Komm mit uns durch die indische Coronakrise – Marina Kochi, Lockdown 04

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Auf der Suche nach einem Artikel stolpere ich mit einer Verspätung von knapp einem Monat über deutsche Presseartikel über den Lockdown in Indien. „Indien verhungert“, „Coronakrise: In Indien bricht die Versorgung zusammen“, „COVID-19 oder Verhungern“, „Kranke auf dem Bürgersteig“! Wir hier in Südwestindien bekommen nichts davon mit. Schaut man hinter die Headlines, wird schnell klar, dass die Aussagen nichts oder nur am Rande etwas mit COVID-19 zu tun haben. Das hat mich dazu gebracht, den folgenden Kapitel einzubauen, obwohl ich eigentlich in diesem Blogbeitrag unsere PROS im indischen Lockdown vorstellen möchte. Aber, erst einmal etwas theoretische Kritik.

Überall gute und böse Narrative

Narrative sind Geschichten – sind geschriebene (gesprochene) Texte, die uns etwas erzählen und dabei ganz nebenbei etwas vermitteln. Eine gute Erzählung (Narrativ) lässt uns sogleich in das Erzählte eintauchen. Ohne Wenn und Aber folgen wir ihr und halten das Gelesene oder Gehörte für einleuchtend. Solange ein Narrativ (Märchen, Film, Roman, Tatsachenbericht, Reportage) in sich stimmig ist, verspüren wir auch keine kritischen Neigungen – und vergessen dabei, dass wir in eine erzählte Welt eingetaucht sind, die nicht unbedingt mit der Welt da draußen deckungsgleich sein muss. Diejenigen, die diese Kunst beherrschen, bedienen sich bestimmter, häufig kulturell festgeschriebener Mustern, Formulierungen und natürlich der höheren Schule der Rhetorik. In den meisten Fällen bedarf es nicht einmal dieser höheren Weihen, um Leser mit einem gut aufgebauten Narrativ zu überzeugen. Wer sind aber diese Narrativ-Erzähler? Nun, das sind wir alle. Wir alle erzählen permanent Geschichten, die unsere Adressaten von der Richtigkeit unserer Erzählung überzeugen sollen. Wir brauchen im alltäglichen Umgang miteinander keine nachprüfbaren Argumente – das ist in Ordnung so. Nicht in Ordunug ist es aber, wenn Politiker und Journalisten uns Narrative ohne nachprüfbare Belege liefen. Doch sie tun es die ganze Zeit. Es liegt an uns, das zu verstehen – und vielleicht (hoffentlich) die Zeitungen und Nachrichtensendungen zu hinterfragen.

Nehmen wir das oben genannte Beispiel mit der Überschrift „Kranken auf dem Bürgersteig“. Die Headline suggeriert, dass die Krankenhäuser in Indien mit Covid-19-Patienten überfüllt sind und die Menschen womöglich auf den Straßen siechen. Schauen wir genauer hin: Hinter dem journalistischen Narrativ steht die Tatsache, dass in vielen staatlichen Krankenhäusern aufgrund der abgezogenen Fachkräfte keine OPs mehr stattfinden. Etwas, das leider in sehr vielen europäischen Krankenhäusern gleichfalls passiert. In Indien fehlen scheinbar auch bestimmte Blutkonserven, weil Menschen im Lockdown kein Blut spenden. Der Artikel handelt von einer staatlichen Klinik in New Delhi, wo sicherlich auch ohne Corona so einiges schieflaufen kann. Hier werden normalerweise unentgeltliche Brustkrebsbehandlungen angeboten, weswegen viele Menschen, die sich eine solche Behandlung sonst nicht leisten können, aus ganz Indien anreisen. Und eine Patientin, die in dem Artikel zu Wort kommt, sitzt im Lockdown gefangen in New Delhi fest und kann nicht wieder zurück nach Hause. Das ist der einzige Aufhänger des Artikels, der mit Corona nur indirekt etwas zu tun hat.

Der Artikel „In Indien bricht die Versorgung zusammen“ hingegen entpuppt sich als ein Zusammenschnitt zwischen der Sorge Thailands um ihre Reislieferungen und der Sorge eines/einiger indischer Bauern, um ihre (billigsten) Arbeitskräfte, die sie sonst für die Ernte bekamen, und nun wegen dem Lockdown vielleicht nicht mehr haben werden. Das kann in der Tat passieren, falls der Lockdown nicht gelockert oder für diese notwendige Arbeit keine andere Regelung gefunden wird. Jedoch, die Versorgung des Landes ist noch kein bisschen zusammengebrochen!

Die Süddeutsche Zeitung Online berichtet in der Sparte „Kultur“ folgendes aus Indien:

Ebenso beunruhigend ist die steigende Zahl von Vorfällen häuslicher Gewalt. Eine NGO bat das Oberste Gericht in Delhi darum Maßnahmen dagegen zu erlassen. An der Umwelt-Front zeigen sich Aktivisten bestürzt, dass die Regierung den Lockdown für einen Angriff auf Naturreservate nutzt. Per Bekanntmachung will man öffentliche Anhörungen über Dämme, Minen, Flughäfen abschaffen. Die Regierung hält Videokonferenzen ab, in denen es keinen Spielraum für Fragen oder Widersprüche gibt. Der 1. Mai naht und die Bundesstaaten Rajasthan, Gujarat und Punjab haben um Sondervollmachten ersucht, um die Arbeitszeit in den Fabriken von acht auf zwölf Stunden zu erhöhen. Der Friedensnobelpreis-Träger Kailash Satyarthi hat die Regierung angehalten, gegen den plötzlichen Aufschwung an Kinderhandel im Land vorzugehen. Er machte auch auf die Notlage der Kinderarbeiter aufmerksam, die in Fabriken, Ziegeleien und Werkstätten festsitzen und verhungern.

Ein Gastbeitrag von V. Ramastamy

Bezeichnenderweise finden sich in diesem Bericht keine weiterreichenden, verweisenden Angaben. Wir erfahren weder, wer die NGO ist, noch um welche Maßnahmen gebeten wurde. Welche „Umweltfront“ und welche Aktivisten melden sich da zu Wort? Welche Regierung – Indien hat 29 Bundesstaaten mit ihren eigenen Naturreservaten – geht mit welchen Angriffen auf welche Reservate vor? Wie kann man „per Bekanntmachung“ Anhörungen abschaffen? Und so weiter und so fort. Der gesamte Passus ist ein Narrativ, das mehr oder weniger jeder von uns hätte erzählen können. Es berichtet von einer restriktiven, undemokratischen Entwicklung in der Rechtsstaatlichkeit Indiens, weist aber an keiner einzigen Stelle aus, worum es sich dabei tatsächlich handelt. Sicher, solche Vertiefungen langweilen den einen oder anderen Leser, aber sie sind gleichwohl das notwendige Fundament einer faktischen Berichterstattung. Dieses obige Narrativ leuchtet uns ohne weitere Beglaubigungsverweise ein, weil es mit knappen Behauptungen arbeitet, die uns bekannt vorkommen. Sie passen zu dem Bild, das wir uns aufgrund anderer Narrative bereits von Indien gemacht haben.

Ein anderer Bericht der Autorin Marie kommt aus Goa, und macht mich nachdenklich. Hier ist das Narrativ sehr persönlich und damit glaubwürdiger, weil es nicht das große Ganze angeht, sondern die eigene Lage vermitteln möchte. Dennoch, auch dieser Bericht ist ein Narrativ, an das man durchaus Fragen stellen kann. Goa ist der kleinste Bundesstaat Indiens, der wie Cochin auch an der Westküste liegt, und bisher das Mekka der ausländischen Touristen war. Während der bisherigen Dauer der Coronakrise hatte Goa sieben (7!) offizielle Covid-Fälle und null Tote zu beklagen. Alle sieben Infizierten sind genesen. Somit gehörte Goa bereits vor und während des Lockdowns zu der sogenannten „Grünen Zone“. Marie berichtet aus Arambol fast nur schlimmes, auch wenn sie das in einem recht lockeren Tonfall erzählt: sie hetzende Polizei, nichts zu essen, geschlossene Läden, Mangel an Lebensmitteln. Arambol ist ein sehr beliebter Ort am Meer, hoch frequentiert von Backpackern und Alternativreisenden, voller entsprechender Unterkünfte, Restaurants, Souvenirläden etc. Ich kann mir die von Marie beschriebene Situation nur damit erklären, dass die einfache Landbevölkerung, die Einheimischen ohne jene Tausenden von Ausländern, in erster Linie ungebildete, arme, arbeitslose, verängstigte Menschen sind, die selbst mit der Situation nicht zurechtkommen. Um so ungebildeter, desto dümmer, desto größer die Angst, desto weniger Menschlichkeit. Was die indische Polizei betrifft, so hat sie eines von den britischen Kolonialherren gut gelernt, und das ist, wie man den Knüppel schwingt und Befehle ausführt, ohne nachzudenken. Zu spät, denn ich hätte gerne der Dame den Tipp gegeben, sofort die Notfallnummer der deutschen Botschaft bzw. des nächsten Konsulats, die 24/7 besetzt sind, zu wählen! Sie wäre in Arambol abgeholt und vielleicht sogar zuerst zu uns ins Bolgatty-Hotel gebracht worden. Warum sie in dieser fatalen Lage nicht selbst auf diese Idee gekommen ist, weiß ich nicht.

Soviel zum Journalismus in Deutschland. Gestern erfuhr ich aus einer deutschen Zeitung, dass die Qualität des deutschen Journalismus weltweit den Rang 11 belegt. Das macht schon nachdenklich. Für ein demokratisches, wohlhabendes Land mit den meisten Presseorganen, die sich ihre Unabhängigkeit auf die Fahnen schreiben, ist es ein Armutszeugnis, was gerade in außerordentlichen Krisen zum Tragen kommt.

Ich bin in den 1980er Jahren zur Schule gegangen, in einer Zeit also, in der eine obligatorische Themenstellung, das „Einüben des kritischen Denkens“, auf dem Lehrplan stand. Wir hatten „Analyse von Werbung“, „Analyse von Presseartikel“, „geopolitische Analyse“ und selbstverständlich das „kritische Denken“ in Philosophie (mein Wahlfach in der Oberstufe). Ich behaupte, wir haben sogar „kritische Biologie“ betrieben. Wird das alles nicht mehr in den Schulen eingeübt? Ich kann bis heute – bilde ich mir ein – jeden Artikel im Schlaf auseinandernehmen. Nicht fachlich, aber sprachlich – und das ist mehr als die halbe Miete, um dahinterzukommen, was man mir erzählen will.

Und wie sieht es mit der Wahrheit bei uns aus?

Der zweite Monat in unserem Lockdown steht unter der internen Überschrift „Entspannung, Routine & Hoffnung“. Wir in Ernakulam bzw. Kochi können immer noch nichts von einem Zusammenbruch der Versorgung berichten. Auch ist bisher keiner auf die Barrikaden gestiegen. Aber, was wissen wir schon von der Welt da draußen?

Marcel konnte zweimal zum ATM-Geldautomaten fahren, und hat ein paar Fotos gemacht. Sie sind so nichtssagend, wie eben die Ansichten von indischen Straßen ohne Menschen und ohne Autos es sind. Am Anfang des Lockdowns überraschte und erfreute viele von unseren indischen Freunden diese ungewohnte Leere und Ruhe. Sie haben ihre Städte und Straßen nie anders gesehen als dicht bepackt, laut und stinkig. Wir haben natürlich schon häufig leere Straßen gesehen, deswegen gerieten wir auch hier nicht so sehr aus dem Häuschen.

Zum Vergleich – Dezember und heute:
Und heute:
Die abgesperrte Brücke zu unserer Insel.
Die Inder nehmen es mit den Masken mal mehr mal weniger genau. Seit ca. zwei Wochen fällt uns jedoch auf, dass das gesamte noch hier arbeitende Personal ihre Masken vorschriftsmäßig aufhat. Die Schutzmänner sogar dann, wenn sie ganz alleine ihre Runden um den Garten und die Marina drehen. Auch nachts.
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Ich freue mich mit den Indern mit, wenn sie mir Videos von der für sie bis dato unsichtbaren Natur schicken. Von den Bergen, die zwei Generationen nah daran lebender Menschen noch nie aus ihren Fenstern erblickten. Von den Elefanten, die auf die Straßen gehen, ohne vertrieben oder angefahren zu werden. Von den Affen, die in Swimmingpools baden. Oder von Walen, die in den verdreckten und mit Schiffen jeder Art vollgestopften Buchten sonst nie auf- und abtauchen würden. Ich freue mich, wenn ich sehe, wie sich die Inder darüber freuen.

Berge, die keiner bisher gesehen hat.
Elefanten in Munnar! Das freut mich ganz besonders!
Wale und aufgeregte Zuschauer in Mumbai.

Schön und unschön zugleich. Eine der größten heutzutage gesichteten Elefantenherden mit ganz vielen Jungtieren! Doch leider hört man im Hintergrund die üblichen Kracher, die die Inder vor dem Lockdown ständig gezündelt haben, um alle möglichen Tiere zu verscheuchen (fragt sich nur wohin bei einem Land, das eigentlich nur aus dicht an dich lebenden Menschen besteht). Gleichzeitig fliegen in diesem Video auch Steine gegen die Elefanten. Traurig ist es, denn kein Virus der Welt wird aus uns bessere Menschen machen, wenn wir das nicht schon vorher waren.
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„Pro“ gegen „Contra“ auf der persönlichen Lockdown-Skala

Ich habe nach bestem Wissen und Gewissen so viel Kritisches über unsere Lage im indischen Lockdown geschrieben, dass es nun an der Zeit ist, eine neue Bilanz nach fast zwei Monaten zu ziehen. Dieses Mal frage ich mich, ob es denn auch was Gutes im Nichtguten gibt? Sind tatsächlich die anderen Segler, die in wunderbaren Buchten oder in natürlichen Häfen vor Anker liegen und selbst an Land zum Einkaufen gehen können, um so viel besser dran als wir? Ich habe sie lange Zeit beneidet. Auch jetzt würde ich gerne wieder in einer schönen, sicheren Bucht mit einem Strand vor dem Bug ankern wollen.

Doch was höre ich mittlerweile von den anderen Seglern? Sie müssen auf ihren Booten sitzen bleiben. Dürfen nur an Land, um auf dem direkten Wege einkaufen zu gehen – und zurück. Zu zweit, oder auch nur alleine. Mit Maske und manchmal auch ganzkörper desinfiziert. Einige dürfen nicht mal zum Einkaufen an Land, ihnen wird Essbares mit einem kleinen Boot vorbeigebracht! Einige Segelboote werden täglich patrouilliert und andere dabei auch eingeschüchtert, damit sie bloß nicht ihre Position ändern. Andere wiederum dürfen nicht schwimmen, und Strandspaziergänge sind gar nicht erst erlaubt. Wie ist es bei diesen Seglern, wenn sie auf ihren Booten krank werden? Gibt es dort Krankenhäuser und wenn ja, wie sehen diese aus?

Mit einem Hund an Bord wäre dieses schöne Ankern alles andere als schön. Ich nehme hiermit Abschied von meinem Neid. Dafür stelle ich nun meine persönlichen Pros und Sterne für den Lockdown in der Marina Kochi vor.

*** Das Internet

Freundlicherweise bekommen wir einen kostenfreien Zugang zum hoteleigenen Internet, das wir an Bord empfangen können. Falls das Netz nicht zusammenbricht, haben wir eine gute Standleitung, so dass auch Videophonie und Uploads klappen. Für uns ist ein funktionierendes Internet nicht nur „Fenster zur Welt“ und Zerstreuung, sondern unsere tägliche Arbeitsstelle. Als Freelancer finanzieren wir unsere Segelreise ausschließlich über die Arbeit am Computer und im Internet. Schön ist es auch, dass die indischen Internetprovider versprochen haben, die Durchsatzkapazitäten unabhängig von den bezahlten Tarifen zu erhöhen. Da das Netz bisher nur selten ausgefallen ist, gehen wir davon aus, dass dieses Versprechen wenigstens in der Stadt eigehalten wurde. Für uns ein großer Pluspunkt gegenüber schönem Ankern aber schwachem Wifi.

*** Staatliches Hotel

Dieser Punkt ist etwas heikel. Als „Auffanglager“ für Ausländer war mir das Hotel nicht ganz geheuer, wussten wir im ersten Monat des Lockdowns auch nicht, was da alles noch auf uns zukommen kann. Bisher ist alles ruhig geblieben. Sollte aber die deutsche Zeitung mit ihrem Unken über einen Verpflegungszusammenbruch in Indien recht bekommen, so wird hoffentlich ein staatlicher Hotelmanager noch Mittel und Wege finden, uns ein paar Chapati (indisches Fladenbrot) und etwas Dal herüberzuschieben. Das stabile Wifi ist möglicherweise auch dem staatlich geführten Resort zu verdanken.

*** Eine Waschmaschine & Duschen

Waschmaschine, die vor dem Lockdown günstig war (ca. 1,50 Euro pro Waschgang) und jetzt irgendwie gar nichts kostet, ist schon etwas feines. Daneben steht ein großer Trockenaufsteller, so müssen wir unsere Wäsche nicht an Bord aufhängen. Das werde ich vermissen. Die Duschen entsprechen nicht so sehr dem, was man sich von einer Palast-Hotel-Marina erwartet. Aber sie sind ausreichend dimensioniert, jeder Zeit zu benutzen, und wir müssen nicht unser kostbares (Trink-) Wasser an Bord verbrauchen.

*** Billard & Tischtennis & Fitness-Räume

Uns stehen zwei Räume im Marina House zur Verfügung: in dem einen können wir Billard und Tischtennis spielen. In dem anderen anspruchsvoll Gewichte stemmen, das Laufband oder Fahrrad nutzen. Das Laufband anzuschmeißen traue ich mich nicht. Auch weiß ich nicht, wie mein Kreislauf darauf reagieren würde, denn dort gibt es keine Klimaanlage. Man kann aber auch, so wie ich, in dem luftigeren Billard-Room Yoga machen. Da wir hier 5 Boote sind, sind die Tischtennisplätze schon mal schnell ausgebucht.

*** Medizinische Versorgung

Die Stadt Ernakulam hat wahrscheinlich nicht nur gefühlt an die 100 Krankenhäuser. Sicher, die meisten sind staatlich und werden nicht unbedingt meinen Ansprüchen an ein Krankenhaus genügen. Doch solange wir in der unglaublich privilegierten Lage sind, eine Krankenversicherung zu haben, die sich hoffentlich in der Coronakrise nicht aus ihrer Verantwortung stehlen wird, können wir uns hier die besten privaten Krankenhäuser leisten. Dort hat man nicht nur bereits viel Erfahrungen mit weißen Ausländern gesammelt, sondern ist auch medizinisch hervorragend ausgerüstet. Das alles hat seinen Preis. Ob wir eines dieser Krankenhäuser im Fall eines vermuteten oder tatsächlichen COVID-19 frei wählen dürfen, das ist, muss ich gestehen, mir nicht klar – und vermutlich nicht möglich.

*** Onlineshops und Lieferservice freiboot

Ich sage nur: Zomato. Dieser Erfindung gebühren eigentlich fünf Sterne und ein Halleluja. Natürlich, was hätten wir von großartigen Onlineshops, wenn sie nicht zu uns auf die abgesperrte und dadurch isolierte Insel liefern dürften. Was in den ersten Wochen unser Leid war, entpuppt sich mittlerweile als ein Segen. Wir müssen nicht raus, uns weder dem Virus noch sonst jemanden entgegenstemmen, bösen Blicken der Einheimischen ausliefern, oder Gesichtsmasken bei 37 °C tragen, sondern bestellen Nahrungsmittel und fertig zubereitete Mahlzeiten via Zomato-App freiboot. Beinahe jeden Tag gibt es dort neue Geschäfte, die ihre Dienste anbieten. Alte Läden hingegen haben täglich eine Überraschung parat. Mal ist das, was gestern da war, nicht mehr erhältlich – das merkt man sich dann für das nächste Mal und zögert nicht noch einmal -, dafür ist dieses oder jenes neu. Einige Shops haben ausschließlich Trockenfrüchte in großer Auswahl … andere bestehen nur aus vier Sorten Honig und einem Bio-Pfeffer. Es gibt aber auch Geschäfte, die eine ausreichend große Supermarktauswahl haben. Meistens liegt der Schwerpunkt auf Hülsenfrüchten, Mehlen und Gewürzen. Man könnte ohne weiteres anhand der eingestellten Angebote eine schöne Kulturabhandlung über das indische Leben schreiben.

Mittlerweile gibt es auch tiefgefrorenes Fleisch zu kaufen: Rind, Hühnchen, Lamm (Hammelfleisch), Ente und etwas Schwein. Seitdem ich mir zu Ostern vorgenommen habe, einen Falschen Hasen zu machen, gibt es wie verhext nirgends Hackfleisch zu bekommen! Und alles aus Schwein hat aberwitzige Preise, aber die intelligenten Schweine essen wir sowieso nicht mehr. Anders die christlichen Keralesen. Schweinegerichte sind sowohl Weihnachten als auch Ostern ein Muss. So berichtete die hiesige Zeitung zu Ostern von kilometerlangen Schlangen, die sich vor den Metzgern bildeten … und jeder nur ein Schwein. Auch tiefgefrorenen Fisch bekommt man via Zomato. Der Schwerpunkt liegt auf Garnelen, die eine „Spezialität“ der Region sind. Traurig ist zu sehen, dass die von uns bestellten „large Shrimps“ (große Garnelen) jene Größe erreichen, die in meiner Jugend (also vor gut 10 Jahren) definitiv als klein bezeichnet worden wären. Zeitungen haben auch hierzu etwas zu berichtet, nämlich dass am Anfang des Lockdowns Fischer Tonnen an Fang in den Müll – oder ins Wasser – entsorgt haben, weil keiner den Fisch kaufte bzw. kaufen konnte. Beim nächsten Lockdown ist hier viel Potenzial zum Nachjustieren vorhanden.

Wie funktioniert Zomato?, werden sich vielleicht einige (Eltern?) fragen. Zomato nimmt die Bestellungen entgegen und sorgt dafür, dass sie an die Geschäfte weitergegeben werden. Ihre Motorradfahrer (daher max. 12 Kilo pro Bestellungen) nehmen dann von den Angestellten der Geschäfte oder Restaurants die zusammengestellten Taschen und Pakete entgegen und sind damit in der leeren Stadt erstaunlich schnell bei uns. Unsere Fahrer haben alle deifizierte Hände, versichert uns jedes Mal die App, worüber ich dann doch lachen muss. Angeblich werden die Fahrer einem „Sicherheitscheck“ unterzogen (Temperaturmessen, Maske, Händewaschen etc.). Seit Neustem haben die Fahrer auch ein „Contact Tracing“, also eine App, die ihre Bewegung und Kontakte aufnimmt. Darauf stehen vor allem die Asiaten sehr – wahrscheinlich eine App aus China, wo alle Daten zusammenlaufen und gespeichert werden.

So sieht es in der App aus. Oben links eine Auswahl an Geschäften, rechts sowie unten ein Einblick in die jeweiligen Angebote.
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Alles kommt gegen ein Entgelt von umgerechnet 50 Cent zu uns. Dieser Preis ist daher so „hoch“, weil wir auf der Insel leben. Wer will, und wir wollen immer, gibt den Fahrern per App ein Trinkgeld nach Wahl, dieser liegt zwischen 20 und 60 Cent. Man kann aber auch grundsätzlich – und via App – an Fahrer und arme Menschen aus grundsätzlicher Solidarität spenden. Angeblich gibt es auch „desinfizierte“ Küchen und kontaktloses Anliefern, wobei der Fahrer die Pakete vor die Tür stellt und vorher die Lieferung per Handy ankündigt. Es muss auch keine Klingel berührt werden, wenn der Klient das nicht wünscht…

Zwar will ich nicht verheimlichen, dass die allerbesten Läden und Restaurants immer noch nicht unsere Insel beliefern, aber wir haben immerhin eine Auswahl, die sowohl die nord- indische Küche als auch Pizza, Spaghetti (auch Vongole!), Continental (Cordon Bleu!), Burger, Chinesisch (furchtbar schlecht!), Thai (machen wir besser), Schweinefleisch-, Rind- und gefühlt 1001 verschiedene Dal- und Hähnchen-Gerichte einschließt. Bei einer so großen Auswahl bleibt mittlerweile unsere Kombüse schon am dritten Tag kalt. Das hat bei 37 °C Außentemperatur auch seine Vorteile und auch wenn die Lieferung 40 Minuten braucht, so kommt das Essen nicht wirklich „kalt“ bei uns an.

Kleiner Einblick in die Restaurantauswahl mit Bewertung und ungefähren Kosten pro Person. Und immer schön die Hände desinfizieren…“The Burger Junction“ ist einfach der Hammer. Selbstverständlich gibt es auch überall Vegetarisches zu bekommen. Schließlich sind wir ja in Indien, dem Paradies der Vegetarier.
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Ich glaube, diese tolle App behalten wir auch nach dem Lockdown! Ich muss nicht zum Einkaufen raus – das war mir immer schon zu laut, zu dreckig, zu voll und zu heiß gewesen.

*** Unser Garten vor der Residenz

Das Hotel Bolgatty Palace steht an der Spitze der gleichnamigen Insel in einer Dreiecksituation zwischen der modernen Stadt Ernakulam linker Hand und der alten portugiesischen Stadt Cochin oder Kochi rechter Hand. Die Bezeichnung Palace bezieht sich auf den dort stehenden Palast. Eigentlich handelt es sich dabei um ein vorzeigbares Herrenhaus, das von reichen holländischen Händlern 1744 erbaut worden ist. Ich vermute, dass es sich dabei um die Niederländische Ostindien-Kompanie handelte, somit nicht um irgendwelche Holländer. Eingebettet in einen sicherlich damals repräsentativen Garten diente dieser Palast dem niederländischen Kommandeur als Hauptsitz, der über die Malabar-Region dirigierte (ungefähr der heutige Bundesstaat Kerala). Es ist später um andere Gebäude erweitert worden, die heute als Hotelflügel, Foyer, Restaurants, Bar, Ayurveda-Behandlungsräume und Veranstaltungsorte (z.B. für das Kathakali-Theater) dienen.

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Es heißt, dieser schöne Palast sei die älteste erhaltene Anlage dieser Art außerhalb der Niederlande. Ich bezweifle das, insofern das Kap in Südafrika Gebäude aus dem 17. Jahrhundert hat, und sogar in Cochin gibt es den „Dutch Palace“, der 1663 von den Holländern, wenn auch nicht erbaut, so doch immerhin renoviert wurde. Tatsächlich ist aber unser Palast architektonisch besonders schön. 1909 pachteten es die Briten und machten den Palast zu britischen Residentur (residency), dem Sitz des „Residenten“, der als ständiger Vertreter der Kolonialverwaltung agierte und die Aufgabe hatte, „die Fürstenherrscher nicht nur zu beraten, sondern vor allem zu beaufsichtigen und die Interessen der Kolonialmacht durchzusetzen“ (Wiki).

Als 1947 Indien seine Unabhängigkeit erlangte, wurde der Palast staatliches Eigentum, und blieb es bis heute. Das alte Interieur ist offenbar „verloren gegangen“, nur noch die Architektur zeugt von der ehemaligen Pracht. Der Garten ist zum größten Teil zu einem 9-Loch-Golgplatz umgebaut worden, was man sehr bedauern muss. Angeblich soll es hier irgendwo einen alten Shiva-Tempel geben. Dazu heißt es: „Der erste seiner Art in Kerala“, was ich jedoch für eine bodenlose Übertreibung, wenn nicht gar für falsche Information halte.

Komme mit auf einen Rundgang

In „unserem Garten“ kennen wir mittlerweile jeden Grashalm und fast jedes Stück Müll per du. Marcel macht mit Nico eine große morgendliche Runde, die den Golfplatz einschließt. Wenn es sich um ein bis zwei Grad abgekühlt hat, wandeln wir alle gemeinsam im Palast-Garten herum. Zumindest in dem Teil, der auch für Nico zugänglich ist. Der andere, hotelrepräsentative Garten ist nur für Straßenhunde erlaubt. Zu unserer Gefolgschaft gehört mittlerweile ein Tross aus drei Welpen, der Hundemama und – mit ängstlichem Abstand – vier bis fünf anderen Vierbeinern. Doch diese andere Hunde-Geschichte verdient eines eigenen Blogbeitrags.

Und here we are: auf Wunsch der Eltern & Freunde jetzt auch besonders ausführlich.

1. Am Anfang des Bolgatty-Resort-Geländes steht das sogenannte Marina House und die rückwärtige Marina mit drei Pontons. Während des Lockdowns dürfen wir dieses Gelände nicht verlassen. Folge uns, wir gehen linksherum:
Die schwarze CHULUGI ganz links im Foto; mit vielen hellen Planen als Schattenspender abgedeckt. Von Weitem sieht es ganz okay aus, nicht aber, wenn man näher tritt.
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2. Der Garten des Palasthotels beginnt am Marina House:
Ich glaube, das ist Loch Nr. 2 – die Golfplatzlöcher sind überall (!) auf dem Gelände verteilt.
3. Nun sind wir an der Spitze der Insel angelangt und bewegen uns langsam Richtung Palast und wechseln auf die rechtenSeite der Insel:
Doch bevor wir den Palas erreichen, passieren wir noch eine wilde Mülldeponie, die das Personal des Hotels an dieser potenziell schönen Stelle angelegt hat. Willkommen in Indien, einem Land, in dem Müll einfach zum Leben dazugehört, auch wenn man ein staatliches Vorzeigeobjekt wie den Bolgatty Palast führt.
Eine Hochzeitshalle – Der Palast und seine Nebengebäude wurden vor dem Lockdown jedes Wochenende aber auch gerne unter der Woche für riesige Hochzeitspartys gebucht. Eine Hochzeit mit weniger als 300 Gästen auszurichten, bringt offensichtlich ganz schlechtes Karma mit sich und wird erfolgreich vermieden.
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Bolgatty Palast von der Seite.

4. Kommen wir nun zum Holländischen Palast:
Marcel liest hier jeden morgen seine Zeitungen.
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5. Und langsam kommen wir auch schon wieder zum Marina House zurück:

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6. Was uns unterwegs begegnet und sich fotografieren lässt:
Wir haben auch viele weiße, graue und schwarze Kraniche, Milane, die Seeadlern ähneln, Streifenhörnchen und große Eidechsen, die, ich glaube, Agamen heißen. Eine Zeitlang hatten wir auch große Flughunde, die leider jetzt weg sind. Und sogar zwei Pfauen. All diese Tiere erscheinen immer nur dann, wenn man keinen Fotoapparat mit sich führt.
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7. Jetzt aber schnell: ein Gewitter naht im Lockdown
Ende für heute!

2 Antworten

  1. Johanna Winter

    Liebe Joanna,lieber Marcel,lieber Niko, es freut mich zu lesen, daß es euch gut geht! Danke für den wiedereinmal tollen Artikel, so objektiv, beeindruckend und ehrlich geschrieben und tolle Fotos als Draufgabe… Joanna, du solltest ein Buch schreiben, ich würde es verschlingen……bleibt alle drei gesund und genießt die schönen Seiten eures Aufenthaltes in Indien..Servus und vielleicht sehen wir einander wieder….

    • Joanna

      Liebe Johanna,
      vielen herzlichen Dank für Deine lieben Worte! Ach ja, ich komme gar nicht zum Schreiben… Muss immerzu nur arbeiten. Und da ich nur am Computer schreiben kann (ohne Ausdrucke), sind gerade die langen Beiträge voller Fehler. Was mir natürlich erst Tage später auffällt (oder gar nicht). Der kurze Text hätte auch den Vorteil, schneller online zu sein :-) . Aber kurz ist nicht so meins.
      Wie geht es Dir denn? Bis Du in Kenia geblieben? Alle gesund?
      Grüße bitte alle, die wir kennen und die noch da sind, von uns ganz herzlich! Schön war das mit Dir!
      Liebe Grüße,
      Joanna & Marcel & Nico