Marcel, 15. 09. 2012

20120915-193516.jpg

20120915-193653.jpg 
So sieht Marcel aus, wenn über uns ein Regenguss (irgendwo blitzte es auch heftig) hinweggeht, nämlich ganz glücklich.

20120915-193834.jpg

Marcel, 14. 09. 2012

Das Wetter macht uns wieder einmal einen Strich durch die Rechnung. Noch immer, oder schon wieder, liegen wir in Syrakus. Dies mal im Marmorhafen nördlich der Altstadt Ortygia. Ein kräftiger West- bis Südwestwind hat uns gestern Nachmittag zur Umkehr bewogen. Hoch am Wind kamen wir kaum in unsere Richtung, nach Gozo, der kleinen Schwester Maltas. In der Straße von Sizilien und den Maltesischen Gewässern waren 7bf aus Südwest vorhergesagt. Wir wären irgendwo in Griechenland angelandet, hätten wir einen brauchbaren und angenehmen Kurs eingeschlagen. Wir drehten also um, freuten uns über eine Schule Delfine, die uns eine ganze Weile begleitete und legten im letzten Licht des Tages an einem der wenigen freien Plätze im kleinen Marmorhafen an.
Hierzu schreibt Durrell: „Die moderne Stadt hatte sich diffus zum Landesinneren ausgedehnt, und die kleine Insel Ortygia würde wohl bald entvölkert sein, obwohl gegenwärtig noch voller zerfallener Häuser, die großen Charme haben – wie ein italienisches Hügeldorf, das auf einer ehemaligen Festung entstanden ist. Die Nähe des Wassers, des blauen Meeres, verlieh der Stadt Glanz und Harmonie. Wie so viele der herrlichen griechischen Hafenstädte (Lindos, Korfu, Samos, usw.) hat man auch diese zwischen zwei idealen Ankerplätzen auf einer Landzunge erbaut. Wegen der Beständigkeit und Berechenbarkeit des mediterranen Wetters kann man von solchen Doppelhäfen immer leben, denn sobald Südwind aufkommt, legt sich der Nordwind, so dass man immer im Windschatten anlegen kann. So auch auf Ortygia.“
Nun also noch einmal Syrakus, in unserer Routenplanung um mindestens zwei Tage nach hinten geworfen. Wir besuchen die Altstadt, die Kathedrale, welche einen dorischen Tempel überlagert und gönnen uns ein ausgiebiges Mittagessen. Die Kathedrale ist eines von wenigen Beispielen von einer halbwegs gelungenen Integration der antiken Bauwerke im Sinne einer christlichen Umnutzung. Hier müssen wir wohl von Glück sprechen, denn in den meisten Fällen sehen wir die antiken und vorgeschichtlichen Gebäude als Steinbruch genutzt, verwahrlost oder all ihrer Schätze beraubt. „Die Bauten sind so abgenutzt wie die Zähne eines alten Kieferknochens. Was exportierbar war, war entbehrlich, was schön war, war Wert geplündert zu werden.“ (Durrell)

20120914-173427.jpg

20120914-173545.jpg

20120914-173650.jpg

20120914-173750.jpg

20120914-181346.jpg

20120914-181437.jpg

Marcel, 14. 09. 2012

Zurück in Siracusa starten wir unsere Besichtigungstour in der Neustadt mit einem wahren Kontrast zu all den alten Steinen: Das Santuario Madonna delle Lacrime ist eine im Stile Brasilias in den 60er Jahren errichtete Kathedrale; 80 Meter hoch und im Inneren lichtdurchflutet, fällt der Boden schräg zum Altarraum ab, der eine bunte Gipsmadonna beherbergt. Diese stand in den 50er Jahren noch in einer Arbeiterwohnung. Während einer schmerzhaften Geburt soll sie vier Tage lang Tränen vergossen haben, die der Bischof nach eingehender Analyse für echt und also als echtes Wunder befunden hat, so dass beschlossen wurde, einen Wallfahrtsort zu errichten. In der Arbeiterwohnung war freilich nicht genügend Platz für all die zu erwartenden Pilger, worauf hin, die Kirche an ihrem heutigen Platz errichtet wurde.

20120914-090144.jpg

20120914-090849.jpg

20120914-090212.jpg

20120914-090239.jpg

20120914-090319.jpg

20120914-090344.jpg

20120914-090408.jpg

20120914-090424.jpg

20120914-090446.jpg

20120914-090527.jpg

20120914-090630.jpg

20120914-090756.jpg
In der Nähe des durchaus beeindruckenden griechischen Theaters, das mit einer Kapazität von fast 15.000 Zuschauern das größte Theater der Antike war, bauten die Römer, die mehr von Gladiatorenkämpfen, als von hoher Schauspielkunst hielten, ein Amphitheater.

20120914-090700.jpg

Marcel, 12. 09. 2012

Um es gleich vorweg zu sagen: Dies war eine der schönsten Wanderungen, die wir seit den Schluchten von Kreta unternommen haben. Weite und tiefe Ausblicke wechseln sich ab mit dicht bewachsenen und wilden Flusstälern, die man im Sommer über Trittsteine queren kann. Die Ufer säumen Oleander und Schilf, Feigen- und Walnussbäume. Überall huschen kleine Echsen über die Steine und Wege und hier und da sehen wir auch Schlangen, die sich im Gebüsch verstecken. Eine Wasserschlange schwimmt elegant ans andere Ufer, Gott sei Dank nicht da, wo wir unsere müden Füße im kühlen Nass baden. Oben am Hang hört man unter sich den Fluss rauschen, von unten blickt man hinauf zu den vorgeschichtlichen Nekropolen, die wie Bienenwaben die steilen Hänge durchsetzen. Die Höhlen sind mehr als 3000 Jahre alt. Unten im Tal ist die Trasse einer alten Bahnlinie zu einem Wanderweg ausgebaut worden. Eine der Bahnstationen dient als kleines Museum, das wir jedoch verschlossen vorfinden. Es gibt Furten und Wasserfälle, an denen das Wasser aus unsichtbaren Quellen oder Adern aus dem Hang tritt. Dort wachsen Farne unter den Felsüberhängen. Etwas weiter oben finden wir ein wenig abseits vom Wanderweg eine Öffnung im Fels. Nähert man sich hört man aus der Unterwelt ein tiefes Grummeln. Ein unterirdischer Flusslauf kommt aus der Tiefe des Berges und macht kurz vor dem Höhlenausgang eine Biegung nach rechts und verschwindet wieder in der Schwärze der Höhle. Vorbei an einem alten Gehöft geht es durch ein weiteres Flusstal hinab und gerade noch rechtzeitig – die Sonne senkt sich schon hinter die Anhöhen der Bergkette – erreichen wir unser Auto. Ein unglaubliches Erlebnis. Eine atemberaubende Kulturlandschaft, die wir fast ganz für uns alleine hatten.

20120913-081958.jpg

20120913-082052.jpg

20120913-082253.jpg

20120913-082326.jpg

20120913-082348.jpg

20120913-082455.jpg

20120913-082543.jpg

20120913-082633.jpg

20120913-082723.jpg

20120913-082816.jpg

20120913-082918.jpg

20120913-083026.jpg

20120913-083140.jpg

20120913-083211.jpg

20120913-083257.jpg

Marcel, 12. 09. 2012

20120913-080325.jpg

Das Tal der Tempel von Agrigent ist eigentlich ein leichter Hügelrücken, doch liegt es unterhalb der Altstadt, der Akropolis, wie ein Tal von Ost nach West ausgebreitet. Die Dimensionen der Tempel sind, oder vielmehr waren, gewaltig. Denn nur wenige Reste stehen wieder aufgerichtet und erheben sich majestätisch in der heißen Mittagssonne. Man muss die Phantasie und Vorstellungskraft bemühen, um sich die ehemals verputzten, gekalkten und bemalten Fassaden vor Augen zu führen, wenn man die fast roten, verfallenen und angefressenen Sandsteine vor sich sieht. Steht man vor den Trümmerhaufen des Zeustempels erkennt man noch die ein oder anderen Reste der riesigen Kapitäle der dorischen Halbsäulen, die von solchen Ausmaßen waren, dass sich ein Mann in die Kanneluren hineinstellen konnte. Zwischen den Säulen standen auf halber Höhe der Wand über sieben Meter hohe Gebälkträger. Die einen sagen abwechselnd männliche und weibliche, die anderen sprechen von den Telamonen mit und ohne Bart. Eine der Figuren wurde geschlechtsneutral rekonstruiert und liegt rücklings wie ein Käfer neben den Trümmerfeldern. Der gesamte Tempel war 113 zu 57 Meter groß, bevor er – die Dummheit der Menschen ist so unendlich wie die Größe der einstigen Götter – als Steinbruch für die Molen von Porto Empedocle diente.

20120913-080452.jpg

20120913-080714.jpg

20120913-080809.jpg

20120913-080939.jpg

20120913-081018.jpg

Am späten Nachmittag schleppen wir unser Gepäck durch die Gassen der Akropolis hinauf zum Monastero di Santo Spirito. Die Nonnen betreiben hier eine kleine B&B Pension, in der wir ein Zimmer reserviert haben. Die Kirche selbst stammt ursprünglich aus dem 13. Jahrhundert, jedoch ist mehr als die Fassade und einige Räume des Klostertraktes nicht erhalten, so dass den Besucher im Inneren wieder einmal ein barockes Gotteshaus empfängt. Wir fragen eine der Nonnen, ob wir die Kirche besichtigen könnten. Diese verweist uns an einen etwas grummeligen Hausmeister, der uns dann aber freundlich die Einrichtung und die Besonderheiten des Innenraums erläutert.

Marcel, 11. 09. 2012

In der Nacht kommen wir in Syrakus an. Hinter und neben uns türmen sich Gewitterwolken auf. Doch mehr als ein paar Tropfen erreichen uns nicht. Vereinzelte Blitze über Land und wieder einmal kein Wind von vorne. In den nächsten zwei Tagen werden wir mit dem Auto in das Landesinnere vorstoßen. In Agrigent haben wir ein Zimmer in einem Kloster reserviert. Der Wetterbericht verspricht sonnige Tage und ab übermorgen besten Segelwind aus West.

Marcel, 10. 09. 2012

20120910-090207.jpg

Der Berg ruft, doch versteckt sich immer vor uns. Wir starten unsere Bergexpedition an der Nordostflanke des Etna, im 1.700 Meter hoch gelegenen Basislager Refugium Citelli. Schon während der Fahrt von Catania hinauf ist von einem Berg nichts zu sehen. Diesige Luft, ein Himmel, von dem man nicht sagen kann, ob er jetzt bewölkt ist oder nicht. Schon um zehn Uhr morgens haben wir unten am Meer 28°C, doch die Temperaturen fallen mit jedem Meter, den wir an Höhe gewinnen. Am Rifugio steigen wir bei 15°C aus dem Auto.

20120910-090456.jpg

20120910-090553.jpg

20120910-091130.jpg

20120910-091242.jpg

20120910-091315.jpg

20120910-091402.jpg

20120910-091511.jpg

20120910-091545.jpg

20120910-091634.jpg

Marcel, 12. 08. 2012

Wenn man uns fragt, wohin wir eigentlich fahren, sagen wir meistens, wir wären nach Westen unterwegs – Gibraltar, die Azoren… Und in der Tat teilt man das Mittelmeer meistens in ein westliches und ein östliches Becken, seltener in drei Teile, dann befänden wir uns im zentralen Mittelmeer. Zieht man zwei Linien, die eine von Süd nach Nord, von Lybien nach Trieste, die andere von Ost nach West, von der Türkei nach Tarifa, an der Straße von Gibraltar, so kreuzen sich diese Linien etwas unterhalb der kalabrischen Küste auf 16 Grad und 16 Minuten Nord und 38 Grad und zwei Minuten Ost. Über diesen Punkt verlief unsere Kurslinie am Abend des 29. Juli. Wir befanden uns genau in der Mitte des Mittelmeeres, im Zentrum dieses einzigartigen Universums, dessen äußere Grenzen gerne durch die Linie charakterisiert wird, hinter der die Ölbäume mit dem Klima nicht mehr zurecht kommen, sei es zu heiß, zu kalt oder zu feucht oder zu trocken.
Wir können also ein neues Kapitel unseres Logbuchs aufschlagen und gleichzeitig noch einmal einen Bogen schlagen zum ersten Teil unserer Reise, der geprägt war durch das Erbe eines Groß-Griechenlands. Sizilien war der wichtigste, westlichste Außenposten dieses Reiches. Und hier begegnet uns Lawrence Durrell wieder, der, nachdem er im Dokekanes, Zypern und Ägypten gelebt hatte, seine letzten Jahre in der Provence verbrachte und von dort im Jahre 1977 eine Reise nach Sizilien unternahm, die er in dem Buch Sizilianisches Karussell beschrieb: „Alle meine Reisen beginnen mit einem Anfall von Angst und Zweifel – man fühlt sich plötzlich wie eine Waise. Man beugt sich über die Reling und beobachtet, wie das Land hinter dem Horizont verschwindet – dann schüttelt man sich wie ein Hund und wendet sich wieder der Realität zu. Man richtet sein Trachten auf das Sichten eines unsichtbaren Landes. Sizilien! … Das Eiland sah gewaltig und traurig und etwas verärgert aus, wie ein minoischer Stier – und sofort hakte die Erinnerung ein: Kreta! Zypern! Es war, wie sie, eine Insel, die mitten in der Strömung lag – ein Bollwerk gegen die gewaltigen Seen des von Afrika her anstürmenden Meeres.“

Marcel, 31. 07. 2012

20120809-122328.jpg"Catania war groß und finster, ein Ort, wie ihn wohl nur ein Mafioso ertragen konnte, und das allein wegen der Möglichkeiten, Geld aus ihm zu schlagen. Die Küste war nichts als meilenweite, enorme Hässlichkeit: Öltanks, petrochemische Fabriken, Raffinerien und Zementwerke." Paul Theroux, Die Fähre Torres nach Sizilien, in: An den Gestaden des Mittelmeers (1996)

Soo schlimm ist es auch wieder nicht. Catania ist ein echter Phönix-aus-der-Asche: entweder hat der Ätna mit seinen Lavaströmen die Stadt zerstört oder es waren die Tyrannen selbst, die die Bevölkerung mordeten oder an andere Orte ‘umsiedelten’. Vulkanische Erdbeben, insbesondere das von 1693, haben Catania (und die ganze Region) verwüstet und wie auf dem Bild zu sehen ist, hat (nicht nur) ein Vulkanausbruch sie beinahe zur Hälfte unter Lava begraben. Den Lavaausläufer sieht man immer noch am westlichen Teil der einst am Wasser liegenden Burg (links im Gemälde). Die Lavamassen haben sich ins Meer vorgeschoben und so “Neuland” geschaffen. Auch der Dom wurde vom Lava und Erdbeben zerstört. So haben die Cataner eben aus dem Lava Baumaterial gewonnen und ihre Stadt im barocken Stil wieder aufgebaut. Was dazu beiträgt, dass sie im Sommer noch heißer wird… Entstanden ist die Stadt, so wie sich sich im alten Stadtzentrum präsentiert im 18. Jh. nach den Plänen des Architekten Giovann Battista Vaccarini – danach kam die Zerstörung durch die Bomben des Zweiten Weltkriegs.

20120809-121733.jpg "Der Platz auf dem das Wahrzeichen der Stadt steht – ein reizender, opernhafter Elefant und ein Lavaobelisk -, besaß großen Charme, und wir nahmen uns vor, dort nach dem Abendbrot ein wenig herumzubummeln…" Lawrence Durrell (1977)

Der Obelisk ist aus Ägypten – nicht aus Lavastein – aber bei dem (Lava-) Elefanten hat Durrell recht, er ist ganz reizend und strahlt eine Heiterkeit aus, die sich auf den ganzen Platz (wenn nicht auf Catania, die mehr unreizvolle Ecken hat, als einem Touristen lieb ist) auswirkt. Seine Bedeutung oder auch nur Herkunft ist unklar, Edrisi nennt ihn einen “Talisman” der Stadt.

20120809-122216.jpg20120809-122242.jpg20120809-122251.jpg20120809-122305.jpg20120809-122314.jpg20120809-122340.jpg20120809-122352.jpg20120809-122408.jpg20120809-122415.jpg20120809-122423.jpgDSC_3183 DSC_3188 DSC_3203
Das Grabmal des berühmten Sohnes des Statt, nach dem so vieles in Catania benannt ist: Giardino Bellini, der Komponist von “Norma”, der nach Paris ging, um dort früh und unglücklich zu sterben, um dann als Urne nach Catania zurückzukommen…
DSC_3185