Saco do Mamanguá, der tropische Fjord!

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Ich war sofort wie elektrisiert: Bereits in Rio de Janeiro hörten wir Wunderbares über den einzigen Fjord Brasiliens (oder sogar der gesamten Ostküste Südamerikas?). Ein portugiesischer Einhandsegler – unser Nachbar unter dem Zuckerhut von Rio de Janeiro – schwärmte von der Zurückgezogenheit in der Natur, die man dort noch genießen könne. Natur pur, geschütztes Ankern, Wanderungen soviel das Herz begehrt, Stille und Ursprünglichkeit, keine Autos etc. Und der ‚Clou‘ dabei: man müsse nicht auf die typische brasilianische Strandbar mit den fangfrischen Meerestieren, Fisch und – nicht zu vergessen – der obligatorischen Caipirinha.

Wir markierten uns die empfohlenen Ankerplätze und nichts wie hin. Denn das schien mir das Refugium, nach dem ich schließlich immer suche. Tatsächlich hat der gesamte Saco keine einzige Straße. Es gibt strenggenommen nur zwei Dörfer, wovon das älteste Fischerdorf Cruzeiro nur vom Wasser aus erreichbar ist, außer man möchte sich durch den Busch schlagen.

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Diese Google-Earth-Karte zeigt all die guten Ankermöglichkeiten in der Umgebung vom Saco, die Milan – unserer Seglerfreund aus Mindelo/Kapverden und absoluter Kenner dieser Gegend – für uns mit roten Pfeilen und Linien einzeichnete (vielen Dank noch einmal für Deine Arbeit!). Ich ergänzte sie gelb zu besseren Verständigung des Beitrags. Einige der Buchten haben wir ausprobiert, für viele fehlte die Zeit und andere sind aufgrund der anhaltenden Privatisierungen nicht mehr attraktiv für uns. Zwar kann man dann immer noch irgendwie ankern (außer dort ist eine Fischfarm), aber nicht mehr anlanden! Dennoch, diese Gegend ist im hiesigen Winter einfach traumhaft und da wir keine schnellen “Ankerplatzhopper” sind, genossen wir die einmal für schön befundenen Ankerplätze möglicherweise zu lange. Bis Marcel zur Weiterfahrt nach Süden drängte. Für mich ist die Gegend um Paraty und Ilha Grande die schönste, die ich bisher auf unserer Reise gesehen habe.
Brasileiros, zerstört sie bitte nicht…

 

Der Fjord ist 8 km lang und ca. 1 km breit und besteht offiziell einerseits aus dem ökologischen Reservat Juatinga (re. vom Fjord, s. Abb.) und dem Umweltschutzgebiet Cairuçu (li.). Dass beide Schutzräume massiv unterwandert werden, kann man an der Privatisierung der Strände und der küstennahen Gebiete sehr gut erkennen, wo Villen und Pousadas wie Pilze nach einem warmen Regen aus dem Boden schießen. Nur dass sie im Gegensatz zu den Pilzen der Natur wenig verträglich sind. Circa 8 Jahre alte Karten zeigen, wie wenig bebaut der Fjord noch war. Diese Gegend war seit jeher eine selbstgenügsame, wenn nicht sogar arme Region, bewohnt von Fischern und Bauern, die nur kleine Schollen im Wald und an der Küste bebauen konnten. Kokospalmen, Bananen, Jacá, Brotbaumfrüchte, Mangos etc. wuchsen (und wachsen!) ohnehin von alleine. Sie fischten traditionell, das heißt sie warfen per Hand kleinere Netzte aus während sie in ihren Pirogen oder direkt am Ufer standen. Das war möglich, weil es noch Fische gab. Aber sie gibt es noch, diese ‘Urbewohner’! Man nennt sie Caiçaras, aber sie haben (wie immer) keine Lobby.

Bebauung der Region heißt aber nicht bloß mehr Menschen, sondern zu aller erst mehr Abfall, mehr ungeklärte Abwässer aus den Haushalten, mehr Wasserverschmutzung und Waldrodung, mehr Verschließung des Erdreichs, Vertreibung oder Tötung der wenigen noch vorhandenen echten Wildtiere, mehr Licht- und Lärmbelastung, mehr Motorboote (denn Straßen gibt es nicht und immer mehr Menschen wollen ihre Häuser erreichen). Gleichzeitig rückt man auch auf dem Wasserweg der Natur so zerstörerisch nahe, dass sogar hier Gesetzte erlassen und – weil diese nicht durchgesetzt werden – Maßnahmen ergriffen werden mussten, um der völligen Zerstörung entgegenzuwirken. Diese an sich begrüßenswerten Bemühungen führen gleichzeitig vor Augen, wie wenig auf die Durchsetzung vorhandener Gesetze Wert gelegt wird. Wie wenig die Notwendigkeit des Schutzes im Denken des Einzelnen verankert ist.

Wir wurden täglich Zeuge davon, wie Motorboote in beinahe jeder erdenklichen Größe und Ausflugsboote der enormen Flotte aus Paraty den Fjord durchpflügen und nicht nur große Wellen erzeugen, die auf der geringen Breite von nur 1 km auf die empfindlichen Küsten einschlagen, sondern auch – und dies ist nicht zu unterschätzen – Lärm erzeugen, der dadurch potenziert wird, dass der Fjord schmal und von hohen Bergen flankiert wird. Das Echo oder der Hall, der dabei entsteht, hat mich regelrecht erschreckt.

Ein noch größeres, wenn auch weniger akustisches Problem, sind die Schleppnetzfischer, die mit ihren großen Fischerbooten die gesamte Gegend um Ilha Grande bepflügen bis schließlich nichts mehr gedeiht und wächst in den einst so fischreichen Gewässern dieser Region. Die Schleppnetzfischerei ist verboten und somit sind fast alle der großen Bootsverbände, die wir hier täglich gesehen haben, illegal. Sie zerstören nicht nur diese wunderschöne Landschaft samt der Meeresbewohner, sondern auch das Überleben der lokalen Fischer, die mit ihren kleinen Booten und Pirogen fischen. Doch keiner zeigt diese Illegalen an, keiner greift durch, keiner mobilisiert und formiert die lokalen Fischer und Anwohner. Wir hören, die Angst vor Vergeltung ist zu groß, aber sicherlich spielt auch die typisch brasilianische Gelassenheit eine Rolle. An dieser Stelle ist sie sicherlich ganz und gar nicht angebracht.

Ein Faltblatt soll die Motorbootfahrer über die Schäden aufklären, die sie in der einzigartigen Region anrichten, wenn sie mit hoher Geschwindigkeit durchfahren (ganz zu schweigen von dem erzeugten Lärm und der Wasserverschmutzung). Ich habe dieses Faltblatt nirgends ausliegen sehen und nur im Internet gefunden, doch hoffe ich weiterhin, dass es auf jedem gecharterten Boot ausliegt…

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Bei aller Realisierung der Gefahren für diese einzigartige Landschaft und Kultur und der Dringlichkeit eines verschärften Naturschutzes zeigt dieses Faltblatt auch, wie groß die Zugeständnisse an die Tourismusbranche sind. Und “Touristen” das sind wir! Die gestrichelte rote Linie durch den Saco zeigt an, bis wohin (große) Motorboote fahren dürfen. Das ist gut so, sofern man sich daran hält, aber nicht gut genug, denn das ist bereits die Hälfte des Sacos. Und wer hindert sie, bis zum Ende durch zufahren? Ganz zu schweigen von den Ausnahmen, die die Anwohner (die an der Zahl zunehmen) betreffen, die schließlich auch Motorboote haben.

 

Einzigartig ist diese schmale, von hohen Bergen mit bizarren Felsformationen und Steinbrocken an den Ufern gesprenkelte Meeresbucht tatsächlich. Anders als die tiefen Fjorde des Nordens, die durch Gletscher und Gletscherschmelze geformt wurden, ist der Saco ein sehr flaches Flusstal, das vom Meer geflutet wird! Seine Tiefe beträgt am Eingang der Bucht höchstens 10 m und geht sukzessive bis auf nur wenige Zentimeter in den hinteren Bereichen der Bucht, der Ponta da Foice, zurück. Zahlreiche Flüsschen und Flüsse münden in den Saco, so dass jeder Strand mindestens eine, meistens sogar mehrere Süßwasserbäche und Quellen vorweisen kann. So entstehen insbesondere an der Ponta da Foice zahlreiche Feuchtgebiete, die sogenannten Várzeas, in denen der Baum Caixeta (Tabebuia cassinoides) wächst. Seine Besonderheit liegt in der Weichheit seines Holzes, so dass er sich besonders gut zur Holzschnitzerei eignet. In der Mata Atlântica ist er selten geworden, so dass nur die Caiçaras, jene ‘Urbewohner’ dieser Gegend, ihn schlagen dürfen.

Caiçaras das sind, wie ich bereits kurz darlegte, traditionell fischende Bewohner der Küste um Paraty, vereinzelt noch indigener Herkunft. 120, laut einer anderen Quelle 400, Familien der Caiçaras sollen noch insbesondere in Praia do Sono, Ponta Negra, Pouso da Cajaiba, Calhaus, Ponta da Juatinga und Mamanguá leben. Doch wer weiß das so genau. Einen berühmt gewordenen Caiçaro, den Künstler Almir Tã, haben wir kennengelernt und bei ihm auch Schnitzereien – Fische und Boote – erstanden, die vielleicht aus dem Holz der Caixeta angefertigt wurden. Leider haben wir versäumt, ihn danach zu fragen. Doch die Begegnung mit ihm hat nicht im Saco do Mamanguá stattgefunden und ist eine andere Geschichte von der noch zu berichten.

Wir hatten Glück bei unserem ersten Aufenthalt hier, denn der Saco zeigte sich uns von seiner besten Seite: windstill und sonnenbeschienen lieblich. Wie wir später von Armin, einem erfahrenen Segler dieser Region, und noch später am eigenen Leib, erfahren haben, ist der Saco berüchtigt für seine Winde, die durch den schmalen Fjord mit seinen hohen Bergflanken kanalisiert werden und sich auf diese Weise enorm verstärkten. Unser zweiter Aufenthalt scheiterte an eben jenem Phänomen und den harten unangenehmen Wellen, die sich im Saco bildeten.

An den ufernahen Stellen, dort wo sich das Süßwasser mit dem Salzwasser während der Gezeiten vermischt, entsteht das Biotop der Mangroven, das insbesondere für Krebse, Fische und Meerestiere wie Austern und Garnelen von besonderer Bedeutung ist. Fatal wirken sich hier nicht nur jene Heckwellen der Motorboote und die Fischflotten der Schleppnetzer aus – wobei das auf alle Regionen der Welt zutrifft –, sondern auch das Verhalten der Einheimischen selbst, die ohne Verstand einfach jede Auster und Muschel von den Felsen abschlagen, ohne einen Nachwuchs zu hinterlassen. Der Versuch, die illegalen Fischer von ihrem Tun abzubringen, führte dazu, dass man an einigen strategisch wichtigen Stellen im Saco Betonklötze mit Metallwiederhaken auf den Grund versengte. Aber wie geht man gegen die Einheimischen und Anwohner selbst vor?

Die teilweise mächtigen Gesteinsformationen, die den Saco gleicherweise prägen, sind neoproterozoische Granite, die höchsten Gipfeln, der Cairuçu  und Jamanta, liegen über 1000 m. Ich lese, dass der Primärregenwald dieser Region Zuflucht für zahlreiche vom aussterben bedrohte Tierarten bietet, zu denen die Spinnenaffen und sogar der Jaguar gehören sollen. So gerne ich das glauben möchte, so unwahrscheinlich erscheint mir ihr Überleben angesichts der geringen Größe des Reservats und der ungebremst steigenden Anzahl der Bewohner dieser Gegend, ganz zu schweigen von dem sogenannten Ökotourismus und den Tagesausflüglern und Wanderern.

Nicht selten sind hingegen die unglaublich süßen Micos, die possierlich kleinen Affen, die von Menschen dressiert werden, alles mögliche wie Chips, Kekse und Brot aus der Hand zu essen. Ich gestehe, dass es mir sehr schwer fällt, es nicht gleicherweise zu tun. Auch Leguane lassen sich hin und wieder blicken. Von giftigen Schlangen, die auf Bäumen leben und mit starken Regenfällen schon mal an die Strände gespült werden, haben wir gehört, gesehen haben wir – Gott sei Dank – noch keine.

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Nico hielt gerne Ausschau nach den Micos. Und nein, wir haben keine an Bord (aber es fehlte nicht viel dazu).

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Der Saco von hinten, genauer: von unserem Ankerplatz an der “verlassenen“ oder „einsamen“  Bucht aus gesehen.

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Bei genauem Hinsehen entdeckt man das älteste Fischerdorf Cruzeiro, dessen Häuser – gut versteckt – sich an den Bergflanken hochziehen.

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Gleich geht die Sonne für uns unter. Hier sicherlich eine Stunde früher als woanders in der Baía do Paraty, denn durch  die Enge des Sacos einerseits und durch seine hohen durchgehenden Bergflanken andererseits beginnt die Nacht auf der Westseite früher. Wer auf dieser Seite baut, ist selbst schuld oder kommt nur im Hochsommer hierher, wo Schatten ein kostbares Gut werden kann.

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Blick in den hintersten Bereich, in die Sackgasse des Sacos. Ponta da Foice oder Manguezal. Hier hineinzufahren, trauten wir uns nicht. Dabei haben wir auf brasilianischen nautischen Karten Tiefenangaben gesehen, die eine Einfahrt durchaus möglich machen. Aber, nun ja… wir Angsthasen.

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So weit draußen, eigentlich schon in der Mitte des hinteren Sacos, müssen wir vor unserer “verlassenen Bucht” ankern, denn so flach ist der Fjord hier, dass wir ansonsten aufsetzen würden. Und damit ist die Bucht natürlich keine Bucht mehr.

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Der Grund, warum wir die Bucht “verlassen” und “einsam” nennen, sind diese verlassenen alten Häuser, noch in alter Manier aus Holz und Lehm gebaut. Wie finden darüber hinaus noch eine alte Wassermühle und einige andere Überbleibsel der ehemaligen Bewohner. Eingebettet in eine wundervolle Landschaft voller Fruchtbäume, Bananen, Kokosnüsse, Wasserläufe, Liliengewächse… nur die Sonne geht hier früh unter.

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Die ‘Wanderwege’ auf der rechten Seite des Sacos sind nur für uns zum Wandern da, für die Anwohner sind sie Straßen und Boulevards, sind einzige Verbindungswege zwischen den Ortschaften und einzelnen Behausungen (abgesehen von den nun bevorzugten Wasserwegen, jetzt, wo beinahe jeder ein Motorboot hat). Nico genießt das Wandern und Baden im warmen Wasser.

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Wir verholen auf die “Sonnenseite” und blicken nun zurück zum Eingang des Sacos mit seinen zwei Inseln, die ungefähr die Mitte markieren. Hier auf der linken Seite des Sacos  finden wir heraus, dass hier die Abendsonne am längsten scheint. Wir finden eine Fischerhütte vor, auch sie in alter Bauweise hergestellt, mit einigen für uns seltsam anmutenden Vorrichtungen davor. Eine Bananenplantage wird offenbar penibel sauber gehalten, davor Schilder, die die Bucht als privat ausweisen. Wir kümmern uns dieses eine Mal nicht um sie. Ein unweit der Hütte gelegter Schlauch führt klares Wasser aus dem Hügel herunter, wir nutzen ihn als Dusche am Strand. Bevor wir einige Tage später den Anker lichten, hinterlegen wir vor der Hütte ein paar Dinge, die hoffentlich dem neuen Besitzer nützen können: eine feste Gummimatraze, einen kleinen Roller.

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Die traditionellen Pirogen. Immer schön gepflegt und bunt angemalt. Diese hier ist mit einem Motor aufgerüstet.

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Die linke Sacoseite dominieren große, pittoresk an den Stränden und Ufern verteilte Steinbrocken. Auch hier müssen wir weit weg vom Ufer ankern – zu viele ausgedehnte Flachs, wunderbar zum Planschen für Nico (und mich). Gerade hier aber beherrschen die Strände die „Particular-(Privat)-Schilder“ und die protzigen Villen machen unmissverständlich deutlich, dass man bereit ist, dies auch durchzusetzen. Jetzt im Winter stehen die Villen leer, so dass wir hier und da doch noch anlanden.

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Wir waren eine Woche und paar Tage hier, doch reichte die Zeit bei weitem nicht aus, auch nur ein Drittel von dem zu erkunden, was der Saco zu bieten hat. Und jemand drängte…

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2 Responses

  1. Werner Kürten

    Ein frohes Fest, Euch da draussen in der unbekannten fremden Welt ! Immer wieder schön die Bilder von meist einsamen Stränden, kleinen Dörfern, unberührter, oder belasteter Natur zu sehen. Vielleicht helfen ja all die Informationen und der klare Blick auf die Veränderungen, die der Mensch ja meist aus Gier, Profit, aber auch zum Überleben, der Umwelt antut, oder aus Mangel an Alternativen, antuen muß !

    Ich habe da wenig Hoffnung für diese Länder … Wein trinken und Wasser predigen.
    … die Hoffnung stirbt nie !
    … wir schaffen das.

    In diesem Sinne weiterhin eine störungsfreie Reise und der gesamten Crew Gesundheit und einen besinnlichen Rutsch in das Jahr 2017.

    Werner

    • Marcel

      Werner, Du hast so recht… Vielen dann für Deine Wünsche!
      Herzlich, Joanna