Kathakali – Wie ein Mann zum Gott wird

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Während ich am Pool des alten holländischen Palastes auf der Insel Bolgatty etwas Abkühlung suche, spricht mich ein älterer Herr an: “What is your good name?”. Eine ganz übliche Frage in Indien. Was ist aber der „gute Name“? Bei Christen ist das der Name, auf den die Kinder getauft und registriert werden. Da es in Indien bekanntermaßen viele andere Sitten gibt, haben sie auch andere Namensgebungen. Der offizielle Name wird nicht zeitnah bei der Geburt vergeben, sondern kann von Zeremonien, verwandtschaftlichen Entscheidungen etc. abhängen. Daher kann das Kind zunächst erst einmal einen vorläufigen Namen, einen Namen „fürs Zuhause“, für die Eltern, Verwandten, Nachbarn, bekommen. Bezeichnungen wie „Spitzname“ oder „Kosename“ umschreiben den ersten Namen der Inder nicht immer ganz adäquat, da es noch Namen gibt, die eine Zugehörigkeit herausstellen wollen, und als „erster Vorname“ geführt werden (das wird jetzt aber zu kompliziert, gehört eigentlich auch nicht zu meiner Geschichte dazu). Nun, der gute Herr am Swimmingpool wollte also nicht nur meinen „echten Namen“ erfahren, sondern mich zu einer ganz speziellen Show einladen – zu Kathakali. Hört sich geheimnisvoll an – ist es auch. Und Cochin ist die Keimzelle dieser Veranstaltung. Bis heute wird diese im Kern sakrale Kunst in Cochin und Umgebung gelehrt und in Tempeln oder auf anderen Bühnen praktiziert. Die Tourismusbranche hat das Potenzial richtig erkannt, und Kathakali zu einer Must-See, einer Muss-Gesehenhaben-Sehenswürdigkeit erhoben. Natürlich handelt es sich bei den touristischen Angeboten um stark verkürzte Varianten, die auch für Nicht-Inder verständlich(er) gemacht sind. Zwar sind die Originalaufführungsorte hinduistische Tempeln, aber kaum ein Tempel in dem Bundesstaat Kerala gewährt einem Nichtgläubigen Zutritt. So ist eine, wenn auch touristisch aufbereitete Veranstaltung manches Mal die einzige Möglichkeit, diese uralte und schöne Darstellungskunst zu sehen. Für Faule, so wie wir, ist das Angebot einer beinahe privaten Veranstaltung in dem Resort der Marina auf der Insel Bolgatty, und immerhin in einem originären holländischen Palast, ein großer Anreiz. Auch wenn wir schon ahnen, dass die Darstellung sehr puristisch, da nur mit einem Tänzer und Musiker ausfallen wird. (Normalerweise mindestens drei Darsteller und genauso viele Musiker.)





കഥകളി : zwischen Mythos, Unterhaltung und Religion

Ist Kathakali bloß eine Unterhaltungsshow? Nein. Die eigentliche Darbietung beginnt nicht mit der Performance oder dem Schminken, sondern mit einer im Hinduismus Puja genannten Handlung. Puja ist eine ritualisierte Handlung zur Anrufung und Huldigung einer oder mehrerer Gottheiten, ein „Dienst-am-Gott“, und kann sehr unterschiedlich ausfallen. Nach brahmanischen Vorgaben gehört dazu eine Abfolge von 14 einzelnen Schritten. Man kann eine Puja jedoch auch wesentlich schlichter, das heißt: verkürzter, halten. Vor dem Altar, dem Bildnis oder einem Symbol der jeweiligen Gottheit zündet der Gläubige spezielle Kerzen, Öllampen und Rauchwerk an (mit oder ohne zusätzliche Gaben), er verneigt sich mehrfach mit den zum Gebet aneinander gelegten Händen und bittet in ritualisierter Mantra (eine Art Gebet und Beschwörungsformel) die Gottheit um ihre Anwesenheit und um ihr Segen. Erst dann wird die Schminke aus Naturprodukten und natürlichen Ölen frisch zusammengerührt. Diese Prozedur dauert mitunter eine Stunde und mehr. Anschließend erfolgt die Kostümierung und erst dann haben wir die performte Person vor uns.

Bevor es zu der eigentlichen Darstellung auf der Bühne kommt, vollziehen die Darsteller genauso wie die Musiker eine kurze Puja. Ob für Touristen oder für gläubige Hindus im Tempel – die Prozedur ist in der Hauptsache die gleiche. Doch was heißt eigentlich കഥകളി – Kathakali? In Malayalam, einer der indischen Sprachen, die im Süden des Landes gesprochen wird, setzt sich das Wort aus katha für „Geschichte/Erzählung“ und kali für „Schauspiel/Tanz“ zusammen. Tatsächlich dreht sich hierbei alles um das Visualisieren alter Mythen, bei denen Götter (deities), Dämonen, Weise und böse Gestalten die Hauptrollen spielen.

Die Geschichten sind komplex und gehen auf die ältesten Epen, Ramayana und Mahabharata, aus der Sanskrit-Dichtung, der ältesten Sprache Indiens, zurück. Im Unterschied zum Theater handelt es sich bei Kathakali um Dramen, die Musik, Gesang, Tanz, Malerei und religiöse Vorstellungen zu einem einzigen dramatischen Geflecht zusammenweben. Erzählt wird von Dämonen, die Böses anrichten wollen, von Hexen oder weisen Frauen, und freundlichen oder erzürnten Göttern. Das Schauspiel selbst besteht aus tänzerischen Abfolgen, statischen Momenten, die als „Positionen“ bezeichnet werden, und vollzieht sich ausschließlich pantomimisch, das heißt ohne sprachliche Äußerungen seitens der Darsteller. Die Erzählung entfaltet sich entlang gesungen vorgetragenen Epen beziehungsweise Versen und wird durch artifiziell überhöhte, stark codierte Gesten und ausgefeilte Mimik versinnbildlicht. Die eigentliche Geschichte wird von einem Sänger im Sprechgesang vorgetragen und musikalisch begleitet. In der Musik dominieren traditionelle indische Trommeln, von denen Indien so einige in petto hat (Marcel lernt zum Beispiel Tabla).

Cochin und die benachbarte Stadt Thrissur sind in Indien für ihre Ausbildungsstätten der Kathakali-Kunst berühmt. Wir sitzen also an der Quelle und wollten schon lange einen der vielen Lokale aufsuchen, die eine Kathakali-Show anbieten. Die Glücklichen, die eingelassen werden, sollten das Original am besten in einem Tempel genießen. Zum gegebenen Anlass schminken und schmücken sich die Darsteller aufwändig. Sie performen zum Gesang und Rhythmus von Trommeln auf dem Terrain des Tempels entweder auf speziellen Bühnen oder einfach davor ihre uralten Geschichten. Die Veranstaltung beginnt mit der Abenddämmerung und dauert bis zum Morgengrauen. Sie stellt noblen oder schlechte Menschen, Dämonen und Götter da und schafft mit ihrer starken performantiven Präsenz eine direkte Verbindung zum mythischen Geschehen. Im Licht der Öllampen, so war das jedenfalls früher, verwischen die Grenzen zwischen Auditorium und Tempel, zwischen Mann und Gottheit. Tanz und Musik, vorgetragen über mehre Stunden, bekommen eine tranceartige Ausstrahlung je länger die Darbietung dauert. Eine solche „echte“ Darbietung haben wie bisher nicht gesehen. Unser kleiner Ausflug in die Welt des Kathakali war vielmehr so etwas wie die erste Stunde beim Erlernen des ABC.

Indien ist häufig ernüchternd „unästhetisch“.

Moderne Spuren im Uralten

Wann Kathakali entstand, kann nicht mehr nachvollzogen werden. Seine Wurzeln gehen in die Zeit der Sanskrit-Dichtung 200 v. Chr. zurück, doch die Performance selbst wird sich erst allmählich einerseits aus reinen religiösen Tempeltänzen und andererseits aus anderen klassisch-volkstümlichen Tänzen entwickelt haben. Hinweise darauf geben überlieferte Tanzrituale aber auch die Sanskrit-Schrift Natya Shastra, die in mehreren Kapiteln die Schauspiel- und Tanztechniken beschreibt, die nicht nur die klassischen indischen Tänze, sondern auch das Kathakali betreffen. Aber auch außerhalb von Indien gibt es Parallelen, die interessante Gemeinsamkeiten aufweisen. Zu denken ist dabei an das alte japanische Nô-Theater oder das volkstümliche Kabuki, sowie an die chinesische sogenannte Peking-Oper.

Belegt ist hingegen die Entstehung einer speziellen Gesangs- und Vortragsdichtung, der Aattakatha, aus dem 12. Jahrhundert. Das Wort Aattakatha setzt sich zusammen aus atu für „tanzen“ und katha für „Geschichte“. Diese „Geschichten fürs Tanzen und Darstellen“ werden im Versmaß und Rhythmus so vorgetragen, dass sie mit der Performance des Bühnendarstellers im Kathakali perfekt kommunizieren. Angesichts der vielen im Kathakali zusammenlaufenden Kunstrichtungen verwundert es nicht, dass die Ausbildung bereits im Kindesalter beginnt und bis zu 10 Jahren dauern kann.

Früher waren es Gurus, Lehrer und Meister, die seit Generationen diese Kunst betrieben und lehrten, meistens die Schüler aus ihrer eigenen weitläufigen Familie rekrutierten und so das Kathakali an ausgewählte Schüler weitergaben. Der angehende Kathakali-Künstler wurde von der Familie des Gurus wie ein Sohn aufgenommen und lebte zusammen mit ihnen eben bis zu 10 Jahren. Eine wahrlich gründliche Ausbildung. Nach und nach bildeten sich daraus Schulen heraus, so wie wir sie heute nicht nur in dem Bundesstaat Kerala, sondern in ganz Indien, vereinzelt auch in Europa und in den USA kennen.

Manche Forscher meinen, dass das heutige Kathakali über 1500 Jahre alt ist. Trotz seines Alters und der streng tradierter Form ist Kathakali keine verstaubte und vergessene Kunstrichtung. Ganz im Gegenteil, wird sie im südindischen Bundesstaat Kerala, und ganz besonders in Cochin, lebendig gehalten. Diese Kunst ist im wesentlichen bis heute ausschließlich männlichen Performern vorbehalten, die dann auch weibliche Rollen spielen (Erkennungszeichen: gelb geschminkt und in lange Kostüme mit Tüchern bekleidet). Das erinnert gleicherweise an das japanische Nô-Theater oder an die chinesische Peking-Oper. Doch Kathakali will nicht „veraltet“ sein. Es öffnet sich modernen Einflüssen, auch wenn diese vorerst experimentell bleiben. Dazu gehört an erster Stelle die Aufnahme von weiblichen Studenten zu nennen. Ferner eingespielt werden auch einige moderne Aufführungen, die Theaterstücke von Shakespeare, Goethe oder de Cervantes adaptieren. Schade ist es – aber auch verständlich -, dass Touristen wie wir solche Experimente eher nicht zu sehen bekommen. Denn die Mehrheit will Tradition sehen…

Heutzutage stellt die Vorbereitung auf den Auftritt selbst einen wichtigen und interessanten Teil der Performance dar. Dazu gehört der Vorgang des Schminkens, zu dem auch wir eingeladen wurden. Wir gehen hin, ohne richtig zu realisieren, dass wir uns damit auf eine eineinhalbstündige Sache einlassen. Missen sollte man es jedoch nicht.

Schminke ist nicht bloß schminken!

Ein unscheinbarer, abgegriffener Koffer, eher eine Kiste, wird abgestellt. Eine alte Matte ausgerollt – der olle Ventilator, der auf jeden Fall schon saubere Tage gesehen hat, steht bereits da. Doch das wichtigste muss noch aufgebaut werden: der kleine Altar mit dem für Kerala-Region typischen Nilavilakku oder Vilakku, einer Art Leuchtturm auf dessen oberster Etage Ghee (geklärte Butter) oder andere reine Öle zu Ehren einer Gottheit abgebrannt werden. Namaste, eine typische Verehrungs-, Begrüßungs- oder Gebetshaltungsgeste der Hände, einige rituelle Worte (Mantras) und Verbeugungen werden verrichtet, und dann geht es ans Anrühren der Farben für das Make-up. Die Pigmente sind alle natürlichen, pflanzlichen Ursprungs und werden mit Kokosöl vermischt. Man will die Götter nicht mit Chemie beleidigen, zumal in Indien auch Farbstoffe (Kräuter etc.) Träger von Bedeutungen und gleichzeitig der Gesundheit zuträglich sind.

Ich finde es spannend, wie alle möglichen Rädchen hier ineinander greifen. Und die uralte Lehre der gelebten Ganzheitlichkeit, der Verbindung von Körper, Geist, Mensch und Gott, dem Verdauungstrakt und Gehirn, der Natur, dem Tier und der Seele von beiden – kurzum der Heilkraft und Lebenseinstellung, die in Ayurveda zelebriert wird – sichtbar wird.

Nur in Dhoti (traditionelles Tuch aus Kerala, das sich Männer um die Hüften schwingen) und mit einem Amulett bekleidet rührt unserer Darsteller die Farbe für die Schminke an. Die Öllampe, die in dieser Form ganz typisch für Kerala ist, wird in Tempeln und Kirchen allenthalben verwendet, und brennt hier für die Götter, für die getanzt und von denen erzählt wird. Wenn man es genauer nimmt, so haben wir es hier mit einer Verwandlung zu tun, bei der eine Gottheit durch einen Mann „ver-körpert“ und damit selbst beseelt und verwandelt wird.
Das hantieren mit Farbe und Pinsel ist routiniert, gleichzeitig akribisch. … allmählich schreitet die Verwandlung fort.
Halb Mensch – halb Gott… Gebannt schauen wir zu, wie ein Mann hinter der Schminke, nein, hinter einem neuen Charakter verschwindet und sich auf eine Gottheit vorbereitet.

Farben und Formen führen zu handfesten Bedeutungen. Fünf Hauptcharaktere von insgesamt sieben werden auf diese Weise erschaffen. In einer Schminkarbeit von einer bis zwei Stunden entstehen: 1) der grüngesichtige Pachcha, eine positive Figur, die gute, beziehungsweise die wichtigsten Gottheiten, noble Charaktere oder Helden darstellt. 2) Ebenfalls grün geschminkt ist Kathi, eine negative Figur, die bösartigen Charakter hat, dennoch von adeliger Herkunft ist. Zur Unterscheidung trägt der Kathi auf der Nase einen weißen Knubbel und einen aufrechtstehenden Bart. Schwarz bemalt und durch einen roten Bart ausgewiesen ist 3) der Chuvanna Thaadi, eine gemeine, nach Macht strebende Figur. Nun kommen die Frauen, beziehungsweise die als Frauen verkleideten Männer, ins Spiel: 4) die Kari ist eine Hexe oder Menschenfresserin, die im Kathakali die gefährlichste Figur darstellt. Auch sie hat ein schwarzes Gesicht, ihre Kennzeichnung sind jedoch übergroße Brüste. Und schließlich ist 5) Minukku zu nennen, eine weise Frau (oder ein Mann) von edlem Charakter und blass-gelb geschminktem Gesicht. Je nachdem ob es sich dabei um eine weibliche oder männliche Figur handelt, ist sie mit Dhotis (Männer) oder Saris (Frauen) bekleidet.

Nervraubende Modernität bricht in das meditative Schminken ein.
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Wir sind noch nicht soweit – Das Ankleiden in zwei Akten

Zum Ankleiden kommt noch der Manager dazu, der mich im Swimmingpool auf die Veranstaltung angesprochen hat. Alleine kann sich ein Darsteller nämlich auf keinen Fall ankleiden. Warum nicht, das wird uns sogleich demonstriert. Zunächst braucht der Schauspieler sehr viel steifen Stoff, ein langes Seil oder einen Gurt, und in unserem Fall einen Fensterrahmen. An diesem wird nämlich der Gurt angebunden, gestrafft und am Schauspieler festgemacht.

Zweiter Akt

Wer glaubt, das war’s nun aber, der irrt. Der zweite Teil des Ankleidens beginnt mit dem Anlegen des Rocks, auch davon gibt es mehrere Lagen, begleitet von mehreren Gurtlagen, es folgen Schürzen und Schärpen, Kopfschmuck und Haarschmuck samt Haarperücke und Mitra-artiger Kopfbedeckung, Rasseln an den Kniegelenken, Pompons an den Handgelenken und Ellbogen, Fingerschmuck, silberne lange Fingernägel, die wie Krallen aussehen … Und erst dann ist die Verpuppung vollständig.

Der Pachcha ist anwesend.

Die Verwandlung im Schauspiel

Vor uns steht nun eine hünenhafte Gestalt, ein Pachcha, eine Gottheit. Sie lässt sich bestaunen und wir fotografieren wild darauf los. Obwohl wir doch alles mit unseren westlichen rationalen Augen gesehen haben, sind wir dazu geneigt, die Anwesenheit einer hinduistischen Gottheit (Dämons oder was auch immer) anzunehmen. Um wie viel mehr Eindruck würde die Performance machen, befänden wir uns nun in einem Tempel von Rauchstäbchenduft umfangen und von flackernden Öllichtern beleuchtet…

Wir wissen, dass es sich bei diesem Hünen um einen als Pachcha bezeichnenden Charakter handelt, doch um welche Gottheit genau, das wissen wir nicht. Ein Pachcha kann Vishnu, Rama, Krishna, Shiva – die wichtigsten Götter des hinduistischen Pantheons – oder auch andere Gottheiten sowie Philosophenkönige darstellen. Die Schminke trägt am meisten zu der Wiedererkennbarkeit der Figur bei. Gelb steht für Frauen und Weise, Grün vor allem für gute Charaktere oder Götter, Schwarz für böse Dämonen. Aber auch bestimmte Requisiten spielen eine Rolle, doch darin wurden wir nicht eingeführt. Es ist augenfällig, dass Kathakali eine alte Kunst, die aus zahlreichen langtradierten Elementen besteht, und wir beherrschen diesbezüglich nicht einmal das simple ABC.

Die Darstellung folgt einem klaren Aufbau, doch die „Füllung“, die Ausgestaltung der Verse, geben den Darstellen einigermaßen viele Interpretationsmöglichkeiten an die Hand. Das heißt jedoch nicht, dass das Spiel für uns Westler große Variationen zeigen würde. Die Darstellung ist in Mimik und Gestik stark überhöht und so artifiziell, dass man genaues Wissen mitbringen muss, um das Schauspiel in Gänze zu decodieren. Da wir weder Hindi noch Malayalam verstehen, hilft uns auch der Gesang dabei nicht weiter.

Aber wer sagt denn, dass man nicht staunend erkennt und genießen kann, was man nicht versteht? Das geschminkte Gesicht, die aufwendigen, geheimnisvollen Kostüme und die mal freundlichen, mal einschmeichelnden, mal bedrohlichen Gesten sowie die enorme Körperpräsenz des Darstellers haben ihre eigene Sprache, die wir zwar nicht „entziffern“, aber dafür emotional aufnehmen können. Im Schematismus der Rolle spiegelt sich sicherlich das Rituelle wider, und Riten sind per se nicht in Gänze verständlich, woraus sie mitunter auch ihre Kraft schöpfen.

Ich bedaure es wirklich, dass wir die Darbietung nicht im Abendlich im Tempel sehen können. Zwar spürt man auch bei unserer Vorstellung „die Anwesenheit des Anderen“, aber dies ist vielmehr nur ein ferner Nachhall.

Auf der Bühne

Wie bereits geschrieben, ist Kathakali sowohl in seinem Ursprung als auch heute eine Veranstaltung, die originärerweise in der Nähe oder im Tempel aufgeführt wird. Spezielle Bühnen, genannt Kuttampalam, stehen in einigen Tempelanlagen dafür zur Verfügung, oder es wird einfach im äußeren Tempelbereich gespielt. Begonnen wird mit dem Einbruch der Dämmerung. Die Darstellung währt mit Unterbrechungen für Darsteller und Zuschauer bis zu Morgengrauen. Es gibt auch Veranstaltungen, die im religiösen Rahmen über mehrere Abende beziehungsweise Nächte gehen, und jeden Abend fortgesetzt werden.

Um die Bühne wird nicht viel Aufhebens gemacht. So auch bei uns. Es handelt sich dabei um eine fast kahle, requisitenlose Fläche, die die gewöhnlich zwei bis vier Darsteller sich mit den Musikern und dem Sänger teilen. Alleine die als Kalivilakku genannte Leuchte – auch hier wieder kali für „Tanz/Schauspiel“ und vilakku für „Lampe“ – ist ein festes Beiwerk der Veranstaltung. Zum einen war sie in Zeiten vor der Elektrizität schlicht der einzige Lichtspender, damit die Zuschauer überhaupt etwas sehen konnten, zum anderen war (bzw. ist) sie ein sakrales Requisit. Kenner der Materie werden in der Leuchte jene Lichtquelle aus der alten Darstellungskunst Kutiyattam erkennen, bei der eine riesengroße Ölleuchte mit großem in Kokosöl getränktem Docht für ein sehr spezifisches gelbes Licht sorgte. Um diese Riesenleuchte versammelten sich im Laufe der Darbietung nach und nach alle Kutiyattam-Schauspieler und verliehen im flatternden Ölleuchtenlicht ihrer artifiziellen Mimik und Gesichtsfarbe noch mehr Explosivität. Die Kunst des Augenrollens, der Brauen- und Nasenbewegungen bedarf der Nähe.

Der Manager ist gleichzeitig auch der Showmaster, der uns durch die Show führt. Gleichzeitig ist er in dieser sehr minimalistischen Truppe, auch der Hauptmusiker, hier vielleicht begleitet von seinem Sohn.

Während die Tänzer und Darsteller den vorderen Teil der nackten Bühne einnehmen, sitzen die Musiker entweder seitwärts oder noch häufiger im hinteren Bereich der Bühne links vom Publikum. Die Sänger treten normalerweise nach vorne, damit, als es noch keine Mikrophone gab, die Zuschauer sie besser hörten. Wir haben keinen Livesänger, dafür wird später ein Gesang mit originärer Musik, und in ohrenbetäubender Lautstärke, vom Band abgespielt.

Der Darsteller kann die Bühne auf verschiedene Arten betreten. Die möglicherweise älteste ist, durch das Auditorium hindurchzuschreiten. Das erzeugt Spannung und lässt die Gottheit im übertragenen Sinne in der Gemeinschaft der Sterblichen „ankommen“. Die von ihm ausgehende Macht oder Weisheit, Güte, Bösartigkeit oder Gefahr kann so aus nächster Nähe nachempfunden werden. Genauso machte es auch unserer Darsteller, auch wenn die Wirkung aufgrund des kleinen Raumes nicht so nachdrücklich war. Eine andere Möglichkeit, mit der das plötzliche Erscheinen, sozusagen das Materialeisiren der Figur verdeutlicht wird, ist ein Vorhang, der den Darsteller plötzlich enthüllt. Auch diese Variante werden wir noch zu sehen bekommen.

Der Darsteller sammelt sich, um uns gleich einige Handgesten und Mimiken vorzustellen, während der Showmaster den Rhythmus auf der klassischen Trommel, der Chenda, vorgibt und uns die Darbietung erklärt.

Die neun Gesichter und vierundzwanzig Handhaltungen

Unser Showmaster erklärt im dramatischen, auf den Rhythmus seiner Chenda-Trommel abgestimmten Tonfall, welche „Gesichter“ es im Kathakali gibt. Sieben Hauptausdrücke zählt man, die Variationen kommen noch extra dazu. Man muss schon relativ nah am Darsteller dran sein, um das ganze Spektrum seiner mimischen Kunst auskosten zu können. Da durch die Mimik auch bestimmte Charaktertypen und Emotionen wiedergegeben werden, dient das genaue Beobachten des Gesichts dem Verständnis der Handlung. Die Charaktertypen entsprechen im Wesentlichen einer bestimmten Hindu-Philosophie: Zentral ist dabei die Vorstellung von drei Gunas, drei Formen einer Persönlichkeit: 1) Sattva, die konstruktive, tugendhafte, harmonisierende Kräfte und Güte darstellt, 2) Tama ist der böse, dunkle und destruktive Charakterzug, während 3) Raja die Leidenschaft, Dynamik aber auch Ziellosigkeit und Egoismus versinnbildlicht. Alle drei Gunas (Charaktereigenschaften, Temperiertheit der Seele) sind in jedem Wesen der Erde vorhanden und bestimmen je nach Gleich- oder Ungleichgewicht den Charakterzug der jeweiligen Person.

Die verschiedenen Codes für Mimik und Handgestik lehrt uns der erste Akt der Darbietung, der extra für uns Unwissende konzipiert ist.

Stark codierte ‚Gebärdensprache‘, Augenrollen, Nasenzucken, Backenflattern… das sind nur sehr kleine aber nicht minder eindrückliche Einblicke in einer Jahrtausend alte Darstellungskunst.

Minimale Tanzbewegung und maximaler Gesichts- und Handausdruck, zusammengehalten durch die expressive Bemalung bilden das Fundament dessen, was Kathakali auf der Bühne ist. Die Darsteller artikulieren sich durch eine Art Gebärdensprache der Hände, Beine sowie des Gesichts, währen der Sänger die erzählerischen Zusammenhänge vorträgt. Die Mudras, das sind die Handbewegungen und -zeichen, übernehmen die Funktion von Dialogen, sind also „sprechende Hände“. Emotionaler Zustand und momentane Stimmung des Charakters wird durch die Mimik zum Ausdruck gebracht. Dazu zählen vor allem die starken Augenbewegungen, die Bewegungen der Brauen und, das allerdings nicht immer gut zu sehen, die Bewegungen der Nase. (Für Interessierte weise ich darauf hin, dass Kathakali am stärksten von allen anderen klassisch-rituellen Darbietungen sich an den alten Sanskrit-Überlieferungen, an die sogenannte Hastha-Lakshanadeepika-Textsammlung hält.)

Über 24 Mudras zählt das Kathakali und neun Gesichtsausdrücke, sogenannte Navarasas, die der Darsteller perfekt beherrschen muss, bevor er eine öffentliche Bühne überhaupt betreten darf. Wir schauen ungläubig auf die extrem bewegte Augenpartie und die Nase, und sind sofort davon überzeugt, dass diese Kontrolle der Muskulatur viele Jahre übermenschlicher Anstrengung bedarf. Das alles ist schon so oder so ähnlich in den uralten Sanskrit-Texten, insbesondere im Natya Shastra, beschrieben worden. Und alles hat seinen Namen: Die neun „Gesichter“, Navarasas, geben neun (Haupt-) Emotionen, Bhava genannt, zum Ausdruck. Sie sind nicht so sehr Kathakali-typisch, vielmehr gehören sie zu dem Standardrepertoire aller traditioneller indischer Tanzdramen. Ich bin mir sicher, man kann sie auch im Bollywood-Kino finden.

Wir bekommen nicht alle neun Navarasas bzw. Bhavas (Emotionen) vorgeführt, haben aber dennoch am Ende eine recht gute Vorstellung davon, was damit gemeint ist. Weil ich gerade in der Materie drin bin, gebe ich der vollständigkeitshalber die neun Navarasas (Gesichtsausdrücke) und die damit zusammenhängenden Emotionen der Reihen nach wieder: 1) Sringara = das ist Rati (Freude, Liebe, Vergnügen), 2) Hasya = drückt Hasa (Lachen, Spott, Witz) aus, 3) Karuna = ist Shoka (Traurigkeit, Erbarmen), 4) Raudra = versinnbildlicht Krodha (Wut), 5) Vira = zeigt Utsaha (Begeisterung, Kraft, Mut), 6) Bhayanaka = ist Bhaya (Angst, Sorge), 7) Bibhatsa = Jugupsa (Ekel), 8) Adbhuta = entspricht Vismaya (Staunen, Verwunderung, Neugierde) und 8) Shanta = Sama (Frieden, Ruhe).

Ein kleiner laienhafter Zusammenschnitt dessen, was uns in einem fast schon privaten Kreis geboten wurde. Die expressive Mimik ist dann etwas zu erkennen, wenn man ganz genau hinschaut. (Dauer ca. 7 Min.)
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Abspann

Wie es sich gehört, vollendet der Showmaster die Darbietung mit der Vorstellung aller Mitwirkender. Es ist meinem schlechten Kurzzeitgedächtnis geschuldet – und der unglaublichen Länge einiger indischer Namen -, dass ich sie hier nicht wiedergeben kann. Dafür möchte ich mich entschuldigen.

Unsere kleine Show dauerte circa 2 Stunden, wovon über eine Stunde auf das Schminken und Ankleiden verwendet wurde. Das hört sich nach viel an, ist es auch, erst recht im Verhältnis zu der eigentlichen Aufführung von knapp 40 Minuten, doch ohne die Zeremonie des Schminkens ist Kathakali meiner Ansicht nach nur eine halbe Sache. Sicher, man kann auch nach 15 Minuten sagen, was das Prinzip dabei ist, doch rationales Erfassen ist in diesem alten kultischen Dramatanz nicht das, woran es ankommt. Obwohl die Darstellung für Touristen abgehalten wird, wahren die Darsteller und Musiker noch die alte Form. Ob es die Anrufung der Götter, das Öllampenlicht, die traditionelle Trommeln oder auch die Bitte um eine adäquate Entlohnung nach eigenem Ermessen ist – die Inder haben noch ein Gespür für die Verbindung zum Alten. Das äußert sich nicht so wie bei uns Europäern, beispielsweise in der Pflege der Architektur, im Stadtbild, oder in Kunstsammlungen. Leider darin ganz und gar nicht. Ihre Vorliebe liegt vielmehr im Erhalt von vergänglicher, momentaner, unmittelbarer Kunst: in der Kochkunst, in der Tanz- und Darstellungskunst, und ja auch in der Kunst des Gebets, der Kunst des Lebens, der Kunst des Heilens (Ayurveda) und in die Religions-Lebens-Philosophie (Yoga).

Viel Schweiß kostet einen Darsteller sogar schon eine relativ kurze Performance.

Nach der Darbietung war der Appetit nach mehr geweckt. Andere, größere Show in der Altstadt, oder vielleicht doch irgendwo in einem Tempel? Doch seit einer Woche spielt die Welt verrückt und sogar der Swimmingpool, an dem ich zu Kathakali eingeladen wurde, ist mit einem roten Band abgesperrt. Schuld daran ist einer der vielen Grippeviren, das nun ungeahnte Prominenz erlangt. Immerhin hat er einen hübschen Namen: Corona. Am Ende der Erzählung im Kathakali wird das Böse oder das Geld- oder Machtgeile durch die guten Gottheiten und weisen Männer und Frauen besiegt. So zum Beispiel von unserem grünen Pachcha. Möge er die heutigen negativen Dämonen mit ihren schwarzen Gesichtern, die da heißen Panik, Angst, Unwissenheit, Medienmacht, Mamon und vielleicht auch COVID 19 besiegen.