Paranaguá und die Kapelle auf der Ilha Cotinga

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I Paranaguá
Wieder einmal schlängeln wir uns mehrere Meilen durch Kanäle und Flüsse zwischen Mangroven und einer Vielzahl von Inseln und Sandbänken hindurch bis kurz vor Paranaguá. Unser Plan war eigentlich am frühen Morgen nach zwei Nächten auf See die Stadt Cannanéia, die auch an einer Flussmündung in einer Mangrovenlandschaft liegt, anzusteuern. Doch aus unserem Plan wurde nichts. Die Barre vor Cannanéia ist flach und die Brandung verwandelte die gesamte Einfahrt in einen Wirlpool aus weißem Wasser. Ressaca nennt man hier eine Art Flutwelle, die in einer langen und hohen Dünung auf die Küste zuläuft. Mehrere Meter wurden wir immer wieder angehoben, um im nächsten Moment in ein weiteres tiefes Wellental hinabzugleiten, in dem der Horizont hinter den nächsten Wellenbergen verschwand. Bis auf eine knappe Seemeile hatten wir uns an die Brandungslinie herangetraut und dann entschieden, dass man sich hier nicht ohne weiteres hinein wagen sollte. Die in der Seekarte verzeichneten Tonnen fehlten oder waren nicht zu finden und die GPS Koordinaten, die wir hatten, führten geradewegs auf die Brandungslinie zu, ohne dass man eine Durchfahrt hätte erkennen können. Wir mussten also weitere vierzig Seemeilen nach Südwest zurücklegen, um am Nachmittag Paranaguá zu erreichen.
Die Einfahrt nach Paranaguá ist breit, gut betonnt und für die Großschiffahrt ausgebaggert. An Steuerbord lassen wir die Ilha do Mel, die Honiginsel liegen. Wir sollten in den nächsten Tagen noch Gelegenheit haben, dort zu ankern. Nach einer Nacht vor dem winzigen Fischerdorf Maciel, verholen wir am nächsten Morgen zur Ilha Cotinga, auf der der lokale Yachtclub eine Außenstelle angelegt hat. Dort ankern wir auf drei Meter Wassertiefe vor der hügeligen, grünen Insel. Um uns herum Mangroven und Wasserflächen, die teilweise so flach sind, dass man darin stehen kann. Hier lernen wir Carlos kennen, der fließend Deutsch spricht. Er lebt seit ein paar Jahren auf seinem Schiff. Deutsch kann er aus seiner Kindheit. Seine Familie mit deutschen Vorfahren hatte untereinander zu dieser Zeit ausschließlich Deutsch gesprochen. Carlos nimmt uns am Nachmittag mit nach Paranaguá zu Einkaufen, da sein Dingi einen schnelleren Motor hat.
Paranaguá ist ein unaufgeregter Ort von gut 150.000 Einwohnern – die älteste Stadt des Bundesstaates Paraná, gegründet im 17. Jahrhundert. Doch davon sieht man nicht mehr sehr viel. Eine Kirche ist aus dieser Zeit übriggeblieben, laut dem Titel sogar eine Catedral Basílica. Es gibt ein altes Jesuitenkolleg aus dem 18. Jahrhundert, in dem sich ein archäologisches und ethnologisches Museum befindet. Doch ansonsten sind die meisten älteren Häuser um die Jahrhundertwende erbaut. Die touristische Bedeutung der Stadt liegt eher darin, dass sie Durchgangsstation und Sprungbrett zur Ilha do Mel darstellt, und so sieht man in der „Altstadt“ auch keine Touristen. Ein einsamer Rucksackreisender sitzt etwas verloren an der Wasserfront. Carlos zeigt uns die Einkaufsmöglichkeiten und bevor wir zu den Schiffen zurückfahren, laden wir ihn noch auf ein Bier ein.
Die Wasserfront von Paranaguá.
Es geht auch ohne Schiff: Mit dem Rucksack unterwegs.
Fleisch und dessen Derivate.
Gleich doppelt.
Viele alte Gebäude verfallen leider.
Auf dem Fischmarkt: Muscheln, Austern, Krebsfleisch (Siri) und Fisch.
Viele Häuser sind um 1900 erbaut worden.
Man fährt und spricht Deutsch.
II Die Kapelle Nuestra Senhora das Merces auf der Ilha Cotinga
Auf der Ilha Cotinga, vor der wir ankern, soll die Kolonisierung dieser Region ihren Anfang genommen haben. Auf dem Hügel ist in der Seekarte eine Kirche eingezeichnet, von der Carlos berichtet, dass es sich um eine Ruine handelt, zu der angeblich 365 Stufen hinaufführen. Tatsächlich finden wir hinter der Marinabaracke (inklusive obligarischem Grillplatz) einen Fußweg in den Wald, davor ein eisernes Kreuz und eine Tafel mit einer Inschrift zur 500-Jahrfeier der Kolonisierung Brasiliens. Der Pfad verschwindet im Dickicht und nach ein paar Metern beginnen die Stufen, die an diesem Regentag, vor allem beim späteren Abstieg, eine Herausforderung an Schuhwerk und Balance darstellen. Nico ist als erster oben, Carlos und ich klettern zügig hinterher, Joanna fällt aufgrund glatter Sohlen deutlich zurück, kommt aber dann doch irgendwann etwas außer Atem oben an.
Hat man die letzten Stufen erklommen, versperren umgestürzte Bäume den schmalen Weg. Man muss sich durch die am Boden liegenden Baumkronen winden. In dem Moment, in dem man sich aufrichtet, Blätter und Insekten vom Oberkörper abklopft und den Kopf hebt, fällt der Blick auf die nackten Mauern der kleinen Kirche. Fast gänzlich vom Grün des Waldes vereinnahmt, ihrem Schmuck beraubt, steht sie in stiller Teilnamslosigkeit da, wie die Mausoleen ehemals großer oder reicher Leute längst ausgestorbener Familienlinien auf alten Friedhöfen, um die sich niemand mehr kümmert. Ein schmaler, rechteckiger Raum ohne Dach, ein Glockenturm, in dem schon lange keine Glocke mehr läutet. Nieselregen, Windstille, der Geruch von feuchtem Waldboden. Alles scheint, als ob Zeit an diesem Ort keine Rolle mehr spielt. Alles ist andauernde Gegenwart. Die Unendlichkeit erscheint hier eindimensional, reduziert, ohne Ausdehnung.
Hinter der Kirche schlage ich mich auf einem Trampelpfad durch den Wald zu einem wilden Bananenhain. Von diesem Ort ohne Zeit muss ich zumindest eine kleine Beute, einen Beweis, dass das Leben noch existiert, mit ins Diesseits bringen. An einer baumdicken Bananenpflanze hängt im Blätterhimmel eine pralle Staude grüner Früchte. Aus der Hosentasche befördere ich ein kleines Utensil mit dem blassen Werbeaufdruck einer Versicherung, welches mein Onkel mir vor Jahren (oder waren es Jahrzehnte) geschenkt hat. Es handelt sich um ein edelstählernes Klappwerkzeug. Auf der einen Seite verbirgt sich eine winzige Gabel mit zwei stumpfen Zinken. Auf der anderen Seite findet man ein schmales, spitzes Messer mit zur Hälfte gezahnter (mein Rechtschreibprogramm möchte mir gezähmter vorschlagen) Klinge. Man kann also nicht gleichzeitig Aufspießen und schneiden, vermag aber mit Geduld die gut vier Meter hohe Bananenstaude zu Fall zu bringen.
Die Bananen tragen wir die 365 glitschigen Stufen hinunter zu den Lebenden. Werden sie gelb und faulen später (die Bananen, nicht die Lebenden), dann hat alles seine Richtigkeit und die Zeit vergeht weiter. Bleiben sie aber ewig grün, dann sollen sie der Beweis sein, dass an diesem Ort etwas etwas nicht stimmt
365 schlüpfrige Stufen durch den Wald.
Fotostrecke: Nuestra Senhora das Merces. Werner Herzog würde hier drehen.
III Churrasco bei Carlos
Am nächsten Tag zeigt sich endlich wieder die Sonne. Selbst die Statistik, die das Tourismusbüro Paranaguás auf seine unübersichtlichen Patchworkkarten der Region druckt, verspricht fünfzehn Regentage pro Monat, im November gar siebzehn. Wir nutzen also das warme und trockene Wetter und nachdem wir am Vorabend Carlos zu uns auf eine Moqueca mit Camarão und Fisch eingeladen haben, sitzen wir nun bei ihm im Cockpit zum Churrasco mit Rindfleisch und Würstchen. Jeder Brasilianer hat einen Grill an der Heckreling montiert. Ohne Churrasco geht gar nichts.
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2 Responses

  1. Thorsten

    Täusche ich mich oder sieht man bei Euch auf den Fotos herbstliches Laub. Ich dachte, dass Ihr auf der Südhalbkugel seid, wo jetzt offizielle der Frühlingsanfang ins Haus stehen sollte. Grüße aus Linz, wo gerade ein sommerlicher Herbsttag zu Ende geht!