La Merica

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Vom Ankerplatz aus erblickt man oberhalb des Dorfes La Calera eine 600 Meter hohe Steilwand. Darauf, in traumhafter Lage, einen einzelnen Baum. Weitere 250 Höhenmeter im Anstieg etwas weiter Nördlich befindet sich der Gipfel La Merica, von dem aus Kolumbus (ja, endlich mal wieder Kolumbus, wir haben den Herrn schon vermisst) gen Westen über den Ozean geblickt haben soll. Es heißt, er habe hier in der Bucht Pflanzen gefunden, die in Europa unbekannt waren, was seine These vom Seeweg nach Indien der untergehenden Sonne entgegen neue Nahrung gab. Hatte ich nicht vor kurzem über die Kunst des Scheiterns geschrieben? Sicherlich war Kolumbus ein wahrer Meister darin.
Wir haben uns früh den Wecker gestellt, jedoch nicht früh genug. Erst gegen zehn Uhr beginnen wir den Aufstieg an der Steilwand im Dorf La Calera. Der Wanderweg ist ausgewiesen und leicht zu finden. 6,6 Kilometer – nur eine kurze Wanderung. Die Rechnung lautet aber: 6,6 Kilometer plus 850 Höhenmeter plus sengende Mittagssonne minus jegliche Art von Schatten. Der Aufstieg wird zur Qual. Kurz vor dem Plateau zweigt nach links ein Weg ab zu besagtem solitären Baum. Dieser wäre ein willkommener Schattenspender, doch wir entscheiden uns zur Vermeidung weiterer Umwege für den direkten Weg über den Bergrücken zum Gipfel La Merica. Vorbei an verlassenen Gehöften, Dreschplätzen und seltsamen runden Gebäuden aus Trockenmauerwerk mit Außentreppen (Gräber? Kohleöfen? Aussichtstürme?) führt uns der Weg nun nur noch im seichten Anstiegt bis zum Bergdorf Arure. Leider bietet sich auf dem gesamten Hochplateau keine Möglichkeit im Schatten zu picknicken.
Dafür bietet sich ein traumhafter Blick nicht ganz bis Amerika, jedoch zu den Gipfeln der Nachbarinseln La Palma (unsere Lieblingsinsel) und El Hierro (unser nächstes Ziel nach La Gomera). Wir erreichen den Aussichtspunkt Ermita Del Santo oberhalb des tief im nächsten Tal gelegenen Dorfes Taguluche, von dem es heißt, dass in den dreißiger Jahren nur weibliche Nachkommen registriert wurden, um den Militärdienst zu umgehen. Die Obrigkeit hatte aufgrund der abgeschiedenen Lage Schwierigkeiten, die Geburtenregister zu überprüfen, oder scheute lediglich die Mühen des Ab- und unvermeidlichen Wiederaufstiegs.
Nach einem Picknick unter Kiefern geht es durch das eigentliche Tal des großen Königs zum Aussichts-Restaurant César Manrique, welches wir leider verschlossen und verlassen vorfinden. Es ist jedoch möglich, von der Terrasse ins Valle Gran Rey hinabzublicken, in dem der letzte große Guanchenkönig Hupalupa (der hieß wirklich so) residierte. Hupalupa plante 1487 auf dem 300 Meter vor der Küste gelegenen Riff Baja del Secreto mit seinem Sohn die Ermordung des verhassten spanischen Inselgrafen Hernán Peraza. Als er merkte, dass sein Sohn die Verschwörung verraten sollte (Die Sorge war nicht ganz unberechtigt, denn die meisten Kanarischen Eroberungen durch die Spanier gelangten durch List und Verrat.), erstach er seinen Sohn und gelangte so zu dem Ruf der größte unter Seinesgleichen zu sein.
An dieser brechen wir unsere Wanderung ab. Füße und Pfötchen sind in Mitleidenschaft gezogen, die Kondition bei brütender Hitze ist nicht die beste und vor allem: es stünde noch ein steiler Abstieg ins Tal bevor (wir befinden uns immer noch auf 600 Metern über dem Meer).
Wir nehmen unseren Bub auf den Arm, halten den Daumen raus und just das nächste Auto, welches die kurvenreiche Straße hinunterschleicht, hält an um uns mit hinunter ins Tal zu nehmen. Ein junges Paar, welches sich für eine Woche in La Playa eingemietet hat, auf dem dem Rückweg von einer gleichsam Mühevollen Wanderung durch die Lorbeerwälder der Insel.
Wir laden die beiden auf ein Getränk in die Bar der Fischerbruderschaft, der Confradia, an der Hafenmole ein und halten ein Pläuschchen, als wir eine SMS unserer Freunde von der Marie-Luise bekommen, die angeblich mit einem Schaden am Vorsegel in Teneriffa liegt. Umso größer war die Überraschung, als ich am nächsten Morgen noch verschlafen beim Kaffee kochen aus dem Fenster sehe: Die Marie-Luise, für Freunde auch Ma-Lu, schwojt neben uns am Ankerplatz.

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  1. Volker Saul

    Schöne Grüße aus Köln an Joanna, Marcel und Niconico von Melanie und Volker.
    Eure Fotos sind unglaublich toll und wecken die Sehnsucht nach der Ferne. Ihr habt`s gut, weiter so.