Südatlantikpassage 1. Woche

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Die erste Woche ist geschafft. Mit Wehmut machten wir am Sonntag Mittag von Armins Boje in Sítio Forte los, nachdem wir uns von Bacana und Jane verabschiedet hatten, die uns in den letzten Monaten, – es war letztendlich über ein halbes Jahr, so gute Nachbarn wurden, immer hilfsbereit und zu Scherzen aufgelegt. Mit an Bord ist Renato, der mit seiner Frau Caci und einem kleinen Hund seit gut zwei Jahren auf einem Segelboot lebt. Er hatte gerade sein Schiff verkauft, um in Europa oder der Karibik ein neues zu kaufen, um so ohne Atlantikpassage einen Revierwechsel durchzuführen. Da passte unsere Einladung auf einen Abstecher nach Südafrika perfekt in den Zeitplan. Und was ist ein Skipper ohne Schiff?

ABSCHIED
Wir werden diese sanften grünen Hügel und die am Festland aufragenden Berge mit der Mata Atlantica, dem Atlantischen Wald, vermissen. Wir werden unsere Freunde hier vermissen und Nico seine Spielkameraden in Bracuhy, vor allem Selma und Dora. Das Leben an Bord zwischen all den Buchten der Ilha Grande und Paraty konnte so angenehm und unbeschwert sein. Hier ließe es sich durchaus länger aushalten. Wir nehmen den Ort neben Dalmatien und La Palma in unsre Top Drei Liste der schönsten Plätze unserer bisherigen Reise auf, die für eine spätere Rückkehr in Frage kommen.
Bacanas Bar und der markante Felsen von Sítio Forte, der aussieht, als habe ihm jemand mit einer Machete einen Hieb versetzt, verschwindet hinter der ersten Biegung und kaum eine Stunde Später schieben wir unseren Bug in den Südatlantischen Ozean hinaus. Ein warmer Wind füllt Großsegel, Fock und Klüver. Der Motor verstummt und Chulugi legt sich auf die Seite, schiebt sich gleichmäßig atmend in die atlantische Dünung.

AUF SEE IST ALLES ANDERS
Joanna wird bereits am ersten Tag seekrank. Ich bin voller guter Hoffnung, doch mich erwischt es seltsamerweise mit Verzögerung am zweiten Tag. Zwei Tage muss ich da durch. Ab dem vierten Tag stellt sich Normalität ein. Nur unser Gast Renato bleibt standhaft und übernimmt die ein oder andere unserer Wachen der ersten zwei Nächte.
Während den ersten fünf Tagen fahren wir hoch am Wind. Nasses und anstrengendes Segeln. Wellen spülen über das Vorschiff und die Seitendecks. Hin und wieder flutet eine überkommende Welle das Cockpit. Auf hoher See machen sich die Schwachstellen der Schiffe bemerkbar. In der vorderen Bilge findet sich Wasser. Wo das wohl herkommt? Möglicherweise durch den Kabeldurchlass der Positionslichter an Deck.
Beim Reinigen der Bilge stoße ich leicht an die Logge und habe plötzlich den gesamten Geber in der Hand. Altersschwäche. Sauber, kurz oberhalb des Borddurchlasses abgebrochen. Das sieht nicht gut aus. Wenn es sich auch nicht als das aktuell gesuchte Leck herausstellt, macht es mir doch irgendwie Sorge. Das Etwas aus schwarzem Plastik und einer weißen kalkartigen Substanz, das da die wenigen Millimeter zwischen uns und dem Ozean versiegelt, macht keinen zuverlässigen Eindruck. Besser nicht berühren. Don´t touch a running system. Wir beschließen, den gesamten Durchlass großzügig mit einer Epoxymasse einzukleiden, die für Unterwasserarbeiten an Bohrinseln zum Einsatz kommt. Zurück bleibt eine grüngraue, geschwulstartige Beule, die auch mehrere Tage später noch trocken ist. Scheint zu halten. Muss halten. Schließlich haben wir noch gut 3.000 Meilen vor uns.
Die permanente Salzwasserdusche setzt dem Deck zu. Jetzt kommen all die kleinen Roststellen besonders gut zur Geltung und ich weiß, was ich in den nächsten Monaten in Südafrika zu tun habe. Unter dem Bimini, dessen Nähte sich beginnen aufzulösen, haben wir zwei schwere Netze mit Obst aufgehangen sowie zwei Bananenstauden. Alles ist bereits nach ein paar Tagen vom Salzwasser und Durchschütteln mächtig angegriffen. Das Obst schmeckt ein wenig salzig. Am sechsten Tag morgens bei Sonnenaufgang sind plötzlich beide Bananenstauden reif. Waren die nicht gestern Abend noch grün? Zeit für Banana Pancakes, Müsli mit Bananen oder einfach so mal zwischendurch eine oder zwei Bananen.
Nach den ordentlichen Regengüssen am selben Tag finde ich am Abend unsere Koje nass vor. Wie es aussieht, habe ich vergessen, die Steuersäule am Cockpitboden neu abzudichten. Mist. Das stand eigentlich auf meiner Reparaturliste. Also unter Licht von Taschenlampe und Leseleuchte die Deckenverkleidung abschrauben, alles reinigen und ein geeignetes Tropfgefäß unter der Kabinendecke montieren. Vielleicht schaffe ich es ja noch unterwegs, der Steuersäule mit Sikaflex beizukommen.
Ach, und dann ist da noch dieses seltsame Klopfen, Schaben oder Flattern außen an der Rumpfwand, dort, wo sich eine der Anoden befinden müsste. Hat sich da eine der Zinkscheiben gelöst? Nach ein paar Tagen ist das Geräusch verschwunden, – die Anode auch?

ZEIT
Unterdessen lesen wir den Reiseführer zu Südafrika von vorne bis hinten und quer bis alle Seiten gelbe Markierungen tragen. Immer wieder lesen wir außerdem die Segelanweisungen zur Atlantikpassage zwischen Rio de Janeiro und Kapstadt, in der geschrieben steht, dass die Großkreisroute einige Meilen kürzer ist, als der direkte Kurs von etwas über 90°. Man möge sich zunächst so weit südlich der Großkreisroute bewegen, bis man auf beständigen Westwind trifft. Seit einer Woche kommen wir aber gar nicht so weit runter, da sich etwas unterhalb von uns ein beständiges Band an mäßig starkem Ostwind festgesetzt hat. Pustekuchen mit Westwind. Also arbeiten wir uns doch zunächst irgendwo zwischen dem direktem Kurs und Großkreisroute nach Südosten vor. Am siebten Tage hängen wir dann in dem Flautengebiet des Südatlantikhochs.
Wir haben ja genug zu lesen. Wir haben die Afrikareisen Cees Nootebooms dabei. Aber die paar Seiten zu Südafrika, Mauritius und La Renunion sind schnell verschlungen. Das dicke Buch über den Atlantik, die Biographie eines Ozeans von Simon Winchester gibt nicht viel zum Stichwort Kapstadt her. Ein Kapitel im Atlas eines ängstlichen Mannes von Christoph Ransmayr erinnert an das Ende der Apartheid in Südafrika in den Neunziger Jahren. Ich lese Islands in the Stream von Hemingway auf Englisch. Das spielt zwar in der Karibik aber an die Sprache kann ich mich dann schon mal gewöhnen. Jetzt habe ich gerade mein Portugiesisch so weit gebracht, dass kleine Unterhaltungen möglich sind, da geht es weiter und der Schalter muss auf Englisch oder Afrikaans oder Zulu umgelegt werden. Vielleicht machen wir ja einen Abstecher nach Mozambique. Dort spricht man die Sprache der einstigen Kolonialherren: Portugiesisch. Und für Mauritius und La Reunion müssten wir eigentlich noch etwas Französisch lernen. Wir haben gar keinen Französisch Sprachführer an Bord, lediglich ein Buch über globales Segelwetter auf Französisch, das Joanna schon seit den Kanaren nicht aussetzen möchte.
So vergehen die Tage. Wir sehen keine anderen Schiffe mehr, auch nicht auf dem AIS. Wir sehen keine Vögel, keine Fische. Nichts als Ozean und Himmel, mal grau und bedrohlich, mal blau und kristallklar. In heftigen Regengüssen sehen wir auch mal gar nichts. Seltsam, wie sich die Wahrnehmung von Raum und Zeit auf so einer Reise verändert. Ich schaue so oft am Tag auf die Seekarte und denke, wir müssten doch schon etwas weiter sein, doch die Ungeduld bringt nichts. Wir können die Kartenplotter auch ausstellen. Wie auf alten Landkarten die Terra Incognita ist auf Seekarten die Hochsee weiß. Wir nähern uns der FRATURA RIO GRANDE. Die Tiefenangaben liegen zwischen 3492 und 5659 Metern. Unser Echolot fasst das zusammen und zeigt seit einer Woche nur noch DEEP an.

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