Vom neunjährigen Stiere, das Wehn lautbrausender Winde.
Denn ihn hatte Kronion zum Herrscher der Winde geordnet,
Sie durch seinen Befehl zu empören oder zu schweigen.
Und er knüpfte den Schlauch mit glänzendem silbernen Seile
Fest in dem hohlen Schiffe, daß auch kein Lüftchen entwehte.

Vor mir ließ er den Hauch des freundlichen Westes einherwehn,
Daß sie die Schiff‘ und uns selbst heimführeten. Aber dies sollte
Nicht geschehn; denn wir sanken durch eigene Torheit in Unglück.
Schon durchsegelten wir neun Tag‘ und Nächte die Wogen;
Und in der zehnten Nacht erschien uns das heimische Ufer