In Agios Nikolaos an der Käsetheke finden wir ihn wieder: Den Mizithra Käse. Bereits auf Astypalea haben wir ihn entdeckt. Und zwar auf einem griechischen Salat, als local cheese in der Speisekarte getarnt. Folgendes finden wir über ihn heraus: Myzithra (griechisch Μυζίθρα) oder Anthotyro (griechisch Ανθότυρο) ist ein kretischer unpasteurisierter Weichkäse mit hohem Fettgehalt, der aus Schafs- und Ziegenmolke unter Zugabe von Milch hergestellt wird. Sehr frisch ist er in Konsistenz und Geschmack dem italienischen Ricotta ähnlich, er ist ebenso weiß und leicht süßlich-sämig. Dem Laib wird üblicherweise die Form eines abgeschnittenen Kegels gegeben.
Und hier muss auf eine griechische Angewohnheit hingewiesen werden, Felsformationen und Inseln nach Lebensmitteln zu benennen. Hier die Mikri Myzithra bei Zakynthos:
Und in diesem Zusammenhang zitiere ich noch einmal Fermor (siehe hierzu paximadia — griechischer Zwieback): „Die gebackenen Rechtecke haben tief eingeschnittene Furchen, damit man sie leichter brechen kann, und die einzelnen Stücke lassen sich mit nichts anderem besser vergleichen als mit den braunen, baumlosen Inselchen, die vor den Küsten Griechenlands verstreut liegen, und in der Tat heißt mancher kleine Archipel – insbesondere die aus dem Lybischen Meer aufragenden Klippen im Süden Kretas – Ta Paximadia.“
Doch zurück zum Myzithra Käse: Lässt man ihn mit Salz eingerieben an der Luft reifen, entsteht ein kräftig schmeckender Käse, der im gereiftesten, härtestem Zustand auch gerieben werden kann. Die Namensgebung ist allerdings regional uneinheitlich, im Westen Kretas heißt die reife Variante Myzithra und die frische FormAnthotyro, im Osten ist es genau umgekehrt.
Eine weitere Variante mit saurem Geschmack heißt Xynomizithra (griechisch Ξυνομυζήθρα); die Bezeichnung Xynomizithra Kritis ist eine geschützte Herkunftsbezeichnung des aufKreta hergestellten Xynomizithra.
Die erste Form des Käses als weicher Frischkäse mit süßem Geschmack wird gerne mit Honig als Nachtisch gereicht, oder auch als Mezes mit Oliven und Tomaten.
Mizithra ist einer der ältesten Molkekäsesorten. (Infos aus Wikipedia)
Am Freitag Mittag erreichen wir Chulugi. Ein spontaner Kurztrip über Frankfurt beschert uns ein paar Tage auf dem Schiff. Wir wollen den Freitag und den Sonntag nutzen, ein wenig zu entspannen und einen Spaziergang durch Agios Nikolaos zu machen. Morgen ist eine Wanderung ins Tal der Toten und eine Besichtigung der Ausgrabungen von Kato Zakros geplant.
Die Marina von Agios Nikolaos ist bei weitem nicht so komfortabel wie die in Kos. Die Anlage hat einen etwas robusteren Charakter. Alte Schiffe stehen hier abgewrackt in der Ecke. An anderen rostigen Kähnen wird noch fleißig geflext, um im Sommer die Touristenmassen nach Spinalonga zu befördern. Die Sanitäranlagen haben eher Barackencharakter und das Büro der Marinamitarbeiter ist in einem mobilen Container nahe dem Parkplatz untergebracht. Angeblich, das erfahren wir am Steg, ist Agios Nikolaos aber ein ausgezeichneter Ort zum Überwintern.
Der kleine fast kreisrunde Süßwassersee im Dorfkern von AN hat eine Tiefe von ca. 60 Metern. Tief genug um ihn von den Einheimischen tourismusfördernd als „grundlos“ zu bezeichnen. Um den See herum haben sich die Restaurants vom Typ Tourifalle angesiedelt. Keine zwei Meter kann man gehen, ohne durch übereifrige Kellner in das natürlich „beste Restaurant am Platz“ gelockt zu werden. Best food – good prices! Am gegenüberliegenden Ufer des Sees stoßen wir auf eine kleine, in die Felswand integrierte Kapelle mit geflügelten (Markus-) Löwen auf den Pforten. Darüber ein stilisierter Anker mit zwei Fischen. Wahrscheinlich handelt es sich um eine weitere Nikolauskapelle, dem Bischof von Myra geweiht (siehe hierzu: Wanderung von Kekova nach Kale).
Vor dem Fährhafen von AN findet im Schatten eines ankernden Kreuzfahrtschiffes des TUI-Konzerns eine Regatta statt. Kleine Hilfsschaluppen befördern zwischen den Segelbooten die modernen Kreuzfahrer in kurzen Abständen von ihrer schwimmenden Vergnügungshölle zu Eroberungszügen an Land. Sollte ich eines Morgens durch Zauberhand in einer Koje auf einem dieser Ungetüme aufwachen und zu einem Landgang in AN gezwungen werden, wird es bei Herrn TUI persönlich eine Sturmflut von Beschwerdebriefen hageln: Das hab ich nicht gebucht!
Lieber Oliven und Zwieback in meinem Haus als Zucker und Bevormundung.
Griechischer Volksspruch
Der Greuel der Einöde
Ein leises, aus dem Abgrund heraufdringendes Schellengeläut sagte uns, daß in der Ferne Ziegen die hypnotische Betäubung des Mittags von sich abschütteln. Yorgo hatte inzwischen begonnen, Zwiebeln, Knoblauch und grüne Paprikaschoten in eine Gesteinsmulde hinein zu schneiden. Er säbelte das Ende einer Gurke ab und reichte es Joan, die es sich wortlos an die Stirn klebte. (Eine merkwürdige Landessitte, aber ein Mittel, um der Stirn eine willkommene Kühlung zu verschaffen. Im Sommer dort ein alltägliches Bild: Menschen, die beim Essen sitzen oder sogar auf der Straße einhergehen mit diesen mysteriösen dunkelgrünen Auswüchsen am Kopf, die aussehen wie das sprießende Horn eines Einhornfohlens.) Er griff in die Höhlung des Baumstammes hinein, zog drei paximadia aus dem Wasser und wickelte sie zum Trocknen in ein Tuch, ehe sie sich zu sehr vollgesogen hatten. Diese dunkelbraunen Bimssteine zwiebackenen Brotes – die Hauptnahrung der Griechischen Hirten und der basilianischen Einsiedler des Mittelalters – lassen sich monatelang aufbewahren. Hart wie Fossilien, schmecken sie ausgezeichnet, besonders mit Knoblauch, wenn sie sich gerade bis zum richtigen Grade vollgesogen haben. (Die gebackenen Rechtecke haben tief eingeschnittene Furchen, damit man sie leichter brechen kann, und die einzelnen Stücke lassen sich mit nichts anderem besser vergleichen als mit den braunen, baumlosen Inselchen, die vor den Küsten Griechenlands verstreut liegen, und in der Tat heißt mancher kleine Archipel – insbesondere die aus dem Lybischen Meer aufragenden Klippen im Süden Kretas – Ta Paximadia.) Er wickelte sie aus dem Tuch, bestreuete sie mit Salz und goß Öl darüber. Dann nahm er ein Feigenblatt auf dem er eine Handvoll Oliven zu einer schwarzen Pyramide aufhäufte, und holte eine kleine Flasche Wein hervor. Wir setzten uns zu ihm, er bekreuzigte sich dreimal, und wir griffen alle zu. Als wir unser Mahl beendeten, das Glas reihum geleert und den letzten Tropfen Öl mit Bröckchen paximadia aufgewischt hatten, überraschte er uns mit einigen kleinen, grünen Birnen, die hart und süß waren. Während wir uns rauchend an die Felsen zurücklehnten, sammelte er sorgsam ein, was von den paximadia übriggeblieben war, küßte es und knotete es in ein Tuch. Eine abergläubisch befolgte Regel verbietet das Wegwerfen selbst des kleinsten Brotkrümchens, und der Kuß ist eine Danksagung und soll an das Abendmahl erinnern. Er war ein blondhaariger, freundlicher, aber sehr schweigsamer Mann. Mani — Patrick Leigh Fermor (1958)
Greek paximadia
A very ancient habit still in use.
What is a paximadi? It is a dry slice of whole grain bread. So simple and though so great in its versatility. Back to the old times,villagers used to have their own corn,flour and make their own bread,which of course had nothing to do with the white gummy thing we sometimes buy in store. They used to make a bread that was really something consistent,very healthy and which could really fill your stomach with its properties..Made of dark flour,sometimes,mixed with different seeds,it was really a meal by itself. They used to make,may be 6 or seven breads together and helping each others in the neighbour,put it in the wooden oven,which was something that every house had. It was a long process,that’s wy they made so many breads at a time. Of course this kind of breads has many days of life but in order to preserve it for a longer period,this is what they used to do and still do today.First of all they made some round big breads and some others in a long shape,so it was easier to cut it in regular chunky slices.Generally the round ones were eaten first, the rest was prepared to last longer.To this purpose, whenever the longer type of breads came out of the oven,they let it rest for a while,then cut it in big slices and put it back in the warm oven to dry.In this way they could mantain it for a longer period of time and they stored it in white fabric bags made on purpose.
Now,whenever they went to work in the fiels,all day long,they always took with them a handfull of olives,some goat cheese and of course the paximadi.This would ensure them with an healthy and fullfilling meal even outside.It was good and easy to transport. Of course you can eat it any time and circumstances with fresh tomatoes in summer,feta cheese,origano and one or two good gloogs of olive oil. It is something that comes from the very ancient times until today very alive and everybody always enjoy it.
You can have it as a starter and even at home when everybody is hungry and nothing is ready. jamieoliver.com
Der genaue Zeitpunkt der ersten Besiedlung Kretas ist nicht bekannt. Neueste paläolithische Funde von Steinwerkzeugen werden auf ein Alter von mindestens 130.000 Jahren zurückgeführt, sind indes noch nicht zuverlässig datiert.
Die angeblich mesolithischen Funde aus der Samaria-Schlucht entstanden wohl hauptsächlich durch Begehung. Zu der endemischen Fauna Kretas gehörten Zwergflusspferde, Zwergelefanten, Zwerghirsche (Praemegaceros cretensis), außerdem sehr große Nagetiere und Insektenfresser wie Dachse, Marder und eine landlebende Otterart. Große Fleischfresser fehlten völlig.
In neolithischen Siedlungen wurden bisher keine Knochen dieser endemischen Inselfauna gefunden, sie starb vermutlich vor der Ankunft der ersten Siedler aufgrund der postglazialen Klimaveränderung aus, wie dies auch von anderen Mittelmeerinseln (Zypern, Sardinien, Mallorca) bekannt ist.
Erste eindeutige archäologische Zeugnisse stammen aus dem frühen Neolithikum (Jungsteinzeit) und werden auf ca. 6000 v. Chr. datiert. Hier sind besonders die akeramischen Schichten von Knossos bedeutsam. In dieser Periode betrieb man Ackerbau. Erst seit ca. 5500 v. Chr. wurde auch Keramik hergestellt.
3000-1100 v.Ch
Minoische Epoche
3000 v.Chr.
Erste europäische (minoische) Kultur in den Palästen von Knossos, Maliá, Féstos
Ca. 1450 v.Chr.
Der Ausbruch von Vulkanen auf Santorin beendet das minoische Reich und die kretische Vorherrschaft (dies ist eine der populären Annahmen; eine andere geht von geschwächter politisch-wirtschaftlicher Struktur und Krieg aus).
1100-67 v.Chr.
Griechische Epoche
Ab 1100 v.Chr.
Einwanderung von Achäern und Dorern vom griechischen Festland; Reste der „echten“ Kreter (Eteokreter) ziehen sich in die Gebirge zurück.
480-67 v.Chr.
Klassische (hellenistische) Zeit, in der Griechenland unter der Regierung von Perikles aufblüht, Kreta dagegen verkommt zu einer Insel der Seeräuber, die den Handel im Mittelmeer empfindlich stören. In dieser Zeit verdingen sich viele Kreter als Söldner – kretische Bogenschützen waren schon im Mittelalter bekannt und gefürchtet.
67 v.Chr.-385 n.Chr.
Römische Epoche
67 v.Chr.
Kreta fällt an die Römer, die mit Gortís (Gortyn) in der Messará-Ebene eine neue Hauptstadt errichten.
58 n.Chr.
Kreta gerät in Berührung mit der christlichen Kultur: Der Apostel Paulus landet auf Kreta und lässt hier Titus (seinen besten „Mitarbeiter“) zurück [daß Paulus auf Kreta war, ist nicht gesichert, wird aber angenommen]. Titus wird der erste Bischof Kretas und damit zugleich erster Bischof in und von Europa; die Christianisierung der Insel beginnt.
395-824
Erste byzantinische Epoche
395
Kreta fällt an das christliche Ost-Rom (Byzanz) und wird christlich.
824-961
Arabische Epoche
824
Der arabische Heerführer Abu Hafs Omar landet, von Spanien kommend, in der Bucht von Matalá, erobert Kreta und errichtet in Iráklion, damals unbedeutender Hafenort, die Festung Rabd el Chandak (daher der alte Name „Chandia“ für Iráklion), die zum Zentrum des mediterranen Sklavenhandels und der Seeräuberei wird; die kretische Bevölkerung wird, sofern sie nicht fliehen kann, in die Sklaverei verkauft.
961-1204
Zweite byzantinische Epoche
961
Der byzantinische General und spätere byzantinische Kaiser Nikephoros Phokás vertreibt die Araber von der Insel.
1204-1669
Venezianische Epoche
1204
Im 4. Kreuzzug wird Byzanz geplündert und das Byzantinische Reich aufgeteilt: Kreta fällt an Venedig, das Kreta 1204 für den günstigen Preis von 10.000 Silbermark erwirbt. Die Insel wurde zur wichtigsten venezianischen Kolonie. Es siedelten rund 4000 Venezianer auf die Insel über und nahmen Feudalgüter in Besitz. Doch die Kreter wehrten sich in etwa zehn Aufständen, die das ganze 13. Jahrhundert durchzogen – letztlich ohne Erfolg. Zugleich unternahmen Genua und Byzanz (bzw. Nikaia) mehrere Versuche, die Insel zurück zu erobern. Die Einwohnerzahl wuchs von rund 50.000 auf 200.000 an. Die Hauptstadt Candia wurde zu einem der wichtigsten Handelsrelais im östlichen Mittelmeer. 1363–1366 rebellierten die venezianischen Siedler selbst gegen die harte Handelspolitik der Mutterstadt – ebenso erfolglos wie zuvor ihre griechischen Mitbürger.
Die Insel wird wichtiger venezianischer Stützpunkt der Seemacht Venedig, die männliche Bevölkerung wird zum Galeerendienst gepresst. Überall auf der Insel werden Festungen gebaut, um sowohl die einheimische Bevölkerung, die ihren orthodoxen Glauben jedoch behalten durfte, als auch die feindlichen Nachbarn und die Seewege zu kontrollieren. Die hinzuziehenden Venezianer verbünden sich häufig mit den Kretern, es gibt Aufstände gegen die venezianischen Herren.
1453
Nach dem Fall Konstantinopels im Jahr 1453 flohen viele Festlandgriechen nach Kreta, die Insel war jetzt das größte griechische Siedlungsgebiet außerhalb des Osmanischen Reiches. Die kulturelle Tradition von Byzanz wurde, gemischt mit italienischen Einflüssen, noch 200 Jahre fortgeführt. Man spricht von der Byzantinischen Renaissance. Eine der bekanntesten Persönlichkeiten dieser Periode war der Maler Domínikos Theotokópoulos, der in Spanien als El Greco (der Grieche) berühmt wurde, jedoch auf Kreta als Ikonenmaler begonnen hatte.
1645-1898
Türkische Epoche
1645
Eine riesige Flotte türkischer Schiffe landet in der Sudabucht vor Chaniá und beginnt mit der Eroberung Kretas. Iraklion leistet 24 Jahre Widerstand und fällt als letzter und wichtigster venezianischer Stützpunkt an den Sultan. Die Bevölkerung war den Türken zunächst wohlgesonnen, da sie kurzsichtig die Vertreibung der Venezianer feierte und sich eine wie auch immer im Konkreten gedachte Freiheit erhoffte. Teils durch wirtschaftlichen Druck, teils durch nackte Gewalt wurden viele der Kreta zum Übertritt zum Islam gezwungen – die bis dahin düsterste Epoche Kretas beginnt. Zahllose Aufstände (darunter: Daskalojánnis 1770; Arkadi 1866) und die jeweils darauf folgende blutige Vergeltung markieren diese bis heute im Bewusstsein der Kreter lebendige Epoche.
Unter der Herrschaft der Osmanen konvertierten viele Kreter zum Islam. In den Städten bildeten Moslems bald 70 % der Bevölkerung und die Christen waren in der Minderheit. Auf dem Land waren hingegen nur ein Viertel bis ein Drittel der Bevölkerung Moslems. Widerständler gegen die osmanische Herrschaft zogen sich in unwegsame Gebiete wie die Sfakia zurück. Dort begann der erste kretische Aufstand gegen die türkischen Besatzer unter Daskalogiannis im Jahre 1770, er wurde jedoch blutig niedergeschlagen.
1821
Der Aufstand von 1821 gegen die Türken markiert auf dem griechischen Festland den Beginn der Freiheit. Mehrere Aufstände auf Kreta werden jedoch niedergeschlagen, der Druck des auf die Bevölkerung wird noch härter.
1866
Aufstand im Bezirk Réthymno. Unter der Leitung des Abtes Gavriel Marinákis, Abt im Kloster Arkadi, sprengen sich, um nicht in die Hände des Feindes zu fallen, mehr als tausend Frauen, Kinder und Männer in die Luft.
1898 ff.
Die Neugriechische Epoche
1898
Aufgrund des Massakers an der kretischen Bevölkerung Aug. 1898 in Iráklion, bei dem auch der britische Konsul und 17 englische Soldaten umkommen, intervenieren endgültig die Großmächte militärisch und erobern die Insel endgültig. Prinz Georg, der Sohn des griechischen Königs, wird von den Alliierten als Hochkommissar der Insel eingesetzt.
Seit 1898 war Kreta de facto ein unabhängiger Staat unter der nominellen Oberhoheit des Sultans.
1910
Der Kreter Eleftheriou Venizélos (der spätere griechische Ministerpräsident) betreibt die Vereinigung Kretas mit Griechenland und hat Erfolg bei der Rückgewinnung vieler vom Osmanischen Reich annektierten Gebiete Griechenlands. 1913 wurde die Insel in Folge des Ersten Balkankriegs mit Griechenland vereinigt.
1923
Nach dem griechisch-türkischen Krieg (1919-1922; „Kleinasiatische Katastrophe“; Exodus des Ersten Weltkriegs ging dem voraus: Völkermord an Armeniern und Griechen von Türken verübt) und dem Vertrag von Lausanne wurde die muslimische Bevölkerung Kretas zwangstumgesiedelt. Auswahlkriterium bei dieser Vertreibung war primär die Religionszugehörigkeit, nicht die ethnische Zugehörigkeit, d.h. auch griechischstämmige muslimische Familien wurden ausgewiesen; dafür wandern Griechen aus Kleinasien, die dort wiederum vertrieben wurden, nach Kreta ein.
1941-1945
Das deutsche Kapitel
1941
Während des Zweiten Weltkrieges standen 1941 griechische, britische und neuseeländische Truppen auf Kreta. Sie sollten die Insel gegen die Deutschen und Italiener halten, um die britische Schiffahrt im Mittelmeer zu sichern. Das gelang nicht, ab dem 20. Mai 1941 war Kreta Schauplatz des ersten großangelegten Luftlandeangriffs im Zweiten Weltkrieg, mit dem Ergebnis, dass die Deutschen die Insel eroberten.
Der anschließende Partisanenkampf, dem sich große Bevölkerungsteile anschlossen, führte zu eskalierenden Kriegsverbrechen.
So wurden auf Befehl von Generaloberst Kurt Student am 2. Juni 1941 die meisten männlichen Bewohner des Ortes Kondomari erschossen und Stadt Kandanos zerstört. In der Gemeinde Viannos wurden am 14. September 1943 500 Bewohner, zumeist Frauen und Kinder erschossen.
Am 20. Mai 1944 umstellten Einheiten unter dem Befehl des deutschen Kommandanten der „Festung Kreta“ General Bruno Bräuer das jüdische Viertel (278 Mitglieder) der Stadt Chania. Flüchtende Einwohner wurden erschossen, alle anderen per Schiff nach Iráklion gebracht und zwei Wochen später nach Griechenland deportiert. Der ehemals griechische Frachter Tanais (Danae), der die überlebenden Mitglieder der jüdischen Gemeinde zusammen mit Hunderten griechischer Geiseln und einigen italienischen Kriegsgefangenen nach Athen bringen sollte, wurde am 9. Juni 1944 von dem britischen U-Boot Vivid torpediert und sank.Nur vier der jüdischen Einwohner Chanias sollen überlebt haben.
Bis zum Herbst 1944 blieb die gesamte Insel unter deutscher Besatzung. Die letzten Soldaten des deutschen Küstenjägerregiments wurden erst einen Monat nach Kriegsende von den Alliierten in Chania entwaffnet.
Während der Besetzung kamen etwa 8.000 Kreter bei Kämpfen oder bei Massakern zu Tode. Bruno Bräuer wurde nach Kriegsende an Griechenland überstellt und zum Tode verurteilt. Mit dem ebenfalls wegen Kriegsverbrechen auf Kreta verurteilten General Friedrich-Wilhelm Müller wurde er am 20. Mai 1947 um 5 Uhr hingerichtet. Als bemerkenswert gilt ferner auch die Entführung des deutschen Generals Heinrich Kreipe am 26. April 1944 von Kreta nach Ägypten durch den britischen Special Operations Executive – namentlich Patrick L. Fermor – in Zusammenarbeit mit kretischen Partisanen (diese Entführung wurde mit blutigem Terror der deutschen Besatzung beantwortet, dem tausende von kretischen Einwohnern zum Opfer fielen z.B. Anógia, Kándanos, Ano Viános u.a. Dörfer).
1945
Die deutschen Truppen ziehen ab; Kreta ist wieder frei.
Ich habe schon an vielen Stellen unserer Tourenbeschreibungen unsere speziellen Begleiter erwähnt, teils vorgestellt, teils zitiert.
Nun entschloß ich mich dazu, ihnen eine eigene Seite zu widmen – alleine schon deswegen, weil sie mir zunehmend ans Herz gewachsen sind. Die wichtigsten werden auch biographisch vorgestellt.
Herodot muß, und das nicht nur wegen der Chronologie, an erster Stelle erwähnt werden, doch ist er nicht de facto unserer Reisebegleiter, als daß wir nicht das voluminöse Buch “Historien” von ihm besitzen. Gestehen muß ich, daß Herodot, obwohl er mich sehr interessiert, ein Nischendasein fristet: er ist mir nur aus Zitaten bekannt. Doch kommt er als der Begleiter eines anderen berühmten reisenden Literaten vor und auf diesem Wege auch zu mir. Ich meine damit natürlich Ryszard Kapuściński und sein Bucht “Meine Reisen mit Herodot”, von dem noch die Rede sein wird.
Herodot von Halikarnass(os)[490/480 – 424 v.Chr.] – gr. Ἡρόδοτος Ἁλικαρνᾱσσεύς, Hēródotos Halikarnāsseús war ein antiker griechischer Historiograph, Geograph und Völkerkundler. Er wurde von Cicero (De leg. 1,5) zugleich als „Vater der Geschichtsschreibung“ (lat. pater historiae) und als Erzähler „zahlloser Geschichten“ (lat. innumerabiles fabulae) bezeichnet. Sein einziges erhaltenes Werk sind die neun Bücher umfassenden Historien, die in Form einer Universalgeschichte den Aufstieg des Perserreichs im späten 6. Jh. v. Chr. und die Kriege der Griechen mit den Persern im frühen 5. Jh. v. Chr. schildern.
[aus Wikipedia]
Herodot war nicht nur Reisender – er war auch der literarische Begleiter anderer, aus Leidenschaft reisender Menschen… Ich denke dabei an Ryszard Kapuściński und sein Bucht “Meine Reisen mit Herodot”. Es wurde zu meiner Initialzündung in bezug auf Herodot.
Wie sah die Welt aus, die Herodot bereiste? Hier zwei Beispiele:
Wie sah Europa, wie sah Griechenland für ihn aus? Welche Völker lebten noch – wie hießen sie – wo wohnten sie – was hatten sie zu sagen?
Herodot stellt diese Fragen nicht explizite, aber er fragt sich dieses, indem er überhaupt aufbricht.
Ryszard Kapuściński(* 4. März 1932 in Pińsk, heute Weißrussland; † 23. Januar 2007 in Warschau) war ein polnischer Reporter, Journalist und Autor. Er ist einer der am häufigsten übersetzten Autoren Polens.
Seine Bücher wollte ich schon lange gelesen haben – und wie so oft, es nicht geschafft.
Jetzt aber, wo es um Herodot geht, griff ich doch zu einem Buch von ihm. Und bin begeistert! Ob er dazudichtet, dichtet oder “die Wahrheit” berichtet, ist zwar nicht egal, aber auch nicht auf dem gleichen Niveau wie bspw. die Frage nach den Dokumenten von Auschwitz. Kapuscinski ist ein Reisender, ein reisender Schriftsteller, ergo ein “Journalist” im besten Sinne. Er ist kein Skriptograph.
Kapuściński wurde am 4. März 1932 im damals ostpolnischen Pińsk geboren. Er wuchs in einer Lehrerfamilie auf. 1940 floh seine Mutter mit ihm vor einer Verschickung nach Sibirien; sein Vater konnte hingegen von einem sowjetischen Kriegsgefangenen-Transport fliehen, der ihn nach Katyn hätte bringen sollen.
1945 zog seine Familie nach Warschau. Dort heiratete er 1952 Alicja Mielczarek und begann im selben Jahr sein Studium der Geschichte an der Universität Warschau. 1955 trat er seine erste Reise nach Asien an und war Reporter bei der Konferenz der blockfreien Staaten auf Java. 1956 beendete er sein Studium mit einem Magister und begann, an der Jugendzeitung „Sztandar Młodych“ (dt. Fahne der Jugend) mitzuarbeiten.
1956 bis 1957 reiste er nach China und berichtete von dort. Bereits ein Jahr später wurde er Mitarbeiter der polnischen Nachrichtenagentur Polska Agencja Prasowa (PAP) und reiste 1958 in deren Auftrag nach Afrika. Nach seiner Rückkehr arbeitete er in der Redaktion der Zeitschrift „Polityka“. 1962 war er wieder für die PAP in Afrika unterwegs. 1967, direkt im Anschluss an seinen Afrikaaufenthalt, unternahm er Reisen durch die Sowjetunion. 1967 trat er seine Reise nach Südamerika an, wo er sechs Jahre für die PAP als Auslandskorrespondent tätig war. Weiterhin war er Berater der polnischen Zeitschrift „Kontynenty“.
Heftige Kontroversen hat bereits vor Erscheinen (am 3. März 2010) das Buch Kapuscinski. Non-Fiction seines Biografen Artur Domoslawski ausgelöst, der den Wahrheitsgehalt zahlreicher Reportagen und die Familiengeschichte Kapuścińskis zweifelhaft erscheinen lässt und von Verbindungen zur polnischen Geheimpolizei SB berichtet.
Ich erspare mir und dem Leser all jene einfach zu findenden Daten zu Größe, Anwohnerzahl etc. von Kreta und sammle statt dessen etwas über die Herkunft unserer „Gartenzwerge“:
Idäische Daktylen aus Kreta = Dactylii Daei oder Idæi Dactyli: die ersten Bergbauer und unsere späteren Gartenzwerge
[gr. Relief, ca. 500 v.Ch.]
Die kretischen Daktylen (=Finger) sind es nämlich, die auch unsere Sagen um die Zwerge mit ihren schlappigen großen roten Mützen mitgestaltet haben.
Die Daktylen kamen aus Kreta, genauer aus dem Ida-Gebirge, daher ihr Beiname „Idäisch“, und waren später sagenumwobene Bergleute. So zumindest die eine Variante ihrer vielfältigen Sage, der ich kurz nachgehe möchte.
Bei den Daktylen handelte es sich jenseits der Mythen wahrscheinlich um kleine, gut gebaute Menschen/Männer, die im Dienste der Könige und Fürste standen. In den Mythen werden sie u.a. zu dienstfähigen Dämonen oder Zauberwesen und kleinen Göttern, die wiederum im Dienste der Mutter-Göttin Rhea standen. Um sich ein wenig in dem Wust der griechischen Mythologie zurecht zu finden, ist es nicht unwichtig zu wissen, wie Rhea zu Kreta steht: Sie ist die Tochter der Ur-Mutter aller Götter, Gaia und des Himmels, Uranos. Rhea ist somit eine der Titaninnen. Geichzeitig ist sie die Ehefrau ihres eigenen Bruders Kronos, der seinen Vater Uranos entmannte,und die Mutter von Zeus ist. Sie gebahr Zeus auf Kreta und versteckte ihn vor seinem Vater, der seine eigenen Kinder verspeiste (damit sie ihn nicht entmachten), in einer der Ida-Berghöhlen (heute zu besichtigen). Das heißt, sie versteckte ihn in eben jenen Höhlen, in denen auch die Daktylen wohnen oder arbeiten sollten. Vielleicht sind sie es auch, die sich um den kleinen schreienden Zeus kümmerten, damit der Vater Kronos ihn nicht hörte (sie veranstalten Lärm), fand und verspeiste, was er auch nicht tat.
Zu Rhea gebe es einiges Interessante zu berichten, da sie häufig als Dreieinigkeit auftritt, und wahrscheinlich einige andere matriarchalische Göttheiten in sich vereint, darüber hinaus auch eine Rolle in der modernen Psychoanalyse spielt (neben der Entmannung natürlich).
Zurück zu den Daktylen in den Ida-Höhlen: Ihr Name gilt als Schlüssel für ihre Herkunft und ihre Aufgaben. Der Interpretationsmöglichkeiten gibt es viele, warum sie „Finger“ hießen. Strabo, unser antiker gr. Geschichtsschreiber und Geograph, berichtet schlicht, sie hießen so, weil sie die Berghänge bebauten (mit den Händen/Fingern arbeiteten). Sie sollen auch die „Urkreter“ sein.
Als Zauberwesen sind sie in der Mythologie eng mit der Erfindung der Erznutzung, der Erzschmelze und der Tätigkeit des Schmiedens verbunden, derer die Minoer – die erste und das „goldene Zeitalter“ einläutende Herrscherkaste (ein Matriarchat) – so sehr bedurften. Sie sind möglicherweise, wie andere Quellen vermuten, mit den Minoern nach Kreter eingewandert.
[vgl. unter: http://www.textlog.de/40724.html]
Tatsächlich gilt Kreta als das Land der frühsten Eisenerzgewinnung und Verarbeitung. Für den Bergbau – wie überall später auch – bedurfte man zuerst kräftige Männer, die aber von kleinem Wuchs waren, in Europa bis ins 19. Jh. hinein waren es bspw. auch Kinder, die sich in den engen Flözen (Abbauröhren und -adern) besser bewegen konnten und weniger Abraum produzierten. Man muß sich diese kleinwüchsigen Arbeiter als mit einer ledernen Schürze und mit einer mit Schafswolle ausgestopften Zipfelkapuze (als Kopfschutz vor Verletzungen) bekleidet und einem Öllämpchen und einer Kreuzhacke ausgestattet vorstellen. Für unkundige Beobachter müssen sie wie von Zauberhand unsichtbar gemacht in dem Berg verschwunden sein, in Wahrheit aber in den winzigen Löchern und Schächten von ca. neunzig Zentimeter Höhe und einem halben Meter Breite. In dieser Tätigkeit der ersten Bergleute ist der Ursprung unserer Märchen um die Zwerge und Gnomen zu sehen.
[Handschrift „Aurora consurgens“ (um1420), ehem. Klosters Rheinau, heute Stadt-Bibliothek Zürich]
Die rote Zipfelmütze ist kulturgeschichtlich die sog.„phrygische Mütze“, die Bestandteil der Zunftkleidung „frühgeschichtlicher zwergenhafter Bergleute [der Idäischen Daktylen] in Griechenland und auf Kreta war“, so berichtet Die Zeit (vom 19.11.1982 Nr. 47, s.u.). Und weiter heißt es dort: “ Die Fingermännchen waren winzig genug, um im Altertum für Fürsten und Herrscher Bergbau betreiben zu können. Sie sollen von Griechenland über den Balkan nach Österreich und Deutschland gezogen sein. In alten Bergwerken in Thüringen und Westfalen fand man Hacken, deren Kupfer mit dem kretischen Kupfer identisch war. Bei Meschede wurden 90 Zentimeter hohe und 35 Zentimeter breite Stollen und Schächte entdeckt.“ Die „phrygische Mütze“ übernahmen die Kreter wahrscheinlich von den Phrygern, einem indoeuropäischen Volk, das im 8. Jh. v. Chr. in Anatolien ihr Reich gründete.
Die bronzezeitliche Kultur um 4500 v.Chr. bedurfte bereits Unmengen an Edel- und Halbedelmetallen (entspr. den archäologischen Funden, auch als Grabbeigaben) und Kreta war nicht übermäßig reich an diesen Rohstoffen. So wanderten die Kreta, das heißt die Daktylen (Fingermännchen, Däumlinge, Zwerge), nach Asien und ins nördlich-östliche Europa aus, um von da aus die Erze zu liefern. Prof. Heinrich Quring (Geologe, Mineraloge, ehem. TU Berlin) konnte zahlreiche Bergwerke nach kretischen Muster auf gr. Festland, auf dem Balkan, in den Karpaten, in Sachsen und Thüringen und im Hochsauerland in der Zeit von 2000 bis 1900 v.Chr. nachweisen.
Daktylen sind also als die Vorfahren oder die ersten Kumpel zu sehen?
Mythologisch sind sie die Anverwandten des von dem Vater Zeus oder der Mutter Hera verschmähten Sohnes und Schmiedegotts Hephaistos(Hephästos). Seine ägyptische Entsprechung, der Gott Ptah (der Weltbildner, Erderschaffer und Bergwerksgott), wird auf einigen Darstellungen von kleinwüchsigen Bergleuten begleitet. Und da diese Männer Edelmetalle förderte und sicherich die entdeckten Metallmienen eifersüchtig hüteten auch Neider und ‚Fremdenhasser‘ produzierten, so sind die europäischen Sagen und Märchen voll von guten und bösen Zwergen, die sagenhaft reich sind oder Schätze horten und vergraben (in Bergen und Höhlen natürlich).
Übrigens…
Auch eine „phrygische Mütze“ zeigt Giovanni Bellini auf dem Gemälde „Der Doge Leonardo Loredan“, der den „Corno“ (Horn) trägt (um 1501, National Gallery, London). Tatsächlich waren die Dogen in ihrer Machtausübung so klein wie Zwerge… dafür aber prächtig ausstaffiert.
„Die phrygische Mütze, das revolutionäre Zeichen überwundener Kultureselei. Denn König Midas schuf diese Mütze, um die ihm vom Gotte Dionysos verpassten Eselsohren zu bedecken – eine pädagogisch wertvolle Maßnahme, weil der König auf diese Weise ständig daran erinnert wurde, wie arm im Geiste und schwach am Charakter der Wunsch von Menschen ist, es möge alles, womit sie zu tun haben, sich in Gold verwandeln, und jede Unternehmung zur Gewinnmaximierung führen, weil das Maß aller Dinge das finanzamtlich eingeforderte Gewinnstreben sei.“ Bazon Brock, Asketen des Luxus, Gründung eines Konvents der goldenen Eßstäbchen
Und auch der Versmaß „Daktylus“ kommt von diesen ersten sagenumwobenen Bergleuten aus Kreta: sie sollen in der Kunst der Erzgewinnung und Verarbeitung auch deren Rhythmus gefunden haben: „Der Daktylus (gr. δάκτυλος, dáktylos, „Finger“) bezeichnet in der Metrik einen Versfuß und auch ein Metrum aus hintereinander einer schweren (langen) und zwei leichten (kurzen) Silben (vier Moren)“, soweit Wikipedia dazu. Die Homer zugeschriebene Illias, das älteste schriftlich verfaßte Werk Europas, ist in diesem Versmaß verfaßt.
Literaturquellen
Vgl. unter anderem:
„Gold und Gartenzwerge“, in: Rainer Karbe/Ute Latermann-Pröpper: Kreta – Anders Reisen, 1986;
Thomas Brinkmann: „Der Gartenzwerg in seiner historischen Erscheinung“ [eine gute Zusammenfassung auch in Bezug auf die Kretischen Bergleute und die späteren Sagen];
Das sehr interessante Buch von Karl Hoeck (Prof. der Uni Göttingen), das es online zu lesen gibt unter (S.277 ff.):
Die griechische Mahlzeit ist nicht Selbstzweck,
sie ist vielmehr Vorwand und Anlaß und Initialzündung der Geselligkeit,
und sie glückt um so mehr, je gelungener der Anlaß.
Der absolute Gott unter meinen Reiseliteraten und überhaupt der Initiator meines Interesses für Griechenland – noch lange bevor Marcel und ich die Ägäis mit der Yacht erkundeten sollten – ist Patrick L. Fermor. Durch ihn und sein Buch»Mani« entstand bei mir der Wunsch, nach Griechenland (lange Zeit gleichgesetzt mit Máni) zu fahren. Durch ihn kam ich überhaupt dazu, „Reiseliteratur“ wert zu schätzen. Und so kam es nach und nach zu den hier versammelten anderen Autoren. Es hat gedauert, bis ich merkte, daß Fermor für viele berühmte Globetrotter gleichermaßen die Fackel vorangetragen hat. Doch er bleibt ‚meine Wiederentdeckung‘, lange bevor die deutschen Verleger Neuauflagen seiner Bücher projizierten!
Zu entdecken, daß dieser Mann mit 95+ noch lebt und zwar auf jener ’sagenumwobenen‘ Halbinsel Máni, ließ das Herz höher schlagen.
Um so mehr wir jedoch über Máni lesen – das trifft leider auch auf fast alle Orte und Gegenden im heutigen Griechenland – desto klarer stellt es sich heraus: der Tourismus hat diese ehemals vergessene Gegend für sich entdeckt und das heißt: Straßen werden ausgebaut, zubetoniert, die Erreichbarkeit von jedem und allem ist garantiert, die Automobilleihgeschäft boomt, Hotels, Hotelketten und Bungalowanlagen sprießen aus dem Boden. Die Ruhe und Beschaulichkeit ist dahin. Und immer wieder die Sätze wie: „Viel hat sich seitdem verändert….“, „Der Autor hätte seine Gegend nicht wiedererkannt…“ Ja, das befürchten wir auch.
Sir Patrick Leigh FermorDSO, OBE
(*11. Februar 1915 in London – lebt in Máni)
Ist ein britischer Autor und ehemaliger SOE-Agent. 1944 war er eine der Schlüsselfiguren bei der abenteuerlichen Entführung des deutschen Garnisonskommandanten von Kreta, Heinrich Kreipe.
Zunächst zu den ihn begleitenden Kürzel:
SOE = Das Special Operations Executive (deutsch etwa: „Durchführung besonderer Unternehmungen“) war eine aktive britische nachrichtendienstliche Spezialeinheit während des Zweiten Weltkriegs. Sie wurde von Winston Churchill und Hugh Dalton im Juli 1940 aufgestellt, um kriegerische Aktionen ohne direktes militärisches Engagement ausführen zu können. Zuständig für Unterstützung und Versorgung von Spionage und Sabotage hinter den feindlichen Linien sowie als Keimzelle für die Formierung einer Widerstandsbewegung in Großbritannien im Falle einer befürchteten deutschen Invasion der britischen Insel.
DSO = Distinguished Service Order ist eine britisch militärische Kriegsauszeichnung. Er wird an Mitglieder der britischen Streitkräfte für ausgezeichneten und verdienstvollen Einsatz in kriegerischen Auseinandersetzungen, meist im Kampf, verliehen.
OBE = The Most Excellent Order of the British Empire ist ein britischer Verdienstorden, der 1917 von König Georg V. gestiftet wurde. Er ist der jüngste der britischen Ritterorden und der am häufigsten verliehene. Mit dem Orden werden auch zahlreiche Bürger fremder Staaten ausgezeichnet und hat die weitaus meisten ausländischen Ehrenmitgliedern.
Biographisches
Mani, eine griechische Essenz
Sommer 1952. Ein englischer Reisender macht sich zu Fuss von Sparta auf. Sein Ziel ist die Mani, jene gebirgige, schwer zugängliche mittlere Landzunge der Peloponnes, die südlichste Spitze des kontinentalen Griechenland. Sparta schmilzt in der Mittagshitze, und bevor der Fremde die Stadt verlässt, soll er ein graecoromanisches Mosaik sehen, die einzige Antiquität, die hier überdauert hat. Unter einer improvisierten Abdeckung tritt er einige Schritte hinunter und steht vor einem staubigen Fussboden. «Mit einem Schnicken des Handgelenks» leert sein einheimischer Begleiter einen Wasserkrug über die vage Fläche, und im nassen Schwall erscheinen für einen kühlen Moment Muster und Mythen: Orpheus mit der Lyra inmitten von Kaninchen und Löwen, Leoparden, Hirschen und Schlangen, Achilles, weich hingegossen, unter den Frauen von Skyros. Und während im nächsten Raum nach einem weiteren Wasserwurf Europa «schwerschenklig, langbeinig» auf dem lächelnden Stier durch die Wellen reitet, beginnen die ersten Bilder trocknend schon wieder zu verschwinden.
Der Guss über den staubigen Boden, mit dem Patrick Leigh Fermors «Mani. Reise ins unentdeckte Griechenland» beginnt, ist ein Zeichen für das initiierende Reisen und Schreiben selbst. Das Wasser setzt frei. Aus dem irdenen Krug hingeschüttet, wird es zum Wasser der Aufmerksamkeit, das im staubigen Stein jahrtausendalte Kulturen entdeckt, es wird zum Wasser des Erinnerns, das im diffusen Erleben glänzende Momente öffnet.
Partisan und Wanderer
Als Patrick Leigh Fermor 37-jährig über das Taygetos-Gebirge in das bitterschöne Land der Manioten wanderte, war er in seiner Heimat ein preisgekrönter Autor und eine Kultfigur. Gut zehn Jahre zuvor hatte er sich als britischer Offizier mit dem Fallschirm über Kreta absetzen lassen. In der Verkleidung eines Hirten agierte er zwei Jahre lang auf der von deutschen Truppen besetzten Insel als englischer Verbindungsmann unter den griechischen Partisanen. 1944 gelang ihm die spektakuläre Entführung des Wehrmachtgenerals Kreipe mitten aus dem deutschen Hauptquartier, eine Geschichte, die verfilmt wurde und in verschiedene englische und griechische Kriegslegenden einging.
Und Fermor galt als bekennender Wanderer. Achtzehnjährig war er 1933 von Rotterdam nach Konstantinopel gelaufen. Das dauerte vier Jahre und endete in Athen, wo er eine rumänische Malerin aus einer adligen Familie kennen lernte. Sie nahm den jungen Mann mit nach Moldawien auf das Familienschloss und führte ihn in die byzantinische Bibliothek. Fermor blieb zwei Jahre und las.
Seine Bücher, die von der transkontinentalen Jugendwanderung erzählen, schrieb er im Alter. «A Time of Gifts» (1977) und «Between the Woods and the Water» (1986) behandeln die ersten Etappen von Holland bis Ungarn und von dort bis in die Karpaten. Den dritten, abschliessenden Band schreibt der Autor, der heute 86-jährig in der Mani lebt, derzeit zu Ende.
Da Patrick Leigh Fermor im deutschen Sprachraum, soweit er übersetzt ist, als Sachbuchautor gilt, blieb ihm hier, anders als in England, literarischer Ruhm versagt. Ihn einen Reiseschriftsteller zu nennen, würde in die Irre führen. Auch sein nun endlich wieder aufgelegtes Buch «Mani» folgt zwar in seiner Struktur einer konkret unternommenen Wanderung, es ist aber, wie Fermor einleitend festhält, «keinesfalls ein Reiseführer, tatsächlich in gewisser Weise sein Gegenteil».
Reisen ist, wenn es gelingt, dem Schreiben vergleichbar eine Frage der Intensivierung. Der Preis ist ein persönliches Sich-Aussetzen, der Lohn kann jenes dankbare Staunen sein, wie es den Autor an einer abendlichen Bucht überwältigt: «Welch wunderbares Ding ist dies – mein Leben.» Für Fermor sind griechisches Licht und seine Schatten, griechische Ruinen und unbehauene Steine, ja noch die Luft, die er als körperhaft empfindet, essenzielle Substanzen. Sie versetzen in das Fluidum eines anderen Zustands. So verknüpft er einzelne Alltagsbeobachtungen mit kulturhistorischen Abschweifungen, etymologische und kunstkritische Studien mit lustvollen Vermutungen, die phantastisch bis in die Antike reichen können und wenn nötig – wie ein Hahnenschrei – weiter und weiter über den ganzen Erdball führen.
Gerade in der rauen, vom übrigen Griechenland durch den Taygetos abgeschnittenen Mani witterte er noch Lebensformen und Bräuche, die direkt aus dem untergegangenen Byzanz oder dem mythischen Altertum zu kommen scheinen. So kehrt in der (noch heute üblichen) aus dem Stegreif gesungenen Totenklage, wenn die Sängerin sich die Haare rauft und zerkratzt, Andromaches Trauer um Hektor wieder. Und in einem reusentragenden Fischer steht ein Nachfahre der letzten byzantinischen Kaiser am Strassenrand. Dann wieder verfolgt Fermor die durch Not und Geschlechterkämpfe immer wieder zur Auswanderung gezwungenen Manioten bis in die Toskana der Medici oder nach Korsika und entdeckt, dass der Name des Geschlechts der Kalomeros die wörtliche Übersetzung von Buonaparte ist. Warum soll Napoleon kein Maniote gewesen sein?
«Mani» ist konkret und subjektiv zugleich, geprägt durch die persönliche Anteilnahme an einem Land, das bereits im Erscheinungsjahr des Buches 1958 (sechs Jahre nach der Reise) wie die Mosaiken Spartas im Begriff war zu verschwinden. Fermor sollte zum grossen Vorbild der angelsächsischen reisenden Schriftsteller werden. Er hatte das besessene Auge des Ethnographen und den Sinn des Historikers für heimliche Traditionen. Er war ein Ästhet und Exzentriker. Er teilte die adlige Verachtung des Überflüssigen und hatte einen untrüglichen Sinn für die Qualität des Einfachen. Früh sah er die Gefahr von «unangemessenem Komfort» und den «rapiden Verschleiss Tausender Dinge, die nie mehr ersetzt werden können».
Wege in die Stille
«Mani» lesen heisst zwangsläufig über das schnelle Reisen nachdenken. Dann wird das brillant geschriebene, gelehrte, sinnliche Buch zu einem wirksamen Gegengift gegen die Kurzstrecken der Spasskultur. Wandern, buchstabierten Autoren wie Paul Theroux und Bruce Chatwin ihrem Vorbild nach, Wandern sei eine Tugend, Tourismus eine Todsünde. In diesem Sinn gibt es Autoren, die zu Pilgern werden müssen.
Fermor hat immer wieder Klöster aufgesucht. Er setzte sich dem strengen Leben aus, nicht als ein Gläubiger, sondern weil er über den Umweg ritualisierter Lebensformen «Licht», «Frieden», «Glückseligkeit» nicht zuletzt für seine Arbeit finden konnte. Wer sein nun erstmals auf Deutsch erschienenes kleines Büchlein «Reise in die Stille. Zu Gast in Klöstern» liest, kann von hier aus leicht verstehen, dass er das «unentdeckte» Griechenland der Mani betrat wie einen sakralen Raum. Noch jeder Ölzweig, der in der armen, kargen Landschaft Früchte trug, war ihm heilig. Jede Geste konnte hier Segnung sein. (Einmal gibt es die eigenartige Überblendung einer Olivenernteszene mit einer Kreuzigung.) So ist «Mani» auch ein religiöses Buch. Es umfasst Verlust und Verheissung. Sein tiefer Grund, auf dem die Farben intensiver werden, ist das klare Bewusstsein von Vergänglichkeit und Tod, sein Glücksversprechen liegt in der Hingabe an die Kostbarkeit des Lebens. Der Leser kann daran teilhaben.
[geschrieben von Angelika Overath, Neue Züricher Zeitung]
Das Haus
Fermors so unvergessliches Haus, wie viele es beschreiben, steht auf einem Grundstück, das Fermor auf das Anraten seines Freundes Georgos Katsimbalis – niemand geringerem als dem „Held“ von „Koloss von Maroussi“ und Begleiter von Henry Miller, mit dem zusammen er Teile Griechenlands bereiste. Gekauft hat das Paar Fermor dieses Grundstück in den 1960er Jahren, das heißt nach ihrer gemeinsamen Wanderung durch das Land, das sie 1952 unternahmen und als Mani noch von niemandem entdeckt wurde.
Es liegt über der Bucht von Kalamitsi gegenüber der kleinen Merope-Insel mit einem privaten Strand, von dem aus Chatwin mit seinem Surfbrett jeden morgen ins Wasser ging, wenn er die Fermors besuchte.
Die Frau an seiner Seite:
Joan Leigh Fermor geb. Eyres-Monsell
“The Daily Telegraph Obituary” schreibt:
Joan Leigh Fermor, who has died aged 91, created a remarkable house in southern Greece with her husband, the writer Patrick Leigh Fermor, which attracted a host of distinguished figures from the literary and social spheres.
Joan Leigh Fermor was a noted beauty, with a ready gift for company and a sharp intelligence; her friends and admirers included Maurice Bowra, Cyril Connolly, Stephen Spender, Giacometti, Lawrence Durrell, and what sometimes seemed like almost every figure from the literary and scholarly worlds who gathered around the Mediterranean after the Second World War. She was also one of the most distinguished amateur photographers of her generation, and provided the illustrations for several of her husband’s books.
Patrick Leigh Fermor’s Mani (1958), an account of his travels with his wife in the southern Peloponnese, was illustrated with Joan’s photographs; eight years later, the couple produced Roumeli, devoted to the north of the country. In addition, Patrick Leigh Fermor’s Three Letters from the Andes (1991), an account of his mountaineering expedition 20 years earlier, were addressed to his wife. They provided a picture of the gentleman traveller, stoical in the face of all hardships (other than the preparation of a hard-boiled egg at altitude).
Joan Elizabeth Eyres Monsell was born on February 5 1912 at Dumbleton, Gloucestershire. Her father was Bolton Eyres Monsell, the Tory MP for South Worcestershire who went on to become Chief Whip and First Lord of the Admiralty before being created Viscount Monsell in 1935. He had added the name Eyres on his marriage to his wife (Caroline Mary) Sybil, who was lady of the manor and patroness of the living at Dumbleton.
Joan was educated at St James’s, Malvern, and at finishing schools in Paris and Florence. Afterwards she became keen on photography, concentrating – on the advice of her friend John Betjeman – on architectural studies. The first among these were published in Architecture Review; she went on to become a contributor to Horizon.
On the outbreak of war, Joan Monsell became a nurse, and also took photographs of architectural sites which were thought vulnerable to bombing. She then joined the cypher departments of the British embassies in Madrid, Algiers and then Cairo, where she became friendly with Lawrence Durrell, Robin Fedden and Charles Johnston, and where she met Patrick Leigh Fermor. From Cairo, she managed to escape on leave in order to travel in Kurdistan, before moving to Athens, where she became secretary to the cartoonist Osbert Lancaster.
Joan Leigh Fermor was passionately fond of cats, eight of which were settled about her her bed on her last morning. She was also addicted to chess, and kittens were reprimanded only if they had the temerity to muddle the pieces. She was accommodating, too, of her husband’s derring-do – though she watched him swim the Hellespont (at the age of 69) „sitting on her hands so as not to wring them“.
She died on June 4 after a fall in the Mani, where she and her husband had settled nearly half a century before, living in tents while constructing their home. The house, centred on a great room full of books (and often also music), stands on a wild peninsula on the southernmost tip of Greece, looking out on olive groves and cypresses toward the sea, against a backdrop of mountains. There the Leigh Fermors entertained many visitors, plying them with large quantities of wine and the sea-green olive oil from their own trees.
She married, first, in 1939, John Rayner, features editor of the Daily Express; but the match did not survive the war, and was dissolved in 1947. She married Patrick Leigh Fermor in 1968.
British soldier and travel writer Patrick Leigh Fermor with Joan Rayner after their wedding at Caxton Hall, Westminster, London, 17th January 1968. (Photo by Evening Standard/Hulton Archive/Getty Images) GINS
Billa Harrod writes: Joan and I met when we were both 18 and remained great friends for more than 70 years. Neither of us was quite the sort of daughter our mothers would have hoped for (luckily they had others). We were very lucky in our backgrounds of big comfortable houses – which we did not always treat as well as we should have, once breaking off an arm of a dignified candelabrum at Dumbleton. (Though when Joan’s father was First Lord of the Admiralty and they lived at Admiralty House in Whitehall, we did appreciate the beautiful fish furniture.)
Joan had more money than most of her friends and was quietly but largely generous when she saw that it would be helpful. She was beautiful and elegant, and also a highbrow, who had the highest standards, and did not suffer fools gladly. Although her actual schooling was rather feeble, she had read a vast amount and had an excellent memory. Music and literature were her real interests, but she was also a superb cook, and taught others to be. The food in her various houses was always delicious.
Literarische Begleitung
Mani. Reise ins unentdeckte Griechenland (1958, Mani – Travels in the Southern Peloponnese; Otto Müller 2001)
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Bruce Chatwin
(* 13. Mai 1940 in Sheffield; † 18. Januar 1989 in Nizza) Beerdigt im Beisein von Fermor auf Máni.
Der Wanderer aus Leidenschaft
War ein britischer Schriftsteller, ein Reisender, ein passionierter Wanderer, ein Umstrittener, ein Dandy und Asket der Ästhetik. Das war er im Wesentlichen. Daneben machte er (allerdings eher durch seine Anwesenheit, denn Schriften darüber sind mir nicht bekannt) Máni berühmt. Verbrachte dort, in dem heutigen Hotel Kalamitsi und unweit des Hauses Fermors einige Wochen (oder Monate) und schrieb an der Endfassung seines kontrovers diskutierten, jedoch als Bestseller zu bezeichnenden Buches „Traumpfade“ (über die australischen Ureinwohner). Das war 1985 und Chatwin war schon von seiner Krankheit gezeichnet, wohl aber mit ihr abgefunden. Als Bisexueller mit wechselnden Beziehungen – zum Teil zu prominenten Liebhabern – erkrankte er an AIDS. Verheiratet blieb er seit 1965 mit der Amerikanerin ElizabethChanler, die er von Sotheby’s her kannte.
Biographisches
Chatwin wurde 1940 in Sheffield, Großbritannien, geboren. In den Kriegsjahren reiste seine Mutter mit ihm durch England, um bei Freunden und Verwandten vor den deutschen Luftangriffen Unterschlupf zu finden. Statt das geplante Architekturstudium zu beginnen, arbeitete er mit 18 Jahren als Botenjunge für das Auktionshaus Sotheby’s. Vier Jahre später war er bereits Direktor der Abteilung für impressionistische Kunst. Vorgeblich wegen eines Augenleidens (wahrscheinlich psychosomatisch) gab er diese Stelle auf und reiste in den Sudan (auf die Empfehlung seines Augenarztes hin). Danach studierte er in Edinburgh ein Jahr lang Archäologie, brach das Studium jedoch ab. 1973 wurde er Mitarbeiter der „Sunday Times“, zunächst als Berater für Kunst. Bald darauf widmete er sich vielfältigen Themen, reiste für Interviews und Berichte durch die Welt. Im Dezember 1974 kündigte er dort, angeblich mit dem Telegramm an die Redaktion: „Für vier Monate fort nach Patagonien“.
Eine Begegnung mit der Architektin und Designerin Eileen Gray gab den entscheidenden Anstoß zu einer halbjährigen Reise nach Patagonien, um Überreste des Brontosaurus zu suchen. Hier wurde ihm klar, dass das Erzählen und Schreiben die für ihn angemessene Beschäftigung sei. Er bereiste neben zahlreichen anderen Ländern Australien und setzte sich mit der Kultur der Aborigines auseinander. Reisebücher wie In Patagonien und Traumpfade wurden Bestseller. Die Romane Auf dem schwarzen Berg und Der Vizekönig von Ouidah wurden verfilmt, letzterer unter dem Titel Cobra Verde durch den Regisseur Werner Herzog mit Klaus Kinski in der Hauptrolle.
Andere Quellen sprechen davon, daß Chatwin ein Homesexueller war, der während seiner fünfzehnjährigen Ehe ausschließlich Verhältnisse mit Männern hatte. Die Ehe selbst zölibatär. Viele der Episoden seiner Bücher könne man nur dann richtig erfassen, wenn man realisiert, daß Chatwin mit einigen der Männer, die er unterwegs traf, auch sexuellen Verkehr hatte. So z.B. handelt auch sein erstes bekanntes Buch Auf dem schwarzen Berg von zwei Brüdern in Wales, die über Dekaden in selben Bett schlafen. Seine Homosexualität versteckte er gleicherweise wie seine AIDS-Erkrankung. Er hatte viele ‚Namen‘ und Geschichten zu diesem Zwecke erfunden. Bspw. erzählte er, daß er eine seltene Blutkrankheit habe, die er sich auf einer seiner Reisen in China und zwar durch den Biß einer Fledermaus holte. Oder einen Virus, den er sich beim Verzehr eines hundertjährigen Eis in China holte.
Chatwin: ein manisch-depressiver „aber viel netter“ als ihn sein Biograph darstellt, so berichtet Elizabeth Chatwin.
Schwer von seiner Krankheit gezeichnet lebte er die letzten Jahre, gepflegt von seiner Ehefrau, in Südfrankreich in dem Haus von Shirley Conran (Schriftstellerin), der Mutter seines Ex-Liebhabers Jasper Conran, dem bekannten Modedesigner.
Elizabeth Chatwin berichtet:
“Kevin [Volans, s.u.] was with me in France when Bruce died. The Mellys were there, and Shirley Conran – we were staying in her house. It was very nice having Kevin there, even though he’s a terrific worrier. He worries and worries but he’s got a very strong character and you feel he’s very steady. And he’s very funny. He makes me laugh a lot and, for me, that’s the criterion.”
1989: Der Tod
Bruce Chatwin stirbt am 18. Januar im Alter von achtundvierzig Jahren im Krankenhaus in Nizza, nachdem man die lebenserhaltenden Geräte abgeschaltet hat.
Am 14. Februar findet der Gedenkgottesdienst in der griechischen Kathedrale Saint Sophia in Bayswater (London) statt. Chatwin war zum orthodoxen Glauben konvertiert. Anwesend waren u.a.
Am nächsten Tag fliegt seine Frau Elizabeth nach Griechenland und begräbt seine Asche an einem seiner Lieblingsorte: den Trümmern der byzantinischen Kapelle Agios Nikolaos am Rand des Dorfes Kato Chora hoch über Kardamili:
„Der Boden war zu hart, um sie einzugraben. Deshalb hoben wir unter einem Olivenbaum sehr dicht bei der Kirche mit dem Spaten ein Loch aus, schüttelten Bruce‘ Asche hinein, gossen Retsina als Trankopfer hinzu und sprachen ein griechisches Gebet: „Möge die Erde leicht auf ihm ruhen, und möge die Erinnerung an ihn ewig andauern“, so berichtet Paddy Leigh-Fermor.
Auf der wunderbaren – nicht nur für Kunsthistoriker aber auch für diese – Internetseiten von John
ist die Kirche genau beschrieben und folgender Vermerk zu lesen:
“Bruce Chatwin, the mercurially brilliant and self absorbed English travel writer often visited Mani during the late seventies and early eighties and wrote „The Songlines“ in Kardamili where he stayed near Paddy and Joan Leigh Fermor at Kalamitsis. St. Nikolaos in the Chora was a favourite location of his – for walks or al fresco picnics. When he died of AIDS in 1989 one of his wishes was to have his ashes scattered near this church. He had, late on, converted to Orthodoxy and was of the opinion that the Greeks chose the sites of their places of worship with care for the sublimity of their locations. This is probably a left over from the siting of ancient shrines and temples and the area around Ag. Nikolaos is reputedly, and if you look carefully, observably, rich in marble and stone fragments of the ancient period.
Chatwin’s wife Elizabeth brought his ashes to Kardamili in March 1989 and they were taken by Patrick Leigh Fermor and others to just below the church and scattered, with a generous libation of retsina, in the olive groves Bruce so loved. As Elizabeth related, „It was a picnic“, something Chatwin would have loved. This is related in Nicholas Shakespeare’s splendid biography of Chatwin (Bruce Chatwin. Cape. 1999 and later paperback versions) and Paddy Leigh Fermor was seen in Shakespeare’s BBC documentary „In the Footsteps of Bruce Chatwin“ (broadcast 3/4 April 1999). As Paddy makes clear he’s not quite certain exactly where they buried the ashes – but if any Chatwin fans do make the pelegrinage don’t search – just stop and stare at the view and take in the silence.”
Ein Artikel aus Neue Zürcher Zeitung — „Nomadentum als Alternative“ von Georg Sütterlin
Verstreute Schriften von Bruce Chatwin
Bruce Chatwin starb 1989 im Alter von 48 Jahren. Er hatte verbreitet, er leide an einer seltenen Pilzerkrankung, die das Rückenmark zerstöre und durch den Verzehr eines mehrhundertjährigen Eies in China ausgelöst worden sei. Diese Mystifikation war typisch für jemanden, dessen Leben und Persönlichkeit alle, die ihn lasen, zum Träumen brachte und dessen Enthusiasmus allen, die ihn kannten, die Welt aufregender und interessanter erscheinen liess.
Laufbahn
Mit 18 Jahren wurde Chatwin Laufbursche bei Sotheby’s, mit 22 Direktor der Impressionistenabteilung – einer der jüngsten Direktoren, die das Auktionshaus je hatte. Auf eine vorübergehende psychosomatische Erblindung folgte eine Reise nach Sudan, wo Chatwin eine Art Bekehrung erlebte. Er quittierte seine Stellung und begann, prähistorische Archäologie zu studieren. Und er arbeitete an einem Buch, das immer dicker und immer unpublizierbarer wurde. Währenddessen schrieb er als freier Journalist für die «Sunday Times». 1975 sandte er das inzwischen mythische Telegramm an den Redaktor: «Bin nach Patagonien gefahren.»
Von dort brachte Chatwin das Material für sein erstes und bekanntestes Buch, «In Patagonien» (1977), mit. Künftig schrieb er für die angesehensten englischen und amerikanischen Zeitungen und Zeitschriften. Fünf weitere Bücher folgten; sie sind so verschieden, als stamme jedes von einem anderen Autor, wäre da nicht eine gewisse Einheit des Stils, der Obsessionen, der Weltsicht. «Was mache ich hier?», eine Sammlung von Kurzprosa und journalistischen Texten, hatte Chatwin noch selbst zusammengestellt; sie erschien wenige Monate nach seinem Tod an Aids. Dann übernahmen die Verleger.
Zweifelhafte Nachlassverwaltung
Chatwin hat rund 50 schwarze, kleinformatige Moleskin-Hefte mit Reisenotizen hinterlassen. Auszüge daraus erschienen im Bildband «Auf Reisen» (1993), der zeigte, dass Chatwin auch mit dem Photoapparat umzugehen verstand. Diese Notizen aus Mauretanien, Westafrika und Afghanistan sind nicht uninteressant, aber es sind eben Notizen. Man fragt sich, ob Chatwin, ein besessener Stilist, einer Publikation zugestimmt hätte. Und jetzt haben Verleger und Nutzniesser von Chatwins Werk die Zitrone weiter ausgepresst: «Anatomy of Restlessness» (1996), auf deutsch unter dem pathetisch-raunenden Titel «Der Traum des Ruhelosen» veröffentlicht, ist eine Sammlung verstreuter, mehrheitlich journalistischer Texte. Einige fanden sich bereits in «Was mache ich hier?» und werden jetzt rezykliert.
Als ich Chatwin 1987 in London besuchte, arbeitete er gerade an seinem letzten Roman, «Utz» (1988). Er wohnte in Belgravia in einer kleinen Wohnung im obersten Stock; das winzige Schlafzimmer hatte ein Glasdach, auf das der Regen prasselte. In diesem Pied-à-terre, karg ausgestattet, hell und luftig, hielt sich einer auf, der dauernd auf dem Sprung war und ohne Neigung, sich im Kokon einer saturierten Häuslichkeit einzuspinnen. Wie Chatwin in den Besitz dieser Wohnung gekommen war und was sie ihm bedeutete, erfährt man im Text «Ein Ort, wo man seinen Hut aufhängen kann».
Nach einem Monat am selben Ort werde er unruhig, nach zwei Monaten unausstehlich, schrieb Chatwin. Er begeisterte sich für Nomaden und ihre Kultur und wollte über das In-Bewegung-Sein ein Buch schreiben, das er seinem Verleger in einem ausführlichen, im vorliegenden Band enthaltenen Brief erläutert und das «Die nomadische Alternative» heissen sollte. Ein Kapitel dieses schliesslich aufgegebenen Projekts ist in «Der Traum des Ruhelosen» abgedruckt; es erschien ursprünglich im Katalog zu einer Ausstellung in New York über die Kunst der Nomaden, die Chatwin 1970 mitorganisiert hatte. Erfrischend darin sind Chatwins breites Wissen und sein Enthusiasmus, der ihn zu Thesen inspirierte, denen die Wissenschaft nicht unbedingt zustimmte. Chatwins ausgeprägt persönlicher Blickwinkel macht alle seine Gelegenheitstexte lesenswert. Wenn Chatwin etwa den autobiographischen Band «Mountain, Marsh and Desert» von Wilfred Thesiger rezensiert, der sein Leben unter afrikanischen und arabischen Nomaden verbrachte, erfährt man soviel über Autor und Buch wie über Chatwin selbst. Das Reisen ist der rote Faden im Leben und Werk Chatwins, wobei der gelegentliche Überschwang seinen Blick für den Unterschied zwischen echtem Nomadentum und seinem eigenen, durch materiellen Überfluss ermöglichten Umherziehen nicht trübt.
Horizonte
Ich fragte Chatwin damals, was ihm das Reisen bedeute: «In der Schule brachte man uns bei, dass ein Mann nicht nur Ingenieur oder Anwalt werden kann, sondern auch Beamter in den Kolonien. Es gab ein Empire, eine ganze Welt jenseits des insulären England. Irgendwie glaubten wir, die Welt sei Englands Hinterhof. Diese Vorstellung hielt an bis zur Suezkrise 1956, als Harold Macmillan die veränderte Situation im berühmten Diktum ‹The winds have changed› zum Ausdruck brachte. Für uns Junge war Reisen damals nicht Selbstzweck, es gehörte einfach dazu. Man konnte nach London, aber ebensogut in die Südsee gehen. Diese Vorstellung hat mich bis heute nicht verlassen. Wenn ich meine Sachen packe, nehme ich mir nicht vor, eine Reise zu unternehmen. Ich gehe einfach weg.»
«Der Traum des Ruhelosen» ist in fünf Abteilungen gegliedert: Autobiographisches, Erzählungen, Texte zum Nomadentum, Buchrezensionen, Texte zur Kunst. Im letzten Kapitel beeindruckt ein Aufsatz über Capri und die «Narzissten» Munthe, Malaparte und Adelswärd-Fersen, die auf dieser Insel lebten und sich in einem übersteigerten architektonischen Rahmen selbst inszenierten. Aufschlussreich ist auch Chatwins ikonoklastischer Vortrag, gehalten 1973 anlässlich einer Benefizauktion zugunsten des Roten Kreuzes. Er zeigt, wie tief sein Dégoût vor dem Kommerz mit der Kunst war, als er 1965 Sotheby’s, einer brillanten Karriere und den Artefakten den Rücken kehrte und sich der Askese und dem Unterwegssein zuwandte.
Atmosphärisches
Wie eine Rezension in Chatwins Hand zu Literatur werden kann, demonstriert sein Aufsatz über Osvaldo Bayers Studie «Die Rächer des tragischen Patagonien». Geschrieben, als er «In Patagonien» abgeschlossen hatte, vermittelt der Text eine geraffte Darstellung der Anarchistenaufstände auf den britischen Schaffarmen Südpatagoniens in den zwanziger Jahren. Geschichte und eigene Erlebnisse und Begegnungen, Kritik und einen stupenden Sinn fürs Atmosphärische verbindend, lässt Chatwin hier das Bild einer fremden, grausamen, melancholischen Welt entstehen, so halluzinierend, dass die Fakten, die Namen und die Daten den Eindruck von Irrealität nur noch verstärken.
Und die Frau des berühmten Mannes?
Elizabeth Chanler
Eine Frau aus einem amerikanischen „guten Hause“, aus einer reichen Oststaatenfamilie. Geboren 1939 in Kalifornien. Sie hat keine Kinder, dafür aber eine Menge Tiere und Hunde, deren Haare im ganzen Haus fliegen. Sie lebt im ländlichen Oxfordshire und zeitweise in ihrer Londoner Wohnung.
Ob sie wohl mit jener Elizabeth Chanler verwandt ist, die John Singer Sargent wundervoll porträtierte? Immerhin möglich, denn auch die Porträtierte entstammte einer angesehenen und wohlhabenden New Yorker Familie im späten 19. Jh. Und eine gewisse Ähnlichkeit ist auch vorhanden…
Sie ist eine Radcliff-Absolventin und Kunsthistorikerin. Wie Chatwin so war auch sie bei Sotherby’s tätig – als Sekretärin? als wissenschaftliche Mitarbeiterin? Mit dem Millionär John Jacob Astor (eine deutschstämmige Familie, die nach Amerika auswanderte) verwandt hatte sie eine reiche Mutter, aber nur ein schmales persönliches Einkommen von $8000 im Jahr.
Ihre Ehe mit Chatwin war für alle offenbar eine Überraschung – weil sie um seine Homosexualität wußten?
Besonders tolerant, überaus gebildet und mehrsprachig begabt, zurückhaltend in bezug auf eigenen Bedürfnisse und offenbar sehr aufopfernd, war sie eine ideale Begleitung für einen egoistischen Autor. Während Chatwin in der Weltgeschichte reiste und unzählige homosexuelle Beziehungen hatte, kümmerte sie sich um die Tiere auf der gemeinsamen Farm und war auch dazu gezwungen, als Bedienung in einem Gartenladen für £45 in der Woche zu arbeiten. Jederzeit bereit, alles stehen und liegen zu lassen, um Chatwins Ruf zu folgen und ihn irgendwo in der Welt zu treffen. Chatwin war der Meinung, daß ihre Ehe am besten unterwegs funktionierte. Als er todkrank war und nicht mehr für sich selbst sorgen konnte, fand er dann zu ihr zurück.
Und sie? Sie soll die Homosexualität ihres Mannes akzeptiert haben. Nur einmal, in den 1980er Jahren, soll sie eine Scheidung gewollt haben und das gemeinsame Haus verkaufen wollen. In seinen letzten Jahren hat sich das Ehepaar offensichtlich versöhnt.
Sie selbst berichtet: Die Ehe war wenn auch nicht in die Kategorie „normal“ einzustufen, so doch eben eine Ehe mit allem drum und dran. “Er war eben die beste Gesellschaft, der ich je begegnet bin.”
Die „Frau des schönen, schwulen, toten Dichters“ ist eine, die erzählen kann, die sich weiterhing „herumtreibt“ in der Weltgeschichte, die eine seltene Rasse Schafe hält, die heilige Männer und Mönche aus Buthan bei sich in London aufnimmt. Die sich darüber freut, daß sie über Chatwin interviewt wird. Aber sie ist eben eine, die keine Schreibleidenschaft verspürt. Sie hat was anderes zu tun, sagt sie.
Kevin Volans, der berühmte Komponist, der die Chatwins 1987 besuchte, weil er den Roman Song Lines als Oper umsetzen wollte, berichtet folgendes:
“The first thing that strikes you is that she talks continuously. When we got back, Bruce was already ill and in bed and he said: „Elizabeth, fetch Kevin some Champagne“ – which I thought very stylish. She went away and he began to talk. When she came back, she was talking too. I discovered that the two of them held simultaneous conversations with you all the time, on completely different topics, totally disregarding each other. It was quite difficult to respond to both politely.
Elizabeth has a phenomenal memory. When it comes to geography, history, botany, she knows all the names; I find it hard to remember the names of my best friends.
She may describe herself as a shepherd but really she’s a globetrotter, that’s what her passport should say. We made a deal that if she took me to the Himalayas I’d show her South Africa. Both trips were a great success – but in South Africa, when I was driving, she went straight to sleep and missed the scenery. When it was her turn to drive, she’d light a cigarette, switch on the radio and pull out into traffic, all at once: frightened the life out of me.
Elizabeth is one of those people you don’t need to see often. You know you could take up your relationship just where you left it. She’s a friend for life.”
Nachzulesen im Interview “How we met: Elizabeth Chatwin & Kevin Volans”, interview von Sue Gaisford, 1999: www.independent.co.uk
Und noch ein Interview zum Abschluß:
Coda
Bruce Chatwin verwendete auf seinen zahlreichen Reisen stets Moleskine-Notizbücher; noch heute wird diese Tatsache werbewirksam vermarktet.
Verfilmungen
1987: Cobra Verd, Regie: Werner Herzog (mit Klaus Kinski)
1988: Black Hill (On the Black Hill)
1991: Nach Patagonien
1991: Utz, mit Armin Mueller-Stahl in der Hauptrolle
Literarische Begleitung
What am I doing here? (eine Sammlung von Aufsätzen, die Chatwin vor seinem Tod noch selbst zusammengestellt hat)
Der Traum des Ruhelosen (nach seinem Tod veröffentlichte Aufsätze)
Nach längerer Abwesenheit an Bord zurück zu kommen ist immer wie nach Hause zu kommen, obwohl man es nicht erwarten kann, wieder in See zu stechen. Die Pflichtübung Orte zu verlassen, die einem ans Herz gewachsen sind, lastet immer wieder aufs Neue auf der Seele jedes Reisenden. Nur die Hoffnung auf Wiederkehr lindert die Wehmut beim Ablegen des Schiffes. Und die Erinnerungen, die man mit auf die Weiterreise nimmt – Logbucheinträge und Stempel im Reisepass, Fotos, Fahrscheine, Eintrittskarten, Hafenhandbücher, Reiseführer und die Reisebeschreibungen unserer literarischen Begleiter sind externalisiertes Reisegedächtnis und unterstützen dieses.
Im Winter in der Türkei machten wir uns nach der Übernahme von Chulugi an die Erkundung ihres Bauches. Wir schauten unter die Bodenbretter, in Schapps und Backskisten. Tief vergraben in einem Schrank fanden wir auf unserem Schiff eine schwarze Plastiktüte. Der Inhalt fühlte sich an wie ein Bündel alter Trockentücher oder Putzlappen. Wir zogen die Tüte und deren Inhalt ans Tageslicht und breiteten ihn auf dem Salontisch aus. Bei dem Bündel handelte es sich um die Gastlandflaggen der von Tejo und Marleen besuchten Länder während ihrer achtjährigen Weltumsegelung. Manche der Flaggen waren aus Fetzen alter Stoffe zusammengenäht, deren Reste sich noch zwischen den Flaggen befanden. Manche Streifen und Insignien waren mit einem groben Filzstift aufgetragen und schon von der Sonne verblasst. Ich habe mich schon oft gefragt, woher die Weltumsegler bei spontanen Abstechern von ihrer geplanten Route bei der Einreise in Länder, deren Namen man vielleicht irgendwann einmal gehört hat, ihre Flaggen jedoch selten die Zahnstocher in Käsesticks zieren, die Gastlandflaggen beziehen. Ein paar bunte Stofffetzen sollte man also schon im Verlauf der Reise sammeln. Die türkische Gastlandflagge hatte ich kurz nach unserer Ankunft auf Chulugi ersetzt. Mir erschien der zerfetzte Lappen unter der Steuerbordsaling als respektlos gegenüber unserem Gastgeber. Tejo hat später mit einem Blick auf die Gastlandflagge bemerkt, in welchem guten Zustand sie doch sei. Bei der Fahrt durchs Rote Meer hätte er sie genäht. Ich musste dann zugeben, dass ich in meinem Unwissen über den (Erinnerungs-)Wert der Flagge, diese zuvor durch eine nagelneue ersetzt habe. Später, als das kleine Häufchen mit den Flaggen auf dem Salontisch ausgebreitet da lag, nahmen Joanna und ich eine Flagge nach der anderen in die Hand. Welche Orte wurden zurück gelassen mit der Hoffnung auf Wiederkehr. Welche Erinnerungen hängen an diesen Flaggen? Erinnerungen an Erlebnisse und Begegnungen, an Häfen und Ankerplätze auf der anderen Seite des Globus, tausende Meilen im Kielwasser.
Für uns ist die Tüte mit den Flaggen (noch) kein Erinnerungs-, sondern Sehnsuchtswerkzeug zur Weckung von Fernweh und dem Wunsch nach langer Fahrt. Ich denke, ich hätte diese Tüte nicht an Bord zurück gelassen. Meine britische Gastlandflagge jedenfalls, die Dietmar, Martin und ich nach unserer Überfahrt von Holland nach England gehisst hatten, hüte ich wie einen Schatz.