Nach längerer Abwesenheit an Bord zurück zu kommen ist immer wie nach Hause zu kommen, obwohl man es nicht erwarten kann, wieder in See zu stechen. Die Pflichtübung Orte zu verlassen, die einem ans Herz gewachsen sind, lastet immer wieder aufs Neue auf der Seele jedes Reisenden. Nur die Hoffnung auf Wiederkehr lindert die Wehmut beim Ablegen des Schiffes. Und die Erinnerungen, die man mit auf die Weiterreise nimmt – Logbucheinträge und Stempel im Reisepass, Fotos, Fahrscheine, Eintrittskarten, Hafenhandbücher, Reiseführer und die Reisebeschreibungen unserer literarischen Begleiter sind externalisiertes Reisegedächtnis und unterstützen dieses.
Im Winter in der Türkei machten wir uns nach der Übernahme von Chulugi an die Erkundung ihres Bauches. Wir schauten unter die Bodenbretter, in Schapps und Backskisten. Tief vergraben in einem Schrank fanden wir auf unserem Schiff eine schwarze Plastiktüte. Der Inhalt fühlte sich an wie ein Bündel alter Trockentücher oder Putzlappen. Wir zogen die Tüte und deren Inhalt ans Tageslicht und breiteten ihn auf dem Salontisch aus. Bei dem Bündel handelte es sich um die Gastlandflaggen der von Tejo und Marleen besuchten Länder während ihrer achtjährigen Weltumsegelung. Manche der Flaggen waren aus Fetzen alter Stoffe zusammengenäht, deren Reste sich noch zwischen den Flaggen befanden. Manche Streifen und Insignien waren mit einem groben Filzstift aufgetragen und schon von der Sonne verblasst. Ich habe mich schon oft gefragt, woher die Weltumsegler bei spontanen Abstechern von ihrer geplanten Route bei der Einreise in Länder, deren Namen man vielleicht irgendwann einmal gehört hat, ihre Flaggen jedoch selten die Zahnstocher in Käsesticks zieren, die Gastlandflaggen beziehen. Ein paar bunte Stofffetzen sollte man also schon im Verlauf der Reise sammeln. Die türkische Gastlandflagge hatte ich kurz nach unserer Ankunft auf Chulugi ersetzt. Mir erschien der zerfetzte Lappen unter der Steuerbordsaling als respektlos gegenüber unserem Gastgeber. Tejo hat später mit einem Blick auf die Gastlandflagge bemerkt, in welchem guten Zustand sie doch sei. Bei der Fahrt durchs Rote Meer hätte er sie genäht. Ich musste dann zugeben, dass ich in meinem Unwissen über den (Erinnerungs-)Wert der Flagge, diese zuvor durch eine nagelneue ersetzt habe. Später, als das kleine Häufchen mit den Flaggen auf dem Salontisch ausgebreitet da lag, nahmen Joanna und ich eine Flagge nach der anderen in die Hand. Welche Orte wurden zurück gelassen mit der Hoffnung auf Wiederkehr. Welche Erinnerungen hängen an diesen Flaggen? Erinnerungen an Erlebnisse und Begegnungen, an Häfen und Ankerplätze auf der anderen Seite des Globus, tausende Meilen im Kielwasser.
Für uns ist die Tüte mit den Flaggen (noch) kein Erinnerungs-, sondern Sehnsuchtswerkzeug zur Weckung von Fernweh und dem Wunsch nach langer Fahrt. Ich denke, ich hätte diese Tüte nicht an Bord zurück gelassen. Meine britische Gastlandflagge jedenfalls, die Dietmar, Martin und ich nach unserer Überfahrt von Holland nach England gehisst hatten, hüte ich wie einen Schatz.
