Südatlantikpassage – 2. Woche

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Die zweite Woche auf hoher See ist schon deswegen entspannter, da der Körper jetzt eingeschaukelt ist. Die ersten Tage der Seekrankheit sind vergessen. Die permanenten Schiffsbewegungen sind zum Normalzustand geworden. Bei jedem Schritt und jedem Handgriff muss ich mich festhalten, egal, ob beim Zähneputzen, beim Kochen, auf dem Klo, sogar im Sitzen. Beim Gemüse schneiden oder öffnen eines Schrankes bräuchte man mindestens eine Hand mehr, eine zum Herausholen oder Schneiden, eine zum Festhalten der Gegenstände und eine zur eigenen Sicherheit.

Trotzdem bleibt die Küche nicht kalt. Mindestens eine warme Mahlzeit am Tag muss sein. Hier ein Auszug aus unserem kulinarischen Logbuch:

-Hackfleisch mit Soja und Miso, Zitrone und Honig abgeschmeckt
-Kürbis-Süßkartoffelsuppe mit Zitronengras, Kokosmilch und Ingwer
-Thailändisches scharfes rotes Fisch-Curry
-Original bayerische Weißwürste mit Süßkartoffelpüree und Ei
-Tofu und Zucchini japanisch
-Rindfleischstreifen mit grünen Bohnen japanisch
-Gemüsesuppe mit Reisnudeln
-Banana-Pancakes
-Lauwarmer Süßkartoffelsalat
-Rote Beete mit Kapern, Zitronensaft und Olivenöl aus Kalamata
-Pasta mit Speck und Zucchini
-Süßkartoffeltortilla

Das Fischcurry ist natürlich mit selbst gefangenem Fisch zubereitet. Der erste große Brocken ist mir noch am Vortag von der Gaff gesprungen. Dabei ist die Leine gerissen und der big fish samt Köder zappelnd in der Tiefe verschwunden. Der Kollege ist wohl zum Abendessen für seine noch größeren Artgenossen geworden. Er wäre eh ein wenig zu groß für Renato und mich gewesen, da Joanna nach wie vor selbst gefangenen (und getöteten) Fisch verweigert und statt dessen lieber beim Fischhändler Fisch kauft.

Etwa ein mal am Tag kommt ein Frachtschiff vorbei. Gestern war viel Verkehr, da waren es gleich zwei. Einmal nachts hatte ich kurzen Funkverkehr mit der Brücke eines unseren Kurs knapp kreuzenden Frachters. Kann ja nicht schaden, höflich nachzufragen, ob die uns sehen können. „Copy that“, war die Antwort. Er würde knapp vor uns durchgehen. Ist ja noch eine halbe Meile Platz dazwischen. Ok. Na dann gute Nacht und eine sichere Wache.

Als kleiner Segler ist man auf hoher See gegenüber den großen Pötten (theoretisch) im Vorteil: Die müssen uns ausweichen und nicht umgekehrt. Wir sind sogar verpflichtet deutlich unseren Kurs zu halten. Eine kleine Korrektur um zwei oder drei Grad ist aber meistens möglich und reicht schon aus, um der Gefahr einer Kollision frühzeitig aus dem Wege zu gehen. Man weiß ja nicht, wie die so drauf sind. Und die sind stärker. Meistens sieht man aber im AIS bereits gut, dass die Großen bei Kollisionskurs ihrerseits ihren Kurs um ein paar Grad korrigieren. Gute Seemannschaft.

Sonnige Tage wechseln sich mit bewölkten Tagen ab. Durchziehende Regenfelder bringen zwischenzeitlich mehr Wind. Dann heißt es den Klüver schnell einrollen und gegebenenfalls auch noch das Großsegel reffen. Nach 20 Minuten ist das Spektakel dann vorbei und der Segeltrimm beginnt von vorn. Wir haben ja sonst nichts zu tun.

In den Reuters Daily News lese ich, dass die USA ihre Anstrengungen um die Macht innerhalb der arktischen Handelsrouten verstärken wollen. Die ehemals gefrorenen Schifffahrtswege würden durch die weiter schmelzende Arktis an Bedeutung gewinnen. Man habe aber zu bedenken, dass man mit nur einem Eisbrecher gegen 40 russische Eisbrecher bei dem Thema nicht wirklich mitreden kann.

Heute feiern wir Bergfest. Der Zählerstand steht auf 1.700 Seemeilen zurückgelegte Strecke. Es liegen noch eben so viele Meilen vor uns. Etwa drei Tagesreisen an Steuerbord liegen die Inseln Tristan da Cunha, Nightingale Island und Inaccessible Island. Wie der Name letzterer schon andeutet, alle ohne Hafen. Sie eignen sich also nur bedingt für einen Zwischenstopp. Der Atlas der abgelegenen Inseln von Judith Schalanski verrät uns, dass Tristan da Cunha von Rio de Janeiro 3.340 Kilometer und vom Kap der Guten Hoffnung 2.770 Kilometer entfernt ist. Wer den wenigen Insulanern einen Besuch abstatten möchte, muss auf offener Reede im Schwell des Südatlantiks ankern. Vielleicht beim nächsten Mal, wenn wir wieder mal hier vorbei kommen.

Am Sonntag ist außerdem erneut Zeitumstellung an Bord. Alle Uhren werden eine Stunde vor gestellt, da wir der aufgehenden Sonnen entgegen segeln. Alle, außer die Navigationsuhr am Kartentisch. Die steht immer auf UTC. Das zeigen die anderen Uhren jetzt auch, da wir uns dem Nullmeridian nähern, der durch die Sternwarte von Greenwich verläuft. Kapstadt liegt in der Zeitzone UTC+2. Es bleiben uns also noch zwei Zeitumstellungen für die restlichen zwei Wochen. Ein Jetlag ist damit ausgeschlossen.

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  1. Pedro

    Hey Marcel and Joanna! We are eagerly following your amazing passage and dreaming of our future adventures on board our own Koopmans 40.
    Best regards,
    Pedro and Marcela

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