Ein Ausflug (Teil 2) auf die andere Seite: Cachoeira

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Cachoeira ist “die schönste und interessanteste Stadt des Recôncavo”, schwärmt der Stefan-Loose-Reiseführer (s. Bordbibliothek). Wer hätte das gedacht, am Ende des Flußes Paraguaçu, genauer: am linken Ufer, mit Blick auf die ‘deutsche’ Nachbarstadt São Felix liegt die zweitälteste Stadt des Bundestaates Bahia. Die zweite nach Salvador! Heute ist es ein Provinzstädtchen, das sich aber – genauso wie die Nachbarin vom Gegenüber – immer mehr auf die ehemals wirtschaftlich genutzten sanften Hügel ausbreitet. Wie Pilze oder Flechten sehen die kleinen und größeren Behausungen aus, die die (Natur-) Landschaft überzeihen. Nicht immer zum Vorteil, manchmal jedoch durchaus pittoresk-bunt – vom Weiten betrachtet.

Bis ins 19. Jh. florierte die Stadt, war mit den Anbaugebieten für Tabak, Zuckerrohr, Kakao, der Abholzung von wertvollen Hölzern der Regenwälder, Baumwolle, aber vor allem mit der Herstellung von weltgefragten Zigarren reich geworden. An ihrer Spitze stand als Bürgermeister von São Felix der deutsche Dannemann, der reiche Gringo (doch damals waren sie es fast alle mehr oder weniger), der die Stadt zu einer echten Handelsstadt machte, beinahe einer Hansestadt, denn der Fluß war schiffbar und hat Verbindung zum Meer. Noch vor knapp zehn Jahren verkehrten hier die traditionellen flachgehenden Segelboote, die saveiros, mit dem viereckigen Segel, die die Versorgung und Handel zwischen den Städten und Städtchen besorgten.

Cachoeira heißt übersetzt „der Wasserfall“ und dieser muß an der Stelle gewesen sein, wo jetzt die Staumauer den natürlichen Horizonstrich verschließt. Es bedarf nicht allzu viel Phantasie, um sich vorzustellen, wie das Wasser die Stufen herunterbrauste und sich zwischen den beiden Städten ausbreitete.

Cachoeira besitz laut dem Loose-Reiseführer die größten kolonialen Architekturschätze von Bahia. Schonwieder “kolonial”. Das macht mich neugierig, denn echte Kolonialarchitektur wäre ja 18., 17., 16. Jh.! Ach was, träume weiter den kunsthistorischen Traum, sage ich mir. Kolonial steht hier einfach synonymisch für “alt” und “europäisch”.

Es ist Steffis und mein zweiter Teil des Kulturausflugs mit dem Bus von Maragojipe, wo wir mit den beiden Booten ankern. Der erste Teil betraf die Nachbarstadt São Felix, von der ich bereits berichtete. Nun müssen wir nur noch die Flußseite auf der Brücke aus Stahl, jener für den Nil, wechseln. Steffi nimmt mich an die Hand, denn ich habe Höhenangst und diese fragil-schwere Stahlbrücke hält so einige Durchblicke nach unten und zur Seite parat. Alles geht gut, am anderen Ende haben wir beide schwitzige Hände bekommen. (Danke, Steffi.)

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Die Stahlbrücke für den Nil. Ehemals fuhren Züge und Straßenbahnen darüber. Zwei wunderbare, erstaunlich große Bahnhöfe auf beiden Seiten des Flußes verdeutlichen die ehemalige Bedeutung der Städte. Überall auf der Welt werden die gleichen Fehler gemacht. Keiner lernt etwas von dem anderen. Hier ist es die übliche Abschaffung der Bahn und Tram, um sich ganz auf das individuelle Auto einzustellen.

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Vor dem ehemaligen Bahnhof liegt ein riesiger ungestalteter Platz. Mittig – in Bahia offenbar obligatorisch – eine Tankstelle. Vielleicht wird irgendwann daraus ein Café, wahrscheinlich ist es aber nicht.

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Die Häuser im Zentrum der Stadt sprechen eine eindeutige Sprache, sie erzählen vom ehemaligen Wohlstand ihrer Bewohner und dem Verfall im späten 20. Jh. Kleinst-Paläste, städtisch-mondän, mit den typischen eisengitterbewährten Balkonen, die man aus Portugal und Spanien kennt. Hier weniger als eine Erweiterung des Wohnraums gedacht, als vielmehr Beobachtungsposten und Präsentationsbalustraden. Überall verfallene Hauskerne und höchstens noch zu rettende Fassaden, die es bald auch nicht mehr geben wird, wenn nichts gutes für sie passiert. Pittoresk ist nur ein anderes Wort für “verfallen und kaputt” und nicht für “schön”. Dabei stehen hier so einige Schätzchen an architektonischen Zeitzeugen, das 18. Jh., wenn auch rar, und das 19. Jh. ist in unterschiedlichen Stielausprägungen im Stadtbild vertreten. Im Zentrum sind sie groß, zu den Seiten hin sind sie kleinstädtisch, geduckt und gestaucht. Die meisten haben ihre architektonische Idee aus Portugal mitgebracht. (Also doch “kolonial”?)

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International ist die Architektur der Armut, die uns spätestens seit Kapverden begleitet.

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Diesem Paar werden wir einige Stunden später noch einmal begegnen. Und staunen, und erfreut über ihren Anblick sein.

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Überall gegenwärtig: die Yemanja. Die beliebte Göttin des Candomblés – Madonna, Nixe, Schneekönigin und Schneewittchen in einem. Sie ist für die Küstenregionen zuständig, lebt in der Brandungszone, ist so etwas wie Venus, die Schaumgeborene. Sie spendet Leben und lebendige Vielfalt, so wie die Riffe es tun über die sie herrscht. Die Urmutter der Fischer und Küstenbewohner. Ohne sie geht gar nichts.

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Einer der wenigen gestalteten und mit Bäumen befriedeten Plätze der Stadt. Überraschend zahlreich sind sie innerhalb der eher kleinen Stadt, und überraschend kahl sind sie, ungestaltet und zeitweise verödet. Durchgangsplätze, Pseudo-Spielplätze, erinnern immer wieder an Spanien. Ob sie immer diesen Eindruck vermittelten? Ich wage es zu bezweifel und stelle mir vor, wie sie von Mensch und Tier, von Verkaufsständen, Federvieh, Hunden und Bettlern, Eselskarren und Reitern bevölkert waren. Dieser entspannte Platz hier liegt direkt am Wasser und gewinnt dadurch doppelt. Stattliche Häuser, die mich an hanseatische Hallen und Kantore erinnern. In einer dieser ‘Lagerhallen’ im kräftigen Rot ist unserer Restaurant für das spätere Mittagessen. Mein erstes, in Bahia so beliebtes, “Kilo-Restaurant”. Man würde bei uns ein Büffetessen dazu sagen. Bezahlt wird nach der Waage bei einem festgelegten Kilopreis des beladenen Tellers. Auf diese Weise bekommt man auch einen gewissen Einblick in die einheimische, bodenständige Alltagsküche. In diese Lokale, wo vor allem Einheimische einkehren, soll man jedoch nicht zu spät einkehren – es wird bald nicht mehr nachgelegt und das Büffet fällt für den Zuspätkommenden recht mager aus.

Wir saßen draußen, beim schlechten Wetter, ließen es uns schmecken, betrachteten die Nachbarstadt von Dannemann und Hansen-Bahia, die Stahlbrücke und die im Fluß vertäuten Schiffe, die die schwierige Passage hierhin geschafft haben.

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Zwei Highlights zu absolvieren

Man könnte meinen, die zwei Städte auf beiden Seiten des Flußes, vor allem aber Cachoeira mit ihrem architektonischen Angebot – und nicht zu vergessen: der traditionellen Herstellung von Likör und Obstschnäpsen (die wir nicht probiert haben) – bietet ausreichend Sightseeing allein beim Schlendern durch die Straßen oder Museen. Doch die Stadt birgt in ihrem Zentrum zwei große Schätze ganz besonderer Art, die aus dem sonstigen touristischen Angebot der alten baianischen Orte herausstechen. Die eine Sehenswürdigkeit ist etwas für Ethnologen, die andere eher etwas für Kunsthistoriker. Beides sollte man auch ohne einer der beiden Fachrichtungen anzugehören unbedingt gesehen haben.

Eine alte Einrichtung steht am Anfang, die als Museum nichts taugt, was auch gut ist, denn sie entfaltet ihre Kraft und Spannung in Aktion. Ich beginne zwangsläufig mit der Geschichte dieser Institution, denn zu sehen gibt es dort zunächst wenig. Ihre Anfänge liegen in der Zeit, als Brasilien mehr von versklavten Schwarzen aus Afrika bevölkert wurde als von weißen Portugiesen oder anderen Europäern. Wir gehen zurück in die Zeit der Sklaverei, die in Brasilien am längsten andauerte und erst 1888 (praktisch aber noch heute nicht nur in den Köpfen funktioniert) offiziell abgeschafft wurde. Hundert Jahre nach England!

Es geht um die Zeit, als die schwarzen Sklavinnen die Gunst ihrer Halter und Herren oder Herrinnen gewinnen konnten und von einigen mit Geschenken kostbarer Art beglückt wurden. Mit teuren Stoffen, Parfüm, Gold- und Silberketten und anderem Schmuck. Einige von diesen Begünstigten wurden freigelassen, andere zumindest sehr gut entlohnt. Sie waren bereit, den weniger von der Fortuna begünstigten “schwarzen Schwestern” zu helfen, und gründeten einen Bund, der sich ausschließlich aus Frauen zusammensetzte und für Frauen in der Sklaverei engagierte. Wenn möglich wurden alte Frauen aus der Sklaverei freigekauft. Anderen bot man Unterstützung im Alter an. Afrikanische Wurzeln, religiöse und kulturelle Eigenheiten, wurden bewußt gepflegt und tradiert. Im 19. Jh. entstand dann die offizielle Schwesternschaft “Irmandade da N. S. da Boa Morte” – die “Schwesternschaft Unser Lieben Frau vom Guten Tod” – mit eigenen strengen Regeln, einem eigenen Haus und eigener Kirche. Es ist überflüssig zu sagen, dass die afrikanische Religion sich mit dem Deckmantel der offiziellen Religion der Weißen umgeben musste. Afrikanische Götter bekamen ihre Entsprechungen im katholischen Pantheon der Heiligen, Maria und Christus. Am Ende entstand etwas hochspannendes, eigenständiges, ein dichtes Konglomerat, das bis heute von der katholischen Kirche anerkannt wird als ihr eigenes. Die Rede ist natürlich von Candomblé. Es verwundert dann auch nicht, zu erfahren, dass Cachoeira bis heute als die Hochburg des Candomblés mit über 50 Häusern gilt, was sich jedoch weniger in der Öffentlichkeit zeigt und schon gar nicht für Touristen abspielt wie bspw. in Salvador, wo die echte Religiosität aus dem städtischen Leben nach und nach verschwindet und nur als “Vorführung”, zu buchen im Touristenbüro, existiert.

Mit der Zeit und den veränderten Lebensbedingungen der Schwarzen verschoben sich auch die Aufgaben der “Irmandade”. Die Schwesternschaft hatte neben der religiös-kulturellen Aufgabe und dem Freikaufen ihrer schwarzen “Schwestern im Leid”, zunehmend die caritative Idee, alten schwarzen Frauen in Not zu helfen, ihnen möglichst gute letzte Lebensjahre bzw. einen würdigen Tod zu ermöglichen. Denn schwarzen Sklaven, auch den getauften, war sowohl das Betreten einer katholischen Kirche als auch die Beerdigung in geweihter Erde versagt. Heutzutage handelt es sich bei der Schwesternschaft weiterhin um eine caritative aber in erster Linie wohl nun mehr um eine religiöse Vereinigung. Aktuell gehören ihr 25 Schwestern an. Alle müssen als Grundvoraussetzung nicht nur schwarz sondern auch alt sein, und das heißt sehr ernüchternd für jede Frau: Ü40.

Streng geregelt sind die oberste Riga und die Aufnahmebedingungen. Juiza-Perpétua ist die Dame, die der Schwesternschaft vorsteht. Sie ist eine der ältesten unter den Schwestern und dafür zuständig, die Novizinnen anzuleiten. Darüber hinaus ist sie ganz und gar der Mariendevotion verschrieben. Zu traditionellen Anlässen trägt sie Weiß. Ihr beigestellt ist Provedora, die der Nummer Eins nachfolgen wird. Und schließlich die dritte im Bunde, die Procuradora-Geral. Sie in Grün-Blau. Sie ist als Sekretärin und Schatzmeisterin tätig. Dieser Vorstand wird jährlich gewählt. All jene, die noch Schwestern werden wollen, gehen drei Jahre lang mit einer ‘Börse’ Kollekte, um zu dem Erhalt des Bundes beizutragen. Zudem werden sie in ihrer Devotion an “Unsere Liebe Frau vom Guten Tod” geprüft. Sie tragen Schwarz.

Für die breitere Öffentlichkeit träten sie im August in Erscheinung, wenn sie im großen Stil eine Prozession und ein Fest ausrichten, wofür die Schwestern schon Monate zuvor von Tür zu Tür mit großen roten Stoffbeutel für die Kollekte gehen. Die Prozession stellt symbolisch die Legende von der Entschlafung Mariens nach. Es handelt sich dabei um eine interessante Variante der katholisch-offizielle Legende, deren Quelle mir nicht bekannt ist. Die katholische Glaubensgemeinschaft feiert den 14. August als den Zeitpunkt der sogenannten “Entschlafung Mariens”, die – laut den offiziellen Apokryphen – nicht gestorben, sondern “eingeschlafen” ist im Kreise der 12 Aposteln, die sie an ihr Sterbensbett gerufen hat. Sie eilten herbei und nicht wenige weinten verzweifelt als sie die Mutter des göttlichen Sohnes starben sahen. Doch dann erschien Jesus Christus (in der Sakralkunst häufig als eine kleine Geist-Person dargestellt) und nahm seine Mutter (auch sie ‘verkleinert’) in das Himmelreich auf. Für die theologische Auslegung ist es dabei von Bedeutung, dass nicht nur die unsterbliche Seele in den Himmel transportiert wurde, sondern die gesamte Person, Maria als der Körper, der sie auf Erden war, ist in das himmlische Reich aufgenommen worden. Folglich – wie bei Christus auch – existiert auch kein Grab der Muttergottes. Eine weltberühmte Darstellung dieser Entschlafung hat der spätmittelalterliche, deutsch-polnische Künstler Veit Stoß, oder Vit Stwosz wie er sich auf Polnisch nannte, für die Krakauer Marienkirche geschaffen. Es ist ein überwältigendes Werk, dass ich mehrere Male aufsuchte und mich nie daran satt sehen konnte. Das aber nur am Rande angemerkt.

Die Legende von der Entschlafung und der körperlichen Aufnahme Mariens in den Himmel bietet ganz unverhohlen eine Parallele zu der Himmelfahrt Jesu Christi, mit dem Unterschied, dass er der Initiator seiner eigenen Himmelfahrt war. Maria hingegen symbolisiert den auserwählten Menschen, der eines göttlichen Vehikels – eines Mittlers – bedarf, um nach ganz oben aufzusteigen. Und wie Jesus so verabschiedet sich auch Maria in einer Art “letzten Abendmahls” von den Jüngern bevor sie sie verläßt.

Doch die Legende, nach der die Irmandade das beliebte Fest ausrichten, geht in den Analogien zu der Passion und Auferstehung Christi wesentlich weiter. Hier sind die Jünger von dem Tod Mariens überzeugt. Sie beerdigen sie, wie es sich gehört, zunächst in einer Gruft und als sie am dritten Tag in die Tomba zurückkehren, um den Leichnam zu salben, finden sie den Ort leer und verlassen vor. Unübersehbar ist die Parallele zur Auferstehung Christi und dem leeren Grab, den die drei Frauen entdecken.

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Das Haupthaus der Irmandade da Boa Morte. Das schöne alte Gebäude muss gleicherweise erst spät von seinem völligen Untergang bewahrt worden sein, denn der Innenraum ist vollständig entkernt und schlicht modernisiert. Man bekommt darin einen Eindruck, wie all die anderen zu spät renovierten Häuser ihre Seele verlieren.

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Das Schwesternhaus ist kein Museum, sondern eine Art Laienorden, in dessen Räumlichkeiten ein wenig Traditionelles an Puppen und in Fotos visualisiert wird, ein wenig erklärt (nur auf Portugiesisch) und ein wenig verkauft (Schuhe, Schmuck, Bilder und T-Shirts) wird. Man kann auch vom oberen Stockwerk den angrenzenden Kirchenraum einsehen.

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Um das andere Highlight sehen zu können, brauchten wir drei Anläufe und mussten einer massiven Belagerung eines “Stadtguides” standhalten, der uns alle möglichen Touren mit Sehenswürdigkeiten verkaufen wollte, die wir fast alle auch ohne ihn gesehen haben. Wir lungerten wie er auch in der Lobby der Pousada, die in den Trakten des ehemaligen Klosters untergebracht ist, weil wir uns erhofften, dass “etwas passieren” wird und wir die Kirche und die Sakristei geöffnet bekämen.

Dieses Konvent der Karmeliter ist das erste auf dem brasilianischen Boden, so heißt es. Später lese ich, dass es in der nördlich gelegenen Stadt Olindo die “älteste Kirche” der Karmeliter geben soll. Lassen wir es  einfach unkommentiert so stehen.

Diese Kirche hier konnten wir jedenfalls nicht betreten, sie ist, wie es hieß, “immer zu”. Punkt. Wir insistierten nicht. Vielleicht ätte es mit einem Stadtguide geklappt. Das Konvent ist längst aufgelöst. Und wie in Salvador so auch hier wurde das Koster der Karmeliter zu einer “Pousada do Convento” umfunktioniert. Wir befanden uns  also bereits im Kloster.

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Erinnert diese Figur und die nachfolgende Türgestaltung (die Eingangstür zum Restaurant in der Pousada/im ehemaligen Konvent) nicht an die Arbeiten von Hansen-Bahia? Die Tür ist eine Darstellung des Letzten Abendmahls, eine Interpretation, die auch ohne den christologischen Bezug gedeutet werden kann. Zumal als Restauranttür. Sie erinnert mich wiederum an Arbeiten des Spätmittelalters und an die der Expressionisten. Und damit komme ich erneut zu Veit Stoß, der gewissermaßen der Expressionist unter den spätmittelalterlichen Künstlern war.

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Die kleine Kirche, die als Capela de Oracao da Ordem Terceira do Carmo (1695-1745) bezeichnet wird, birgt hinter der schönen schlichten Fassade viele kunsthistorische Überraschungen. In der Sakristei verbirgt sich aber ein echter Schatz! Das ist das beste was ich bisher in Brasilien gesehen habe.

Dort stehen in einem mit wunderbar zarten Blumendekor bemalten Wandschrank Passionsfiguren, die in der ehemaligen portugiesischen Kolonie Macao in China für diese Kirche in Brasilien angefertigt wurden. Um sie zu sehen, waren das Warten und die Ungewissheit, ob überhaupt etwas passiert, sogleich vergeben und vergessen.

Es sind wirklich wunderbare und ungewöhnliche Arbeiten – sowohl der Aufbewahrungsschrank als auch die Figuren selbst, von denen jedoch zwei fehlen und durch spätere Arbeiten ersetzt wurden, die dagegen gewöhnlich und leer ausschauen. Ich frage mich, was fehlt. Der siegreiche Christus? Maria und Johannes? Der Gekreuzigte? Der Kreuztragende? Nicht alle würden in diese schmale Schranknische gepasst haben, vielleicht standen sie davor, so wie jetzt die ‘spanisch’ wirkende kreuztragende Figur.

Nicht nur der Qualitätsunterschied sticht ins Auge. Die Macaoschen Christusfiguren sind zwar nach europäischem Muster gemacht worden, mit den typischen beweglichen Gelenken, die sonst unter den kostbaren Kleidern verschwinden, können aber ihren chinesischen Ursprung sowohl in der Feingliedrigkeit als auch in der physiognomischen Gestaltung der Gesichter, der Form der Augen und Augenbrauen, aber auch der Kopfform nicht verbergen. Unserer Führer, der wahrscheinlich ein einfacher Kustos ist, erzählt uns, dass bei der Bemalung echtes Ochsenblut Verwendung fand und das die Blutstropfen ursprünglich Rubine (oder waren es Diamanten aus Minas Gerais?) waren. Natürlich längst ausgeklaubt und nicht ersetzt.

So schön sie in ihren Wandschränken auch auf uns wirken, so war diese Art der Schönheit nur für sie selbst, bei geschlossenen Türen, gedacht. Ihre Wirkung entfalteten die Figuren in der Prozession, in der Bewegung, in der sie tragenden und verehrenden Menge. Einige voll angekleidet und mit Kostbarkeiten geschmückt, andere nackt und kunstvoll ausgeleuchtet. Beide auf jeweilige Art zum Leben erweckt.

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Auch diese kleine barocke Maria vom Berge Karmel (Nuestra Señora del Carmen) mit Christuskind – eine der schönsten Arbeiten dieser Art, die ich bisher in den vielen Barockkirchen Bahias gesehen habe – steht in der Sakristei in einer geschmackvoll ausgeführten Glasvitrine. Daneben ein kleines Kreuz mit dem Gekreuzigten. Das hinterwändige Blumendekor und die figürliche und farbliche Gestaltung der Christusfigur zeugt nicht nur von Qualität, sondern verweisen auch auf die Macaoschen Arbeiten, die vis a vis stehen. Die Maria von Berge Karmel (im Heiligen Land) und das Kind halten kleine Skapuliere. Diese hätte ich gerne gehabt, was unmöglich war, doch statt dessen kaufte ich moderne Devotionalien: Skapuliere als Dankeschön, dass wir hier (bei bestehendem offiziellen Verbot) fotografieren durften.

Die Karmeliter gehen auf Eremiten zurück, die auf dem Berg Karmel im Heiligen Land lebten und Maria mit Christuskind anbeteten, der sie eine kleine Kapelle bauten. Daraus entstand später der Orden der Karmeliter, der ins Zentrum der Anbetung die Maria vom Berge Karmel rückt, verbildlicht durch eine Madonnenfigur mit Christus, beide tragen sogenannte kleine Skapuliere. Das sind quadratische, in diesem Fall braune Stofftäfelchen in dessen Mitte eine Madonnendarstellung oder Christusbildchen eingenäht ist. Diese Skapuliere kann man als Gläubiger erwerben und selbst tragen, seltener sie als Votivgaben an ebenjene Figuren spendenjeweiligen . Der Begriff kommt aus dem Lateinischen und bezeichnet das scapularium, einen schlichten Überwurf, den die Mönche und Nonnen über ihre Tunika der Ordenstracht tragen, und das in der Farbe der Ordenstracht (braun, weiß, schwarz) ausgeführt ist. Es wird ähnlich einem ärmellosen Poncho übergeworfen und seitlich zusammengehalten. Das Skapulier der sogenannten Dritten Orden, und um einen solchen handelt es sich hier, tragen eine verkürzte Form dieses Überwurfs und davon leiten sich die „kleinen Skapuliere“ ab, die die Madonna und das Christuskind an langen Bändern in den Händen tragen. Das Skapulier des Karmelordens, das “braune Skapulier” wie es genannt wird, ist das bekannteste:

“Seine Verbreitung verdankt es vor allem einer Verheißung der Jungfrau Maria, die besagt, dass wer mit diesem Skapulier bekleidet sterbe, nicht das Feuer der Hölle erleiden müsse. Diese Verheißung, die der Überlieferung nach Simon Stock, einem Karmeliten des 13. Jahrhunderts, zuteilwurde, ist von der katholischen Kirche anerkannt. Verstanden wird sie in der Regel so, dass die Fürsprache Mariens den Skapulierträger entweder vor der schweren Sünde bewahrt oder ihn rechtzeitig zur Umkehr bewegt. Das Karmelskapulier muss nach kirchlicher Vorschrift von einem Priester aufgelegt werden. […]” (Zitiert aus Wikipedia).

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© Steffi Müller, SY Yemanja

Die Innengestaltung der kleinen, schmalen Kirche ist ‘theatralisch’, was für die Rokoko- und Barockzeit keine ungewöhnliche Symbiose darstellt. Zumal die praktischen wie theoretischen Ideen der Präsentation, der Darbietung und der Wechselwirkung zwischen Publikum und ‘Darstellern’ in starker gegenseitiger Übereinstimmung zwischen Bühne (Theater) und Kirchenraum zu sehen sind. Balkone in den oberen Etagen dienten hier wie dort der besseren Gesellschaft (den Nonnen oder Mönchen) dazu, sich von dem einfachen Volk dort unten zu separieren. Die bewegten Figuren nahmen wie Schauspieler an dem Spektakel, der am  Altar vollzogen wurde, teil. Und auch die Zuschauer/Gläubige waren in ihren festen Rollen am rituell wiederholten Letzten Abendmahl und der Wandlung der Hostie mitbeteiligt, so wie die Zuschauer des Barocktheaters am Schauspiel der Bühnendarsteller teilnahmen.

Hier sehen wir sehr schön, wie die goldene Patina durch eine Lichtchoreographie die Figuren wie den gesamten Raum in Bewegung versetzt, um sie dem staunenden Publikum verlebendigt erscheinen lassen. Wie kühl und kontrastreich wirken dagegen die Azulejos in ihrem unwirklich wirkenden Weiß und Blau.

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© Steffi Müller, SY Yemanja

Hier ist die erste von mir bewußt wahrgenommene Heilige Joanna. Ich meine, dass sie sehr selten so singulär als Heilige am eigenen Altar gefeiert wird. Hier ist sie doppelt vertreten, einmal als eine Altarfigur und darüber noch einmal als ein gemaltes ‘Porträt’ von ihr (d.h. der Figur). Meine Namensgeberin und meine persönliche Schutzheilige trägt hier als Attribut eine Kreuzmonstranz (nicht zu verwechseln mit einem Spiegel, der den Törichten Jungfrauen zugeordnet ist!) und das macht Kunsthistoriker stützig, denn eine Monstranz in Frauenhand verweist normalerweise auf Heilige Klara von Assisi. Nun, hat sich hier jemand bei der Heiligenzuordnung vertan? Oder hat die Hl. Joanna so wennig Vikonographische Vorbilder, dass man ihr irgendein Attribut in die Hand gedrückt hat?

Während die Figur der Hl. Joanna stilistisch und qualitativ wie eine Replik der Madonnenfigur aus der Sakristei aussieht, sind ihrem Altar beigeordnete Figuren, die Karyatiden bzw. Atlanten, in einer gröberen, folkloristischen Manier ausgeführt worden, die mich an die Arbeiten aus der Franziskanerkirche in Salvador erinnert. Arbeiten von Schwarzen? Oder von Indios wie ich vermutete?

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Eine weitere Besonderheit, die das Herz einer Kunsthistorikerin erwärmt, ist die kleine Kapelle, ein Beinhaus mit vollständig erhaltenen Sargnischen mit bemalten Holzabdeckungen. Schlicht und wunderbar. Die wesentlich reicher gestalteten, mittlerweile aber leeren und steril wirkenden Grabnischen haben wir im Karmelitenkloster nebenan gesehen (d.h. in der Pousada).

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“Ich werde in der Trauer meiner Seele dir von meinem Leben erzählen” (oder so ähnlich, wer Latein besser kann, bitte melden).

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“Wie ein Sturm”?

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Unter dem Boden des Beinhauses soll sich angeblich ein Geheimgang befunden haben. Ich schaue lange rein, kann aber keinen Hinweis darauf finden. Haben wir etwas mißverstanden? Hat unserer Führer etwas mißverstanden? Denn wohin soll dieser Geheimgang geführt haben – zum Fluß (zu weit)? Und warum? Wurden die Karmeliter bedroht? Wir wissen es nicht.

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Ich habe selten ein so schönes Tier gesehen. Mit einem seidigen Schimmer, wunderschöner Marmorierung, so kraftvoll und ruhig zugleich.

Das sind brasilianische Rinder, Zebu genannt. Sie kommen ursprünglich vom indischen Subkontinent und können Hitze und tropische Krankheiten besser vertragen bzw. abwehren als die europäischen Rassen, die hier nicht lange (über-)leben können. Leider – wie überall auf der Welt – explodiert die Rinderhaltung in Brasilien, weil der Fleischkonsum durch tägliche Fleischmalzeiten bei einer in mehrere Milliardengröße rechenden Bevölkerungszahl unverhältnismäßig hoch ist. Weltweit.

Hier in Brasilien funktioniert es folgendermaßen:

Um Weideflächen für die Rinder zu schaffen, werden Regenwälder abgeholzt, die Viehzüchter folgen den Holzhändlern, die zunächst das beste Holz abtransportieren, und verbrennen alles, was kein Profit – minderwertiges Holz – eingebracht hat. Die Viehzucht kann sich auf Dauer nicht halten, da die Böden ohne den sie schützenden Wald zu mageres Viehfutter hervorbringen, und so folgen auf die Viehzüchter die Sojabauern. Diese überall auf der Welt zur Zeit gefragte Pflanze vernichtet dann den Rest. Und macht das Abholzen der restlichen Wälder weiterhin oder erneut sehr profitabel!

So schließt sich der Teufelskreis und wir, die sogenannten Verbraucher (was für ein zutreffendes Wort aus der deutschen Sprache), stehen im Zentrum dieser Entwicklung.

Wenn man sich für den Regenwald und die wunderbaren Tiere interessiert (die nichts dafür können), so ist  die nachfolgende Verlinkung auf eine informative, in jeder Hinsicht kurz und bündig formulierte Seite von Interesse: Faszination Regenwald