Problematisches Hinterland von Porto Santo

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Heute stand der Tag unter dem Motto “Sightseeing auf dem Land”. Ziel war die Wasserquelle “Fonte da Areia”, die auf der Nordseite der Insel direkt an der Küste einem Sandhaufen entspringt. Da uns die Reiseführer suggerierten, die Insel sei sehr gut auch ohne ein Auto zu durchwandern, darüber hinaus die Straßen zum Teil unbefestigt und kaum befahren, machten wir uns also zu fuß auf die andere Seite der Insel auf.

Das war der erste Fehler: Die Insel hat ausschließlich asphaltierte und sehr häufig befahrene Straßen. Wir wunderten uns,  woher so viele Autos kommen und wohin sie fahren.

Allerdings lernten so einiges über die Insel kennen während unserer “Straßenwanderung”. Zunächst, um den ökologisch-landwirtschaftlichen Zustand der Insel ist es schlimmer bestellt, als die Berichte der Reisebücher es darstellen. Die ehemaligen Felder – man erinnert sich: die Insel war bereits im 15. Jh. vollständig zum Ackerfeld gerodet worden – sind vollkommen verödet. Die Schutzmauern aus Feldsteinen eingerissen oder verwittert, nur vereinzelt sieht man noch kleine mit hohem Schilf abgesteckte Parzellen. Schilf wurde sicherlich dazu benutzt, der Versandung entgegenzuwirken, aber auch das Feld vor den Winden zu schützen. Ich vermute, man hat es auch zu den Korbflechtarbeiten benutzt, für die das Archipel später ‘berühmt’ werden sollte. Schilffelder sind noch über all auf der Insel zu sehen. Sie zeigen häufig auch an, dass es dort kleine Flüsse und Bäche gab. Auch diese versandet, nur nach schweren Regenfällen für kurze Zeit wasserführend.

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Heute präsentiert sich die Insel zu 99 Prozent als braune (nicht goldene) Wüste. Die ungeschützte Erde wird hier genauso mit jedem Regenguss ausgespült wie die nackten Hänge an der Küste. Seltsamerweise gedeihen hier große Mengen an Neubauten. Mir stellte sich immer wieder die Frage, wer kann und will sich hier ein Haus leisten?  Womit verdienen die Leute hier ihr Geld? Vom Tourismus allein – dem neun Monopolgeschäft – kann es kaum sein. Gleichzeitig verfallen die kleinen, wesentlich hübscheren Bauernhöfe.

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Wir umrundeten die kilometerlange in den Dünen gebaute Starte- und Landebahn des Flughafens von Porto Santo (gebaut 1960 in der Hoffnung, den Tourismus anzukurbeln) auf wunderbar neuen Straßen, die von einem Nichts zum anderen Nichts führen. Finanziert von der EU, was ich mir schon die ganze Zeit dachte, und das sich durch ein obligatorisches, allerdings eher versteckt angebrachtes Schild bestätigte.

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Bedauerlicherweise macht die EU weiterhin den Fehler, die Finanzierung von sogenannter “Infrastruktur” großzügig zu gewährleisten, ohne offenbar jemals zu hinterfragen, ob dies heutzutage der einzige sinnvolle Weg ist, der zum wirtschaftlichen Aufschwung einer Region führt, deren Hauptprobleme nicht im Mangel an Straßen, sondern beispielsweise in der ökologischen Zerstörung der gesamten Insel liegen. So zum Beispiel hat Porto Santo zwar viele sinnlose Straßen und ein paar Bushaltestellen, aber keine Busse. Daher sind alle darauf angewiesen, mindesten ein Privatauto zu besitzen. Da die EU offenbar ausschließlich neue Infrastruktur finanziert, werden nicht die alten – oft sehr schön aus Basaltsteinen hergestellte – Straßen instand gesetzt, sondern direkt daneben neue gebaut!

Auf unserem weiteren Sightseeing-Irrweg durch den Nordwesten der Insel haben wir eine – nirgendwo auf den Landkarten verzeichnete – Müllhalde besichtigt, indem wir uns plötzlich einfach mittendrin wiederfanden. Sie liegt direkt an den Steilhängen, vollkommen ungekennzeichnet und ungesichert, und es ist wohl nur eine Frage der Zeit, wann das ganze ‘Kulturgut’ ins Meer abrutscht. Ob diese Müllhalde legal ist, ist nicht klar. Sicher ist hingegen, dass es eine bessere EU-Hilfe wäre, hier eine Müllverbrennungsanlage mitzufinanzieren, die darüber hinaus auch noch Energie liefern könnte.

Ziegen und Möwen ‘grasen’ auf der Halde.

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Schließlich fanden wir das eigentliche Ziel unserer Wanderung, die sogenannte “Sandquelle”, die den Dünen bzw. ‘versteinerten’ Sandformationen entspringt. Es war ursprünglich wohl eine hübsche kleine Anlage mit einem 1845 eingefasstem Quellausgang (im gleichen Stil wie das öffentliche Quellhäuschen an der geschlossenen Mineralwasserfabrik im Ort), kleinen Bade- oder Fußbecken im unteren Plateauniveau, mehreren schattigen Terrassen und Picknickplätzen. Schätzungsweise im Ursprung vielleicht aus den 1970er Jahren. Heute ist das alles im verwahrlosten und aufgegebenen Zustand, obwohl die Einritzungen an den Sandwänden davon zeugen, dass diese Sehenswürdigkeit weiterhin Besucher anzieht.

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Trotz abmontierter Wasserhähne fand ich in der Etage darunter, die als Grillplatz angelegt ist, einen funktionierenden Hahn mit Quellwasser, womit ich sogleich eine Flasche füllte, der grüne japanische Tee wartete schließlich an Bord.

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Etwas deprimiert und müde gelangten wir über Sandpisten, Kieswerke, einen halbvertrockneten großen (19-Loch) Golfplatz und Neubausiedlungen aus der Retorte schließlich an den Strand und directamente in eine Strandbar. Dort gab es überraschend gute gegrillte Muscheln, die wir nicht kannten, kaltes Bier und als Nachbarn sehr nette Britten, die seit 25 Jahren hierher fahren, in England in der Nähe von Schottland leben (mit einem Hund) und es schade fänden, wenn Schottland sich abspalten würde, ganz angetan waren von Nico und überhaupt Hunde lieber hätten als lärmende Kinder, wie sie uns versicherten, nachdem Nico ein kleines dickes lärmendes Mädchen angegriffen hatte und wir uns hierfür entschuldigten.

Marcels mäßige Laune nach der ‘Wanderung’ stieg etwas an.

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2 Responses

  1. Steffi

    Wir haben nachgefragt, wovon die Menschen auf Porto Santo leben: Tourismus! Im Juli und August verdoppelt bis verdreifacht sich die Einwohnerzahl, was wohl Geld für das ganze Jahr einbringt. Der Flughafen von Porto Santo ist älter als der auf Madeira. Die ersten Touris flogen nach PS und von da mit dem Schiff nach Maderia. Das erscheint uns angesichts des Flughafens von Madeira immer noch der sicherere Weg zu sein!
    Liebe Grüße von den Nachbarn in Quinta do Lorde
    Tomy und Steffi – Yemanja

  2. Werner Sadlowski

    Nun am Ende der aufschlußreichen Schilderungen und Betrachtung der hoffentlich bekömmlichen Muscheln, meldet sich bei mir doch glatt der Hunger auf irgendetwas mediterranes …

    Danke für die Infos und passt weiterhin auf Euch gut auf.

    Werner