Paraty – Eine Stadt zwischen Hochwasser, Cachaça und Literatur

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Marcel sagt: “Über Paraty schreibst du”. Ich weiß auch warum. Denn über Paraty gibt es einiges zu berichten, was wiederum Recherche erfordert und womöglich in einen langen Text, der geschrieben werden will, mündet. Also eher meine Arbeit.

Und da wären wir schon mitten in meiner Recherche, denn ein Blick auf die Land- und Seekarten, belehrt, dass der Ort sowohl Paraty als auch Parati heißt. Und schaut man in der Geschichte noch etwas weiter zurück, dann findet man auch noch Paratii. Auch die Aussprache variiert, je nach Sprecher und seiner oder ihrer Herkunft zwischen “paratschie” und “paratiie”.

I. Am Anfang war…

Die Geschichte hinter dem Ort und seiner Namensgebung ist scheinbar so alt wie die Erschaffung der Welt, denn es war Gott persönlich, der – als er Brasilien schuf – dieses Fleckchen Erde dem Teufel vermacht haben soll. “Aquilo é para ti”, soll er gesagt haben, was so viel heißt wie “Das da ist für dich”. Und da haben wir auch schon die erste Erklärung des Namens: para ti = Parati, „für dich“. Eine generöse Geste an einen gefallenen Engel? Oder war Gott mit seinem Schöpfungsakt dermaßen unzufrieden, dass er dieses verhunzte Stück Land an seinen Widersacher abgetreten hat? Tatsächlich sind hunderte Inseln und Inselchen inmitten von ausgedehnten Untiefen, umringt von hohen Bergen, belagert von viel Sand und Süßwassertümpeln, nicht zu jedem Zeitpunkt ein Segen und ein Paradies gewesen. Der Sommer ist hier sehr heiß und regnerisch. Süßwasserbecken können zu Malaria- und anderen Plagen beitragen. Mitunter starke, für die Schiffahrt gefährliche Böen fegen die Berghänge herunter, wenn die Winde aus Nordwest kommen. Mangroven, die ursprünglich die hiesigen Küsten säumten, schufen morastige Brutplätze für alles mögliche. Aber all das trägt oder trug gleichwohl auch zur Schönheit dieser Region und seinem Fischreichtum bei.

Wenn die Wolkenfelder sich an den Bergflanken verfangen, wenn das Wasser je nach Wetterlage seine Farbe ändert, spätestens dann weiß man, dieses Fleckchen Erde war niemals von Gott verhunzt und an den Teufel verschenkt worden.

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So wage ich den Versuch einer Neuinterpretation der Legende. In meiner Version vermacht Gott das fragliche Stückchen Erde den Menschen, genauer: den Índios des Stammes Tamoio (auch Tupinambá genannt), die die Küstenregion Brasiliens zu einem Zeitpunkt bewohnten als die Weißen noch auf den europäischen Bäumen hockten. Dieses Land war alles andere als schlecht, man weiß zu berichten, dass die Indios sich im Krankheitsfall nach dem alten Paratii begaben, um im dortigen Klima schnellstens zu genesen. Heilsame Sände und Quellwasser, stille geschützte Buchten, große Fischbestände, daneben Krebse, Garnelen, Austern und essbare Algen sowie allerlei Früchte an Land hatte laut Beschreibungen des 16. und 17. Jh.s diese Region um die große Bucht von Ilha Grande und Paraty zu bieten.

Doch der Tamoio-Stamm hatte eines Tages dieses Gottesgeschenk an den Teufel verloren, teils wurde es ihm gewaltsam entrissen, teils – so heißt es von der anderen Seite – hat er durch die gemeinsame Sache an ihn verspielt. Dieser Teufel war kein vom Himmel gefallener Widersacher, vielmehr kam er im Plural erst im 16. Jh. aus Europa hierher in der Gestalt weißer Siedler, Soldateska, verarmter Adeliger, Diebe, Mörder, Huren und ehrbaren (Ehe-) Frauen, diese in absoluter Minderheit.

Diese feine teuflische Gesellschaft bemächtigte sich des Tamoio-Landes gewaltsam. Die erste offiziell vermerkte Schlacht gegen die Tamoios führte die sogenannte “Expedition” im Jahr 1565 durch, mit von der Partie war der uns bereits durch die nach ihm benannte Ilha bekannte Padre Anchieta. Zuvor versuchte er erfolglos eine friedliche Übernahme oder Zusammenarbeit mit den Tamoios zu erwirken. Dieses Treffen, von dem wir schriftliche Kenntnis haben, fand statt in der ehemaligen Hauptstadt der Tamoios, dem heutigen Angra dos Reis, „Bucht der Könige“, statt. Uruçumirim war der Ort, an dem sich Speere und Musketen kreuzten. Wer von den Índios überlebte, wurde in der zweiten „Expedition“ ermordet, die 1573 einige europäische Söldner im Auftrag des Gouverneurs Antônio de Salema von Cabo Frio nach Paraty unternahmen. Das erklärte Ziel des Vorstoßes war, die Índios zu vernichten oder zu versklaven.

Schließlich sandte der Gouverneur von Rio de Janeiro 1596 eine weitere „Expedition“ unter der Führung seines Sohnes Martim Correia de Sá, die insofern interessant ist, als dort neben den 700 portugiesischen oder europäischen Söldnern auch 2000 Índios genannt werden. Der Auftrag lautete erneut, die Tamoios zu vernichten und gleichzeitig nach Edelmetallen zu suchen. Diese Expedition nahm offenbar einen Weg nach Paraty, den die Tupiniquins Índios  (auch Guaianás genannt, doch dazu später mehr) den Söldnern zeigten. Dieser Weg mündete in dem sogenannten Hafen von Paratec, was darauf hinweist, dass im 16. Jh. irgendwo in der nähe von Paraty so etwas wie ein Hafen bestand. Es wird angezweifelt, dass der genannte Ort im heutigen Paraty lag, man nimmt an, dass es sich vielleicht um das heutige kleine Dorf mit dem Namen Paraty-Mirim („Klein-Paraty“) nahe am Mamanguá-Fjord handeln könnte. Interessanterweise befindet sich dort eine der ältesten erhaltenen Kirchen der Region, die allerdings in einem erbärmlichen Zustand ihres Abrisses harrt. Dort wartete offenbar Martim Correia de Sá auf den Índio-Anführer Aleixo, der von Ubatuba (Ortschaft südlich von Paraty) kommend mit 80 Bogenschützen anlanden sollte.

Tupinambá, Tamoio, Guaianá? Wenn die Verwirrung nun groß, der rote Faden verloren und das Interesse an den Índios dennoch vorhanden sein sollte, dann bietet sich an, im folgenden Kapitel weiterzulesen, ansonsten ist ein Sprung zum nächsten oder übernächsten problemlos möglich.

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Igreja de Nossa Senhora da Conceicao de Paraty-Mirim ist eine der ältesten erhaltenen Kirchen der Region. Ihr heutiges Erscheinungsbild geht auf das Jahr 1757. Ohne Türme dafür mit einer pittoresken, massiven Steinplatte ausgestattet, die der Glocke, die mittlerweile gestohlen wurde, Schutz bot. Fast alle diese Kirchen sind alleine durch die Einwirkung der Zeit entkernt, zumindest aber ihrer Innenausstattung und Kunstwerke beraubt.

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Hier in Paraty-Mirim vermutet man den ersten ‘Hafen’ des 16. Jh.s. Verwunderlich, denn die Bucht ist gegen Winde aus dem nördlichen Sektor ungeschützt. Doch wer weiß, wie es damals hier ausschaute und wie sich das veränderte Klima heute anders auswirkt.

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Wir finden hier nicht nur die alte Kirche und ein kleines Dorf der Guaraní-Índios, die die Regierung hierhin umgesiedelt hat, vor. Hier soll, vielleicht auch unter dem alten Baum, der größte Sklavenmarkt des 17. und 18. Jh.s stattgefunden haben. Nichts mehr zeugt davon.

II. Die Indios von Paratii – eine verdrängte Geschichte

Versuchen wir ein wenig Licht in die Sache mit den Índios zu bringen, denn leider verbreitet auch Wikipedia unter dem Eintrag zu Paraty schlecht recherchierte Halb- und Unwahrheiten. (Bspw. bezeichnet man dort die Guaraní als die Urindios der Region und stellt sie als Verbündete der Portugiesen dar.)

Beginnen wir mit einem groben geographischen Überblick der brasilianischen Küste und ihrer ursprünglichen Bewohner des 16., 1. sowie teilweise noch 18. Jh.s.

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Das Volk der Tupi-Indianer breitete sich ca. 3000 v. Chr. von den Amazonas ausgehend über die gesamte Küste von Brasilien aus. Es stellte keine religiös-soziale Einheit dar, sondern verzweigte sich in viele größere und kleinere Ethnien oder Stämme mit unterschiedlicher regionaler Ausprägung und Namensgebung. Für uns relevant ist die geografische Zone unterhalb der zweiten großen ‘brasilianischen Beule’, dort wo das Land sich am stärksten nach Westen zurückzieht. Die Küste bewohnen Tamoio, Tupiniquim (Tupin-Ikin) und Guaraní Stämme. [Abb. aus: Wiki, unter dem Eintrag “Tupi”.]

Der große Landstrich zwischen der Küste von São Tomé und der Küste von Cananéia bzw. Paranaguá bewohnten vor allem zwei große Volksstämme oder Ethnien: die Tupin-Inba, auch als Tupinambá bezeichnet, und Tupin Ikin oder Iquin/m, in einer anderen Schreibweise aber auch als Tupiniquim/-n bekannt.

Tupinambás, was soviel wie Tupi-Nachfahre bedeutet, gehörten zu einem älteren Volksstamm, der sich auf sogenannte noble Vorfahren des Ur-Tupi-Indianer aus Amazonas berufen konnte. Offenbar aus diesem Grund wurden sie von ihren Nachbarn, den Tupiniquim (= „Tupi-Nachbarn„), als Tamoios, “die Älteren”, genannt.

TUPIN INBA = Tupinambá = Tamoio, verschiedene Namen, ein Volksstamm. Das gleiche gilt für die Nachbarn TUPIN IKIN = Tupiniquin/-m = Guaianá, Diese verwirrende Namensvielfalt resultiert zum einen aus der uneinheitlichen, zum Teil falschen portugiesischen Transkribierung der Tupi-Sprache, zum anderen aus einer Fehlinterpretation der Portugiesen, wozu ich zum Schluß noch kommen werde.

Beide Stämme könnte man als Gegner bezeichnen, die aber in mehr oder weniger friedlicher Koexistenz nebeneinander lebten und ihre Grenzen für jeweils den anderen soweit öffneten, dass sie temporär ungestraft übertreten werden konnten, bspw. bei der Jagd oder gemeinsamer Flußnutzung. Diese Koexistenz nahm ein schnelles Ende mit der Ankunft der Portugiesen, denen es sehr daran gelegen war, die nicht zu Zugeständnissen bereiten, sich ihrer selbst bewußten Tamoios (bzw. Tupinambás) zu vernichten. Sie versuchten die Tupiniquins auf ihre Seite zu bringen, was ihnen auch tatsächlich gelingen konnte, da dieses Volk bereits 1532 mit Weißen in Berührung kam, namentlich mit João Ramalho, einem Portugiesen der ersten Stunde. Anders als die „Expeditionen“ und gewaltsamen Kolonisierungen eines Martim Afonso de Souza führte João Ramalho eine friedliche Mission durch. Was blieb ihm auch anderes übrig, da er als Schiffbrüchiger auf die Hilfe der Einheimischen angewiesen war. Es waren die Tupiniquins, die ihn nicht nur aus der unmittelbaren Not retteten, sondern ihn auch als Stammesmittglied aufnahmen und ihm die Tochter des mächtigen Clanchefs Tibiriçá zur Ehefrau gaben. Diese Verbindung führte dazu, dass in allen Berichten, die Ramalho an die portugiesische Obrigkeit schrieb, der Stamm der Tupiniquins als Verbündeter der Portugiesen bezeichnet wurde und nicht bekriegt oder mit Repressalien belegt werden sollte. Auf diese Weise war der späteren Allianz der Boden vorbereitet worden.

Der Versuch, den älteren Volksstamm der Tamoios, die ihre Hauptsiedlungen um das heutige Angra dos Reis (“Bucht der Könige”) hatten, gleicherweise in eine Allianz mit den Portugiesen zu bringen, unternahm zunächst in friedlicher Mission Padre Anchieta, doch sowohl er – wenn auch von den Tamoio-Clanchefs mit Ehren aufgenommen – als auch spätere Mittelsmänner scheiterten. Die Tamoios realisierten die für sie entstehenden Nachteile aus dem índio-portugiesischen Bündnis und suchten ihrerseits eine Allianz mit den Franzosen zu schließen, die den Índios anders als die Portugiesen (oder Spanier) wohlgesonnen waren. Doch die Götter scheinen den alten Stamm der Tamoios verlassen zu haben, denn 1567 besiegten die Portugiesen diese índio-französische Union. Ohne die zahlenmäßig hohe Beteiligung der Tupiniquins und ihrer Kenntnis des Terrains wäre der positive Ausgang dieser wichtigen Schlacht sicherlich nicht möglich gewesen.

Kurz nach dem entscheidenden Sieg begannen die Portugiesen entsprechend dem Dekret des Gouverneurs von Rio de Janeiro, Antônio de Salema, mit der planmäßigen Exekution der Tamoios, vor allem mit der Versklavung von Frauen und Ermordung älterer Índios, die mit dem Schwert erschlagen wurden.  Diesem Dekret folgten in Jahresabständen weitere kriegerische Expeditionen: 1570 angeführt von  Araribóia, 1573 von Antônio de Salema und 1596 von Martim de Sá.

Sie alle zielten nicht bloß auf die vollständige Landnahme der Region zwischen Angra dos Reis und Paraty, sondern hatten ausdrücklich die Zielvorgabe die vollständige Ermordung oder Versklavung der Índios. Die einzigen Verbündeten, die mit flehentlichen oder fordernden Briefen ins Mutterland und an den Papst die katastrophale Lage der indigenen Völker beschrieben und um Gesetze gegen das ungestrafte Morden baten, waren die Geistlichen, ganz besonders die Jesuiten, die jedoch schon bald (und sicherlich auch wegen ihrer Idee eines indianischen Gottesstaates) des Landes verwiesen wurden.

Der Genozid an den Tamoios entvölkerte die Region zwischen Angra und Paraty, die ihr Kernland war, und machte Platz für die allmähliche Besiedlung durch die Tupiniquins. Das geschah  noch bevor die Weißen begannen, die Region planmäßig und dauerhaft zu besiedeln. Die Tupiniquins sprangen gewissermaßen saisonal in die durch den Genozid entstandene Lücke und bewohnten das ursprüngliche Paratii und seine unmittelbare Umgebung offenbar zunächst in der Winterzeit. Archäologische Untersuchungen aus den 1970er Jahren belegen, dass die dort siedelnden Índios seminomadischen Lebenswandel hatten, und für die Zeit ihrer Aufenthalte an der Bucht von Paratii in Stein- bzw. Felsunterkünften wohnten.

Die Tupiniquins bezeichneten freundliche oder mit ihnen befreundete Clans als guaianá, und die der indigenen Sprache unkundigen Portugiesen glaubten, dass der Stamm sich selbst so nannte. Auf diese Weise entstand die historische Namensverwirrung, die ich oben bereits erwähnte. Eine zweite Interpretation legt nahe, dass das Wort guaianá möglicherweise auch die Steinbehausungen bezeichnete, in denen die Tupiniquins temporär wohnten, wenn sie die Küste von Paraty aufsuchten.

Exkurs: Darstellungen von Índios

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Albert Eckhout, Tupi-Índio und vielleicht eine Mulattin (offiziell sind beide Bilde als „Tupi“ betitelt), 1642-43, zu sehen im Nationalmuseum Kopenhagen.

Es sind insbesondere drei wunderbare Gemälde, ganz im Stil der europäischen Malerei des 17. Jh.s, so wie sie in Frankreich, den Niederlanden oder Flandern en vogue war. Besonders schön ist das Porträt des Mannes, den man sich entsprechend der vorgegebenen Physiognomie, der Bart- und Haartracht, gut als einen spanischen oder niederländischen Edelmann vorstellen kann. Die Imagination braucht nicht viel an Arbeit: ein seidiges Hemd mit einem imposanten Kragen, eine samtige Jacke und enge Beinlinge, und schon haben wir einen Herren von stolzem Naturell vor uns.

Das Porträt der Frau hingegen entspricht in ihrer Physiognomie und Haltung vielmehr einer Magd oder Bäuerin europäischer, portugiesischer Herkunft. Auch hierfür bedarf es nur ein wenig der Vorstellungskraft und eines den Busen bedeckenden Kleides. Obwohl das Bildnis als „Tupi-Índia“ betitelt ist und stilistisch ein Pendant zum linken Bildnis darstellt, vermute ich darin viel eher die Darstellung einer Mulattin und Sklavin. Eine solche Darstellung würde durchaus in die Reihe der übrigen Bilder, die der Maler entsprechend seinem Auftrag ausgeführt hat. Albert Eckhout, von dessen Biografie man wenig und von seiner künstlerischen Ausbildung nichts weiß, ist während seines achtjährigen Aufenthalts in Brasilien der Aufgabe nachgegangen, alle Menschentypen der Neuen Welt, sowie Pflanzen und Tiere “naturgetreu” festzuhalten, so dass nicht nur Índios sein Bildsujet waren.

Eckhout war ein hervorragender Beobachter, mit technisch-malerischem Können gesegnet und darüber hinaus in der bildkompositionellen Gestaltung und Symbolik gleichermaßen gut ausgebildet. So ist es kein Zufall, dass der Hintergrund des zweiten Bildnisses – eine in Gänze gezähmte Landschaft – eine Sklavin und Mestizin symbolisch passend umrandet. Die mächtige Fazenda, das Herrenhaus der Konquistadoren und reichen Siedler, urbanisiert die Natur und unterzieht sie dem Gesetz der Geld- und Produktionsökonomie. Die linear angelegte Plantage mit dem Herrenhaus als Zentrum, darin die eingestellte Bananenstauden als Nutzpflanzen und die gleicherweise domestizierte Mulattin, sie bekommen in dieser Verzahnung der ökonomischen Kräfte ihre Existenzberechtigung allein durch die Vermehrung der Güter, die aus dem Besitzer einen Hausherren machen. Im Gegensatz hierzu – oder wie ein Vorher-Nachher – steht der zum Edelmann stilisierte Índio, dessen Lendenröckchen und das im Kleiderbund nachlässig steckende Messer seine Wildheit zurücknehmen. Anders als die Mestizin ist er ganz der Herr seiner selbst, ein Jäger, ein Sammler – im Hintergrund sein badendes oder fischendes Volk.

Noch anders präsentiert sich hingegen das dritte Gemälde, das ich den beiden oberen an die Seite stellen möchte. Hier handelt es sich zweifelsfrei um die Darstellung einer Tupi-Índia, die ihren Platz eher an der Seite des freien Índios hätte. Mit dem Bild hat es etwas besonderes auf sich, denn die Darstellung irritiert das Auge noch bevor das Gehirn die Irritationsquelle begreift. So hat man genauer hinzusehen:

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Zweifellos ist die Komposition dieses Bildes nicht im gleichen Maße vollkommen wie die des Índios, doch das kompositionelle Ungleichgewicht resultiert vermutlich aus den ungewöhnlichen Details, die der Maler als das verborgene Zentrum der Bildaussage angelegt hat und ihnen wahrscheinlich zu viel Aufmerksamkeit schenkte. Mit verblüffender Selbstverständlichkeit lässt er die Indianerin einen abgetrennten Unterarm samt Hand halten, und aus ihrem traditionell am Kopf getragenen Korb ragt ein Bein mit Fuß heraus. Diese Tupia mit dem saften Gesicht einer italienischen Renaissancedame oder Madonna, die in Begleitung eines (Jagd-)Hundes einen idyllischen Bach überquert, hat offenbar nicht nur Kraut und Früchte gesammelt, sondern auch Menschenfleisch erjagt. Verblüffend ist die Lässigkeit, mit der der Maler das für uns tabuisierte Fleisch eines Menschen ins Bild einfügt und sich dabei – beinahe – eines Kommentars enthält. Seine Darstellung soll ihn als den ganz und gar unbeteiligten Beobachter ausgeben, der nicht fabuliert, sondern dokumentiert (auch wenn dieses Wort zur damaligen Zeit eine noch gänzlich andere Bedeutung hatte). Das Bild illustriert – wenn auch auf eine interessante Weise – die vielen gruseligen Berichte um die ungehemmte Konsumfreude der brasilianischen Índios am Menschenfleisch. Der Kannibalismus der Índios soll die Padres vor ein großes Problem gestellt haben, denn es soll ihnen nicht möglich gewesen sein, die Eingeborenen von der Schlechtigkeit ihres Tuns zu überzeugen. Heutige Auswertungen der Quellen lassen an den Schilderung eines permanenten Kannibalismus große Zweifel aufkommen. So ist es auch unwahrscheinlich, dass unserer Maler einer solchen Situation selbst beiwohnte, vielmehr erdichtete er fabulierend aus den vielen kursierenden Berichten ein mögliches Bild einer Sammlerin und Jägerin. Bezeichnenderweise malt er sie „am wildesten“, nämlich ohne einen Fetzen Stoff am Leibe.

Bei genauer Bildbetrachtung entdeckt man im Gemälde noch einige andere Details, die noch einmal stutzig machen. Denn was sind das für ungesunde Flecken, die den Körper der Frau bedecken? Sind es bloß eine alte Bildfirnis und gestörte Farbpigmente? Oder vielleicht doch Hautmale, die auf eine durch Kannibalismus verursachte Krankheit hindeuten sollen? Und was macht eigentlich die Gruppe, die der Maler so seltsam zentral, zumal auch noch zwischen den Schenkeln der Tupia platziert hat? Handelt es sich um eine spätere Zutat, oder womöglich doch um ein eindeutiges Aburteilen der angeblichen Sitten bestimmter (‚wilder‘) Stämme?

Der Maler weckte mein Interesse, nicht nur weil er offensichtlich talentiert war, sondern weil er einen anderen Blick auf die Índios und die Exotik des neuen Kontinents warf, als allgemein üblich. Tatsächlich weiß man von Albert Eckhout (geb. ca. 1607 in Groningen – verst. ca. 1666 ebd.) nicht viel. Ein gebürtiger Niederländer, der unter dem Oberbefehlshaber Moritz von Nassau-Siegen (die Nassauer sind uns schon in Gambia begegnet) die im Auftrag der Westindien-Kompanie geführte Brasilien-Expedition begleitete. Er verblieb acht Jahre im Land und führte den Auftrag aus, die vielen Ethnien und ihre Sitten festzuhalten, sowie die in Brasilien vorkommenden Früchte und Tiere abzubilden. Warum seine Bilder in Dresden und seine Zeichnungen wesentlich später in der polnischen Jagiellonen-Bibliothek in Kraków (Krakau )auftauchten, ist eine andere, spannende Geschichte.


… Doch kommen wir wieder zurück zu den Indios von Paraty zurück

Als im 17. Jh. die planmäßige Kolonisierung der Region begann und Ländereien an sogenannte Donatário verschenkt wurden, die wiederum sie an Siedler verpachteten, lebten hier nur noch Tupiniquins (von den Portugiesen fälschlicherweise Guaianás genannt). In dieser Zeit gibt es bereits keine Hinweise auf den ältesten Stamm der Tamoios, der offenbar gänzlich ermordet oder versklavt wurde. Dass die Tamois „rätselhafterweise“ verschwunden sein sollen, wie einige Texte zur Geschichte des Ortes darstellen, bezeugt entweder den geringen Bildungsgrad der Autoren zumal in Bezug auf die indigene Geschichte oder stellt eine höhnische Auslegung des Genozids dar. Schwer zu sagen, was besser oder schlechter ist.

Die Geschichte der Ureinwohner usurpierter Inseln oder Kontinente lehrt uns, dass die Zusammenarbeit mit den Eroberern noch nie etwas Gutes brachte und in allen bekannten Fällen schlußendlich zur Vernichtung der Verbündeten führte. Ich denke dabei beispielweise an die Ureinwohner der Kanarischen Inseln. Und so ist es auch im Fall der Tupiniquins geschehen, denn bereits im 17. Jh. wurden sie massenweise getauft, dies möglicherweise noch freiwillig, und auf die “weißen” Siedlerdörfer verteilt, somit zur Ansässigkeit gezwungen, aber vor allem um als Sklaven für die Weißen zu arbeiten. Sie verloren ihre Dignität und wurden bald als ‘ausgestorben’ betrachtet. Im 19. Jh., genauer 1853 und 1872, gaben Gemeinderäte in ihren offiziellen Reports an, dass es weder Land in indianischer Hand, noch Índios mehr in der Gegend von Paraty gäbe.

Erst in den 1980er Jahren hat die brasilianische Regierung erlaubt den Guarani-Mbyá-Índios unter der Führung des Clanchefs Vera-Tupã sich in der Gegend anzusiedeln. Es wurden ihnen zwei bzw. drei Reservate von einer, gemessen an der Größe des Landes (und an dem Unrecht, das die Einwanderer an den Índios begangen haben) lächerlichen Größe von jeweils 224, 80 und 36 Hektar gewährt. Die Areale liegen in Araponga, Paraty-Mirim und Rio Pequeno (dort kein echtes Reservat). In dem Dorf Araponga (nahe der Vila do Patrimônio und der Bundesstraße BR-101) sollen ca. 45 Indios leben. In Paraty-Mirim, genauer: entlang der staubigen Straße, die zum Strand führt, sollen auf 80 Hektar Land 26 Familien mit insgesamt 120 Indios leben! Wir haben keine gesehen. Und in einem 36 Hektar kleinem Areal am Rio Pequno haben sich die Guarani-Nandéva mit 12 Índios angesiedelt.

Diese ‘Reservat-Índios’ tragen einen Doppelnamen, der aus ihrem indigenen und ihrem christlichen Namen besteht. Die beiden Reservat-Dörfer haben Schulen, in denen die Guaraní-Sprache gelernt wird. Doch die Reservate bieten zu viel zum Sterben, zu wenig zum Leben an. Sie sind so gewählt, dass sie für die Brasilianer von keinem wirtschaftlichen Interesse sind, sie sind meisten unfruchtbar, viel zu klein, um dort traditionell mit Jagen und Sammeln zu überleben, sie liegen an mehr oder weniger unattraktiven und nicht lohnenswerten Landschaftsteilen (keine begehrte Küstenregion), an Straßen oder Wegen, die saisonal von Touristen genutzt werden. So kann man die Índios als eine Attraktion wahrnehmen und sich selbst als Wohltäter, der ihnen etwas gibt (Land, Geld, Aufmerksamkeit), fühlen.

Der Guarani-Mbyá-Volksstamm kommt ursprünglich aus Südbrasilien, Paraguay und Uruguay (wo Índios vollständig ermordet wurden), wo sie nur überleben konnten, weil sie sich in undurchdringlichen Wäldern versteckten. Ihre Tradition geht zurück auf das 5. Jh. v. Chr. Jetzt vegetieren sie in Reservaten, die den Namen nicht verdienen. Ihre einzigen Verdienstmöglichkeiten – neben dem verschwindend kleinem Betrag, den sie von der Regierung bekommen – liegen in dem bescheidenden Anbau von Maniok und der Herstellung von Kunstgegenständen wie Körben, Arm- und Halsbändern, Skulpturen aus Holz, gefärbt mit natürlichen Substanzen, u.ä.. Sie bieten diese Erzeugnisse ausgebreitet auf Decken in den Straßen der Altstadt von Paraty an, oder wenn Jeeps mit Touristen beladen an den Strand von Paraty-Mirim ihr Dorf passieren. In dem sehr schön gelegenem Paraty-Mirim selbst dürften sie nicht wohnen.

Eine von den Indios schriftlich verfasste Geschichte gibt es nicht. Die offizielle Geschichtsschreibung ist die der weißen Archive.

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Armut der Guarani-Mbyá Indios [Foto: Homepage der Brasilianischen Indios, auf Englisch und Portugiesisch]

Índios haben in Brasilien einen schlechten Ruf. Es heißt, sie wären faul. Arbeiten wollten sie nicht, wären dabei auch noch zu selbstbewusst und arrogant. Ist es tatsächlich so? Und wenn ja, wäre eine solche Haltung verwunderlich oder verwerflich, bedenkt man, dass es schließlich ihr Land ist, das in jeder Hinsicht von Weißen geplündert wird, ohne dass sie ein Mitspracherecht, geschweige denn am Gewinn Teilhabe hätten. Allein die Tatsache, dass die Índios, die in einem offiziellen Reservat leben, als Mündel des Staates betrachtet werden, das heißt: sie stehen als Unmündige unter staatlichen Vormundschaft, bedarf keines Kommentars.

Kaum ein Brasilianer oder Brasilianerin ist sich dessen bewußt, dass er oder sie mit ihrer Meinung über die Ureinwohner eine Propaganda des 16. und 17. Jh.s wiederholt. Damals wurden die Índios wie Tiere ungestraft gejagt und in die Sklaverei gepeitscht. Viele weigerten sich in dieser Knechtschaft zu arbeiten, andere wiederum starben schnell unter der Last der ihnen auferlegten Arbeit, der sie weder mental noch körperlich gewachsen waren, denn das an allen Ressourcen reiche und vom Wettergott gesegnete Land machte sie zu schnellen und geschickten aber vergleichsweise schmächtigen Sammlern und Jägern. Die erbärmlichen Zustände, unter denen die Índios als Sklaven leben mussten, aber auch die europäischen Krankheiten ließen den Rest der Bevölkerung, zumal ohne die notwendigen Medikamente, schnell sterben. Die Perfidie der Weißen machte ihren Tod gut verkraftbar, denn anders als bei den Afrikanern, die mit barer Münze gekauft werden mussten, gab es die Índios umsonst. Den toten Índio von heute konnte schon morgen ein neu ‘erjagter’ ersetzen. Unter den Siedlern galten die Índios demnach als schlechte Arbeiter, schwach, faul, nicht arbeitsfähig, widerspenstig, billig zu haben.

Unsere heutigen brasilianischen Gesprächspartner haben, sobald die Sprache auf Índios kam, diese offenbar tiefsitzende, gleichwohl unreflektierte Einstellung jedes Mal wiederholt, wenn auch in einer etwas moderaten, gezügelten Form. Verwundert bin ich darüber eigentlich nicht mehr, denn ich habe den Eindruck gewonnen, dass eine Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte die meisten Brasilianer nicht übermäßig interessiert, noch die Regierung bestrebt ist, daran etwas zu ändern.

Ich habe an einer anderen Stelle bereits meine Verwunderung darüber geäußert, dass kein einziges Denkmal, Mahnmal oder Ähnliches – so wie bspw. auf den Kanarischen Inseln – der Vernichtung der Índios gedenkt. In Anbetracht der häufigen Glorifizierung der Usurpatoren und der anhaltenden Vernichtung der Lebensräume von Mensch und Tier wäre eine Gegendarstellung sei es auch nur in einfacher symbolischer Form nicht nur wünschenswert, sondern notwendig.

Ressentiments und unaufgeklärte Einsichten sind weit verbreitet: Bekommen die Índios nicht Geld, dass sie versaufen? Haben sie nicht Land geschenkt bekommen, mit dem sie nichts anfangen? Dass dieses Land, ja ganz Brasilien ihnen gestohlen wurde, dass die winzigen Parzellen so gewählt wurden, dass sie für die weiße Wirtschaft keinen Verlust darstellen, dass die Parzellen zu klein sind, um traditionell als Jäger und Sammler (und Selbstversorger) darauf leben zu können, dass das Geld nicht so bemessen ist, dass die Söhne und Töchter eine höhere Ausbildung finanziert bekommen, dass die Índios aus diesem Elend kaum selbständig herauskommen können, denn einerseits sind sie Unmündige, andererseits wird ihre Arbeit schlechter bezahlt als die gleiche der übrigen Brasilianer – all das und viel mehr rückt nicht ins Bewusstsein des durchschnittlichen Brasilianers  vor.

Abschließend ist noch die perfide Umsiedlungspolitik der Regierung zu erwähnen, die einer althergebrachten Methode der Dezentralisierung folgt und damit die Entwurzelung der Stämme und Sippen anvisiert, das dem Verlust der Identität und der Unmöglichkeit einer politisch motivierten Vernetzung zuarbeitet. Auf unsere Nachfragen hin, ob denn Índios in der jeweiligen Region noch leben, haben wir recht häufig zu hören bekommen, ja schon, aber es seien die Índios aus XYZ, die die Regierung hierhin umgesiedelt habe. Häufig handelte es sich um gesplittete Gemeinschaften, denen man ein kleines Areal oder eine kleine Insel ‘geschenkt’ hat, wie das zum Beispiel in der Paranaguá-Bucht der Fall ist. Wie immer zu viel zum Sterben, zu wenig zum Leben.

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III. Mit Maria fängt das heutige Paraty an!

Es ist nicht eindeutig geklärt, wo sich die indianische Siedlung mit dem Namen Paratii befunden hatte, auf die das heutige Paraty zurückgeht. Möglicherweise handelte es sich dabei bereits um eine feste Siedlung, doch gleicherweise wahrscheinlich ist ihr saisonaler Charakter, ein Siedlungsort also, der nur in der Winterzeit aufgesucht wurde, zur Zeiten der großen Laiche der Parati-Fische.

In der Sprache der Tupi-ÍIndios bezeichnet das Wort “I” Fluss oder Wasser und das Wort “Parati” eine besondere Fischsorte (angeblich Mugil curema), die ehemals in das seichte Wasser der Bucht zum Laichen kam. Es war ein Einfaches, die in Überfülle vorhandenen Fische einzusammeln, so dass die beiden Stämme der Tupi regelmäßig in der Winterzeit aus den hochliegenden Gebieten hierher kamen, um ihre Clans mit dem guten Fang (gesalzen und geräuchert) zu versorgen. Doch nicht nur das heutige Paraty sondern die gesamte große Bucht hatte einen überaus guten Ruf als an Fisch- und Meerestieren reiche Region, zudem durchzogen von kleinen und größeren, schiffbaren Süßwasserflüssen und durchströmt von frischer, gesunder Luft aus den Bergen. So ist auch noch ein anderer Ort mit dem Namen Parati bekannt, dem der Namenszusatz Mirim anhängt, was in der Sprache der Índios “klein” bedeutet, Parati-Mirim: der “Kleine Parati-Fisch” oder der “Kleine Fluss des Parati-Fisches”. Möglicherweise handelt es sich hierbei um den originären Ort der ersten Siedlungen, um das Ur-Paratii so zu sagen.

„Das Gewässer (Fluß ) des Parati-Fisches“ – das ist also der nicht ganz so kurze Name des Ortes in der `Übersetzung aus der Índiosprache. Keiner Fischt hier mehr – der Namensgebende Fisch ausgestorben – aber dafür ist der Ort heute zum Magneten für Tausende von Touristen einerseits, und von Drogenhändlern und ihren Abnehmern andererseits geworden.

Als das ursprüngliche Paratii noch von Índios bewohnt war, waren es die Jesuiten, die die Sprache der genuinen Bewohner Brasiliens lernten und sie ins lateinische Alphabet transkribierten. Wahrscheinlich um das ungewohnte doppelte i am Wortende für Portugiesen lesbarer oder aussprechbarer zu machen, transkribierten sie den Doppelvokal in ein y. So wurde aus Paratii das heutige Paraty. Die brasilianische Rechtschreibreform von 1942 wiederum war darauf bedacht, alles „Nicht-Brasilianische“ aus dem Alphabet zu streichen. Man degradierte das W zu V, das K zu Q und das Y zu I. Aus Paraty wurde wieder Parati nun mit einem i. Doch diese neuerliche Veränderung des historischen Namens war eine falsche Auslegung des dazugehörigen Paragraphen der Rechtschreibreform, in dem klar geregelt steht, dass die annullierten Buchstaben nicht historische, geographische Namen betreffen sollten. Zwar nahm man anschließend die Umbenennung wieder zurück, doch es war bereits zu spät, und man findet heutzutage sowohl das Parati der Rechtschreibreform als auch das historische Paraty. Nur das uralte Paratii der Índios ist zusammen mit der Vernichtung der beiden Volksstämme gründlich ausgemerzt worden. Um so erfreulicher ist es, dass der in Brasilien berühmte Segler und Kajakfahrer (von Kap der Guten Hoffnung nach Salvador nonstop) Amir Klink, der in Paraty die Marina Engenho betreibt, sein großes Polarexpedionsschiff auf den Namen “Paratii” taufte.

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Brasilianische nautische Karte von Paraty und der unmittelbaren Umgebung. Mit Markierungen an Land (von mir): im NW der Morro do Forte (heute Punta do Forte) mit der Ursiedlung Marias, der ehem. Flussverlauf Parequê-Acu, der ehem. Fluss Patitiba, sowie das ehem. Stadtareal unterhalb des Morro im NW und die Kernstadt, so wie sie heute als Altstadt bekannt ist. Gegenüber der Punta do Forte liegt das ehem. Fort Tapera auf der gleichnamigen Landspitze (das Fort selbst ist nicht markiert). Darüber hinaus kann man deutlich die Versandung des Hafens und der gesamten Bucht auf der nordwestlichen Seite erkennen.

Erst mit dem Jahr 1630 haben wir verbürgte Kenntnis über eine tatsächliche Nutzung eines ca. 7 km großen Areals, das in unmittelbarer Nähe zu dem heutigen Ortskern von Paraty an Maria Jácome de Melo verpachtet wurde. Der Landbesitzer, der, wie es in der Zeit üblich war, vom portugiesischen König große Latifundien in Brasilien geschenkt bekommen hatte, mußte die Auflage erfüllen, dieses Land binnen vier Jahre zu kultivieren. Dementsprechend verpachtete er einen Teil des Landes an Maria Jácome de Melo und verband diese Pacht seinerseits mit der Auflage, es möge eine Kapelle erbaut werden, die dem Heiligen Rochus geweiht sein sollte. Diese Auflage scheint Maria Jácome de Melo noch im selben Pachtjahr erfüllt zu haben: Sie ließ eine Kapelle auf dem Morro do Forte (“Starker/wehrhafter Hügel”) bauen. Die Lage war gut gewählt und so entstand neben oder rund um die Kapelle die Wohnstaat der Pächterin selbst.

Das ist die erste feste Niederlassung und der Grundstein für Paraty von heute. Vom Hügel aus konnte jedes feindlich oder freundlich gesinnte Schiff und landseitige Annäherung rechtzeitig beobachtet werden. Heute befindet sich auf dem nun wieder bewaldeten Hügel ein altes Fort, das besucht werden kann. Maria hatte sicherlich ihrerseits alle Bäume abgeholzt.

Geht man einen kleinen Trampelpfad an der felsigen Hügelflanke zum Meer hinunter, und läßt sich nicht von den mahnenden Schildern nicht abschrecken, so eröffnet sich einem der gleiche Ausblick über die Einfahrt in die Bucht von Paraty, den auch Maria 1630 dazu bewogen haben mag, hier ihre Häuser samt der Kapelle entstehen zu lassen.

P1050139Der Fort, erbaut im 18. Jh., steht sicherlich auf den Fundamenten der ehemaligen Häuser und der Kapelle von Maria Jácome de Melo.

P1050141Kuriosum. Gefährliche Tiere: Hoher Index bezgl. Unfälle mit Austern.

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1646, sechzehn Jahre später, beschließt Maria Jácome de Melo ihr Land unterhalb des Morros aufzuwerten (sie wird nun als Landbesitzerin geführt), das sich offenbar noch nicht wesentlich entwickelt hat. Sie öffnet das sumpfige und für sie offenbar unfruchtbare Land unterhalb des Hügels, das zwischen den beiden Flüssen Perequê-Açu und Patitiba liegt, für den Bau einer Siedlung. Bevor die Schenkung wirksam werden kann, muss eine Kirche entstehen, die der Nossa Senhora dos Remédios („Unserer Lieben Frau der Heilungen“) gewidmet sein soll. Die Siedler lassen nicht lange auf sich warten. Die Geschichte wiederholt sich: Tatsächlich bauen sie noch im selben Jahr die erste Kirche der neuen Siedlung nahe dem Fluss Perequê-Açu. Damit war die einzige Auflage von Maria Jácome de Melo erfüllt.

Erst mit dieser Freigabe des relativ kleinen und unfruchtbaren Stück Landes von circa 1,3 Quadratkilometer wurde der Weg geebnet für die Errichtung eines schon bald berühmten Ortes. Wer hätte gedacht, dass die Entstehung von Paraty auf eine Frau zurückgeht und ihre kluge Entscheidung, den wertlosen Teil ihrer Ländereien als Schenkung an Siedlungswillige abzugeben.

Die erste neu entstehende Kernsiedlung befand sich unmittelbar unter dem Morro und reichte in etwa bis zu dem heutigen Hauptplatz vor der Kirche. Allerdings, und das ist eine wichtige Tatsache, trennte der Fluss noch nicht diese beiden Stadtteile voneinander, sondern verlief weiter nördlich um den Hügel herum. Von dieser ersten Siedlung ist heute – soviel mir bekannt – nichts übrig geblieben.

DSC_1570Paraty vom Morro aus gesehen.

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P1050126Der Fluß Perequê-Açu mit der Hauptkirche der Stadt (gesehen vom gegenüberliegenden Ufer der Altstadt). Wie man unschwer erkennen kann, ist die Stadt nicht, wie so häufig gesagt wird, autofrei. Der Fluß hat hier historisch betrachtet Unheil gestiftet, indem er diese neue Mündung von beachtlicher Breite schuf und damit den alten Stadtkern bedeutungslos machte. Was er gleicherweise schuf, ist diese wunderbare an Venedig erinnernde Stimmung.

Bereits im Jahr 1650, das heißt nur vier Jahre nach dem Schenkungsakt, zählte die Siedlung mehr als 800 Einwohner, wobei man die indigenen Bewohner nicht mit eingerechnete. Zurecht fragt man sich, was wohl in so einer kurzen Zeit passiert sei, dass die Siedlung nicht nur wuchs, sich eine neue Hauptkirche aus verputztem Stein leisten wollte, die 1668 anstelle der alten vollendet wurde, sondern vor allem vom portugiesische König Alfons VI. die Bezeichnung “Ortschaft” zugesprochen bekam.

Zusammen mit der königlichen Aufwertung bekam die Ortschaft ihren offiziellen Namen Villa de Nossa Senhora dos Remédios de Paraty, der ihr am 28. Februar 1667 verliehen wurde und daher als Gründungsdatum von Paraty gilt, obwohl der Ort zu diesem Zeitpunkt bereits 3000 Bewohner zählte und wirtschaftlich längst ein wohlhabendes Städtchen geworden war. Sein Wohlstand basierte auf Maniok- und vor allem Zuckerrohrplantagen, die wiederum für die Produktion von Zucker, Mehl und Aguadente (Cachaça-Schnaps) sorgten. Am Anfang seiner Entstehung im 17. Jh. bildeten die Besitzer der Zuckerrohrmühlen und die Plantagenbesitzer die Elite der Siedlung. Ihre ersten Stadthäuser waren nach dem Prinzip der Hauptkirche gebaut: aus Holz, Lehm und Stroh. Es waren nur wenige Häuser von dieser Qualität und sie überstanden die spätere Stagnationszeit von Paraty nicht, sie sind spätestens jetzt, im Zuge der ungesteuerten Modernisierungen, abgerissen worden.

Die wohlhabendsten Menschen dieser Anfangszeit waren also keine Städter im eigentlichen Sinne, sie lebten auf ihren Plantagen oder Destillerien, so dass die interessantesten architektonischen Zeugnisse dieser frühen Siedlungszeit nicht in der Stadt, sondern auf dem Land zu finden sind. Begibt man sich heute auf die Suche nach den alten Herrensitzen, so wird man sicherlich noch einige Ruinen aus dem 17. Jh. in der Region um Paraty vorfinden. Sie sind, wie so vieles Historische in Brasilien, im Verschwinden begriffen.

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Die alte Villa der Familie Mann war im Ursprung eine alte Destillerie, die sicherlich über entsprechende Zuckerrohrplantagen verfügte. Hier lebte ihre ersten sieben Jahre Julia Mann, die Mutter von Thomas Mann. Die Villa Boa Vista gehört wahrscheinlich Amir Klink (keiner weiß es so genau). Sie verfällt unwiederbringlich vor den Toren Paratys in der unmittelbaren Nähe der Marina Engenho, die gleicherweise Klink gehört.

Paraty profitierte überraschenderweise von seiner Sackgassen-Lage (hohe Berge, undurchdringliche Wälder auf der einen Seite und das Meer auf der anderen), denn es verfügte über den einzigen brauchbaren Weg, der São Paulo, Santos und Rio de Janeiro verband, jene wirtschaftlich mächtigsten Städte dieser Zeit und bis heute. Darüber hinaus konnte es einen geschützten Hafen mit schnellem Zugang zum Meer und viele ankertaugliche Buchten bieten. Der Landweg hingegen war jene alte Verbindung, die der Índio-Stamm der Tamois anlegte und die die Tupiniquins an die Portugiesen verrieten. So heißt der Weg über die Gebirgskette, die das Hochland von dem Meer trennt, sowohl Camino Guaianá, benannt nach dem Stamm (eigentlich Tupiniquins), der mit den Portugiesen zusammenarbeitete (s.o.), der Camino Serra do Facão (“Landweg der Machete”), was auf die Beschaffenheit des Verbindungswegs hindeutet. Der Seeweg von Rio nach Paraty dauerte damals fünf Tage, der besagte Landweg von Paraty nach São Paulo zehn bis fünfzehn Tage. Diese strategische Position von Paraty mit ihrem Hafen und dem einzigen einigermaßen ausgebauten Landweg machte die Stadt wohlhabend. Sie verdiente nicht nur an den Transportwegen, sondern auch an dem stetig ansteigenden Bedarf an Arbeitskräften, die bei den riesigen Plantagen genauso wie bei dem Warentransport notwendig waren. Paraty wurde auf diese Weise zum größten Marktplatz des Sklavenhandels. Im Angebot standen die eingefangenen, teils auch die verbündeten Índios als auch die aus Afrika verschleppten Schwarzen.


IV. Der Goldrausch (1700-50)

Die strategische Position Paratys zahlte sich tausendfach aus, als in Brasilien Gold, Diamanten und andere Edelsteine entdeckt wurden.

Im Landesinneren entstanden die sogenannten Minas Gerais (“Allgemeinen Minen”), die tausende von Glückssuchern für Jahrzehnte anzogen. Doch seinen Findern stand es nicht ganz frei, mit dem Gold nach Lust und Laune zu verfahren. Die gefundenen Mengen mussten an offiziellen Stellen gemeldet und an diese verkauft werden. 20 Prozent des Verkaufswertes wurde an den Staat (Portugal!) abgeführt.

1702 war ein entscheidendes Jahr für Paraty, in dem der Gouverneur von Rio de Janeiro zur besseren Kontrolle über das Wertvollste und einige, das die Portugiesen interessierte, bestimmte, dass das Gold aus den Minas Gerais nur im Hafen von Paraty verladen werden durfte. Bereits 1703 folgten die notwendigen Registrier- und Zollhäuser, in denen die Goldfinder ihre Funde verkaufen und die vorgeschriebenen Prozente an den Staat abführten. Selbstverständlich mussten in dieser Zeit auch die nicht minder nötigen Verteidigungsanlagen entstehen, die die kostbare Ware vor allen potenziellen Angreifern schützen sollten. Es verwundert nicht, dass der Hügel Morro do Forte, auf dem Maria Jácome de Melo ihre kleine Siedlung samt Kapelle baute, zum Errichten des städtischen Forts auserkoren wurde. Es steht wahrscheinlich auf den Grundmauern der alten Häuser der Initiatorin von Paraty. Auch auf der anderen Seite der Baia de Paraty, auf der Landzunge Tapera entstand ein zweiter Fort.

P1050637Fort Tapera, nicht viele der ausländischen Segler oder Touristen kennen es, wurde am linken Ufer der großen Bucht von Paraty erbaut. Zu besichtigen sind dort leider nur wenige Mauerreste, ein gepflegter Rasen und einige Kanonen, nebst einem sehr schönen Sonnenuntergang.

150 000 Portugiesen erreichten in dieser Zeit auf dem Seeweg Paraty, um von hier aus weiter auf dem einzig existierenden Landweg in die Minen zu gelangen. Da Paraty aufgrund ihrer Lage zwischen Meer und Bergen keine Möglichkeit hatte, eine agrikulturelle Einnahmequelle von größerer Ordnung selbst zu werden, verlegten sich ihre Bewohner ausschließlich auf den Handel. Paratys Hafen wurde zum zweitwichtigsten in ganz Brasilien, übertroffen nur von Rio de Janeiro. Tatsächlich aber verdiente Paraty nicht viel an dem Goldregen selbst. Zwar wurden 20 Prozent des Goldfundes jeweils vor Ort an die Staatskasse abgeführt, doch gelangte das Gold nicht in den städtischen Umlauf. Die Obrigkeit war darauf bedacht, die Unterschlagung des Goldes durch bspw. eine schnelle ‚Umarbeitung‘ in Schmuck und andere (Gebrauchs-) Gegenstände, zu unterbinden. Zur besseren Kontrolle erlaubte sie also den Goldschmieden sich nur in einer bestimmten Straße in Paraty niederzulassen.

Die Huren – eine übliche weltweite Praxis, die auch in heutigen (Hanse-) Städten wie Hamburg oder Bremerhaven praktiziert wird – bekamen eine andere Straße zugewiesen. Angeblich die heutige Rua del Fuego – die „Straße des Feuers“ -, weil dort zur Desinfektion vor die Häuser Rauchgefäße hingestellt wurden. Mit dem Nebeneffekt, dass die Straße so eingenebelt war, dass man die verheirateten Freier nicht erkennen konnte. Eine nette Geschichte, doch recht unwahrscheinlich, hat sich doch noch nie ein Verheirateter davon abhalten lassen, Hurenhäuser auch am helllichten Tage zu besuchen. Sicherlich nichts verwerfliches in Brasilien.

Als 1710 der Caminho Novo, der “Neue Weg”, von Rio de Janeiro direkt zu den Minen beendet wurde, war er 25 Tage kürzer als die bisherige Verbindung über Paraty. Der ehemalige Guaianá– oder Facão-Weg wurde somit zum Caminho Velho, dem “Alten Weg”, dessen Benutzung für ein Jahr verboten wurde, um in dieser Zeit die Kontrolle über die Goldbewegungen zu behalten. Der neue Weg war nicht besser als ein durch den Wald und Busch mit der Machete geschlagener, kaum geebneter Pass, so dass die Waren nur auf Schultern und Köpfen der Sklaven getragen werden konnten, hingegen auf dem alten indianischen Weg auch Mauleseln eingesetzt wurden. Es dauerte nicht lange, und die Arbeiter in den Minen verfügten über nicht mehr genügend Lebensmitteln und Werkzeuge, der Nachschub stockte auf dem “Neuen Weg”. Die Situation drohte zu eskalieren, so dass die Obrigkeit sich genötigt sah, den alten Weg wieder zu öffnen, wenn auch nur in eine Richtung. Der Rückweg musste weiterhin über den Caminho Novo geschehen.

Von dieser schwierigen Versorgungslage in den Minas Gerais profitierte Paraty dank jener Minenarbeiter, die plötzlich zu viel Geld gekommen sind, das sie aber nicht wußten, wie (sinnvoll) auszugeben. So wurde Paraty zum Umschlagplatz für Waren aus Europa (Wein, Oliven und Olivenöl, Kupferkessel u.v.m.), noch mehr Sklaven aus Afrika und allerlei Tand und Huren aus Rio. Und damit wurde Paraty auch selbstverständlich zum Hauptsitz der zunehmend wohlhabender werdenden Händler, Zwischenhändler, Arbeiter und Bauern. Denn die Händler begriffen, dass man nicht nur Lebensmitteln per Schiff einführen, sondern selbst Produzent werden konnte. So baute man in der Umgebung von Paraty bald Bohnen, Cassava, Weizen und verschiedenes Gemüse an und stellte Rapadura (eine brasilianische Spezialität aus gekochtem Rohzuckersaft), Eier, Speck, Aguadente (einfach fermentiertes und destilliertes Zuckerrohrschnaps) her, um es in die Minen zu verschicken.

P1050683Die Mehrzahl der Häuser aus dem 18. Jh. war einstöckig. Sie bestanden mehr aus Türen als aus Fenstern, waren mehr Lager- und Verkaufshäuser als dass sie Wohn- und Komfortraum boten.

 

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Noch 1717 zählte Paraty nicht mehr als 50 Häuser, die Pier war im schlechten Zustand, so dass die Beladung und Ausladung auf dem Strand oder an den Flußufern vonstatten gehen musste. Ein neuer, vielleicht aus Stein gebauter Hafen wurde erst 1726 vollendet. Der weiterhin schlechte Zustand des Caminho Novo ließ den Handel in der Stadt dennoch weiter gedeihen und die Zuwandererzahlen in Paraty stiegen. Neue Kirchen wurden gebaut und die Hauptkirche wurde durch eine zeitgemäße, große Steinkirche ersetzt.

Ab der zweiten Hälfte des 18. Jh.s wuchsen die Häuser in die Höhe und mit dem großen Geld der Händler auch der ästhetische Anspruch auf Representation. Doch die Händler blieben – wie man es bspw. von den Hanseaten her kennt – sich und ihrem Beruf treu, und gewährten der Ästhetik nur soviel Raum, wie der Pragmatismus es ihnen erlaubte. Nichtsdestotrotz entstehen in dieser Zeit viele der heute bewunderten Häuser. Sie wurden nicht nur auf den Grundmauern der einst einfachen, einstöckigen Vorgängerbauten errichtet, viel häufiger – im Namen des Pragmatismus – verwendete man die alten Gebäude, indem man einfach diese „so wie sie waren“ aufstockte. Eine andere Methode bestand darin, die benachbarten Gebäude aufzukaufen und in den eigenen Wohn- und Handelsraum zu integrieren.

Die Methode des Aufstockens erkennt man noch heute an den Eingangstüren und Fenstern, die im Parterre bzw. im ersten Stock einfache, gerade Abschlußbalken haben, hingegen die oberen Stockwerke geschwungene, “moderne” Abschlüsse vorweisen.

Im Jahr 1790 schließlich bestand die Stadt aus 392 Häusern, davon 35 mit mehreren Stockwerken, und die Population wuchs auf knappe 7000 Einwohner. Aber zuvor geschah etwas folgenreiches für die Stadtentwicklung: 1728 veränderte der Fluß Perequê-Açu sein Flußbett (s. Abb. nautische Karte oben)!

Er hörte auf, in die Bucht von Jabaquara nördlich des Morro zu münden und verlagerte sich auf den Pontal-Strand, wo die Flußmündung heute noch ist. Der alte Stadtkern zu Füßen des Morro do Forte mit der, wenn man so will Keimzelle der Siedlung, die daher auch Vila Velha (“Altes Dorf”) genannt wird, wurde von der übrigen Stadt separiert und verlor an Bedeutung bis es schließlich gänzlich aufgegeben wurde. Um 1800 bestand das “Alte Dorf” nur aus Hausruinen. Heute ist diese Gegend längst wieder bewohnt, dominiert wird sie aber vor allem von einer großen Veranstaltungshalle, in der unterschiedliches, aber vor allem das berühmte Literaturfestival FLIP stattfindet. Neben vieler Neubauten entdeckt man noch einige alte, meist leider ruinöse oder verwahrloste, Häuserzeilen aus dem frühen 20. Jh.

Eine weitere Konsequenz der Veränderung des Flußverlaufs bestand in der Versandung des Hafenbereichs, der zwischen den beiden, nun näher aneinandergerückten Flußausgängen liegt. Große, tiefgehende Schiffe konnten die Stadt nicht direkt anlaufen und mussten weit davor gelöscht werden. Aber auch die Stadt änderte ihre Struktur, denn nun lag beispielsweise die „Rua Dona Geralda“, die damals noch „Rua Praia“ („Strandstraße“) hieß, nicht mehr am Strand, sondern entfernte sich von dem Wasserpass. Das ist passive Landgewinnung, die mittlerweile zwei zusätzliche Straßen mehr bedeutet.

Paraty verlor dennoch ab 1725 stetig an Bedeutung, als der Caminho Novo da Piedade (“Neue Fußweg”) fertiggestellt wurde, und nun auf dem Landweg São Paulo mit Rio de Janeiro verband, ohne dabei Paraty zu berücksichtigen. Schließlich, zwischen 1750 und 1800, verringerte sich der Handel in Paraty deutlich, die Stadt stagnierte zum ersten Mal augenfällig, was nicht nur mit den neuen Wegen in Zusammenhang zu sehen ist, sondern auch mit dem versiegenden Goldadern. Unabhängig von der reduzierten Handelstätigkeit konnte sich Paraty als Produktionsstätte von Nahrungsmitteln und dem alkoholischen Getränk Aguadente bzw. Cachaca halten und für die letztgenannten sogar zu einer marktführenden Position aufschwingen. Die Anbaugebiete lagen in dem Paraíba-Tal und wurden von großen Fazendas aus bewirtschaftet.


Ein Exkurs: Die Kirchen und Kapellen

Die schönste Kirche und das meist fotografierte Objekt von Paraty, ganz besonders, wenn man vom Wasser aus in die Stadt kommt, ist die Igreja da Santa Rita. Ich selbst habe sie dutzende Male fotografiert, im morgendlichen Nebel, in mittäglicher Hitze, am touristischen Nachmittag, bei Festbeleuchtung nachts, und ganz besonders während der „Aqua Alta“ – dem Hochwasser zum Vollmond. Eingeweiht wurde Santa Rita am 30. Juni 1722.

Sie ist die älteste erhaltene Kirche der Stadt, nachdem man sowohl die Kapelle des Sankt Rochus, das erste feste Gebäude von ‚Ur-Paraty‘ überhaupt, das auf dem Morro Forte von der Gründerin des Ortes erbaut wurde, als auch die erste Hauptkirche des Ortes abgerissen, sowie die Igreja do Mamanguá verfallen lassen hat (alle im Ursprung aus dem 17. Jh.).

Man blickt auf die Kirchen der Stadt anders, wenn man weiß, dass sie nicht nur die Glaubensgemeinschaften und den Geldbeutel der Erbauer widerspiegeln sondern auch die Hautfarben ihrer Gläubigen. Diese Praxis ist in ganz Brasilien bis ins 19. Jh. hinein zu beobachten und hat ihre Wurzeln in dem Sklavensystem (Schwarze, Mulatos, Indios) der weißen Christen, wobei dem Gesetz nach nur die getauften Indios mit den weißen Christen gleichgestellt waren, heißt: die gleiche Kirche betreten durften. Auch dies wohl eher ein ‚theoretisches Gesetz‘, an das sich wohl nur die Jesuiten gehalten haben.

Nossa Senhora do Rosário („Unsere Liebe Frau vom Rosenkranz“) und São Benedito waren Kirchen, die von Schwarzen besucht wurden, wohingegen Nossa Senhora das Dores („Unsere Liebe Frau der Sorgen“) von der weißen Elite des Ortes frequentiert wurde. Die Hauptkirche, die Nossa Senhora dos Remédios („Unsere Liebe Frau der Heilmitteln“) wurde gestiftet von gewöhnlichen weißen Arbeitern und Fischern.

Der Architekt der futuristischen Hauptstadt Brasília – Lúcio Costa – hat Santa Rita als ein der „schönsten Beispiele für religiöse Architektur“ betrachtet und die vielen Details wie die Metallarbeiten an den Balkonen, den Hahn der Wetterfahne, die Uhr in der Fassade, die Holzschnitzereien an den Türen und Altären hervorgehoben. Heutzutage ist die auch im Inneren sehr schöne Kirche ein Museum für Sakrale Kunst und nur an bestimmten Tagen im Kirchenkalender findet eine feierliche Prozession zwischen Santa Rita und der Matriz (Hauptkirche) von Paraty statt.

Der kleine Anbau links an der Kirche gehört zum Friedhof der Brüderschaft aus dem 19. Jh., wo die Brüder in Nischengräbern in den Wänden beigesetzt wurden (teilweise zu besichtigen auf Anfrage).

Es heißt, viele Menschen glauben oder glaubten, dass das Wasser aus dem Brunnen auf dem Kirchvorplatz wundertätig und heilend ist.  Wir habe es nicht getestet, das dreckige Hochwasser drum herum machte die heilige Wirkung nicht glaubwürdig.

Mir ist bereits in Bahía, insbesondere auf dem Fluß Paraguacú aufgefallen, dass die Kirchenfassaden alle zum Wasser – ob Fluß oder Meer – hin ausgerichtet sind. So auch in Paraty, wo sie alle auf die große Lagune, die das Tor zur Welt war, blicken. Dies ist eine schöne, vermutlich nicht katholische Sitte, die an die Verehrung der Meeresgötter/Innen, insbesondere der allgegenwärtigen Yemanjá denken läßt. Doch wie so häufig kann der christlich-katholische Glaube gut alles fremd-sakrale absorbieren und dabei an rituell reinigendes Wasser, ganz zu schweigen von der Verbindung zu Jesus als Fischer, anschließen.

Eine historische Aufnahme (s.u.). Man erkennt deutlich den schlechten Zustand, in der sich die Stadt, hier die Kirche in den 1910er bis 1950er Jahren befand:

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P1050676Mit dem Wasserbrunnen, der heilen soll.

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Die Nummer Eins unter den Kirche am Ort und bis heue die Hauptkirche (Matriz), die Igreja Matriz de Nossa Senhora dos Remédios, war um 1646 zunächst eine einfache Fachwerkkonstruktion aus Lehm mit Strohdach, doch waren die ersten Behausungen um sie herum womöglich noch viel einfacher. Die Siedlung wuchs um diese Kirche herum, so wie ehemals Maria Jácome de Melos Häuser um ihre Kapelle des Hl. Rochus entstanden. Der zweite Neubau von 1668 war bereits aus verputztem Stein  und ersetzte den ersten, der entweder die Gemeinde nicht mehr aufnehmen konnte oder einfach zu baufällig wurde. Auch diese zweite Kirche wurde zu klein für die stetig wachsende Gemeinde, so dass man 1787 den dritten und letzten Bau in Angriff nahm, der erst – Geldmangel, Desinteresse? – 1873 vollendet wurde.

Bei der Einweihung der Kirche wurden einige Heiligenfiguren aus der Kirche Santa Rita übertragen – dieser symbolische Bildbewegung wird am Tag “Nossa Senhora dos Remédios” mit einer feierlichen Prozession wiederholt.

Die Matriz grenzt an den größten offenen Platz der Stadt, die „Pracça da Matriz“, an dem sich Bars und Restaurants aneinanderreihen. Noch bis heute wirkt der Platz (auf mich) irgendwie ungestaltet, es ist ein Ort angesiedelt zwischen Parkplatz, Spielplatz, Park, Rummelplatz und Sportplatz. Sieht man von der heutigen unattraktiven Gesamtwirkung ab, bezeugt er historisch betrachtet gerade darin eindrücklich die schwierige Zeiten der Stagnation, das Fehlen an Geld und Zukunftsperspektiven, die nicht nur den Platz, sondern auch die Kirche mit ihren unfertigen, zu kleinen Türmen und Unregelmäßigkeiten in den Wänden im Grunde unvollendet beließen. Als 1863 der portugiesisch-brasilianische Kaiser Dom Pedro II. Paraty besuchte, trug er bezeichnenderweise folgende Notiz in sein Tagebuch ein: “Sie [die Kirche] ist groß, mit zwei Türmen und fehlender Übereinstimmung. Sie [die Stadtväter?] fragen die Provinz um finanzielle Unterstützung.”

Die Hauptkirche ist im Ursprung die Kirche der (weißen) Fischer und Arbeiter. Als dritter ‘Neubau’ ist sie im  19. Jh. in manieristischem Stil vollendet, was sich insbesondere in der Innenausstattung bemerkbar macht. Beachtenswert ist ihr ältestes Ausstattungsstück: die aus der ersten Kapelle des auf dem Morro Forte erbauten Ansiedlung transferierte Figur des Heiligen Rochus. Diese alte Figur hätte ich gerne gesehen, wäre sie mit Abstand das Älteste (Kunstwerk), das das christliche Brasilien zu bieten hätte. Aber ich fand sie nicht, hingegen wirkte die von mir gesehene Rochus-Figur auf mich wie eine Arbeit aus dem späten 18. oder frühen 19. Jh. …

Interessant ist hingegen, dass man bei Restaurierungsarbeiten in dieser Figur, genauer: in dem Holzhut, eine Notiz vom 26. September 1863 fand, die die Namen Marçal José de Lima und Dona Geralda Maria da Silva aufführt. Ob  Marçal José de Lima der Holzschnitzer war, konnte ich nicht eruieren, doch Dona Geralda Maria da Silva ist mit Sicherheit die Donata der Figur oder vielleicht des gesamten Altares. Sie war eine unverheiratet gebliebene Tochter von wohlhabenden Bananen-Farmern, die ihr ein beachtliches Auskommen hinterließen. Sie widmete ihr Leben der Armenfürsorge und verhalf finanziell dazu, dass die Matriz überhaupt fertig gestellt werden konnte. Dom Pedro II. verlieh ihr während seines Aufenthalts in Paraty den Titel „Dona Honor“. Sicherlich kein Zufall, dass der Zettel im Hut der Rochus-Figur vom selben Jahr stammt.

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P1050117Der Altar mutet gewöhnungsbedürftig an, erinnert er mich im Aufbau an gestaffelte Särge, und ist in brasilianischen Kirchen jedoch eher Usus. Erst wenn man die Kirche festlich geschmückt sieht, begreift man, dass die vermeintlichen Särge Podeste für Tausende von Blumen sind, die das Erscheinen dieser nüchternen Aufreihung gänzlich verändern.

Nossa Senhora das Dores steht prominent in der ersten Reihe an der Meeresbucht und wurde im Jahr 1800-1820 von der damalige weiße Elite der reichen Händler der Stadt erbaut. Doch schon bald war sie im Zuge der allgemeinen Stagnation der Geschäfte aufgegeben worden. Erst 1901 hat sich die Schwesternschaft, die Irmandade de Nossa Senhora das Dores, ihrer angenommen und sie umgestaltet. Die ursprüngliche Planung sah zwei Türme vor, aus Geldmangel wurde nur ein vollendet . Auch diese Kirche verfügt über ein Kolumbarium, das heißt einen Anbau oder Kapelle für die Urnenbestattung in Wandnischen. Einige Details – Ausformung des Turms, Holzschnitzereien, Wetterhahn – erinnern stark an die Igreja da Santa Rita. Und wie bei dieser ist auch die Lage der “Capelinha”, wie sie heutzutage genannt wird, unübertroffen schön. Sie wird jetzt als Ort für verschiedene kulturelle Veranstaltungen genutzt.

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Inmitten der Altstadt und doch kaum beachtet: Die schlichte weiße Fassade der Nossa Senhora do Rosário (Foto oben) am Ende der Gasse zu sehen. Ehemals eine Kirche der Schwarzen, und damit vor allem der Sklaven. Gebaut zwischen 1725-57 in manieristischem Stil, der sich vor allem Innen zu erkennen gibt. Zu der Innenausstattung gehören unter anderem ein Christalleuchter und vergoldete Altäre – da die Kirche immerzu geschlossen war, konnten wir diese Pracht nicht betrachten.

P1050663Bereits schon auf der anderen Seite der ‘autofreien’ Altstadt fanden wir diese alte Kapelle, Capela de Santa Cruz da Generosa.

Die Capela de Santa Cruz da Generosa ist eine interessante Entdeckung mit einer nicht untypischen, ich möchte fast sagen „schönen“ Sage, doch schön ist die Geschichte nicht, denn sie bezeugt kleinheimlich wie christlicher Spontanglaube sich mit Rassismus verbindet . Es heißt, es war am Karfreitag als der Schwarze, genannt Negro Teodoro, ein von Senhor José Quadrado freigelassener Sklave, gegen die christlich-kirchlichen Vorschriften handelte und sein Netz  á la „uma tarrafeada“ (besondere Art mit Netzen vom Ufer aus zu fischen) im Fluß auswarf. Da verfing sich eine Masche an seinem Hemdknopf und zog den Mann bis auf den Grund des Perequê-Açu. Ehe jemand zur Hilfe kommen konnte, ertrank der Unbesonnene.

Die Dame Maria Generosa, die in der Nähe wohnte, legte das Versprechen ab, zur Sühne und wohl auch als Führbitte für die arme Seele, ein Zedernkreuz zu stiften und an der Unglücksstelle aufzustellen. Doch die Zeit verging und die Dame hat ihr Versprechen vergessen. Bis eines Tages ihr Gevatter zu Besuch kam, und ohne dass er Kenntnis von ihrem heiligen Versprechen hätte sie nach frischem Zedernholz fragte, da er das in ihrem Hause deutlich zu riechen vernahm. Da besann sich Maria Generosa auf ihr gegebenes Versprechen und ließ ein Kreuz an der Unfallstelle errichten. Beglaubigt ist, dass 1901 die Kapelle in der Nähe  des Flusses gebaut wurde. Am Altar stehlt ein kleines (Zedern-?) Kreuz und eine Lampe.

P1050149Verkommen zu einem Geräteschuppen: die Kapelle des alten Friedhofs oberhalb der Stadt.

V. Kaffee: das neue Gold von Paraty (1800-70)

Kaum zu glauben, aber Paraty sollte erst ab 1800 ihre Blütezeit erleben, in einer Zeit also, als die Stadt bereits durch die neuen Landverbindungen zwischen São Paulo und Rio de Janeiro totgeweiht war.

Ihre “goldene Zeit” kam mit dem europäischen Boom auf Kaffee. Dieser übertraf bei weitem den Gold- und Zucker-Rausch. Paraty profitierte dieses Mal von der Nähe zu dem überaus fruchtbaren Paraíba-Tal, das bereits in den Jahren zuvor gerodet und landwirtschaftlich ausgenutzt wurde. Nun baute man verstärkt Kaffeepflanzen, neben Zucker und Tabak, an. Es sein nur daran erinnert, dass auch der deutsche Unternehmer Dannemann, von dem ich bereits aus São Felix (Bahía) berichtete, seinen Tabak dort anbaute, wo zuvor der Mata Atlântica wuchs, und mit dieser Investition seine Firma bis heute noch floriert. Allein das ökologisch-korrekte Gewissen hat sich gewandelt, so dass die Firma nun die kahlen Flächen mit Bäume bepflanzt (wir haben eine kostenlose Pflanzenspende getätigt).

Mit dem enormen Bedarf an Kaffee wuchs erneut der Bedarf an Sklaven. Der Handel blühte in Paraty auf in einer bisher nie dagewesenen Größenordnung. Mehr als 200 000 Lastentiere passierten die Route Paraty-Rio de Janeiro mit all den Gütern, die Rios Märkte haben wollten. Zahlreiche Waren- und Lagerhäuser wurden in Paraty erneut eingerichtet und Kaffee gelagert. In der gleichen Zeit profitierte Paraty zusätzlich von dem veränderten politischen Zustand im Lande, als nämlich 1808 die Königsfamilie und ihr Hofstaat von Portugal nach Brasilien flüchtete (vor den Franzosen und den mit ihnen verbündeten Spaniern) und in Rio ihre neue Königliche Hauptstadt entstehen ließ.

Der Bedarf an Gütern stieg dementsprechend vor allem in Rio und seiner Umgebung explosionsartig an, so dass der reguläre Schiffsverkehr auf mehrere Segelschiffe und ein Maschinenboot zwischen Paraty und Rio aufgestockt werden musste. Gleichzeitig legte man einen neuen Weg in der Nähe des bereits vorhandenen Caminho do Ouro an, nun aber mit Steinen gepflastert, so dass den “tropeiros”, den Mulatenhändlern, ein sicherer und schnellerer Weg für ihre Warentransporte zur Verfügung stand.

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1808 wuchs die Population Paratys bereits auf über 6000 Einwohner. In dieser Zeit des Wohlstands und des Wachstums konnte man sich sowohl eine neue Kirche leisten, Nossa Senhora das Dores (“Unser Lieben Frau der Sorgen”) entstand, als auch alle Straßen mit Steinen pflastern.

Mit dieser rasanten Entwicklung der Stadt wurde eine Neustrukturierung erforderlich. Man erließ im Jahr 1829 eine offizielle Verordnung, “Registro de Posturas da Câmara Municipal da Villa de Paraty”, die in mehreren Punkten den Bau von Häusern in der Stadt standardisierte, wobei auch dem Wunsch nach Repräsentation und ästhetischer Gestaltung entsprochen wurde. Der gesellschaftliche Rang und sogar die genaue Familienzugehörigkeit konnte an Schmuckelementen, ihrer Symbolik und am verwendeten Material erkannt werden, besonders bei der Gestaltung des Dachgesims.

Paragraph 3 setzte fest: “Die Gebäude sollen auf Stützen und Pfeilern aus Stein und Kalk gebaut werden. Die einstöckigen Häuser sollen circa vier Meter in der Höhe und die zweistöckigen sollen circa acht Meter in der Höhe betragen, inklusive Holz (sic.). Die Türen und Fenster sollen 1,10 Meter breit und in Höhe sollen jene zwölf und diese sieben Meter sein. […]”
Paragraph 5: “Die neuen Gebäude und die umgestalteten sollen die Außenfront bis zur Höhe der Decke verzieren.”
Paragraph 10: “Die Personen, die viel verdienen […], müssen es [Gebäude?] mit verputzen Wänden versehen. […].”
Paragraph 12: “Es  ist verboten strohgedeckte Dächer zu verwenden in Häusern innerhalb der Ortschaftsgrenzen.”

Die Alkoven stellen ein kurioses Detail der kolonialen Architektur dar, und verweisen deutlich auf europäische Vorbilder. Sie stellen Räume ohne eigene Belüftung oder Fenster dar, die sich im Zentrum der Haushalte befinden, und wahlweise als Hauskapellen, Schlafräume oder als Vorratskammer genutzt wurden. So maximierte man den durch Assimilierung benachbarter Gebäude gewonnen Wohn- und Arbeitsraum.

Das 19. Jh. entwickelt eine großzügige Architektur, die von der Idee der Privatheit zeugt. So bekamen Türen und Fenster Blenden, um den Blick auf das Innere der Wohnstätten zu verhindern. Glasfenster, die sich im “Guillotine-Stil” öffnen ließen, wurden von der königlichen Familie nach Brasilien am Anfang des 19. Jh.s eingeführt. Sie haben sich ganz offenkundig großer Beliebtheit bei den wohlhabenden Bürgern erfreut.

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1830 verzeichnete die Stadt 400 Häuser, davon 40 mehrstöckig, und circa 10 000 Bewohner, davon 3000 Sklaven. Schließlich erreichte die ehemalige Siedlung den offiziellen Status einer Stadt mit entsprechenden Stadtrechten. Geschäftshäuser und Warenhäuser dominierten die Architektur im Stadtzentrum, Türen anstelle von Fenstern bestimmten weiterhin das Aussehen des Parterre, das dem Handel und den Waren vorbehalten war, hingegen die Bewohner in den oberen Stockwerken lebten. 1850 zählte man bereits 16000 Einwohner, doch der Wohlstand der Stadt blieb – wie immer – auf nur einige wenige Familien verteilt.

Das urbare Land zwischen Meer und Bergen war nicht nur relativ schmal, sondern zudem von unzähligen Flüssen durchzogen, die natürliche Grenzen bildeten und nur kleinen Farmen mit wenigen agrarnützlichen Pflanzen wie vor allen Zuckerrohr für die Produktion von Aguadente Platz boten. Das urbare ausgedehnte Land im Tal von Paraíba war hingegen unter Großgrundbesitzern aufgeteilt. Hier arbeiteten Sklaven. Die kleinen Farmer konnten ihre Agrarware nur Mittelsmännern anbieten, die wiederum auf möglichst hohe Profite aus waren. Sie drückten die Einkaufspreise soweit es ging, denn sie waren sich dessen bewußt, dass die Bauern keine andere Möglichkeit hatten und sie als einzige Abnehmer akzeptieren mussten.

Paratys Gesellschaft bestand mehr oder weniger aus drei Formen von Händlern: dem Kaufmann, der durch Mittelsmänner Farmprodukte en gros aufkaufte oder aus Europa importierte, dem Verkäufer oder Zwischenhändler (“dealer”), der Teil dieser Waren direkt an Verbraucher oder an kleinere Händler verkaufte, und eben jene “Grossisten”, die kleine Tante-Emma-Läden in ländlichen Gebieten führten. Um diese Geschäfte herum bewegten sich tausende von Sklaven: Índios, die nichts kosteten, und Afrikaner, für die man zum Teil viel Geld zahlen musste.

VI. Paraty in Stagnation und die erhoffte Rettung (1870 – 1960)

Lag Paratys großer Vorteil zunächst darin, die einzige brauchbare Verbindungen zwischen dem Produktionsland und den Konsumenten anzubieten, entwickelte sich bereits im 19. und zunehmend im 20. Jh. zu ihrem größten Problem. Paraty wurde nach und nach entbehrlich durch den Bau von neuen, gut befestigten Landstraßen, die eines Relais wie des Hafens oder der ehemaligen Índio-Wege nicht mehr bedurften.

Den endgültigen Todesstoß versetzte Paraty jedoch die erste Eisenbahnstrecke, die “Dom-Pedro II. Eisenbahn”, die 1870 eröffnet wurde und das Tal von Paraíba mit Rio de Janeiro verband. Diese neuartige Transportmöglichkeit war schneller und sicherer als alles was Paraty zu bieten hatte. Und sie führte an Paraty vorbei…

Das Schicksal von Paraty war schließlich besiegelt, als 1888 ihre dauerhafte Wohlstandsquelle – der Sklavenhandel und Sklavenhaltung – das späte Aus ereilte. Fast zwei Hundert Jahre nach entsprechenden Gesetzen in Europa, verabschiedete auch Brasilien das offizielle Verbot, mit Menschen zu handeln oder sie als Sklaven zu halten. Wie überall in Brasilien war auch die Gesellschaft in Paraty durch und durch auf Sklavenarbeit aufgebaut. Sklavenarbeiter besorgten die gesamte Zuckerrohr- und Kaffeeagrikultur, sie arbeiteten in den Mühlen und Destillerien, sie schufteten auf den Güterwegen über die Berge als Lastenträger, oder sie schälten und säuberten Tausende von gefällten Bäumen, die auf den Flüssen zum Meer heruntergebracht wurden.

Zwischen den Jahren 1870 und 1900 versuchte man in Paraty den Handel und die Weiterverarbeitung von landwirtschaftlichen Produkten aus dem Tal von Paraíba – Bananen, Weizen, Cachaça-Schnaps, Palmherzen, Kaffee und Bohnen – aufrechtzuerhalten. Doch ohne die billigen bzw. unentgeltlichen Arbeitskräfte der Sklaven war die Benutzung und die Instandhaltung der schwierigen Bergpässe zu unwirtschaftlich geworden. Nach 1900 verzeichnete man eine enorme Stadtflucht aus Paraty, es waren insbesondere Männer, die Arbeit in den benachbarten Großstädten suchten. Der kommerzielle Großhandel schloss seine Tore in Paraty. Die Häuser wurden verlassen und verfielen zusehends, da offenbar keiner bereit war, sich um die Instandhaltung zu kümmern, das betraf alsbald dann die gesamte Infrastruktur der Stadt wie Wasserkanäle, Abwässer, Straßen, Schulen etc. Viele Häuser brachen nach und nach in sich zusammen. Die Steingepflasterten Straßen wurden unterspült.

Von den ca. 150 Destillerien in der unmittelbaren Umgebung von Paraty blieben nur wenige übrig. Vielleicht ereilte auch die Familie der Manns in der gleichen Zeit das Schicksal vieler, so dass die Villa Boa Vista zurückgelassen und die Erbverhältnisse schließlich verunklart waren. Paraty, einst Versorger der Großstätte, wurde nun selbst zunehmend abhängig von der Versorgung von außen, die vor allem zwei Flußschiffe – “Presidente” und “Nacional” – besorgten. Sie belieferten die verbliebene Bevölkerung mit Gütern aus Rio de Janeiro. Schließlich, 1925, schloss die “Santa Casa” , das Gesundheitshaus oder Hospital der Stadt aufgrund von nicht vorhandener medizinischer Ressourcen und ab da gab es in Paraty keinen Arzt und keinen Zahnarzt mehr. Von den im Jahre 1880 gezählten ca. 12 000 Bewohnern (10 000 Freie und 2000 Sklaven) waren um 1900 nur 600 vor allem alte Menschen, Kinder und Frauen verblieben.

Die geographische Isolation und der Schwund an Menschen führte zu einer außergewöhnlichen Konservierung der Kultur: die Architektur, wenn auch nicht gepflegt, so verblieb sie doch traditionell ohne moderne Einflüsse, ohne Ärzte und chemische Medizin besann man sich auf die alte häusliche Heilkunst mit Kräutern und anderer natürlicher Medizin. Die Notwendigkeit, mit den eigenen landwirtschaftlichen Produkten und der Meeres- und Flußfischerei auszukommen, führte zu besonderen Speisezetteln und der Zubereitungsart von Gerichten. Man pflegte alte religiöse Bräuche, die in zahlreichen Prozessionen, zu Fuß und per Schiff, zu verschiedenen Kultstätten auch auf benachbarten Inseln und entlegenen Orten zum Ausdruck kamen. Alte Produktionsweisen und Handwerkskunst, ob im Bau von Kanus und anderen Schiffe, in der Herstellung von Flechtgütern, in der Bauweise, Bekleidung, Fischnetzen etc. überlebten hier bis ins 20. Jh. hinein.

All das schuf eine besondere, in Brasilien einmalige kulturelle Situation, die letztendlich bis heute – erst recht  im Vergleich zu der zerstörerischen Entwicklung im übrigen Brasilien – anhält, auch wenn mit der Zunahme der Industrialisierung und Kommerzialisierung im 21. Jh. schon vieles auch hier unwiederbringlich verlorengegangen ist.

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Es lohnt sich durchaus, die Marina Engenho zu Fuß Richtung Paraty zu verlassen. Man erreicht ein Plateau oberhalb der neu entstehenden Appartementhäuser (bedauerlich, dass es hier trotz Natur- und Kulturschutz keinen Baustopp gibt) auf dem große Felsbrocken wie urzeitige Tierrücken aus dem kurzgeschorenen Gras herauswachsen. Einige ältere Bäume umgeben die Rasenflächen, so dass man sich mit etwas Phantasie vorstellen kann, wie der Ort ohne Straße, ohne Häuser und ohne Rasenmäher und seiner Ordnung ehemals wirkte. Offenbar versuchte man vor vielleicht 10 Jahren aus diesem Areal eine Art Naherholungsgebiet, eine Parkanlage mit Tischen, Bänken, Grill entstehen zu lassen. Tatsächlich vermittelt der Ort, trotz der unmittelbar angrenzenden Straße, eine eigentümliche Ruhe und Gelassenheit. Etwas besonderes, das scheinbar tiefer geht und beinahe spürba.

Dass wir hier uns auf einem besonderen Terrain befinden, merken wir nur allmählich, dann aber ohne Zweifel: Der monolithische Stein trägt ein Kreuz auf seinem Rücken – häufig ein Hinweis auf Assimilierungsversuche älterer Sakralorte -, in den Baumgabeln stecken kleine Altäre und der Straßenkehrer hat bereits zig Altäre zerstört, die um die Bäume herum angeordnet waren. Die zusammengekehrten Kerzen, zerstörte Figuren und andere Gaben wirken traurig und mahnend. Zu wenig Respekt, zu wenig Verständnis …

Ganz offensichtlich hatten wir auf unserem Spaziergang zufällig einen besonderen Ort entdeckt, der vielleicht seit Urzeiten für rituelle Zeremonien benutzt wird. Candomblé oder Umbanda? Trotz der ‚Unscheinbarkeit‘ doch sehenswert.

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Als im Jahr 1928 Washington Luis, der Präsident der Republik Brasilien, die Stadt besuchte, begann damit zusammenhängend ein langsamer Prozeß des Umdenkens und eines gesteigerten Interesses an historisch wertvollen Zeugnissen. So wurde Paraty 1937 per Dekret als eine “historische Landmarke” auf der Liste des “Historischen und Künstlerischen Nationalerbes” vermerkt, weitere Gesetze folgten: 1945 wurde Paraty zum “Historischen Monument des Staates von Rio de Janeiro” erklärt und 1966 setzte man die gesamte (Alt-) Stadt in den Status eines “Nationalen Historischen Monuments”. Doch all die Gesetze und Vorschriften zum Schutze und Erhalt der architektonisch-kulturellen Güter der Stadt halfen nicht, dem Verfall des wertvollen Zentrums, seiner Häuser und Straßen, entgegenzuwirken, denn weder flossen Gelder in die Restaurierungen – oder sie kamen nicht an den richtigen Stellen an –, noch gab es Initiativen seitens der Bevölkerung selbst. Leider wie so häufig in Brasilien zu beobachten, mangelt es auch hier an dem notwendigen Interesse und Eigenengagement der Bevölkerung für ihre historischen Güter und Zeugnisse. Hierbei sind es vor allem die Hauseigentümer, die reichen Brasilianer gefragt, die dringend ein über ihre persönlichen Belange hinausgehendes Interesse an der eigenen Kultur entwickeln müssen.

Bezeichnend für brasilianische Einstellung zu der eigenen Kultur (und Bildung) ist die Zerstörung der historischen Dokumente aus dem Stadthaus und Archiv von Paraty, die sich während des Militärregimes zugetragen hat. Man hat die Papiere – Dokumente wie Zeichnungen, Fotos, Schriftstücke, Bücher etc. – für wertlos erachtet! Sicherlich keine Seltenheit in der Geschichte Brasiliens, wovon die mager bestückten Stadtmuseen, die wir vielerorts besuchten, eindrücklich belegen. Das macht sprachlos – und wütend.

Am Anfang des 20. Jh.s waren es vor allem libanesische Familien mit Namen wie Salmão, Tabet, Assad, Harb, Capaz, Elias, und eben auch die durch den Sohn berühmt gewordene Familie Klink, die sich in der Paraty-Region etablierten, indem sie sehr viel Land aufkauften. Während der 1950er und 1970er Jahre boomte der brasilianische Straßenausbau, und so wurde auch Paraty an die Stadt Cunha einerseits und durch die Bundesstraße BR-101 an Rio de Janeiro und Santos andererseits angeschlossen. Durch diese Verbindung gewann die gesamte Region an touristischem Interesse. Man entdeckte Paraty und die einsamen Buchten und Strände – es wurde aufgekauft und langsam aber beharrlich gebaut. Durch den Versuch der Paratienser sich von dem Bundesstaat Rio de Janeiro, zu dem es an der Peripherie gehört, loszusagen und zum Bundesstaat Sao Paulo zu wechseln – man versprach sich von dem reichen Staat mehr Entwicklungsgelder – , erreichte Paraty ein großes mediales Echo in ganz Brasilien.

Eine alte Luftaufnahme vielleicht aus den 1910er Jahren (s.u.), ohne Autostraßen und Promenaden, es sind überwiegend unbefestigte Wege, die einen direkten ‘Abgang’ ins Meer bzw. in die Flüsse haben. Links noch gut zu sehen die innere Bucht, ohne die heutige Flugbahn die ausgedehnten Favelas und Neubausiedlungen. In erster Reihe am Wasser gut sichtbar das großzügig bemessene Neuland mit einigen großen Anwesen:

vista_aereareceived_897613610349987Paraty heute.

VII. Quo vadis Paraty? (1960 – 2016)

Bewohnten im Jahre 1940 circa 3570 Menschen die Stadt, so wuchs ihre Zahl 1960 bereits auf 12 085 an. Heutzutage wohnen in dem sich immer weiter ausdehnenden Paraty circa 40 000 Einwohner.

Aktuell unternimmt Paraty den Versuch, auf die UNESCO-Liste der weltweit schützenswerten Objekte zu kommen. Das dies erst jetzt geschieht, wundert mich sehr. Um so mehr, wenn ich zum Vergleich eine UNESCO-ausgezeichnete und sehr beworbene uruguayische Stadt Colonia del Sacramento hinzuziehe. Verglichen mit Paraty und seinen kulturell-kolonialen Reichtümern ist Colonia ein armes Aschenputtel, wenn auch entspannt und liebenswürdig. Ich gönne der Stadt ihre Auszeichnung, doch scheint sie mir zu voreilig vergeben worden zu sein.

Ob Paraty der Sprung auf die Liste gelingt, hängt im wesentlichen von der Einstellung und dem Willen der Bevölkerung ab. Welche Rolle will man der Tourismusbranche zukommen lassen? Bis wohin ist man bereit, die Altstadt den touristisch motivierten Entkernungen und Modernisierungen zu überlassen? Wer sollten die Investoren sein, und kommt das am Tourismus verdiente Geld auch der Stadt zugute?

Der Fluch und das Segen des Tourismus bestehen darin, dass er einerseits der Stadt eine prosperierende finanzielle Perspektive offeriert, andererseits eingleisig vorangetrieben dazu neigt, die innerstädtische Normalität zu zerstören. Hohe Grundstück- und Mietpreise, hohe Lebensmittelkosten, eine Monokultur mit Hotels, Restaurants, Bars und Souvenirläden. So verödet das Zentrum zunehmend zu einem Rummelplatz für den Tagestourismus. Mit dem hinterlassenen Müll und Dreck, Überfischung und Zerstörung der Unterwasserlandschaft durch den Spaßtourismus (Harpunieren, Tauchen, Jettski u.v.m.) bleibt die Stadt und Region alleine.

Es heißt, die Stadt ist in ihrer Ausdehnung limitiert, zunächst durch die geographische Lage zwischen Meer und Berg einerseits, andererseits durch die Gesetze zum Erhalt der kulturellen und ökologischen Besonderheiten der Region und Stadt gleichermaßen. Angesichts der modernen Entwicklung, ist dies wohl nur ein Lippenbekenntnis. Schon jetzt weitet sich die Stadt zu allen Seiten hin aus, da spielen Naturschutzgesetze offenbar keine störende Rolle, sofern das angebotene Geld stimmt. Einen kleinen Flughafen besitzt die Stadt bereits, dessen Landebahn durch das Wohngebiet der ganz gewöhnlichen Bewohner der Stadt hindurchgeht. Die Landebahn ist klein, doch es muss nicht so bleiben. Die Frequenz der startenden und landenden Propellermaschinen – und nicht zu vergessen der privaten Hubschrauber – ist an den Wochenenden nicht zu verachten. Eine weitere Idee der Stadtväter, eine zusätzliche Säule neben dem Tourismus aufzubauen, mutet an wie eine zusätzliche touristische Ausnutzung der ökologischen, bereits hochstrapazierten Ressourcen der Region, die in der Erweiterung des maritimen Angebots liegen soll. Zum Zeitpunkt unseres Aufenthaltes scheint diese vermeintlich innovative Idee bereits in ihre extreme Verwirklichungsphase eingetreten zu sein. Denn noch mehr Motorboote und Schooner, die zu Hunderten ausschwirren und neben lauter Musik, Verköstigung, Angelspass und jede ehemals einsamen Strand anbieten, kann man sich gar nicht mehr vorstellen. Jeepsafaris in Naturschutzgebiete und Festivals jeder nur erdenklichen Art runden das Angebot rund um das Jahr ab. Geht da noch mehr?

Wir hören, dass die Innenstadt für die normalen Bewohner der Stadt unerschwinglich geworden ist. Kaum einer kann sich hier die Bars und Restaurants, die Bekleidungsgeschäfte oder die Wohnmöglichkeiten leisten. Die Mietpreise sind schon lange so in die Höhe geschnallt, dass nur an Touristen vermietet wird. Obwohl noch viele Häuser verfallen, warten ihre Besitzer offenbar darauf, dass ein Investor bereit ist, einen Phantasiepreis zu zahlen. Man entkernt anschließend die Gebäude, innen ist bereits alles vergammelt, historisch echt bleibt nur die Fassade. Gesetze gegen diese Praxis scheint es nicht zu geben, oder sie greifen nicht. Ferienwohnungen, Hotels, noble Pousadas, Restaurants und Bars entstehen auf diese Weise und töten das Natürliche einer gelebten Stadt ab.

Noch ist es nicht so weit, noch hat das kleine Zentrum ihre Unebenheiten, ihre Stolpersteine, das stinkige Hochwasser, das alte Puppentheater, die Normalität der abbröckelnden Fassaden und der ganz normalen Gassen, in denen kein einziges Geschäft und keine andere Attraktion zu finden ist, außer der Schönheit der alten Straße selbst, in denen ganz normale, nicht wohlhabende Menschen leben und die Touristenmassen an den Wocheneden bestaunen.

Das ist es, was ich an Paraty so wunderbar finde. Das und noch viel mehr… Man kann nur hoffen, dass es doch noch einen der Stadt und Region wohlgesonnen Gott gibt und dass nicht alles an den Teufel verspielt ist.

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Die schönste Begegnung mit der Stadt bietet der Wasserweg (ausgeblendet die Wasserverschmutzung vor der Stadt). Der Anblick ist unübertroffen schön, atemberaubend sogar je nach Wetter und Licht, das über die Bergketten hinweg auf die alten Häuser und Kirchen, die bunten Boote, die im grünen Wasser vor der Bergkulisse schaukeln, fällt.

Kommt man nicht per Schiff in Paraty an, so muss man die mehrspurige dicht befahrene Straße durch die neuentstandenen Stadtbezirke nehmen, die nicht mit  Schönheit gesegnet sind. Die anschließende, wohl verzweifelte Suche nach einem Parkplatz läßt dann kaum den Blick offen für die alten Straßenpflaster, die die schweren Autos drücken. Man passiert auf dem Autoweg sowohl einen seltsamerweise weitab ausgelagerten Feinschmeckerladen (Käse, Eingelegtes, Wein, Olivenöl, Salami etc.) als auch gleicherweise unpassend weit vom Altstadtzentrum platzierte Touristikinformationsstelle und gleich dahinter Reste einer hohen Mauer mit einem die Straße überspannenden Torbogen. Ich bin mir nicht sicher, ob es sich dabei um architektonische Zeugen einer Zeit handelt, als Paraty eine Stadt der Import-Export-Güter in Minas Gerais und Sao Paulo war und hier womöglich die alten Caminhos in die Stadt mündeten. Ist es also eine Art Stadtmauer bzw. Zollgrenze mit dem dazugehörigen Zollhäuschen (jener schön restaurierten Informationsstelle)?

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Paraty, das Geschenk Gottes, kommt bis heute gut an, bei Brasilianern gleichermaßen wie bei ausländischen Touristen. Man hört Spanisch, Englisch, Französisch – und nur selten aber immerhin auch Deutsch.

Die erste Impression, die sich mir vielleicht sogar am stärksten einprägte, ist die von den Straßen der Altstadt. Wer unseren Blog länger mitverfolgt, weiß um meine plötzlich entstandene Liebe für alte Straßen und Wege, für ihre Beschaffenheit, ihre Führung, ihre  Metamorphose zwischen Natur und Kultur. Paraty ist ein Eldorado an Eindrücken rund um das Kopfsteinpflaster. An diesen Straßen kann man besser ablesen, wie eine spätmittelalterliche Stadt (auch wenn erst im 18. und 19. Jh. entstanden) und ihre Bewohner funktionierten, wie sich ihr Leben außerhalb der Hausmauern abspielte. Ich habe gelesen, dass man die Stadt ganz bewußt auf dem Wasserniveau baute, damit die steigende Flut, insbesondere die sogenannte Springtide, die besonders hohes Hochwasser zur Vollmondzeiten erzeugt, in die Stadt eindringt, viele Straßen überflutet und das Unrat bei Ebbe mit sich fortnimmt. Danach erstrahl die nun saubere Stadt im neuen Glanze.

An dieser Beschreibung ist so ziemlich alles falsch, denn schon damals wird die Springtide nicht mit einer sintflutartigen Welle gekommen und mit einem entsprechenden Finale wieder abgelaufen sein. Was das Wasser heute zurückläßt und sicherlich auch damals mit sich brachte, ist Schlamm, der wahrscheinlich früher durch die Kutschen und Passanten festgeklopft oder durch Sklaven besser entsorgt wurde, oder einfach niemanden kümmerte. Zumindest heutzutage dringt kein sauberes Wasser in die Stadt ein, denn das Gewässer unmittelbar um den ehemaligen Hafen der Stadt ist stark verschmutzt vor allem durch die riesige Flotte an Schiffen, die ihr Altöl, Benzin, Diesel und weiß der Teufel noch alles, direkt in das Becken entsorgen. Außerdem war die Stadt ursprünglich weder so nah am Fluß noch am Meer angelegt worden und damit alles andere als mit Absicht dem Hochwasser ausgesetzt gewesen. Der veränderte Flußverlauf einerseits und die heutige Klimaveränderung andererseits tragen zu dem Ansteigen des Hochwassers bei.

Dennoch, die Geschichte der Stadt, die auf Meeresniveau gebaut wurde, um vom Meer gereinigt zu werden, hat etwas zuhöchst Religiöses. Es erinnert mit an die in Brasilien sehr beliebten Feste des “Lavagem”, der kollektiven Reinigung oder ‘Waschung’ der Kirchen zu bestimmten Festtagen.

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Das führt mich zu meiner zweiten starken Impression, die ich mit Paraty verbinde, und mich an sie wie an die kleine Verwandte von Venedig denken läßt. Liegt es an dem autofreien Kernbereich, an den alten Gebäuden, den kaputten alten Straßen, den von Feuchtigkeit abblätternden Verputz, der besonderen nächtlichen Beleuchtung, an den die Stadt durchziehenden Kanälen, den alten Wasserstraßen der ehemaligen Hafenstadt, oder liegt es womöglich doch ‘nur’ am Aqua Alta – dem Hochwasser?

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Das Aqua Alta verleiht Paraty eine wunderbare Stimmung! Und das Wasser kommt erstaunlich schnell…

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Der Fluß, der mich an Giudecca denken läßt:

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Nebenblicke auf die Stadt

Man geht zum dritten oder zehnten Mal durch die gleiche Straße, biegt um die Ecke und entdeckt etwas, was sich bis dahin nie zeigte. Oder man verläuft sich ein wenig, geht nicht den kürzesten oder den bequemsten Weg, und glaubt sich an einem anderen Ort wiederzufinden. Oder das Licht ist anders… So kann man in Paraty immer wieder alles aufs neue entdecken.

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