Cumbre de Chigueré – wo Gomera aus dem Meer stieg

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Im Nordwesten der Insel gibt es nicht nur die berühmten Los Órganos, eine wie Kirchenpfeifen geformte Steilküste, die nichts anderes ist als von Wind und Wellen freigelegtes Schlotinneres eines Vulkans. Oberhalb des Órganos gibt es eine Gegend, die Cumbre de Chigueré heißt. Es ist ein Landstrich von besonderer geologischer und damit auch landschaftlicher Bedeutung. Wert, unter strenges Naturschutz gestellt zu werden, ist es aber meines Wissens noch nicht. Viel Zeit bleibt nicht, denn die Landschaft verschwindet zusehends durch ungebremste Bodenerosion.

Wunderschön, wild, bizarr, überraschend und – katholisch-abergläubisch, doch dazu später mehr.

Zunächst gehen wir circa acht Millionen Jahre zurück. An dieser Stelle befand sich die Urinsel, die (nimmt man an) eine aus dem Meer herauskragende ‘Plattform’, im englischen Fachjargon genannte Miocene basaltic shield, war. Dieser Urschild ist in der Cumbre de Chiguere sichtbar. Der Boden ist somit submarinen Ursprungs, man erkennt marine Bestandteile wie Muscheln oder Korallen, marine Sandbestandteile und Kalk. Im Nordwesten kollabierte dieser Schild lateral (seitlich) zum Meer hin und erzeugte einen tiefen Kessel gefüllt mit Geröll, sog. breccia (ich glaube, auf deutsch Alluvium). Eine Million Jahre danach – wie man sich vorstellen kann, ist es nur eine grobe Schätzung – arbeitete sich an dieser Abbruchrampe ein Hauptvulkan mit peripheren Lava-Domen (kleinere Schlote) durch die breccia-Decke hindurch. So entstand der älteste und wohl auch der größte Vulkan der Insel, ein felsiger Strato-Vulkan. Dieser Urvulkan mit seinen Nebenvulkanen, den Domen, ist komplett erodiert und stellt geologisch betrachtet das heutige Vallehermoso dar, sowohl den Ort als auch den größten Einschnitt in der Oberfläche der Insel, den Barranco de Vallehermoso, was soviel wie “Das schöne Tal” bedeutet.

Die grandiose Landschaft, die aus dem ehemaligen Urvulkan entstand, bestimmen drei Barrancos (Schluchten), die bis in die 2000er Jahre noch stark landwirtschaftlich genutzt wurden. Unser Marco Polo-Reiseführer aus diesem Jahr berichtet noch von einer blühenden Kulturlandschaft mit “bilderbuchmäßiger” Terrassierung. Die Terrassen sind noch da, Mais, Wein, Bananen, Kartoffeln oder andere Nutzpflanzen sucht man aber vergeblich. Die Palmen, die überall imposant das ausgedorrte Land dominieren, sollen ehemals zur Gewinnung des Palmhonigs und der offenbar hier essbaren Dattel-Sorten gedient haben. Geworben wird damit noch auf Etiketten der im Touristenläden erhältlichen teuren Palmhonig-Gläser, eine solche Produktion haben wir aber nirgends gesehen. Die Datteln liegen ungenutzt und ungesammelt auf den Wegen herum. Auch diese Zeit scheint im Jahr 2015 schon vorbei zu sein. Ein trauriger Anblick, bedenkt man, dass den Kulturterrassen ehemals prähistorische Wälder weichen mussten. Jetzt ist weder das eine noch das andere vorhanden.

Vallehermoso hat noch vereinzelt alte Bausubstanz. Die herrschaftlichen Häuser der hier ehemals ansässigen Großgrundbesitzer und Handelsfamilien, die von dem relativen Reichtum des Ortes Zeugnis ablegten, sind bereits zum allergrößten Teil aus dem Stadtbild verschwunden. Sie sind – wie überall auf den Kanaren – einfallslosen, gesichtslosen Neubauten gewichen. Auch hier möchte keiner die alten Häuser erhalten.

Irgendjemand von der EU hat die Bedeutung – vielleicht auch nur die touristische – von alten Stadtkernen mit historischen Bauten erkannt und etwas Geld in Restaurierungs- und Erhaltungsrojekte reingesteckt: viel zu wenig, viel zu kurz. Jedenfalls ist daraus nichts nennenswertes entstanden. Nachhaltigkeit ist, soweit ich das beobachten kann, den Canarios en gros kein Begriff, sie haben für ihre Kultur kein geschärftes Interesse oder einfach auch nicht die notwendige Bildung erfahren.

Der ehemals als gemütlich und beschaulich beschriebene Hauptplatz des Ortes ist heute von Straßen und einem Kreisel begrenzt, zubetoniert und mit einer ‘Spielecke’ für laut schreiende und tobende Kinder versehen. Von den im Halbrund montierten Betonbänken aus schauen Mütter und alte Leute diesem Treiben zu. Wer das mag, kann sich auch ohne Ohrenschutz entsprechend davor im Café Central platzieren. Daneben gibt es angeblich das interessante Tienda-Café, so etwas wie Tante-Emma-Laden mit Bar. Wir waren nicht drin. All das sah auch nicht mehr wirklich interessant aus.

Historisch betrachtet ist Vallehermoso aber durchaus ein interessanter Ort, wenn auch nun ohne entsprechend sichtbare Spuren. Bis in die 1930er Jahre war er nur mit dem Boot oder zu Fuß und Pferd auf Pfaden zu erreichen. Eine moderne Straße gab es noch nicht, denn dafür mussten erst Tunnels durch den Berg getrieben werden. Der Ort hat einen Puerto, der nicht viel mehr als eine steinige Playa am ständig tobenden Meer mit starker Unterströmung ist. Anlanden für Boote unmöglich. So baute man zu dem Zwecke der Verladung eine Interessante Rampe mit dazugehörigen Gebäuden – darüber werde ich im Castillo del Mar-Artikel berichten. Reich an Bananen, Palmen, Wein, Gemüse und vor allem Obst hatten seine Anwohner viel zu verladen und zu verkaufen und wurde damit zum zweitwohlhabendsten Ort der Insel neben San Sebastian. Ein wenig von den anderen Inselbewohnern verachtet aufgrund ihrer speziellen Lage – oder einfach nur aus Neid –, hat man Spottlieder auf sie gedichtet und angeblich noch lange als ‘Gassenhauer’ von Kindern gesungen.

Historisch von Bedeutung für die gesamte Insel sind zwei Ereignisse zu melden: (1) Der Widerstand gegen die Ungerechtigkeit der großen Klassenunterschiede zwischen den Plantagenarbeitern und Bauern einerseits und den alles bestimmenden Großgrundbesitzern und ihrer Leibeigenementalität. Die benachteiligten Bewohner organisierten sich in den 1930er Jahren zu gewerkschaftlichen kommunistischen bzw. sozialistischen Gruppen, um für eine gerechtere Verteilung von Boden und Nahrung, sowie bessere Löhne zu kämpfen. Und (2) der einzige nennenswerte Widerstand gegen General Franco (man erinnere sich: 1936 leitete er von Teneriffa aus den Militärputsch, der die legitime rep. Regierung Spaniens stürzte) und seinen Putsch am 18. Juli 1936. Der republiktreue Polizeihauptmann von Vallehermoso hatte mit dem Präsidenten der örtlichen Gewerkschaftsgruppe und dem stellvertretenden Bürgermeister beschlossen, gegen die Franco-Truppen auf La Gomera zu kämpfen. Die Vallehermosos konnten den Angriff bis zum 27. Juli 1936 abwehren, also circa 3 Tage lang den Ort noch “frei” halten. Die Kapitulation war unausweichlich. Die Franco-Milizen verhafteten 60 Personen, drei wurden zum Tode verurteilt. Nur wenige konnte fliehen. Einer der wenigen, dem das gelang, war der legendäre Held Antonio Ramos Cabrera. Ihm gelang es, sich insgesamt 11 Jahre in den Bergen versteckt zu halten. Das war nur mit Hilfe der Einheimischen möglich, die ihm Nahrung und Kleidung an vorher verabredeten Orten hinterließen. Trotz Folterungen der francotreuen Polizei wurde das Versteck des Helden nicht preisgegeben. Erst als Franco 1947 ein Dekret erließ, demnach alle Geflohenen, die keines Mordes angeklagt waren, Straffreiheit zusicherte, stellte sich Cabrera freiwillig – und, oh Wunder, er wurde freigesprochen.

Den Landarbeitern aus Vallehermoso erging es nicht ganz so gut. Sie sind alle 1936 der Federación Obrera – der sozialistischen Gewerkschaft – beigetreten und litten dann an harten Sanktionen, viele wurden verschleppt, gefoltert, manche ermordet. Ab 1939 – als Franco nach dem gewonnen Bürgerkrieg endgültig seine Diktatur in Spanien festigen konnte – waren die wichtigsten Regimegegner auf La Gomera auf die eine oder die andere Art ausgeschaltet. Die wenigen verbliebenen Gegner schafften es entweder in der großen Flüchtlingswelle 1942 (Hungersnot, materielles Elend, Unterdrückung) über Puerto Vallehermoso nach Kuba oder Venezuela zu flüchten, oder wurden so eingeschüchtert, dass sie sich ab da unauffällig verhielten. Bis in die späten 1970er/frühen 1980er Jahre hatten nun wieder die Großgrundbesitzer und andere reaktionäre Kräfte das Sagen auf der und anderen Inseln des Archipels.

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7 bis 4 Millionen Jahre früher…

Kommen wir nach diesem Exkurs zurück zu den erfreulicheren geologischen Hintergründen unser Wanderung:

Nach einer gewissen Zeit von mehreren ‘unruhigen’ Jahrmillionen kommen wir schließlich zu dem anschließenden Pliocene-Vulkanismus, der uns die phonolitischen Schlote und Trachyte als Gesteine beschert. Die Phase des Pliocene wird auf die Zeit zwischen 7,3 bis 4,2 Millionen Jahre geschätzt. In dieser Phase entstanden an den höchsten Stellen der Insel Vulkane, die wir heute als ‘versteinerte Vulkanschlote’ erkennen können. Ihre größte Ansammlung haben wir wiederum im Vallehermoso und im Zentrum der Insel, oberhalb jener Stelle, an der wir die gefährliche Gebirgswanderung unternahmen, und wo der Roque Agando über uns wachte.

Das Wahrzeichen des VallehermosoBarrancos ist einer dieser phonolitischen Vulkanüberresten, der Roque Cano, den wir am Ende unserer Wanderung zu sehen bekamen.

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Die im Pliocene ausgebrochenen Vulkane bedeckten den Schild der Urinsel mit neuer Lava, die sich im oberen Bereich der Vulkane und in der Caldera des Urvulkans horizontal ausbreiteten. Später floss die Lava Richtung Meer und erzeugte sowohl Faltungen im Gestein als auch vertikale Gesteinsverläufe. Zur Illustration dessen, was ich umständlich zu erklären versuche, hier zwei Bilder aus dem sehr empfehlenswerten Buch “Canarian Vulcanoes” von Juan Carlos Carracedo (in Spanisch und Englisch):

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La Gomera ist das Eldorado für Geologen und Vulkanologen, nicht, weil sie aktive Vulkane im Angebot hätte – ganz im Gegenteil, ist sie die inaktivste Insel des Archipels –, sondern weil die Erosionskräfte das Innere der ehemaligen Vulkane, die Gesteinsbildungen und den Aufbau der Lavaformationen sichtbar machten wie sonst nirgends so deutlich. Diese Insel bietet eine Menge versteinerter Vulkanschlote, Lavaströme in verschiedenen Lagen, sichtbare tektonische Erdverschiebungen und Gesteinsvielfalt, was keine andere Vulkaninsel in der Zahl vorzuweisen hat. Besonders hervorzuheben sind die sogenannten Dykes oder Diques, das sind versteinerte Magmakanäle, die durch Erderosion nun frei wie ein Drachenrückrat aus der Erdoberfläche herausschauen. Ungewöhnlich ist auch, dass sich auf der Insel nur ein einziger echter Vulkankegel mit rundem Krater, einer Caldera, erhalten hat. Sie ist an der Südküste in der Nähe des Flughafens zu bewundern, dabei so unauffällig, dass man schon ein geschultes Auge haben muss, um sie vom Wasser aus zu erkennen.

(Fotos im Folgenden: erkaltetes Magma im Vulkaninneren, die einzige echte Caldera und horizontale Lavaströme sowie Dykes)

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Dort, wo im letzten Foto rechts, ganz außen, ein doppeltes gelb gestricheltes Band verläuft, dort liegt der Kern unserer Wanderung. Begonnen haben wir sie im grünen Bereich der hohen Berge (gerade noch im Foto zu sehen), dann weiter auf dem Kamm, dem Cumbre, und runter bis zu dem Puerto bzw. der Playa del Vallehermoso. Wie diese Aufnahme schon deutlich macht, ist der untere, rötlich-gelbliche Bereich von geologischer Besonderheit. Tatsächlich nimmt man an, dass dort der Miocene-Schild hochgedrückt wurde und – mittlerweile erodiert – zu sehen ist. Das ist – ähnlich wie auf La Palma die Caldera de Taburiente – ein unglaublich spannender Moment der Erdgeschichte! Gewissermaßen das Nichts der Erdentstehung, oder der Ort, an dem La Gomera geboren wurde.

Offensichtlich ist die Besonderheit dieser Region schon jemanden von der Inselverwaltung oder den wenigen Naturschützern – beide wahrscheinlich ohne Geld – aufgefallen, denn man versucht, durch einfachste Maßnahmen wie Holzbarrieren, die Bodenerosion aufzuhalten, die die gesamte Gegend existenziell bedrohen. Der Regen spült offenbar große Bereiche des sandig-porösen Bodens direkt ins Meer. Auch hier liegen die Hauptursachen in der ursprünglichen Waldabholzung und der zeitgenössischen Aufgabe der landwirtschaftlichen Kultivierung, so dass weder eine Instandsetzung der Terrassenmauern noch irgendein Wurzelwerk den Boden da festhält, wo er hingehört.

Diese Gegend ist wunderschön! So still, so anders. Wir waren begeistert, sind wir doch auch sonst auf der Suche nach in vielerlei Hinsicht nicht ausgetretenen Pfaden, die in ihrer “edlen Einfalt und stillen Größe” (kann nicht umhin, Winkelmann zu zitieren) wirken.

Unsere Wanderung begann nicht besonders einladend in einer kalten, nassen Bergregion. Der Wind pfiff, es nieselte. Bei gefühlten 30 Grad im Valle de Gran Rey eingestiegen und bei gefühlten 13 Grad hier oben aus dem Auto ausgestiegen. Eine von Iris (unsere Freunde und Segler wollten nicht mitwandern) geliehene Windjacke musste her. Nico bekam ein T-Shirt angezogen und so marschierten wir los auf einem offenbar neu angelegten Wanderpfad. Nico genoss die grandiosen Ausblicke über die Abbruchkante als “WC-mit-dem-besonderen-Kick” (siehe Foto unten).

Wir waren überrascht und sehr erfreut zu sehen, dass der Palmhonig noch tatsächlich abgebaut, bzw. abgezapft wird! Marcel hat bereits darüber berichtet. Palmensaft haben wir zwar nicht gesammelt (nur probiert) dafür aber die überall wachsenden Brombeeren. Ein seltsames Gefühl eine so wohlbekannte gewöhnliche Wald- und Wiesenpflanze unserer Heimat in dieser unwirklichen Palmen- und Vulkanlandschaft zu sehen. Die Früchte waren eine willkommene Erweiterung unseres späteren Picknickangebots.

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Ein paar Worte zu den kleinen Ortschaften, die unterhalb unseres Weges lagen, und die Marcel sich strickt weigerte, zu besuchen.

Taguluche: ein Ort, an dem nur Mädchen geboren wurden. Ein Mirakel, dem niemand von den Offiziellen nachgehen wollte, denn Taguluche lag beinahe vollkommen von der Außenwelt abgeschnitten, nur über einen mühsamen Wanderpfad zu erreichen; beinahe 500 Höhenmeter runter und dann wieder hoch. Welcher der Herren Policia wollte das schon auf sich nehmen? So wurde eine Zeitlang nicht entdeckt, dass auch die männlichen Nachkommen einen Frauennamen und entsprechenden Eintrag im Geburtsregister bekamen. Auf diese Weise bewahrte man die Söhne vom Militärdienst und konnte so die Familie ernähren, die auf jeden angewiesen war, der auf den schwer zu bewirtschaften Terrassenfeldern arbeiten konnte.

Tazo: der Ort an dem ehemals hervorragender Bienenhonig und Palmensaft produziert wurde. Palmenhonig wird offenbar immer noch geerntet.

Cubaba: ist ein winziger Weiler, der nicht mehr bewohnt wird. Zu schwierig seine abgeschiedene Hanglage, zu mühsam die Bewirtschaftung.

Arguamul schließlich: ein Ort, der ehemals – wie die anderen gleicherweise – nur schlecht über eine Erdpiste zu erreichen war. Er hat sich halten, vielleicht sogar vergrößern können, denn er hat feste Straßen spendiert bekommen. Arguamul liegt spektakulär über den pittoresken Roques, die bei Ebbe ein kleines Badeplateau freigeben. Hier soll es auch noch einen der seltenen Relikte der altgomerischen Kultur geben, nämlich einen Versammlungsplatz und Kultort, allerdings soll der Weg dorthin absolute Schwindelfreiheit erfordern. Leider nichts für mich. Marcel freute das sicherlich, denn er weigerte sich die ganze Zeit über, jeweils zusätzliche 500 Höhenmeter auf und ab auf sich zu nehmen, die eine Abweichung von unserem Wanderpfad bedeuten würden.

All diese Orte haben nicht nur ihre besonders schwierige und exponierte Lage gemeinsam, sondern auch den ehemals starken Glauben (oder Aberglauben) an Hexen, den Bösen Blick, den Zotteligen Mann (Teufel und Gott zugleich) und anderes Böses mehr. Unser alte DuMont-Reisetaschenbuch weiß noch zu berichten:

“In diesen drei winzigen Weilern hat sich der Aberglaube am stärksten gehalten. Gekreuzigte Reisigbündel vor Viehställen und Hütten sowie ritualisierte Tänze sollen Hexen und Geister bannen.” (S. 130) Besonders hervorzuheben ist dabei der verlassene Ort Cubaba, “dessen Häuser weitgehend verfallen sind, der aber den alten Einheimischen immer noch als Platz für ihre rituellen Hexentänze dient.” (ebd.)

2015 sind mit den alten Häusern und den alten Bauern und Hirten wohl auch die Hexen weggezogen. Eine solche Praxis haben wir nirgends gesehen – aber wer weiß, bei Vollmondnächten vielleicht…

Die Ermitas

Tatsache ist hingegen, dass ich seit Griechenland kein Land besucht habe, dass so viele Kapellen an exponierten, landschaftlich schönen, teilweise unwegsamen Stellen hatte wie La Gomera. Diese kleine Insel tut sich darin besonders im Vergleich mit ihren Nachbarinseln hervor, die eher durch den relativen Mangel an Kirchen und im speziellen an Kapellen auffallen. Allein auf unserer Wanderung haben wir drei Kapellen gesehen, wovon zwei die Größe von kleinen Dorfkirchen hatten. Vielleicht doch ein Hinweis auf das Kontinuum im Glauben an das Böse.

Ermita de Santa Clara, eine hübsche Kapelle erbaut 1888 wahrscheinlich auf den Fundamenten einer älteren aus dem XVII Jahrhundert stammenden. Sie liegt besonders schön inmitten von Waldresten auf dem Bergrücken des Chigueré. Ausgestattet mit schönen Tischen und dem obligatorischen Picknickplatz, was leider dazu führt, dass man mit dem Auto hierher kommen kann. Die mündliche Überlieferung berichtet von Fischern aus Arguamul, die ein Bild der Heiligen Clara auf der Playa de Santa Catalina (Hermigua) gefunden haben sollen. Sie entschieden, ihr eine Ermita auf der Cumbre de Chigueré (oder im Weiler Chijueré) zu errichten. Was auch geschah. Der permanente und starke Wind, dem sie ausgesetzt war, machte es notwendig, die Ermita mit besseren Materialien und auf einem geschützteren Flecken neu zu erbauen. Sie wählten den heutigen Standort unterhalb des Berggipfels Teselinte. Das Bildnis erfreute sich einer starken Verehrung vor allem von den Bewohnern der umliegenden Dörfer, da die Heilige eine gute Ernte garantieren sollte.

Drei Kilometer weiter nördlich steht man vor einer weiteren Ermita mit dem japanisch klingenden Namen Ermita de Nuestra Signora de Coromoto. Don Aurelio Darias und seine Ehefrau, Emigranten, die aus Venezuela nach La Gomera zurückkehrten, haben diese Kapelle 1985 erbauen lassen für die Patronin ihres südamerikanischen Landes. Die ornamentalen Elemente der Fassade sind Basaltsteinplatten aus dem Gestein der unmittelbaren Nachbarschaft. Vor diesem Kirchlein haben wir dann auch gepicknickt. Neben uns lag ein Stein, der möglicherweise fossile Pflanzen(-abdrücke) zeigte.

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Auf unserem Weg lag der Weiler Chigueré oder Chijeré, der offenbar nach der Cumbre selbst benannt wurde. Dieser letzte ‘Ort’ auf unserem Weg, knapp vor dem Abstieg in das Tal von Vallehermoso, ist nicht mehr als eine Handvoll Häuser. Wenigstens diesen wollte ich mir angucken, und da der Abstieg nur minimal war, machten auch Marcel und Nico mit.

Chigueré bestand ehemals offenbar aus ca. vier Häusern, mittlerweile alle unbewohnt, verlassen und ruinös. Zwei davon sind mehr schlecht als recht aufgebaut worden, wirken aber so, als ob man die Aufbauarbeit mittendrin resigniert aufgegeben hätte. Das gleiche gilt für die Terrassenmauern in trockensteinbauweise. Geld wurde scheinbar nur noch in neue Schlösser investiert, die angesichts des allgegenwärtigen Verfalls, der unbestellten Erde und der einsamsten Lage der Gehöfte seltsam übertrieben und irgendwie feindselig wirken. Zu den Häuserruinen und ihrer unmittelbaren Umgebung stellen sich Phantasiebilder mit Wildwesternszenarien, einer Ranch und Mexikanern ein. Gleichwohl, rituelle Hexentänze beim Vollmond um Mitternacht passen in diese Landschaft fast noch besser als mexikanische Bauern und Revolverhelden… Vielleicht ist die ganze Gegend irgendwann schutzlos dem Bösen Blick ausgesetzt worden.

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Beim Abstieg gab es dann doch noch etwas Zauber am Wegesrand, wenn auch eher afrikanischen Ursprungs. Und wenn dieser nicht Hilft, so liegt die nächste Kapelle in Sichtweite im Talgrund – war es die vierte oder die fünfte heute?

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Und zum Schluß die Übersichtskarte zur Orientierung (für Roland).

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