Honorarkonsul von Kerala bei uns im Lockdown – How to get Great Guests during Lockdown, India 03

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I’m honestly glad to have a German passport. It seems that hardly any other embassy is as efficient and helpful as the German one! You think it is no need to clean the boat, your hair or put pretty cloth on you because you are in Lockdown in India? Wrong! Wir rechnen nicht einmal mit jemanden von der Immigration, obwohl wir auf eine erneute Verlängerung unserer Visa warten. Wie sollten wir auch so etwas Außerordentliches, wie einen Besuch im strickten Lockdown (ich habe bereits darüber berichtet) erwarten? Das kann eigentlich nichts Gutes bedeuten. Ausweisung, und zwar sofort, schießt mir irrationalerweise durch den Kopf. Aber warum?, frage ich mich dennoch weiter, obwohl mein Verstand dabei den Kopf schüttelt. Wahrscheinlich, weil ich mich so häufig an offiziellen – allerdings nur deutschen – Stellen „beschwert“ habe. So ganz unrecht habe ich damit am Ende zwar nicht, aber im Wesentlichen kam es dann doch alles anders als gedacht.

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Ein Überraschungsgast

Ich ziehe mir schnell noch etwas Passableres an als das üblich Corona-Schreibtisch-Outfit und bedaure sehr, dass ich heute eine Ayurveda-Ölanwendung meinen Haaren gönnte. Wir eilen in das Foyer des Bolgatty Hotels und da sehen wir schon den davor geparkten schneeweißen Mercedes mit dem ganz speziellen „CC“ Kennzeichen und der kleinen Flagge an der Seite. An der Rezeption erwartet man uns schon. Bedeutungsvoll wird mir durch die Maske hindurch mitgeteilt, der Herr Konsul speist noch, er komme aber gleich. Ich unternehme daraufhin einen kleinen Spaziergang durch den Garten und genieße die etwas frischere Brise, die auf dieser Seite der Insel weht, und den Blick auf Alt-Cochin. Dort, wo sich die Lagune zum Indischen Ozean hin öffnet, sind wir fast vor einem halben Jahr durchgefahren … Die Zeit rast, auch wenn wir hier im Lockdown eingeschlossen sind, und hier sich die Zeit vermeintlich dehnt.

Blick Richtung „Freiheit“.
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Ankunft am 26.10.2019
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Oktober 2019, ankern vor Cochins Altstadt.
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Im gepflegten kleinen Garten des holländischen Palastes ist es eigentlich wie immer – Vögel zwitschern, Reiher stolzieren auf den Rasenflächen, die Streifenhörnchen hoppeln herum und die Sonne glitzert durch die Kronen mächtiger Bäume. Nur dem Swimmingpool hat man das Wasser abgelassen und kein Poolboy ist da, der mir freundlich das große flauschige Handtuch reicht. Das sind die einzigen Anzeichen, dass hier etwas nicht stimmt.

Jemand mit Mundschutz – kenne ich ihn? – gestikuliert in meine Richtung. Der Lunch des Gastes ist wohl vorbei. Als ich das Foyer durchquere, liegt eine leichte Aufregung in der Luft. Ich habe den Eindruck, wir selbst sind in Augen der Hotelbelegschaft ein Stück größer geworden.

„Guten Tag, Herr Konsul, schön dass wir uns persönlich kennenlernen!“ Die Begrüßung findet im ungewohnten Abstand und mit Mundschutz statt. Die Temperaturen steigen hier mittlerweile deutlich über 35 °C und ich bekomme durch meinen dichten Mundschutz „made in South Africa“ – gekauft für Schleifarbeiten an Deck – eher Atemnot. Wir entscheiden uns, in den klimatisierten Raum des Restaurants für eine Unterhaltung zu wechseln.

Honorarkonsul – Was macht er so?

Der runde Tisch erlaubt uns, sich auf richtige Distanz zu platzieren und die Masken abzunehmen – wer hätte gedacht, dass man sich um so etwas Gedanken machen muss. Der Honorarkonsul des Bundesstaates von Kerala ist Dr. Syed Ibrahim. Sehr fesch, sehr distinguiert, sehr angenehm. Zudem spricht er ein perfektes, sehr schönes Deutsch. In seiner chicen Gegenwart kommen wir uns sogleich doppelt verlodert vor.

Der Sitz des Honorarkonsulats befindet sich in der Hauptstadt von Kerala, Thiruvananthapuram (Malayalam തിരുവനന്തപുരം), von der der Leser wahrscheinlich noch nie etwas gehört hat und sich nun fragen wird, ob man diesen Namen überhaupt aussprechen kann. Man kann. Aber einfach ist es nicht: Thiruvananthapuram, daher haben die britischen Kolonialherren für uns den Namen Trivandrum kreiert, der bis heute (auch) im sprachlichen Gebrauch ist.

Zwischen unser Marina und dem Wohnsitz von Dr. Syed Ibrahim liegen gute vier Stunden Autofahrt und ich habe schon schlechtes Gewissen, dass der Honorarkonsul unseretwegen kommt, genauer: wegen meiner schriftlichen, sagen wir mal, Intervention. Tatsächlich habe ich in den ersten Tagen des indischen Lockdowns kein gutes Gefühl gehabt angesichts dessen, wie mit Ausländern in Indien umgegangen worden ist. Das begann bereits Wochen zuvor, als die Presse in eine indirekte Hetze gegen weiße Ausländer einstimmte, die vermeintlich das Coronavirus ins Land brächten. Unterstützung gab es auch durch einige Politiker, die gerne die Schuld bei anderen suchen. Die Tatsache, dass uns nicht erlaubt wurde, das Marina-Gelände zu verlassen, hat wesentlich dazu beigetragen, dass ich eMails sowohl an die Deutsche Botschaft in New Delhi, das deutsche Auswärtige Amt als auch an zwei Konsulate in Indien geschrieben habe. Dabei ging es mir nicht so sehr darum, auf die Rückholerliste zu kommen, sondern dass wir wahrgenommen und nicht vergessen werden. Das habe ich ganz offensichtlich erreicht.

Maskiert und mit dem richtigen Abstand. Beides fühlt sich falsch an.
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Dr. Syed Ibrahim schilderte uns, wie er nach seinem Aufenthalt in München aufhielt und nach seiner Rückreise in 28-tägigen Quarantäne war. Nun ist er nach Kochi gekommen, um ein Flugzeug mit einigen Hundert in verschiedenen Gegenden „gestrandeten“ Touristen, zu begleiten. Diese große logistische Aktion wurde über sein Honorarkonsulat organisiert, was ihn davon abhielt, sich eher bei uns zu melden. Er wisse aber, dass ich bereits in Kontakt mit Herrn Winfried Werner-Wolf, dem Leiter des Rechts- und Konsularreferats des Generalkonsulats in Bangalore, stehe. Ach ja, im Hintergrund ist die Welt doch klein.

Bei der anstehenden Rückholung mit von der Partie ist auch der Rechtsberater des Konsulats, wodurch uns deutlich wird, wie schwierig solche zwischenstaatlichen Aktionen in der Realisierung sind. Auf dem Weg zum Flughafen entscheidet der Konsul auch nach uns zu schauen und unsere Lage in Augenschein zu nehmen. Eine Vorankündigung braucht er nicht, neuerdings sind wir immer „zuhause“.

Vor dem Hintergrund meiner eMails und des aktuellen Rückholfluges habe ich das Bedürfnis, noch einmal zu erklären, warum wir nicht das Schiff verlassen und nach Deutschland zurückfliegen. Da zwei wesentliche Punkte: Das Schiff ist unser Zuhause, wir leben darauf seit sechs Jahren mit unserem Bordhund Nico. Und diesem wird das Mitfliegen offenbar verweigert. Nico, obwohl ein Peruanischer Inca Hund (Peruvian Hairless), kommt aus Deutschland und ist unser ständiger See- und Landbegleiter, ein Familien- und Crewmitglied, das man nicht auf die Straße setzt, wenn die Situation ungemütlich wird.

Etwas überraschend für uns entpuppt sich unser Honorarkonsul als eine anverwandte Seele, denn er versteht uns in diesem Punkt sofort. Auch er habe einen Hund, den er während seiner Auslandsreisen vermisst, gibt er zu. In diesem Moment wird mir der Dr. Syed Ibrahim noch einmal ganz besonders sympathisch. „Wenn es aber sein müsste“, setzt er nach, dann will er dafür sorgen, dass „Nico in gute Hände kommt“. Wir sind gerührt – und denken im Stillen, da muss schon etwas sehr Schlimmes auf uns zukommen, damit wir diesen Schritt gehen.

Um politische Themen zu vertiefen, fehlt uns die Zeit, aber vielleicht nur so viel: Dr. Syed Ibrahim ist der Meinung, dass die rigorose Lockdown-Situation eine etwas übereilte oder übervorsichtige Maßnahme des indischen Staates ist. Einer der Hintergründe dafür läge in der dadurch gewonnen Zeit, in der Krankenhäuser und sonstige Einrichtungen auf die Infizierten und kritischen Fälle vorbereitet werden können. Ein einleuchtender Punkt und in einem Land mit dermaßen hohen Bevölkerungsdichte auch vernünftig. In Kerala bspw. entfallen 859 Einwohner je km² – in Deutschland sind es 233 pro km².

Warum Ausländer anders behandelt werden als Inder, das sprechen wir jedoch nicht mehr an.

Wie der Zufall so will, erzählt uns der Honorarkonsul, er habe letztes Jahr zusammen mit anderen Konsulatsangestellten und Botschaftern an einer Schulung bzw. Konferenz zum Krisenmanagement teilgenommen, bei der alle möglichen Szenarien durchgespielt wurden – nur nicht die Pandemie.

Demaskiert. Das fühlt sich „richtig“ an.
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Kerala ist stolz darauf, anders zu sein!

Während wir uns vor dem Hoteleingang unterhalten, kommt der – nach Vorschrift maskierte – Manager des Bolgatty Palace dazu und hört meiner englischen Zusammenfassung zu: Im Vergleich zu den ersten Wochen des Lockdowns hat sich unsere Lage dahingehend entschärft, als dass wir mehr Lieferservice in Anspruch nehmen können. Bis dahin waren wir auf das Management des Hotels, seinen Fahrer und unsere Eigeninitiative angewiesen (Wasser, Gemüse & Obst, Grundnahrung & Medikamente). Offenbar lässt man nun auch andere Lieferanten bis zu uns durch, und Zomato-App sei es gedankt, dass auch ein paar Geschäfte und Restaurants (Pizza, Burger und Eiscreme eingeschlossen) hierher liefern wollen. Wir dürfen zwar weiterhin nicht selbst Besorgungen machen, aber solange die Lage im Land stabil ist, keine Aufstände, keine Demonstrationen, keine Panik oder Lebensmittelknappheit aufkommt, fühlen wir uns alles in allem sicher und versorgt in unserer Bolgatty Marina.

Das greift der Hotel-Manager (leider weiß ich seinen „good name“ nicht) sofort auf und antwortet voller Stolz: „Now everybody can see the difference! We can better!“ Damit meint er den Unterschied zwischen Kerala und allen anderen indischen Bundesstaaten. Tatsächlich ist mir schon am Anfang des Lockdowns aufgefallen, dass Keralas Chief Minister (Regierungschef des Bundesstaates), Herr Pinarayi Vijayan, in Werbefilmen seine Bevölkerung darauf einstimmt, welches Glück sie haben, gerade in der Krise hier und nicht woanders in Indien zu leben.

Mittlerweile bin ich mir sicher, dass sehr viele Keralesen ihr „Glück“ verinnerlicht haben und sich als besondere, durch den Bundesstaat Kerala privilegierte Inder betrachten. Tatsächlich, hier läuft vieles anders und offensichtlich besser als im übrigen Indien. Die Bemerkung des Hotel-Managers brachte mich erst dazu, mich genauer mit meinem „Gastgeberstaat“ zu beschäftigen.

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Gut zu wissen:
  1. Kerala hat die geringste Armutsrate (nach Himachal Pradesh) aller 29 Bundesstaaten Indiens.
  2. Keralas Pro-Kopf-Einkommen liegt 1/3 über dem indischen Durchschnitt.
  3. Dito bei der Lebenserwartung (75 Jahre zu 68 woanders).
  4. Die Säuglingssterblichkeit ist die geringste in ganz Indien.
  5. Gleichwohl ist die Geburtenrate die geringste aller Bundesstaaten.
  6. Keralas „Index der menschlichen Entwicklung“ (HDI) liegt weltweit betrachtet hoch (0,79 auf der Skala von 0 bis 1). Ungefähr gleich mit der Türkei (Stand 2015).
  7. Kerala führt alle Bundesstaaten an, wenn es um die Konsumausgaben pro Kopf geht.
  8. Und das, obwohl Kerala eine der höchsten Arbeitslosenraten in Indien hat, was wiederum zufolge hat, dass viele gut ausgebildete Keralesen ins Ausland zum Arbeiten gehen und ihren Angehörigen verhältnismäßig viel Geld zusenden.  
  9. Die gesellschaftliche Stellung der Frau ist im indischen Vergleich als gut einzustufen: 1084 Frauen kommen auf 1000 Männer (d. h. keine/vergleichsweise geringe Tötung weiblicher Babys); ungewöhnlich gering ist der Analphabetismus unter den keralesischen Frauen (8% im Vergleich zu 34% im übrigen Indien).
  10. „Der amerikanische Anthropologe Richard W. Franke und die Soziologin Barbara H. Chasin sprechen in wissenschaftlichen Veröffentlichungen seit den 1990er-Jahren vom „Kerala-Modell“ der Entwicklung. Der Umweltaktivist Bill McKibben bezeichnete das Modell Kerala bereits 1999 als „bizarre Anomalie unter den Entwicklungsländern“, die „wirkliche Hoffnung für die Entwicklung der Dritten Welt“ biete. Soziale Indikatoren wie Säuglingssterblichkeit, Alphabetisierung, Geburtenrate und Lebenserwartung wären fast schon auf dem Niveau der „Ersten Welt“, trotz eines vielfach geringeren Pro-Kopf-Einkommens.“
    . . . Zitate aus Quelle: Wiki

    P. S. Ich bin der Meinung, dass diese Sonderstellung Keralas an drei Faktoren liegt: der verhältnismäßig hohen Anzahl an gut gebildeter Christen einerseits, der vielen Auslandsaufenthalten der Keralesen andererseits, und nicht zuletzt auch an der Mitte-Links-Regierung, die entweder von der in Kerala starken kommunistisch-marxistischen Partei oder von der bürgerlichen Kongresspartei gebildet wird. Die radikale hindu-nationalistische (rechte) Partei hat in Kerala noch nie eine Chance gehabt.

Keine guten Gastgeber

Zum Abschluss des Besuchs frage ich, ob Herr Honorarkonsul sich das Schiff anschauen möchte. Ich rechne eigentlich nicht damit, doch er möchte und bringt sogleich den Rechtsanwalt des Konsulats und einige andere Begleiter mit. Erst auf dem Weg zu unserem Boot fällt mir ein, wie wir die SY CHULUGI verlassen haben… Kurzum: Dort herrscht kein vorzeigbarer Zustand. Marcel werkelte an Deck, schleifte, pinselte, und breitete seine Arbeitskleidung und Handtuch im (verstaubten) Cockpit aus. Unterdeck sieht es so aus, als ob in der Küche eine Ratte gehaust und verzweifelt nach Essbarem gesucht hätte. Dazwischen haben wir versucht, unsere tägliche Schreibarbeit zu erledigen. Ganz zu schweigen von dem neuen Kombucha-Pilz, der im riesigen Einmachglas nicht ganz so appetitlich vor sich hin wächst … Doch nun war es zu spät.

Ein guter Gast bringt etwas mit und erfreut damit die (schlechten) Gastgeber sehr!
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Ab morgen halten wir uns und das Boot sauber. Marcel hat sogar schon – zur Hälfte – das Deck neu gestrichen. Man weiß nie, wer als nächster uns im Lockdown in Indien besuchen kommt.

Bevor Herr Syed Ibrahim uns verlässt, schaut er sich noch einmal um und meint: „Trotz aller Unannehmlichkeiten und ihrer Lage im Lockdown können Sie sich glücklich schätzen (wenn auch nicht für ewig), diesen Garten und die Hilfe des Hotels zu haben.“ Der Hotel-Manager ist noch einmal Stolz und ich blicke mit ganz neuen Augen auf „unser“ Anwesen. Vielen Dank Herr Syed Ibrahim – für den Besuch, für den neuen Blick auf unsere Situation und auch für Ihre Telefonnummer für alle Fälle!

2 Antworten

    • Joanna

      Vielen Dank Ole! Dir an dieser Stelle noch einmal Dank Deinen Kontakt & Beratung! Lass uns nicht aus den Augen verlieren.
      Herzlich,
      Joanna

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