Salvador – die Königinwitwe der Kirchen und Museen

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Salvador ist nicht nur die Stadt der Farbe, die Stadt der Kirchen, sondern auch die der Museen. Stefan Zweig nannte sie die “shakespearisch grandiose Königinwitwe. Sie ist vermählt den Vergangenheiten”.* Da gibt es das Museum des Rhythmus, das der afrobrasilianischen Küche (gemeint sind natürlich die Speisen), der Modernen Kunst, der Schriftsteller, der Fotos, der verschiedenen Privatsammler, der sakralen Kunst, das der Stadt, der afrobrasilianischen Kultur, der Archäologie und Ethnographie. Daneben hat beinahe jede Kirche nicht nur ein Kloster oder einen Orden anbei, sondern ist auch – ja genau – ein Museum.

Ehemals reich an sakralen Objekten, nun dieser auf vielfältige Weise beraubt, beherbergen diese Kirch- und Klostermuseen statt dessen dadaistische Räume und Arrangements, durchaus des historischen “Cabaret Voltair” würdig (und genauso gut wie der Schirm, der mit der Schreibmaschine kämpft). Diese Kirchen und Klöster sind für einige Überraschungen gut.

Die Igreja de Sao Francisco schweigt in ihrer schlicht-vornehmen Fassade, ohne einen Hinweis zu geben, was sich für Schätze dahinter verbergen. Ihr Inneres überrascht nicht nur mit einer enormen Formentfaltung, die einem empfänglichen Besucher möglicherweise einen “Stendhal-Syndrom” bescheren könnte: Schwindel, Übelkeit, Ohnmacht angesichts zu vieler und zu wirkungsstarker Kunstobjekte, so hat der französische Schriftsteller mit dem Wahlnamen nach einer deutschen Stadt das Phänomen in Florenz erlebt und beschrieben.

Gebaut wurde die Igreja 1708, damit also erst ca. 22 Jahre nach der Fertigstellung des Klosters (1686), das man bei der Besichtigung zuerst betritt. Der Kreuzgang birgt neben den schönen Wandgemälden aus blauweißen Kacheln, den Azulejos, auch eine Skurrilität, auf die einige weitere noch folgen sollten. De Chiricos Bilderwelten beherrschen den Kreuzgang: eine zubetonierte Mitte, Arkadenbögen mit gekachelten Stützen, ein glutheißer, menschenleerer von einer geradezu nackten Architektur beherrschter Platz, der möglicherweise zur höchster Kontemplation anregte.

Gold ist das alles beherrschende Stilmittel der Franziskanerkirche. Gold, so sagen einige, habe man hier so verschwenderisch verwendet, um die mäßige Qualität der figürlichen Darstellungen zu übertünchen. Viel Gold, so sagen andere, um von den nicht ganz christlich-jugendfreien Darstellungen der Nacktheit abzulenken. Eine kostspielige Tünche. Zweifelsohne sind vor allem die Putten von einer skurrilen Häßlichkeit gekennzeichnet, die sie beinahe einmalig macht. Haben sich hier die für die Ausschmückung der Kirche verpflichteten Sklaven an ihren Herren gerächt? Das scheint mir eine gute Geschichte zu sein, doch eine, die der historischen Wahrheit kaum stand hält. Haben die Franziskaner die Arbeiten an ihrer Kirche nicht durch Augenmaß entsprechend begleitet und bewacht? Die Katze im Sack gekauft? Möglich. Doch wahrscheinlicher ist es, dass sie das künstlerische Unvermögen ihrer Lieferanten nicht sahen, weil es nicht von Bedeutung war. Auch war die Nacktheit, betraf sie nackte Putten, üppige Dekolletés oder gar einen entblößten Busen, kein Tabu im Zeitalter des Barocks, zumal am Ende der Alten Welt, wo viele noch (oder wieder?) halbnackt oder nackt herumliefen.

Die Frage nach dem Gold stellt sich von alleine ein. Woher kommt es? Aus den ersten Minen, die aus einem von Portugal nur bedingt beachtetem Land, das mehr Sorgen machte als Rendite abwarf, zu einem der wichtigsten Gold & Geld Lieferanten für das kleine verschuldete aber weltruhmsüchtige Portugal machten. In der Alten Welt drehte sich in dieser Zeit alles Politische um zwei Dinge: Gewürze und Gold. Die Goldbesessenheit von Europa motivierte jede Entdeckung. Spanier und Portugiesen waren ihm scheinbar am stärksten verfallen. Sie mordeten, plünderten, zerstörten ganz Südamerika auf der Suche nach Gold und Erzen. Und sie fanden es in den Bergen Brasiliens, dort wo der kleine Fluß Rio das Velhas die Goldklumpen aus den ihn umgebenden Bergen herauswusch. Die Glückritter mußten es nur von dem Flußsand befreien. Die Kunde ging schnell nach Bahia und Rio de Janeiro. Was danach folgte, war ein bis dahin nie dagewesenes Rennen, Stechen und Hauen, Mord und Todschlag, bis erst 1719 Portugal begriff, dass es einschreiten mußte, um sich von diesem unermesslichen Reichtum einen Fünftel zu sichern. Priester verließen ihre Kirchen, Plantagenbesitzer samt Sklaven ihre Güter, die Soldaten ihre Garnisonen, Bauern ihre Schollen. Alle reisten an, mit oder ohne Sklaven, um in Minas Gerais, wie diese Provinz heißt, reich zu werden. So reich, dass sie für alles, das woanders nur billiger Plunder war, mit barem Gold bereit waren zu zahlen. Nur wenige von diesen ersten Glücksrittern konnten etwas Dauerhaftes, geschweige denn Sinnvolles mit ihrem Gold anfangen. Dort wo sie in Lehmhütten hausten, gab es nichts, in das sie investieren konnten. Ihr Verstand und ihre Vorstellungsfähigkeit waren zu beschränkt, um eine größere Idee damit zu verfolgen, als das Gefundene schnell auszugeben. Die ersten, die es fanden, waren jene berüchtigten Bandeirantes aus der Gegend um São Paulo, marodierende Horden jener ersten Siedler, die sich anfangs mit den an den Küsten lebenden Indios vermischten, doch später genau auf diese unbarmherzige Jagt machten. Von einer Unrast getrieben, durchstreiften sie das Hinterland auf der Suche nach etwas – auch Indios als Sklaven –, die sie von Heute auf Morgen reich machen konnte.

Für knappe 100 Jahre reichte das schnell verdiente Gold. Zwei Orte entstanden in dieser Zeit und wurden für kurze Zeit zu den reichsten und berühmtesten Städten Brasiliens: Vila Rica und Vila Real. Keine Landkarte verzeichnet sie mehr.”Vila Rica, im Volksmund später als Vila Pobre verhöhnt, heißt heute Ouro Preto und ist nichts als ein romantisches Provinzstädtchen mit ein paar Dutzend holprigen Straßen. An  der Stelle von Vila Real steht ein armes Dorf, das sich bescheiden in den Schatten der neuen Hauptstadt der Provinz Minas Gerais, des modernen Belo Horizonte drückt.”*

Zu Gold gesellen sich schnell Gewalt, Mord und Diebstahl. So berichtet 1709 ein verzweifelter Priester: “Kein vernünftiger Mensch kann einen Zweifel hegen, daß Gott in den Minen nur darum so viel Gold entdecken ließ, um damit Brasilien zu strafen.”* Ist es Zufall, dass der Bau und die Vergoldung der Franziskanerkirche in dieser Zeit beginnt?

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Säulen im Korsett, Arkaden mit Pfeilern, der einsame Pflanzentop in der glühendheißen Sonne, ein Warten ohne Zeit.

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Sehr schöne Azulejo-Bilder, leider nicht alle erhalten und zum Teil wild aus dem Fundus von Überresten gemixt. Immer wieder der Hinweis, die Kachelbilder zeigen das Lissabon vor dem großen Erdbeben. Interessanter finde ich die Darstellungen der Tugenden und Laster, die mir bisher als Sinnbilder in dieser Form nicht bekannt waren. Aus der Ethik des menschlichen Lebens nach Horaz.

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Der Neid, der einen nicht glücklich macht. Man beachte das Geschehen im Hintergrund. Kann jemand die Symbolik entschlüsseln?

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Das Geld, dass alle gleich macht…

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Die Freuden des Alters.

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Und immer wieder der Tod ohne Gesicht. Nachträglich verändert?

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Darf es noch bissl mehr Gold sein? Die Minen von Gerais zeigen ihre Wirkung.

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Überaus speziell sind die Putten. Ist es ein Mangel am künstlerischen Können oder – wie böse Zungen behaupten – die Rache der schwarzen Künstler, denen es verwehrt blieb, am Gottesdienst teilzunehmen, obwohl sie getaufte Christen waren?

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Mögen diese Köpfe nicht unbedingt den damaligen ästhetischen Grundregeln der europäischen Barockkunst entsprechen, so sind sie doch stark im Ausdruck und zweifelsohne von eigenem Charakter. Ohne eine Expertin der hiesigen Kunst des 18. Jh.s zu sein, möchte ich in Zweifel ziehen, dass hierbei schwarzafrikanische Künstler am Werke waren. In den Gesichter und Formen entdecke ich nicht den geringsten Nachhall der mir etwas bekannten afrikanischen Kunst. Vielmehr scheint hier etwas durchzuscheinen, das ich als überaus eigen, vielleicht etwas, das ich als indio-brasilianisch bezeichnen würde. Ist es gesichert, dass es schwarze Sklaven-Künstler waren, die die Kirche ausschmückten?

Ohne mich festlegen zu können, meine ich mich zu erinnern, dass es einen Franziskanermönch gab, der Bildhauer war und zu einer gewissen Berühmtheit in Salvador gelangte. Das Klostermuseum im ehemaligen Convento Santa Teresa verfügt über einige Werke von ihm. Die Figuren aus der Franziskanerkirche erinnern mich an seine Formsprache. Könnte es sein, dass er eine Art “Stilschule” begründete?

Die Kirche gleich nebenan ist die Igreja da Ordem Terceira de São Francisco (Laienorden). Weitaus weniger besucht als die vergoldete, fristet sie ein wenig ein stiefmütterliches Dasein. Zu unrecht, wie ich finde. Sie verfügt über wunderbare verstaubt-skurrile Exponate und daneben gibt sie Einblicke in die oberen Etagen eines Laienordens mit blankgescheuerten schweren Dielenboden, stumpfen Spiegeln, langen Mensatischen, intakten Kachelbildern. Nicht zu vergessen, der Blick aus den Fenstern, der die Altstadt von Salvador aus anderer Perspektive als der touristischen auf Shopping-Niveau zeigt.

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Üppige Fassade aus portugiesischem Sandstein. Es heißt, im Stil des mexikanischen Churriguerismus geschaffen. In Brasilien eine echte Rarität, zumal in einer solch feinen Steinmetzarbeit ausgeführt. Ich hätte hingegen auf portugiesischen Manuelitischen Stil getippt, der weniger ungewöhnlich für eine portugiesische Kolonialhauptstadt wäre als der spanische Kolonialbarock. Zumal man weiß, wie gern sich die beiden Nachbarstaaten hatten…

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Exponate vor und hinter den Glasvitrinen. Manches schon umgefallen. Anderes an Federn zusammengebunden. Die Stigmata des Hl. Franziskus lassen mich an Gille Deleuze Analyse eines Gemäldes von Giotto denken, das ein am Himmel schwebendes Kreuz mit dem Gekreuzigten darstellt. Unter dem Kreuz kniet vor eine Höhle der asketisch-verzückte Franziskus und empfängt die Stigmata – Deleuze spricht von dem Kreuz als der “Drachenmaschine”, an die Franziskus mit roten Fäden gebunden ist.

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Im Saal der (glücklich) leidenden Puppen. Ausstellung der Passionsfiguren in Jugendstilmanier.

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Abseits der Touristenrouten liegt das ehemalige Konvent und die Kirche Santa Teresa von 1670. Eine wunderbare Anlage, gebaut am Hang zum Hafen, in einer traurig heruntergekommenen, durch moderne Bauten verunstalteten Gegend, deren alte Häuser und enge Straßen hier und da noch jene Zeit bezeugen als hier wohlhabende Händler, Honoratioren der Stadt und Großgrundbesitzer neben Mönchen und Nonnen lebten. Hausfassaden, die darauf warten, abgerissen zu werden, zu Spekulationsobjekten ohne Sinn für ihre Historizität herabgewürdigt, verweisen auf ihre Bauzeit am Ende des 18. und Anfang des 19. Jh.s. Mitten in diesem Verfall, das heutige Museum. Der Eingang bewacht von einem Militär-Polizisten. Wir werden eingelassen., das Tor wieder geschlossen. Eine gepflegte Fassade der Klosterkirche, ein gepflegter kleiner Garden. Stille und Schatten. Wir dürfen nirgends fotografieren. Taschen müssen wir beim Einlass abgeben. Marcel nimmt sein Handy mit, wir werden jedoch von hunderten von Kameraaugen beobachtet. Das Museum soll die beste Sammlung sakraler Kunst in ganz Brasilien haben.

Wir sind gespannt, haben aber an diesem letzten Tag in Salvador bevor wir in Richtung Süden ablegen, nur sehr wenig Zeit. Wir wissen, hier gibt es unter umständen viel zu sehen. Gerettete Objekte aus der 1933 zerstörten Kathedrale beispielsweise, und noch mehr und anderes, gerettet aus anderen Kirchen, die man aufgegeben hat.

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Läßt mich natürlich an Köln und die wunderbare Sankt Ursula-Kirche oder auch an das Schnüttgen Museum denken!

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Historische Aufnahmen

Salvador, die erste Hauptstadt des Landes, damals noch Bahia genannt. Der Portugiese Pedro Álvares Cabral landete mit seiner Flotte weiter südlich im heutigen Porto Seguro, dem “sicheren Hafen”, und gilt – nicht unumstritten – als der Entdecker des Landes. Doch erst 1549 bekommt Brasilien ihre Hauptstadt und überhaupt so etwas wie eine Verwaltung und Gesetzgebung. Der erste Generalgouverneur, der das leistet, ist Tomé de Souza und mit ihm die Jesuiten. Bis dahin war das Land sich selbst und den Kolonisten, Banditen und nicht selten aus Gefängnissen in Portugal entlassenen Verbrechern, die hier zu freien Siedlern wurden. Das Land, das ihnen geschenkt wurde, mit allem Leben darauf, wurde ihrem Gutdünken und der Selbstjustiz überlassen. Im heutigen Bezirk Bahia und in der Bucht der Allerheiligen lebten zu diesem Zeitpunkt die bald vertriebenen oder ermordeten Indios der Stämme Tupinambá und Tupiniquim.

Die Fotos, gefunden in einem Reisebilderbuch in der Bibliothek des deutschen Künstlers Karl Heinz Hansen (dazu mehr im Beitrag zu Cachueira) zeigen ein Salvador wie sich noch Stefan Zweig und Ernst Jünger präsentiert haben muss (in den 1930er und 40er Jahren). Nicht mehr wohlhabend, aber noch nicht so verwahrlost wie heute. Ohne der Elendsviertel, der Armut, des Drecks, der Gewalt. Mit intakten Fassaden und gepflegten begrünten Plätzen. Arm die Bevölkerung, aber vielleicht ein wenig freier und glücklicher als heute…

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Kirche und Kloster der Franziskaner, vergleich oben.

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Das Pelourinho-Viertel und die steile Treppe der Kirche Igreja do Santíssimo Sacramento do Passo. Bekannt durch den Film “O Pagador de Promessas” von 1962, der in Cannes die “Goldene Palme” gewann und zu den Klassikern des brasilianischen Cine Novo zählt. Heute ist die Gegend samt Treppe eine sehr verschmutzte, verwahrloste Ecke.

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Ernst Jünger, 13. Nov. 1936:

“Was man als Architektur in unserem Sinn bezeichnen kann, entstammt der Kolonialzeit, die zahlreichen Paläste, Klöster, Kirchen und Festungen. Stilistisch handelt es sich um ein Barock, das tropisch ausgewuchert ist. […]

Mit größerem Stolz verweist man jedoch den Fremden auf die zivilisatorischen Anlagen, die Wolkenkratzer, die Geschäfts- und Flughäfen. Das Arsenal der Ausbeutung wird als bedeutender empfunden als der Reichtum und die Kultur des Landes, dem es aufliegt und von dem es zehrt. Doch ist dies eine der Eigentümlichkeiten des modernen Menschen, die man schon an den Kindern beobachtet, wenn man sie mit ihrem technischen Spielzeug hantieren sieht.” (aus: “Atlantische Fahrt”, S. 32)

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* Zitiert aus Stefan Zweig: Brasilien. Ein Land der Zukunft, [1941, Stockholm] Frankfurt a.M. 1984. (Aus dem Kap. “Besuch bei den versunkenen Goldstädten”, S. 241ff.)