Maritimer Gammel

Eingetragen bei: Kanaren, Segelroute, Spanien, Subscribe | 2

„Meerwasser zerstört jedes Schiff in erstaunlichem Tempo, verwandelt Stahl in Rost, lässt Farben sich pellen, Lacke bröseln, vernichtet Glanz, überzieht Bordwände mit Muscheln und Algen und einem allgegenwärtigen maritimen Schmodder, der wie der Tod selber scheint. In den Häfen ließ sich das ganze Elend gut beobachten. Der Horror: Kähne, die aussahen wie in Säure und Scheiße getaucht, über und über mit Ausschlag bedeckt, Rost und Schleim, zerfressen von dem, worin sie schwimmen.“ David Foster Wallace, Schrecklich amüsant – aber in Zukunft ohne mich

Ja, das stimmt. Das können wir nicht besser beschreiben und jeden Tag aufs neue müssen wir das mit entsetzen feststellen. Wofür wurde Sisyphus eigentlich bestraft? Es soll Leute geben, die sich freiwillig solche Aufgaben atlasgleich auf den schon durch die Enge des Platzes auf einem Segelschiff krumm gewordenen Rücken laden, die Haut rissig und spröde geworden von Sonne und Salz und hoch dosierten, säurehaltigen Reinigungsmitteln gegen Rost, Algen und aller anderen Arten von maritimen Schmodder.
Diesmal hat es unsere Steuersäule erwischt. Die sonst so stabile, aus Schub- und Gelenkstangen aus angeblich seewasserresistenten und nicht-korrosiven Stählen bestehende Umlenkung der Ruderbewegung auf das Steuerrad hat in letzter Zeit immer mehr Spiel bekommen, so dass eine seichte Dünung am Ankerplatz ausreichte um das Ruder zu bewegen und dieses kleine Speil von nur wenigen Millimetern in das System weiterzuleiten und uns nicht eine Nacht schlafen zu lassen, aufgrund des Geklappers und des unsanften Einruckens der Schubstangen. Und das trotz festgestelltem Ruderrad. Tagelang hatte ich versucht, das eigentliche Problem zu lokalisieren. Vom Ruderschaft hatte ich mich nach oben gearbeitet. Hatte Zentimeter für Zentimeter untersucht. Die Verschraubung von Kardangelenken kontrolliert, Deckenverkleidungen ab- und wieder anmontiert. Die Steuersäule geöffnet, Verschraubungen am Ruderquadranten nachgezogen und doch blieben die Nächte schlaflos. Also ein weiteres Mal den Deckel der Steuersäule geöffnet, um den Verdacht zu bestätigen: Das Lager unterhalb des Zahnradquadranten, der die horizontale Stange innerhalb der Steuersäule fixiert, muss sich gelöst haben. Doch wie daran kommen? Es blieb nichts anderes übrig, als ein paar Tage in einer Marina zu liegen und alles zu demontieren.
In San Sebastian de La Gomera fanden wir bei Andreas Hilfe, dem Stützpunktleiter des Trans-Ocean-Vereins, einem Bayern, der hier sesshaft geworden ist und als Mechaniker und Marinero arbeitet. Er half uns die obere, horizontale Stange samt den Kugellagern herauszutreiben, um den Quadranten zu demontieren. Darunter kam die ganze Zersetzungskraft des maritimen Gammels zum Vorschein. Die Reste, die von einem Edelstahlkugellager noch übrig waren, zerfielen in unseren Händen beim Ausbau der Halteplatte. Die Reste der Abdeckplättchen rieselten herunter, und selbst die Kugeln zerbröselten bei der weiteren Demontage.
Also gut. Neue Kugellager lassen sich in ein paar Tagen aus Teneriffa organisieren. Leider hatten wir noch ein Wochenende mit Feiertag vor uns. Es hieß also, noch ein paar Tage manövrierunfähig in der Marina zu liegen. Sehr zum Leidwesen unserer Bordkasse.
Neben uns legten die Fähren und Kreuzfahrtschiffe an und ab – „die Schiffe der Megalines. Sie sind allesamt weiß und sauber, denn ihr Zweck ist nicht zuletzt, den calvinistischen Triumph von Kapital und Industrie über die archaische Zerstörungskraft der See zu repräsentieren. Die Nadir beschäftigte ein ganzes Bataillon von wuseligen Drittwelt-Gestalten, die in ihren blauen Overalls tagein, tagaus das Schiff nach etwaigen Zeichen beginnenden Gammels absuchten.“ David Foster Wallace, Schrecklich amüsant – aber in Zukunft ohne mich

Wir würden also die nächsten Tage damit verbringen weitere Wartungsarbeiten durchzuführen. Am Samstag klopfte dann nachmittags Andreas an die Bordwand: Die Lager waren schon da. Gute Organisation! Auf unsere Sprayhood warteten wir noch immer. Diese war von Teneriffa schon eine Woche lang unterwegs. Am Sonntag vormittag hatten wir dann alles wieder zusammengebaut. Leider mit einem Rest von Spiel zwischen Zahnradquadranten und horizontaler Achse. Wir werden sehen, wie sich das anfühlt. Es lässt sich bestimmt durch Improvisation noch ein bisschen nachstellen.

PS. Lieber Werner, Du siehst, alles ist wieder in bester Ordnung.

 

2 Responses

  1. Elke und Walter

    Liebe Chuligis
    Das ist ganz normal,siehe sy-Sunrise.de Trinidad 1-……… Das Schöne ist, wenn mal alles wieder in Ordnung ist braucht der Gammel einige Zeit bis er wieder nach kommt! Wir sind einfach schneller!
    Liebe Grüße, Elke und Walter

  2. Werner Sadlowski

    Hallo,

    schöner und intensiver kann die notwendige Reparatur nicht beschrieben werden. Ich habe direkt mitgefühlt. Alles wird gut und ein bisschen „Spiel“, damit wird man leben können.

    Euch weiterhin viel Glück und intensive Erlebnisse.

    Gruß

    Werner