Salvador de Bahia – Ersten Schritte in Brasilien

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Wer konnte es nicht erwarten, in Brasilien an Land zu gehen? Wiedererwarten, wie man vielleicht nach meinem Bericht über die Atlantiküberquerung angenommen hätte, war es nicht ich, die auf Landfall mitten in der Nacht drängte, sondern Marcel. Gedacht war von ihm, gleich hinter dem Zipfel, dort wo Brasilien eine dicke Beule in der Küstenlinie verursacht, in einer geschützten Bucht den Anker fallen zu lassen. Irgendwas nach 21:00 Uhr, und das heißt: in der Dunkelheit, steuerten wir diese Bucht an. Ich widerwillig, denn ich halte es für keine gute Seemannschaft, in unbekanntes Gewässer nachts einzulaufen. Bin aber eben nicht die Skipperin. Natürlich sah es vor Ort alles irgendwie anders aus als auf den Karten. Nicht wirklich eine neue Erfahrung, aber offenbar eine, die man(n) gerne immer wieder neu macht.

Kurzum, da wollte Marcel doch nicht ankern, woanders war es auch nicht so sicher und zudem vollbesetzt, so dass wir schließlich doch vor der Altstadt von Salvador, um einiges tiefer in der großen Bucht der Allerheiligen, der Baía de Todos os Santos, als ursprünglich vorgehabt, zum Stehen kamen. Überall dümpelten kleine Fischerbötchen, zudem empfahl unserer Hafenführer nachts nicht in den Innenbereich der Marina einzulaufen, so ankerten wir direkt und damit eigentlich ziemlich ungeschützt, vor der kleinen Insel, die in Gänze aus einem alten Fort besteht, und die wie ein Stöpsel die Einfahrt zu der inneren Bucht und dem Hafen der Stadt verschließt. Wie passend, heißt die Festung doch Forte São Marcelo.

Wir öffneten eine gute Flasche Weißwein, die wir von Nina und Alois – jenen Österreichern, die in Gambia ein Boutique-Hotel führen – bekamen und die drei Wochen lang auf dem Atlantik gekühlt wurde, stießen an auf die erfolgreiche Überquerung und schliefen sodann auch schon ein, im Schatten des Heiligen Marcels.

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Am nächsten Tag liefen wir ganz offiziell ein und waren nun in Brasilien, auf dem anderen Kontinent – unserem dritten, wenn man Europa in diese Rechnung aufnimmt. Und wie gut, dass wir in Gambia im staatlichen Veterinärsamt für Nico ein Gesundheitszeugnis besorgten! Denn man interessierte sich durchaus für die Einreiseformulare unter der Rubrik “Tiere an Bord”. Sicherlich hätten wir es auch verheimlichen können, und an der Stelle kein Häkchen machen brauchen. So aber war alles super korrekt.

Ab jetzt läuft unsere Uhr ab: drei Monate dürfen EU-Bürger in Brasilien bleiben. Verlängerung des Visums unmöglich (Arbeits- und Studienvisum ausgenommen). Das ist eine (billige) Retourkutsche, denn die EU – ich glaube, es waren die Franzosen, die damit anfingen – beschloss, die gleiche Hürde für die Brasilianer in Europa einzurichten, wobei ich nicht genau zu sagen weiß, ob die EU nicht eher ein grundsätzliches Gesetz erlassen hat, das alle Nicht-EU-Bürger betrifft, welches die Brasilianer aber persönlich nahmen. Mich erstaunt es immer wieder (man blickt bspw. in Richtung Griechenland oder Türkei) wie “persönlich” Politiker ihre Staatspolitik betreiben und international weitreichende Entscheidungen aus persönlichen, vermeintlichen ‘Beleidigungen’ heraus motivieren. Das nur am Rande angemerkt.

Den Normalreisenden wird diese Regel von drei Monaten kaum stören, Segler hingegen sehr wohl. Ich gebe allen, die im Fach Geographie in der Schule häufiger abwesend waren, den Tipp, sich Brasiliens Lage und Ausdehnung in einem Atlas anzuschauen. Man wird vielleicht überrascht feststellen, dass Brasilien die Größe von ganz Europa hat (wenn nicht sogar größer ist). Allein die Länge seiner Atlantikküste ist für ein Segelschiff kaum in drei Monaten zu schaffen, vorausgesetzt, man möchte unterwegs sich das eine oder andere an Land anschauen.

Also müssen wir uns sputen, was sehr bedauerlich ist. Mittlerweile haben wir alle möglichen “Tipps” bekommen, wie man das Unmögliche vielleicht doch Möglich macht. Aber darauf mögen wir uns nicht  einlassen, zumal wir auch noch das Wetter (ungünstige Jahreszeit, um nach Süden zu fahren) gegen uns.

Wir haben sogleich nachdem die Formalitäten in drei Behörden erledigt waren (alles unproblematisch; die Herren Skipper denken aber an Hemd und lange Hose, ohne die kein Eintritt in offizielle Gebäude möglich ist), den Fahrstuhl in die Oberstadt, die eigentliche Altstadt, genommen und zügig mit den ersten Besichtigungen begonnen.

Zu sehen gibt es in Salvador viel! Gerade für eine Kunsthistorikerin, die seit dem Mittelmeer (von raren Ausnahmen auf den Kanaren abgesehen) nichts relevantes aus ihrem Fachgebiet zu sehen bekam, ist Salvador ein kleines Eldorado: Kirchen, Museen, Architektur, Kunstgalerien und natürlich auch allerlei Shops, Restaurants, Cafés etc.

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Die Stadtmarina –Terminal Nautico genannt – ist aus zum Teil nicht nachvollziehbaren Gründen ziemlich schaukelig. Da zerrt man plötzlich an den Festmachern, so dass Ruckdämpfer unerlässlich sind – am besten alte Reifen (haben wir aber nicht). Dann ist auch ein Kommen und Gehen von allen möglichen kleinen Booten, deren Eigner ihre Potenz durch das rücksichtslose Fahren im Hafen unter Beweis stellen. Aber der große Vorteil der Marina liegt in ihrer unschlagbaren Nähe zur Altstadt, fußläufig zum Fahrstuhl, der für sehr wenig Geld (0,15R$) müde Segler nach oben und unten bringt.

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Blick von der Marina aus auf Cidade Baixa (Unterstadt), die heute mehr oder minder eine Mischung aus alten, ramponierten Hochhäusern und abbruchreifen, verlassenen, ehemals sehr schönen Jahrhundertwändeprachtbauten besteht. Sie ist das “Comércio”, hier arbeitet man so zu sagen “am Schreibtisch”. Viel zu Kaufen gibt es demnach nicht. Nachts ist es (angeblich oder tatsächlich) gefährlich hier durchzugehen. Einige geographische Etagen darüber liegt die Cicade Alta (Oberstadt), die die eigentliche Altstadt ist.

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Blickt man nach rechts, so schaut man sowohl in Richtung Atlantik als auch in Richtung Barra und anderen Orten, die nun die Wohlhabenden von Salvador für sich beanspruchen. Die Phalanx aus Hochhäusern begrüßte uns beim Landfall. Dazwischen liegen die Favelas, die verrufenen Armenviertel der Großstädte Brasiliens.

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Der Fahrstuhl Elevador Lacerda ist eine technische Schönheit. Erbaut bereits 1873, dann noch einmal 1930 modernisiert und scheinbar erst vor kurzem wieder renoviert. 15 Sekunden braucht so eine Fahrstuhlkabine von unten nach oben und umgekehrt. Gemerkt haben wir nichts. Und es sind angeblich 28 000 Personen, die er täglich befördert.

Hunde dürfen leider nicht mit. Und ich denke mir, oh nein, nicht schon wieder wie in Spanien! Sehr bedauerlich, denn sonst ist der Weg nach oben beschwerlich über eine in praller Sonne und schattenlos steil nach oben führende Straße, von der wir nicht wissen, wie sicher sie für Ausländer ist. Dann gibt es noch Treppen, die wir aber nicht gefunden haben. Nico mußte wieder zurück an Bord.

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Ein nicht gerade kleiner Springbrunnen am Hafen. Große Ausmaße gen Himmel – wenig und dreckiges Wasser darunter. Im Volksmund “Der Arsch des Bürgermeisters” genannt. Man kann sich denken, warum. In welche Richtung er allerdings zeigt, ist nicht ganz klar. Wahrscheinlich ist dem Bürgermeister sowohl die Meinung da draußen als auch nach innen ‘schnuppe’ (um ein weniger anstößiges Wort zu benutzen).

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Interessante Kirchenarchitektur: Die Igreja N.S. da Conceição da Praia. Der Name deutet darauf hin, dass die Kirche ursprünglich am Strand (=praia) bzw. am Ufer stand. Jetzt sind es bestimmt 800 Meter Beton und Asphalt dazwischen. Hier versuchten wir Karfreitag eine interessante Prozession, einen katholischen Brauch am Karfreitag oder irgendwas in diese Richtung zu erleben, vergebens.

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In der Oberstadt, der Cidade Alta, angekommen überraschten uns die großen mondänen Häuser aus der Zeit des späten 19. Jhs. Alles wirkte auf uns auf den ersten Blick großstädtisch, historisch und eben auch kunsthistorisch bedeutsam. Dass wir uns in Brasilien befanden und nicht irgendwo in Europa, machte uns nur der Anblick der Passanten klar. Viel Schockobraun und Café-Latte flanierte hier neben etwas Milchweiß und Rosarot.

Von Salvador und Umgebung heißt es, hier sei das “Afrika Brasiliens”, der afrikanischste Teil des großen Landes. Hier haben sich die Millionen in die Sklaverei verschleppten Schwarzafrikaner in die Geschichte Brasiliens eingeschrieben. Da wir vor nicht allzu langer Zeit Kapverden als auch Gambia verlassen haben, bin ich sehr geneigt, dem etwas zu wiedersprechen. Tatsächlich finde ich nicht, dass die Brasilianer, die ich hier bisher gesehen habe, besonders ‘afrikanisch’ ausschauen. Ihre Physiognomie ist gänzlich anders als die der Westafrikaner oder auch als die der genetischen Vermischungen, die wir aus Kapverden kennen. Hier in Salvador scheint etwas ganz anderes durch die braune Farbe der Haut hindurch, und das ist nicht mehr Afrika. Doch nicht nur die Physiognomie überzeugt nicht, wir vermissen die schlanken und ranken Körper der schönen Menschen aus Westafrika, die schönen Frauen, die selten einen Umfang einer “Mama” erreichen.

Dass die Küche und Musik Salvadors von afrikanischen Einlagen dominiert, dass die ursprüngliche Religion der Versklavten und ihrer späteren Nachfahren von afrikanischem Animismus geprägt ist, läßt sich hingegen kaum leugnen. Kokosmilch-Eintöpfe und Candomblé sprechen deutliche kulinarisch-religiöse Sprache. Auch die Vorliebe für phantasievolle, bunte gleichwohl geschmackvolle Turbane und Kleider, was gleichermaßen auch in der (Straßen-) Kunst zum Ausdruck kommt, hat sicherlich ihre Wurzeln in Afrika.

Wo also beginnen in einer so kulturreichen Stadt? Bei der Kathedrale Sé natürlich!

Es heißt, die Kathedrale sei die “kunsthistorisch bedeutendste Kirche Brasiliens” (“Loose-Reiseführer” für Brasilien, Autor: Nicolas Stockmann). Ich bin skeptisch, zu stark die Aussage, zu viel Erkenntnis meinerseits jenseits der europäischen Demarkationslinie, denn hier liegt häufig nach meiner bisherigen Erfahrung das ‘Bedeutsamste’ gerne jenseits des klassischen kunsthistorischen Kanons. Ist dann bspw. in der Kunst der brasilianischen Einheimischen – den Indios – oder in der Mischkultur der Afrikastämmigen zu finden als in einer barocken Kirche, deren Erbauer noch nicht den Blick für das Besondere der Indios und nicht mehr den Geldbeutel für das Europäisch-Hochkarätige hatten.

Was jedoch erwähnenswert ist, ist die Tatsache, dass die Catedral Basílica von den Jesuiten im 16. Jh. erbaut wurde. In einer Zeit der ersten Stunde so zu sagen, als die Jesuiten mit den ersten portugiesischen Karavellen an die Küste Brasiliens kamen. Diese Jesuiten hatten zu diesem Zeitpunkt in Europa noch einen persönlich Kontakt zu ihrem besonderen Führer, den charismatischen, von einigen geliebten, von anderen gefürchteten, geachteten oder auch gehassten Gründer des Ordens, Ignatius de Loyola, gekannt. Die Jesuiten sind für die Geschichte von Brasilien, zumal für die Indios, ich möchte sagen: ein Geschenk Gottes, und das meine ich ganz ohne Hohn und Häme. Doch dazu vielleicht später mehr.

Von der werde ich dennoch nichts berichten können, und das nicht weil das Erzbischofsitz und das größte Jesuitenkolleg außerhalb von Rom im Jahr 1903 bedauerlicherweise fast vollständig abbrannte (und damit eigentlich alles kunsthistorisch Sehenswerte), sondern weil wir nicht soviel Glück hatten, um den Innenraum der Kirche sehen zu können, Die wird gerade offenbar generalrenoviert und restauriert und ist für uns normale Touristen verschlossen. Nur ein heimlicher Blick mit dem Kameraauge durch eine kaputte Tür ist mir vergönnt gewesen.

Der Platz vor der Kathedrale entschädigt jedoch voll und ganz für ihr Verschlossensein. Der Brunnen, vor dem eine Straßen-Capoeira (jene im Gewande eines akrobatischen Tanzes verstecke Kampfkunst der ehemaligen Sklaven – Marcel wird bestimmt noch davon berichten) aufgeführt wird, die traditionell afro-brasilianisch gekleidete mächtige “Mama”, die Acarajé verkauft, die alte medizinische Fakultät, die ein afro-brasilianisches Museum (Ethnographie und Archäologie) beherbergt , die vielen sehr bunten kleinen Häuschen mit Kunst-Souvenir-Kitsch darin, die den Platz umgeben, und, nicht zu vergessen, das schöne Pflaster und die Obst- und Kokoswasser-Händler! All das ist natürlich für Touristen und mit Touristenpreisen versehen, aber wen stört es? Uns jedenfalls nicht. Denn dazwischen gibt es nicht nur die zugedröhnten oder auch die ‘echten’ Bettler, die auf Touris spezialisiert sind, oder die aufdringlichen echten oder selbsternannten Stadtführer, sondern auch die Straßenfrisöse und auch den Hund, der ‘platt’ in der Sonne liegt. Und all das, die Mischung aus echt und unecht, hat uns gut gefallen, um eine Tageszeit herum, die für mich schon zu heiß wurde, aber noch mit einem “Bom día”, so etwas wie bei uns “Guten Morgen”, begrüßt wurde. Übrigens auszusprechen mit einem nasal-erkälteten “O”, und unhörbaren aber mitgedachten “M”, gefolgt von einem westslawischen Dz/Dsch, alles zusammen also “bo-dzia”, ist doch ganz einfach!

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Wir zogen weiter. Durch die schmalen bunten Straßen. Erstaunlich steil ging es manchmal auf und ab. Etwas orientierungslos waren wir dabei schon, denn obwohl ich mich bestens auf den ersten intensiv-kunsthistorischen Rundgang vorbereitet habe, so habe ich sowohl meine Notizen als auch den handschriftlich kommentierten, mit Pfeilen und Tipps versehenen Stadtplan auf dem Schiff liegen gelassen. Der Vorteil davon ist, dass man sich auf diese Weise treiben lassen muss, was ich leider persönlich nicht besonders zu schätzen weiß.

Müde wurden wir nach kürzester Zeit, müde und vor allem hungrig. Für Brasilianer war es noch relativ früh, für unsere innere Uhr (und nach Stand der Sonne, die hier hoch im Norden steht!) aber schon längst Mittagszeit. So ließen wir zwar die unglaublich bunten Straßen auf uns wirken, doch der Blick suchte weniger nach kunsthistorischen Schätzen in den zahlreichen Kirchen und Museen, sondern nach Schildern mit der Aufschrift “almoço” für Mittagessen.

Auf diese Weise gelangten wir zielstrebig-ungewollt in das touristische Zentrum der Altstadt, die Gegend, die man Pelourinho nennt. Der Begriff ist uns spätestens aus Ribeira Grande auf der kapverdischen Insel Santiago geläufig. Er bezeichnet den Pranger, an dem die Sklaven ausgestellt und ausgepeitscht oder verkauft wurden. Eigentlich handelt es sich um einen Deminutiv: Prangerchen

Das erinnert uns wieder daran, dass wir uns nicht nur auf dem berühmten Weg der Entdecker der Neuen Welt befinden, sondern auch oder vor allem auf dem portugiesischen Weg der Eroberungen und Knechtung, dem Weg der Sklaverei: Portugal, Kanaren, Kapverden, Gambia und nun die Ostküste Südamerikas, Salvador de Bahia, zur Zeit der Portugiesen Bahia genannt: die Hauptstadt des Neuen Reiches und die Hauptstadt der Sklavenhändler. Da die Herrschaften aus Portugal – dort häufig genug nichts anderes als Abschaum und ein paar Glücklose – in dieses Land kamen nicht um zu arbeiten, die Indios unter ihrer Knechtschaft zu schnell starben, oder von den Jesuiten beschützt wurden, so mussten die Schwarzen her. Als Menschen wollte man sie sowieso nicht erklären. Aus dieser Denke heraus und auf diesem Unrecht fußend entsteht Brasilien – dort sind seine heutigen Probleme begründet, das heißt in den Zuständen der Ersten Stunde, den großzügigen Landschenkungen des portugiesischen Königshauses, ohne das dieses das neue Land mit einer Regierung und Gesetz beglückt hätte. So waren sie alle sich selbst überlassen.

Der Platz des Prangers ist strenggenommen eine lange steile Straße, die am oberen und unteren Ende etwas breiter wird. Anders als in Ribeira Grande ist dieser Pranger längst zerstört und nicht wieder aufgebaut worden. Das untere Straßenende ist umgeben von zahlreichen (nein, nicht Cafés) Stoffgeschäften, die wir sicherlich noch frequentieren werden. Nichts bezeugt mehr die menschenverachtende Geschichte der Stadt – außer, vielleicht doch einer Stelle, die aber nur indirekt und schon gar nicht mahnend etwas sichtbar macht. Wie könnte es anders sein in einer Stadt voller Gotteshäuser, dass es sich hierbei um eine Kirche handelt! Eine ganz besondere Kirche, nämlich die des Candomblé.

Anders als das Wort “Favela”, das man in Europa sicherlich schon einmal gehört hat, oder auch selbst bspw. in den Vororten von Lissabon gesehen hat, und das ein illegal und wildwucherndes Armenviertel mit schlimmsten Wohnzuständen bezeichnet, ist “Candomblé” nicht so vielen geläufig. Und jenen, die es bekannt vorkommt, begegnet es in einem dichten Netz aus Aberglauben, angenehmen Schauder des Unheimlichen, Beschwörungsformeln und Hexerei. Zunächst ist Candomblé, wie so vieles (oder alles) in Brasilien, eine enggeknüpfte Mischung aus Katholizismus, spricht europäischer Kultur, und sonst noch etwas. In diesem speziellen Fall ist dieses “Sonst-Noch-Etwas” der alte afrikanische animistische Glaube, der im Übrigen im heutigen Westafrika nur in winzigen Spuren überlebt hat. Doch handelt es sich hierbei nicht bloß um ein Konglomerat, eine grobe Vermischung oder gar ein Mäntelchen des Katholischen über den ansonsten von der Staatskirche verbotenen Glauben der versklavten Afrikaner, den sie sich aus ihrer Heimat bewahrt haben. Candomblé ist durchaus etwas neues, ein Glaube, in dem sich die katholischen Heiligen samt Christus und Maria mit den Göttern des längst vergangenen Afrikas im bestimmten Ritus vereinigen. Candomblé kommt in speziellen Formen der Altarpflege, im Ritus der Muschelwürfe (Wahrsagen) und der Krankenheilung im Trancezustand zum Ausdruck. Feste, Prozessionen, Beschwörungen etc etc. gibt es natürlich auch. Auch die sogenannte Schwarze Magie kann, muss aber nicht, ein Teil des Candomblé darstellen. Wir werden noch darüber berichten.

Wir haben uns sagen lassen, dass Salvador als Hochburg des Candomblé mittlerweile kaum diese Bezeichnung verdient, denn der Glaube und somit der Ritus des Candomblé ist im Begriff zu verschwinden, und so sind kaum mehr aktive Anhänger vorzuweisen, die für den Erhalt ihrer “Häuser” aufkommen würden. Rituelle Gottesdienste werden vor allem nur für Touristen abgehalten – Nachfragen richte man bitte an die Touristenbüros…

Wir haben noch keine Möglichkeit gehabt, uns dieser sicherlich sehr spannenden Religion zu nähern als bloß durch ein sehr gutes Buch von

– theoretisch also – und eben durch die Ansicht der Kirche, die direkt am Pelourinho steht. Schön sieht sie aus in ihrem leuchtenden Blau und geschmackvollen Barockformen der Außenfassade, so wie sie auf dem leicht erhöhten und begradigten Niveau über der Straße errichtet wurde. Sie gibt nach außen hin eine perfekte katholische Kirche ab und heißt Igreja do Rosário dos Pretos. Innen konnten wir sie noch nicht besichtigen, was nachzuholen sein wird. Interessant ist ihre Entstehung, wovon die lange Bauzeit beredtes Zeugnis ablegt. 1704 bis 1781 baute die “Bruderschaft der Schwarzen” (der Sklaven also) die Kirche für ihre afrikanische (afrobrasilianische) Gemeinde auf, die zwar katholisch getauft war, aber keine katholische Kirche betreten durfte. Sie bauten die Kirche in Nachtschichten, nach ihrer Sklavenarbeit, auf. Nachtblau ist sie – nicht nur Himmelblau. Erst mit dieser Kirche war ihnen offiziell möglich, die religiösen Riten selbst zu vollziehen, was nicht zuletzt die des Candomblé sind.

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Zwei Museen. Links das Stadtmuseum, das interessante Figuren bzw. Trachten aus dem Ritus des Candomblé beherbergen soll. Und rechts, das wie ein hanseatisches Kontor aussehende Haus, das dem Leben und Werk des berühmten brasilianischen Schriftstellers Jorge Amado (der im Haus schräg gegenüber wohnte, das aber mittlerweile ein Hotel geworden ist) als Museum gewidmet ist.

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Traditionell gekleidet: weite Bluse, weiter Glocken- oder Reifenrock und Turban. Die Dame ist vielleicht eine Verkäuferin des Acarajé, einer Köstlichkeit, die viel mehr ist als Krabbenbällchen in Teigtasche… Sie könnte aber auch eine Candomblé-Wahrsagerin sein, schließlich steht auch Yemanjá, die Meeresgöttin, auf ihrem kleinen Tischchen. Und beides schließt sich auch nicht gänzlich aus, denn das Acarajé war (oder ist) die Opferspeise bei Candomblé-Festen.

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Die unter den Kennern der Materie berühmte afrikanische Kirche des Candomblés am Pelourinho. Barock und Rokoko und ein wenig Gotik? Vielleicht auch Anklänge an den portugiesischen Manuelinischen Stil.

Immer wieder stehen in Sichtweite andere interessante Kirchen. Nicht drohend oder andere ‘Glaubenskolleginnien’ überbietend, wie wir es manchmal aus Europa kennen, sondern vielmehr ergänzend, wie Perlen an einer Kette, den Weg weisend. So angelten wir uns entlang der Kirchen und fühlten uns gut geleitet. Allerdings immer noch ausgehungert auf der Suche nach einer Lokalität die das leibliche Wohl umsorgt.

So gelangten wir – ich bereits arg unterzuckert, und wer dieses Leiden kennt, dann weiß er oder sie, was das im Klartext bedeutet: schlechte Laune und baldiger Ärger – unmerklich von einem Stadtteil in den nächsten, denn die Kernaltstadt ist nicht so groß, vor allem wenn man die Seitenstraßen nicht in Gänze ausschöpft. Dabei wurde uns klar, dass das Zentrum der Altstadt auf einer Art “Katzenrücken” liegt, der abschüssig zu beiden Seiten die Breite der alten Stadt vorgibt.

Mit dem Konvent der Karmeliter als Leitkirche vor Augen fanden wir uns inmitten des Carmo-Viertels und gleich daraus im Santo-Antonio-Viertel wieder, der scheinbar langsam aus einem Schlaf des Niedergangs und des Vergessens erwacht. Und das ist gut so, denn hier stehen wunderbare kleine und größere Häuser, dessen “Belle Etage” nicht im ersten Stockwerk zu liegen scheint, sondern das Parterre ist. Wir konnten durch einige offene Fensterläden durschauen und waren verzaubert durch die Weite eines einzigen Raumes, dessen hintere Fensterfront auf das Meer der großen Bucht hinausgeht. Sie alle sind in einem so erbärmlichen Zustand, gleichwohl so schön, dass einem Kunsthistoriker die Tränen des Bedauerns in die Augen schießen könnten (erst recht im unterzuckerten Zustand). Aber, man darf hoffen, angesichts der vielen kleinen Pousadas (=Hostels), die hier entstehen, der vielen Künstlerateliers und kleinen Bars (alle geschlossen) und Kantinen, die – hurra! – nur Mittags auf haben.

Und damit möchte ich unsere ersten Schritte auf Brasiliens historischstem Boden vorerst schließen – ausnahmsweise stelle ich die Gesichte Salvadors und der großen Bucht, in der wir ankerten, zurück. Doch ich verspreche, dass die Geschichte spannend ist, denn hier liegt Brasilien noch in Windeln und Bahia, wie Salvador ursprünglich hieß, und seine Bucht Baía de Todos os Santos ist seine Wiege.

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Kirchen, überall Kirchen verschiedener Glaubensrichtungen und selten im guten Zustand.

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Das Cruz do Pascoal im Santo Antônio Stadtteil. In der Nähe befindet sich unsere rettende Speisung, wo es zwei Gerichte gab: Fischeintopf und Hähncheneintopf.

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Ein bisschen Zauberei im Inneren eines unscheinbaren Antiquariats.

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Alles andere als eine kleine Stufe.

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Köstlich, frisches Kokosnusswasser, was bei uns, glaube ich, Kokosmilch heißt.

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