Boat House (1): Drei BBQ mit Dr. Raj – Landausflüge in die Backwaters von Kochi

Eingetragen bei: An Land, Indien, Segelroute | 0

Sogenannte Backwaters sind riesige Lagunen an der Malabar-Küste des indischen Bundesstaates Kerala. Sie bestehen aus Hunderten von großen Inseln und Inselchen, Mangroven, Teichen, Wasserstraßen und sogar großen Seen. Das besondere Ökosystem beruht auf der täglichen Anreicherung der Wasseradern und ihrer Mündungsgebieten durch das Salzwasser aus dem Arabischen Meer. So entstehen unterschiedlich angereicherte Brackwasser in einem geradezu labyrinthischen System aus über 900 Kilometer miteinander verwobenen Wasserwegen und fünf großen Seen. Vieles davon hat der Mensch durch künstliche Stichkanäle, Landgewinnung, Begradigung und vor allem Straßen, Brücken und Siedlungsgebiete vollständig verändert. Damit die in Resten noch vorhandenen natürlichen Refugien für viele Vogelarten, unter anderem die Seeschwalbe und die Eisvögel, Schildkröten, Wasserbüffel aber auch zahlreiche Schlangen, Krebse, Kröten und Frösche und einige Kolonien an Flußotter. Übrigens, Krokodile gibt es hier nicht.

Die Backwaters trifft das Süßwasser von über 38 Flüssen auf die Gezeiten des salzigen Arabischen Meeres. Die Wellen während des Südmonsuns gestalten die flache Landschaft, indem sie immer wieder für Durchbrüche sorgten (und sorgen) und auf diese Weise eine riesige Insellandschaft innerhalb der Lagunen sorgten.

Das flache Gewässer wird traditionell von den Anwohnern als echte oder provisorische, natürlich angelegten Fischfarmen bewirtschaftet. Man baut hier auch noch vereinzelt Reis an. Seit einigen Jahren ist diese Gegend grob betrachtet zwischen Azhikode im Norden und Alappuzhar im Süden von Kochi touristisch von großem Interesse. Kleine und große House-Boats (Hausboote), motorisiert aber in alten Formen mit Palmendächern und Holzrümpfen, befahren die großen Kanäle, während die offenen Langboote Touristen in die romantisch anmutenden kleinen Stichkanäle und ins Herz der Wasserdörfer bringen.

Das Wahrzeichen dieses ungewöhnlichen Gebietes vor allem rund um Kochi sind die „hängenden Fischnetze“. Eigentlich eine alte Importtechnologie, die vor 500 Jahren wahrscheinlich die Chinesen ins Land brachten, wo sie sich schnell etablierten und nun als eine fotogene Touristenattraktion und gleichzeitig nützliches von Fischern verwendete Technik andererseits sind.

Schon wieder China – schon wieder Streit

Einige gehen davon aus, dass chinesische Händler die sogenannten Cīnavala (cina China, vala Netz/Schleier), auf Englisch phonetisch: Cheena Vala, nach Kochin brachten. Sie meinen, der Chinesische Kaiser Kublai Khan (1215–1294) habe sie Malabars König als modernste Technologie geschenkt. Andere meinen, es waren die Portugiesen, die diese riesigen freistehenden Netzkonstruktionen aus Macau nach Kochi brachten. Das erscheint mir in der Tat eine wahrscheinlichere Geschichte zu sein. Fakt ist, dass diese spezielle Art zu fischen nur in der unmittelbaren Region von Kochi üblich ist.

Heutzutage ist die Anwendung dieser sehr schwer zu bedienen Netze aus der Übung gekommen. Zum einen bedarf es einer Gruppe an kräftigen Männern (oder Frauen), die diese schweren Netze heben und senken. Fünf bis sechs an der Zahl. Zum anderen versanden die alten Standorte zunehmend und machen die Anwendung unmöglich. Ein dritter Grund liegt in den Betriebskosten, die nicht mehr im Verhältnis zu den lauen Einnahmen der Fischer beziehungsweise Fischergenossenschaften stehen. Dringliche Reparaturen sind nicht finazierbar und der Staat gibt keine Unterstützung. Das führt dazu, dass die Cheena Valas unrentabel geworden sind und verrotten.

Gleichzeitig sind sie dank der findigen Tourismusbranche (hier staatlich organisiert) zum Wahrzeichen Kochins und neben den Teeplantagen in Munar auch zu einem der wichtigsten Wiedererkennungszeichen des Bundesstaates Kerala geworden. Was nun? Wahrzeichen ändern oder die Fischer unterstützen?

Hilfsangebot kommt – in diesem Fall nicht so überraschend – von den allseits bereiten Chinesen. Man muss allerdings nicht immer etwas Schlechtes vermuten und sich einfach auch nur freuen, wenn Chinesen die Reparaturen übernehmen wollen. Doch, so einfach ist es leider nicht, vor allem nicht, wenn Indien bei einer Problemlösung involviert ist. Denn die indische Regierung ist wegen der gemeinsamen Grenze im Norden (Himalaya-Konflikt) nicht auf die Chinesen zu sprechen. Damit nicht genug: Die Fischer wollen keine Hilfe, vielleicht grundsätzlich keine Hilfe. Der von ihnen genannte Grund: Sie wollen Mitspracherecht bei den Valas. Die Lösung ist seit 2018 ‚in Sicht‘ aber bis Dezember 2020 noch nicht in den Netzen. Allerdings habe ich viele Valas gesehen, die mittlerweile aus Beton sind – ist das die ‚Lösung‘ der Regierung?

Wer sich für die einmaligen Netze interessiert, der kann sich auf der informativen und authentischen Blogseite mit Videos umschauen, die ich hier gerne verlinke:

Indiens Wasserlandschaften vom Land aus gesehen

Backwaters ist eine faszinierende Naturlandschaft, die gleichwohl auch eine alte Kulturlandschaft mit überraschend vielen kulturhistorischen Sehenswürdigkeiten zwischen Christentum, Judentum und Hinduismus ist. Es lohnt sich, mehrere Tage (ach was, Wochen) in der Region rund um Kochi beziehungsweise Ernakulam zu verbringen. Am besten mit einem Top-Guide wie beispielsweise unserem privaten Führer Dr. Raj. Wir bedauern, erst so spät zueinander gefunden zu haben, und sind noch viel später auf die Idee gekommen, uns an den Wochenenden an verschiedenen Orten zu treffen, um dort ein kleines BBQ mit „German Sausages made in India“ zu veranstalten. Natürlich erst nach getaner Arbeit, einer gut proportionierten Sightseeing-Tour.

BBQ mit Raj – immer wieder ein großes Vergnügen

Eigentlich schummle ich mich gerade durch, denn dieser Beitrag ist der letzte der Reihe. Dennoch wäre er optimal für den Anfang, denn sowohl die Ansicht als auch die Stimmung mit der benachbarten Moschee, einer katholischen Kirche und einem Tempel ist so typisch für Kochi und seine Umgebung.

Unsere BBQs finden immer am Wochenende und immer an einem anderen Ort statt. Dieses Mal in dem Container-Boat-House, der einem Freund von Raj gehört. Auf unserem portablen Gasgrill liegen dieses Mal keine deutschen Würstchen, sondern Lamm, Gemüse, Shrimps und der indische Käse, den ich hier am Bambusspieß – perfekt von Raj geschnitzt – sehr europäisch mit Basilikum präpariere. Marcel hat auch ein Brot im Omnia gebacken, der allerdings nicht richtig aufgehen wollte. Uns allen schmeckt er aber vorzüglich mit der selbstgemachten Knoblauch-Kräuterbutter. So bekommt Raj nach und nach einen guten Einblick in die Welt des Grillvergnügens, die bei uns so großgeschrieben wird. Ich denke, nach unserer Abreise wird Raj erst einmal jahrelang kein Fleisch mehr anrühren…

Siesta.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.