Südatlantikpassage – 3. Woche

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Die Routine der Nachtwachen hat sich bereits eingeschaukelt, nachdem die flauen und bleichgesichtigen Tage der Seekrankheit überwunden waren. Zwischen neun Uhr morgens und 18 Uhr abends ist keine spezifische Wache eingeteilt. Ab 18 Uhr wechseln wir uns alle drei Stunden ab. Da ich Frühaufsteher bin, erübrigt sich auch die sechs Uhr Wache für die anderen beiden. Auch Renato ist an den meisten Tagen schon früh wach.

Sogar Captain Nico hat seine Bordroutine etabliert: drei mal am Tag kleines Geschäft und gegen Mittag einmal big business. Bei der Morgenrunde werden außerdem allerlei fliegende Fische aufgespürt, die uns des Nachts an Deck wehen. Zwei mal waren kleine Kalamare dabei, – wusste gar nicht, dass die auch fliegen können. Gestern ist Nico bei ruhigem Wetter sogar einmal alleine nach vorne gegangen, hat sein Geschäft erledigt und kam zufrieden wieder zurück, um sich seine verdiente Belohnung abzuholen. Business muss sich schließlich auszahlen. Es ist zwar eigentlich verboten, alleine und ohne Leine das Cockpit zu verlassen, aber schimpfen durfte ich in diesem Fall nicht. Allzu lange dauerte das Training für diese Prozedur.

Nach Sonnenaufgang bereite ich mir meinen Kaffee und kümmere mich um die aktuelle Windkarte, die ich per Satellitentelefon aus dem All hole. Die Segelanweisungen für die Strecke Rio de Janeiro nach Kapstadt gehen von einem stabilen Südatlantikhoch (SAH) aus, welches sich üblicherweise etwas nördlich von unserer aktuellen Schiffsposition befindet. Unterhalb des Hochs soll es eine Zone mit kontinuierlichem Westwind geben. Davon haben wir während des bisherigen Verlaufs unserer Reise noch nichts gemerkt. Die Wetterkarten zeigten uns etwas südlich unserer Großkreisroute durchgehend Gegenwind aus Ost. Die Westwindzone muss so weit südlich liegen, dass sie für uns gar keine Alternative darstellt.

Unsere Taktik war demnach, so lange direkten Kurs auf Kapstadt anzulegen, so uns günstige Nordwinde beschieden waren und nicht erst Kurs Süd zu setzen. Zwei Wochen konnten wir so unter Nordwinden Kurs ost-südost steuern und kamen unserem Ziel täglich 125 Seemeilen näher. Zurecht wird Fortuna in neuzeitlichen Darstellungen mit maritimen Emblemen ausgestattet, nicht zuletzt mit geblähten Segeln und einem Steuerruder, das zeigt, dass einem günstige Winde (wie Gelegenheiten) nicht einfach nur zufallen. Man kann dem Glück nachhelfen. Jetzt treten wir die zweite Hälfte unserer Passage an und wie es aussieht ändert sich das Wetter in den kommenden Tagen. Mal sehen, was wir daraus machen können.

An einem Nachmittag begleiteten uns für einen kurzen Moment zwei Wale an Backbord. Wir sahen ihren Blas und die Rückenflossen in den Wellen. Zwei Tage später zeigte uns am frühen Morgen ein Orca seinen Buckel. Das war beeindruckend und wir hatten unsere Tagesration an Ereignissen bereits aufgebraucht. Der Rest des Tages war Routine, irgendwas zwischen Vorsegel ausrollen, Vorsegel einrollen, ausreffen, einreffen, – die Winde wechselhaft, Regenschauer, dann wieder sonnige Stunden. Immer so weiter.

Veränderungen geschehen fast unmerklich. Irgendwann ist eine Nacht kühler und ich ziehe eine lange Hose an, an regnerischen Tagen auch mal eine Jacke im Cockpit. Das trübe frische Wetter bringt nach langer Zeit mal wieder das Esbjörn Svensson Trio auf meine Playlist. Manche Musik passt einfach nicht in die Tropen.
An manchen Tagen passiert rein gar nichts. Kein Wind, keine anderen Schiffe, keine Vögel, keine Fische – zähe Stunden verbringen wir damit zu lesen und Musik zu hören, zu schlafen und in die graue wabernde Weite zu schauen. Dabei ist es ja gar nicht so weit bis zum Horizont. Nur wenige Kilometer kann man im Kreis schauen. Hinter dem Horizont krümmt sich die Erde. Wir erwarten dort weitere weite Wasserflächen. Mal sehen.

Von unnatürlichen Schlafpositionen, immer irgendwie schräg und manchmal mit Festhalten, beginnt mein Rücken zu schmerzen. Erst zwickt es in den Schultern, dann weiter unten. Heute ist der 18. Tag auf See. Bei unserer letzten Atlantiküberquerung war das der Tag des Landfalls in Salvador da Bahia.

Die Speisekarte der dritten Woche:
-Orientalische Linsensuppe
-Rührei mit Speck und selbst gebackenem Brot
-Rindfleisch in Rotwein geschmort (Der billige chilenische Rotwein, der in Brasilien für teuer Geld feilgeboten wird, muss weg, bevor wir das Weinland Südafrika erreichen, in dem auch gute Weine für ein paar Rand zu haben sind.)
-Gemüsesuppe mit Zitronengras, Ingwer und Zimtblättern aromatisiert
-Chili con Carne aus der Dose (Ich glaube, die Dose haben wir noch auf La Palma gekauft.)

Am 18. Mai des Jahres 1789 notierte Captain William Bligh in sein Logbuch: „Morgens ließ der Regen nach. Wir zogen unsere Pullover aus und trockneten sie. Jeder hatte Schmerzen in den Knochen. Überraschenderweise war noch niemand gestorben. Morgens, mittags und abends gab es das übliche Fünfundzwanstigstel eines Brotes und ein Viertelpint Wasser.“

Langsam geht uns die Variation an frischem Gemüse aus. Wir haben noch Karotten. Die stecken in einer Kiste mit Sand, wie es schon meine Großeltern im Keller gemacht haben. Weißkohl, rote Beete und Kürbisse sind auch noch da. Einige Äpfel haben die Salzwasserduschen im Netz unter dem Bimini überlebt sowie Orangen, Maracuja und eine Honigmelone. Und wir haben noch eingekochtes Gemüse von Bertram, dem Bruder von Ingo und Ewald, die in der Marina Bracuhy eine kleine offene Bar betreiben, an der wir uns quasi täglich sehen ließen. Nico hat dort Freund und Feind getroffen, während wir bei Caipirinha oder Bierchen einen Schnack mit der Bracuhy Community hielten.

Gestern ist mir außerdem aufgefallen, dass unserem Gummitintenfisch, den wir seit dem Verlust der beiden Rapallas (Köder in Fischform) hinter uns her ziehen, der Haken fehlt. So kann ja nichts hängen bleiben. Zwei mal hat die Ratsche einen Biss angezeigt und Nico war prompt zur Stelle, doch kein Fisch war festgekommen. Kein Wunder. Morgen wird das repariert. Heute weht es mit bis zu 30 Knoten aus Süd. Eine unangenehme Welle baut sich auf, für Ozeanverhältnisse kurz und steil. Bis morgen Mittag soll der Spuk dauern. Na gut. Da lässt sich nichts machen.

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