Der Fluß Maraú – dort, wo es sich leben läßt

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Wir befinden uns wieder einmal auf einer Flußtour, denn die brasilianische Küste ist durchfurcht von Flußlagunen. Diese heißt Bahía do Camamurio und liegt einige Seemailen südlich von Salvador entfernt.

Einen Fluß Maraú zu nennen, ist eine Tautologie, denn Maraú bedeutet in der Sprache der Topí-Indianer “Fluß”. Auf der anderen Seite ist “Fluß-Fluß” eine gute Beschreibung dessen, was der Maraú tatsächlich ist, nämlich ein großer, träger, breiter Fluß – der Inbegriff dessen, was ein Fluß ist. Voller Insel und Inselchen, kleiner und kleinster Ortschaften und Ansiedlungen. Sich hier im Strom treiben zu lassen, die Nebenarme und Buchten mit Kajak erkunden, vielleicht Freundschaften schließen, ein Inselchen kaufen, all das hieße, ein langsames Leben am breiten Fluß, in seinem Rhythmus zu führen.

Es gibt Menschen, die das tun, und es nicht wertschätzen – und es gibt jene, die das sehr gut zu schätzen wissen. Wir besuchten einen solchen Menschen, der als Langfahrtsegler beinahe die Welt umrundete und sich zusammen mit seiner peruanischen Ehefrau Branca hier am Fluß und gegenüber der gleichnamigen Ortschaft Maraú niederließ. Die Rede ist von Jens, der mit seinem schönen roten Segelschiff, einem Originalnachbau der Jacht von Bernard Moitessier, hier (nicht buchstäblich) strandete. Marcel hat bereits darüber berichtet. Marcel hat bereits darüber bereits berichtet und ich nehme den Fade aus meiner Sicht wieder auf (siehe auch Marcels Beitrag).

Das Grundstück, das Jens eines Tages kaufte, ist für uns Europäer schier unüberschaubar, so sehen wir nur einen kleinen Ausschnitt davon als wir zum Tee vorbeischauen. Jens erzählt uns die kurzweilige Geschichte von den überraschend vielen Besitzern dieses Grundstücks, die sich alle nach und nach als rechtmäßige Verkäufer ausgaben.

So kam eines Tages ein netter Mann vorbei, grüßte freundlich und erkundigte sich – ganz nach brasilianischer Art – nach dem “todo bom”, alles gut? Dabei legte er ganz nebenbei und wie selbstverständlich eine Machete auf dem Tisch. Nein, natürlich nicht als Warnung. Macheten tragen hier alle Männer – sogar mittlerweile Marcel, wovon seine Finger beredtes Zeugnis ablegen. Schon bald kam er zur Sache, dass das frisch gekaufte Land oder zumindest ein Teil davon sein rechtmäßiger Besitz ist. Er sei aber gewillt es dem Paar zu verkaufen. Wie reagiert man in einem solchen Fall? Nach Papieren und Besitzrechten fragen? Lieber vertrösten, auf den anderen, ersten Verkäufer und Vorbesitzer verweisen? Oder ihm einfach etwas zu Trinken anbieten? In einem Land, wo jeder jeden wegen auch noch so sinnloser und unwahrscheinlicher Dinge verklagen kann und die Klage vor Gericht immer erst angehört und angenommen werden muss (oder will), was in Folge zu kostspieligen Prozessen womöglich über Jahre führt, ist es besser sich irgendwie zu einigen.

Jens erzählt uns auch, wie sie dazu kamen, (mindestens) 12 Hunde zu besitzen. Alle groß, grau und – ja ich kann es nicht anders sagen – etwas struppig. Imposant wirkt das Rudel, wenn es auf der langen hauseigenen Pier lagert oder patrolliert. Eine Vorliebe für Riesenschnauzer steht dahinter und ein Überfall mit glücklichem Ausgang. Beneidet wurde Jens wohl, als er einen imposanten Hund der Rasse Riesenschnauzer hatte. Nicht lange, denn als freundliche Bahianer sich in der Abwesenheit des Herrchens um Hof und Hund kümmern sollten, verschwand das Haustier auf wundersame Weise. Ein zweiter dieser Rasse ließ sich in Bahia nicht finden, aber ein ähnlicher, und bald waren Babys da.

Zunächst war beschlossene Sache, dass sie weggegeben werden sollten. Was in Bahia nicht immer heißt, dass sich jemand dann tatsächlich um das Tier kümmert. Doch eines Nachts – Jens war nicht im Lande – wurde Branca von zwei Männern in ihrem Haus überfallen. Aber da setzten sich die Junghunde so vehement für das Frauchen ein, dass die Angreifer flüchteten. Brancas Beschützer sicherten sich damit ihre Bleibe auf der Fazenda des Seglerpaares. Ein Happy End nicht nur für die Hunde.

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Einer von ihnen bewacht gerade unseres Lemmongras – das beste übrigens, das ich jemals gerochen und gegessen habe! Großer Dank hierfür an Jens, der es überall in stattlicher Größe in seinem weitläufigen “Garten” wachsen läßt, und mich ermunterte, immer mehr und mehr davon abzuschneiden. Wir haben noch immer einen ganzen Strauch davon, nun etwas getrocknet, an der Tür hängen. Sobald man die Halme ins heiße Wasser legt, um daraus einen Tee zuzubereiten, werden sie wieder zum Leben erweckt, und entfalten staunenswerter Weise ihr fast volles frisches Aroma.

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Tagsüber haben wir immer wieder vom Cockpit aus ein Blitzen und Glänzen beobachten können, das aus dem Dickicht zu kommen schien. Wir gingen nicht davon aus, dass Jens uns Lichtsignale sandte, aber was war es dann? Das Phänomen klärte sich auf, als wir das große Mobilee gesehen haben, dass am starken Arm eines Baumes herunterhing und sich mal langsam, mal schnell in der Luft bewegte.  Eine alte Paellapfanne mit einem Spiegel in der Innenfläche ausgelegt.

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Jens entwickelte eine interessante architektonische Lösung für das Wohnen auf einem großen Stück atlantischen “mata” (Wald), indem er statt einem großen mehrere kleine Häuschen baute. Dabei separierte er die einzelnen Nutzräume voneinander. Die Küche mit Eßraum bildet das erste – und wahrscheinlich am häufigsten genutzte Haus – Haus, das wir vom Wasser aus kommend erreichen. Das Boudoir, das Schlafzimmer und das Gästehaus stehen locker gruppiert inmitten der Gartenanlage dahinter und sind durch Wege miteinander verbunden. Auf diese Weise wird der Garten ein Teil eines gedachten großen Hauses. Ein natürliches Band, das über die kleinen Behausungen hinausgeht und sie gleichwohl zusammenhält.

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Es waren wunderbare Abende und Nächte, die wir vor Jensens Steg ankernd verbracht haben. Die untergehende Sonne tauchte die gegenüberliegenden Hügeln in ein rot-goldenes Licht ein. In dieser vielfarbigen Lehmerde – denn daraus besteht der ganze Hügel – findet man eine Süßwasserquelle, die bei den Einheimischen einen guten Ruf hat, denn ihr wird eine heilende Wirkung nachgesagt, übrigens dem Lehm gleicherweise. Kleine Boote und Pirogen parken jeden Tag am kleinen Strand und Wasser wird kanisterweise auf einem rutschig ausgetreten Lehm, dem man schwerlich als einen Weg bezeichnen kann, heruntergetragen. Manchmal mussten auch wir Schlange stehen.

Warme Nächte mit einer klaren Nachtluft machten das Sitzen im Cockpit zum Vergnügen und ließen uns den Sternenhimmel und das nächtliche Glitzern der Flußmetropole bei einem Gläschen Wein genießen.

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Der Ort Maraú, unweit der wasserspendenden Hügel gelegen, wurde 1938 zur Stadt ernannt. Er hat in seiner Geschichte sicherlich bessere Zeiten erlebt. Davon zeugen einige große Gebäude, zwei Kirchen, eine überdachte Markthalle, gepflasterte Straßen. Allesamt nun im Verfall begriffen. Dabei hat sich die Kommune offenbar vor nicht allzu langer Zeit etwas Mühe gegeben und eine nette Pier samt Promenade gebaut. Auch diese zeigt bereits die ersten Anzeichen des Verfalls.

Heute macht Maraú schon vom Weiten durch eine Skurrilität auf sich aufmerksam, die aus einem vollständig zubetonierten Hügel besteht, den man offenbar nicht ganz so unansehnlich betongrau lassen wollte und somit offenbar einen Künstler beauftragte, die Naturschätze Bahias darauf festzuhalten. Skurril ja, aber nicht wirklich hübsch. Dabei könnte der Ort wirklich nett sein, mit seiner Uferpromenade, den alten Markhallen (die jetzt modernisiert werden), den Ständen, Buden und Bars vor der Wasserfront. Der Ort bietet frisches Gemüse und Obst, Fisch, Krebsfleisch, Mariscos, Hundebedarf, Badesachen, kleine Supermerkte in größerer Anzahl, Gartenbaubedarf, Apotheke und so weiter und so fort.

Alle Reiseführer preisen Maraú als ein Geheimtip (womit er sofort keiner ist) für die rare Schönheit seiner Strände, für überaus abwechslungsreiche Landschaft zwischen Süßwasserflüssen, Wasserfällen, Seen auf der einen und den palmumsäumten Stränden auf der Antlantikseite. Vor dem Ort gleichen Namens stehend wird einem sofort klar, dass nicht er damit gemeint sein kann, vielmehr die gesamte Gegend (die Flußlandschaft) und vor allem die Landzunge, die am Ort ihren Anfang nimmt. Die Reiseführer haben recht, denn was wir gesehen haben, ist nur der innere Teil des Landstrichs mit dem Namen “Maraú”. Die schmale, waldbewachsene Landzunge trennt den Fluß von dem Atlantik und seinen mächtigen heranrollenden Wellen. Die enorme Brandung bricht sich an den ausgedehnten seichten Ufern vor dem Strand, so gewaltig, dass man sie jeden Abend bis an den Ankerplatz im Fluß hört. Es ist wirklich eine herausragend schöne und vielfältige Landschaft. Es bleibt fraglich, wie lange sie dem Ansturm der Investoren standhält, die diesen ‘Geheimtip’ schon längst für sich entdeckt haben. Jeeptouren, Quadverleih für die kilometerlangen Strände, Ausflüge mit Lanchas (kleine Motorboote) in die Mangroven der Nebenflüsse und zu den Wasserfällen, Straßenbau, damit man die Touristen besser transportieren kann – all das hat bereits begonnen. Auf der Atlantikseite wachsen die ersten Fischerdörfer aus ihren Schuhen heraus und werden Touristenburgen. Man sollte sich beeilen…

Der heutige Ort entstand an der Stelle eines indianischen Dorfes, von dem der Name noch überliefert ist: Mayra. Die Siedler übernahmen zunächst, wenn auch verballhornt, den Namen und so hieß die Kleinstadt der Weißen Mayrahú – eine Mischung aus “Mayra” und “Maraú”. Entdeckt wurde diese Landzunge und der Fluß mit seinen indianischen Siedlungen 1705 von italienischen Kapuzinermönchen. Sie nannten den Ort São Sebastião de Mayrahú. Nach der Usurpation der Region durch die Weißen “verschwand” der indianische Stamm der Mayras, heißt es lakonisch. Man weiß weder wohin, noch weiß man sonst etwas über die Menschen und ihre Kultur, die in dieser schönen Landschaft lebten. Lies man vom Verschwinden eines ganzen Volkes, so sollte man statt eines leisen sich Davonschleichen eher mit einem blutigen Genozid rechnen.

Laut Jens und einiger anderer Bahianas soll es in der Gegend um Maraú noch viele Indianer geben. Das mag sein, gesehen haben wir keine, die sich uns als solche vorgestellt hätten oder unserer Vorstellung von ihnen entsprachen. Was ihnen nachgesagt wird, klingt nach einem sehr alten weißen Vorurteil, das sich für alle erdenkliche Rassen und Stämme anwenden läßt, die nicht der eigenen entsprechen. So sollen die Indios nicht gewillt sein, zu arbeiten, seien hochnäsig und unkooperativ. Arbeiten als eine Tugend angepriesen aus dem Munde eines Bahianas zu hören, der von Brasilianern aus dem Süden als unzuverlässig, faul und arbeitsscheu beschrieben wird, ist entlarvend. Es ist kaum den Indios, denen man alles genommen hat – auch oder vor allem ihre Würde –, dass sie keine Drecksarbeit machen wollen für jene, die sie von Anfang an als Dreck beschrieben haben. Doch das lernen offenbar nur wenige in der Schule, in den beschönigt-frisierten Geschichtsbüchern seit der Militärdiktatur aber auch davor. Und auch wenn der Geschichtsunterricht anders ausfallen sollte, wer legt schon Wert auf eine schulische Bildung? Von den katastrophalen Einstellung vieler Brasilianer zur Schule und Ausbildung und entsprechender katastrophaler Ausbildung der Lehrer und Ausstattung der Schulen haben wir mittlerweile von so vielen Einheimischen gehört, dass wir geneigt sind, das unüberprüft zu glauben.

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Man glaubt es kaum, doch das ist die Haupteinkaufsstraße des Ortes und man kann hier wirklich fast alles bekommen, was man zum Leben braucht, vorausgesetzt, die Ansprüche liegen dabei nicht auf dem europäischen Niveau. Aber damit haben wir – und wahrscheinlich alle Segler, die diese Regionen erkundschaften – kein Problem.

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Ein ruhiger breiter Fluß… im Gedenken an die ‘verschwundenen’ Mayra-Indios

2 Responses

  1. Joanna

    Hallo Ingrid & Bodo, schön von euch zu hören! Brasilien würde euch gefallen :-) Es ist noch nicht zu spät. Und wenn wir wieder in D sind, werdet ihr bestimmt einen Besuch (angekündigt) bekommen!
    LG – Joanna, Marcel, Nico

  2. bodo priesemann

    Nach dem Besuch der Balearen werden wir 2017 von der Algarve Richtig Nordsee (Borkum) segeln. Mal wieder ein knuspriges Brötchen essen Nicos Lieblingsspeise genießen. Euch wünschen wir weiterhin gute Reise. Im Gedanken sind wir bei euch. Ingrid & Bodo. wir wohnen: 26789 Leer Brinkmannshof 17a immer willkommen wenn wir da sind