Montevideo, eine Stadt der Träume und der Architektur

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Auf meiner privaten Weltkarte gibt es Orte, die unbedingt gesehen werden müssen. Namen sind dort verzeichnet, die wie ein Magnet funktionieren. Es sind Lockrufe aus dem Imaginären heraus. Manche davon höre wahrscheinlich nur ich, viele sind aber dem kollektiven Unbewußten, der gemeinsamen Kultur geschuldet. Lockende Versprechungen auf etwas geheimnisvolles, etwas exotisches wie beispielsweise der Ort mit dem Namen M o n t e v i d e o . Viele haben den Namen gehört – doch nicht viele wissen aus dem Stegreif, dass es diese Stadt in Uruguay liegt, dem kleinsten Land auf dem südamerikanischen Kontinent. Doch was heißt das schon bei einem Kontinent dieses überwältigenden Ausmaßes.

Mit Montevideo – dem Namen – verbinde ich viele unklare Träumereien, vor allem aber eines: Bücher, Bücher, Bücher! Warum eigentlich? Ich weiß nicht einen uruguayischen Autor auf Anhieb zu nennen. Dann fallen mir doch noch zwei ein: Juan Carlos Onetti und Eduardo Galeano, den ich zunächst für einen Brasilianer oder Argentinier hielt. Beide sind sie in Montevideo geboren, der erste 1909, der zweite 1940. Beide sind sie wegen der verheerenden uruguayischen Militärdiktatur 1975 bzw. 1976 nach Spanien ins Exil gegangen – ausgerechnet in das faschistische Spanien! –, doch nur Galeano kehrte nach Montevideo zurück. Onetti verstarb 1994 in Madrid. Noch nie von den beiden gehört oder etwas gelesen? Das sollte man ändern. 

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Unterschiedlicher können ihre Texte eigentlich nicht sein, und doch sind die Autoren verwandte Seelen – es gibt ein herzliches Interview von Galeano und Onetti. Das Buch mit dem wunderbar poetischen Titel “Die offenen Adern Lateinamerikas” schrieb Galeano in den 1970er Jahren, es ist ein politisches Kulturbuch, ein historisches Buch, ein Buch über die Mentalität, die Geschichte, die (Unter-) Entwicklung, die Ausbeutung eines ganzen Kontinents. Das Traurige dabei ist, dass seit seiner Ersterscheinung es kaum an Aktualität verloren hat. Es zählt nach wie vor zu den besten Büchern, die über Lateinamerika geschrieben wurden, und das auf einer Reise durch das Kontinent nicht im Gepäck fehlen sollte. Auch braucht man sich nicht vor einer möglicherweise “verstaubten” akademisch-historischen Sprache zu fürchten – Galeano verfaßt die Geschichte des traurigen Kontinents in einem wunderbaren Schreibstil. Fazit: weiterhin lesenswert (in einer neueren Übersetzung vorliegend).

 

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Ganz anders ist hingegen der um die Jahrhundertwende geborene Onetti. Von äußerst unansehnlicher Erscheinung und krankhaft schüchtern soll er gewesen sein. Kaum vorstellbar, bei sieben Ehefrauen – alle Scheidungen von ihm angezettelt – und ungezählten Liebschaften zwischendurch. Er arbeitete zunächst für einige Literaturzeitschriften in Montevideo und Buenos Aires, dort für die Reuters-Agentur, und war auch als Werbetexter tätig. Als Schriftsteller arbeitete er sich relativ später hoch, indem er zunächst ein brillanter Kurzgeschichtenschreiber wurde, der immer weiter an der knappen Sprache und dem Aufbau der Spannungsbögen seiner Geschichten feilte. Heute zählt er zu den wichtigsten modernen Autoren des Kontinents, wenn nicht gar d e r größte unter ihnen, der sich erst gar nicht mit der vormodernen Stilen aufhielt und diese mit einem Sprung ausgelassen hat.  Sein Stil ist eine Mischung aus modernen Realismus und Phantastik (damit ist natürlich nichts getroffen und nichts ausgesagt) – ein Vorreiter aus dem Nichts heraus.

Geboren knapp oberhalb der Armut und in der eigentlich auch lange gelebt, hat Onetti schon in den 1940er und folgenden Jahrzehnten nichts von seinen Mitmenschen, und der Art wie sie unsere gemeinsame Welt gestalten, gehalten. Er und seine Romanfiguren flüchten sich aus diesem ganz normalen Desaster in die Welt der Erzählungen, in die Welt der Phantasie ohne ins Phantastische abzurutschen. Ein Melancholiker ist Onetti auf Weltliteraturniveau, jedoch weint er keine bitteren Tränen des Verdrusses, statt dessen schneidet mit einem Seziermesser an Beobachtungsgabe und Wort unser kleinmütiges Leben auseinander.

Wer jetzt dankend ablehnt, da ihm oder ihr das alles zu “schwer” und “unerfreulich” vorkommt, der verpaßt tatsächlich Spannung und eine ganz besondere Stimmung, die Onetti vom ersten oder zweiten Satz an bereits erschafft. Filmisch würde man heute seinen Schreibstil bezeichnen, und tatsächlich entstehen bewegte Szenen – Filmsequenzen – vor dem inneren Auge des Lesers. Und da Onetti ein großer Fan der amerikanischen Kriminalromane war, fehlt auch seinen Büchern nicht an entsprechender Spannung, wenn auch die Geschichten selbst keine Kriminalromane ergeben. Dennoch, es ist eine durchaus große Literatur, die der Uruguayer verfasst, so darf man auf ein wenig “Schwere” vorbereitet sein.

Wer sich an “Das kurze Leben” (sogenannte Weltliteratur) oder an “Der Schacht” – sein erster großer Wurf – nicht direkt wagt, dann empfiehlt sich einen Umweg über den berühmten, noch lebenden südamerikanischen Schriftsteller (ehem. Politiker und Botschafter), den Peruaner Mario Vargas Llosa, der eine Art Biographie und Literaturanalyse (hört sich sehr trocken an, ist aber “leidenschaftlich”) über den von ihm verehrten Onetti geschrieben hat. Auf deutsch erschienen unter dem Titel “Die Welt des Juan Carlos Onetti”.

Sicherlich gibt es viel mehr herausragende uruguayische Autoren, doch mir sind keine bekannt, ein Armutszeugnis sicherlich, doch auch Onetti hat seinerzeit ganz wenige (eigentlich keinen) seiner Landsleute hervorgehoben, außer um ihn kräftig zu kritisieren. Um so interessanter, woher meine hartnäckige Verknüpfung von Montevideo mit Büchern herrührt. Tatsächlich hat Montevideo ein bekanntes um nicht zu sagen berühmtes “Bücherhaus” von Pablo Ferrando, das 1917 in einem eklektizistischen Stil aus Art Noveau, Historismus und Modernismus gebaut wurde. Zwei Etagen verbindet eine großzügige geschwungene Treppe, doch es gibt auch einen antiken Aufzug – in Montevideo übrigens keine Besonderheit, auch wenn ich immer wieder bei Anblick dieser Kunstwerke “Ahs” ausrief.

In den hohen lichten Räumen der Ferrando-Buchhandlung, die von Arkaden und Pfeilern dominiert sind, wirken die Bücher seltsam zurückgenommen und unauffällig. Ein großes Fenster mit der darüber im selben Buntglasstil angebrachten Uhr bindet den Blick des eintretenden Bücherkäufers. In der ersten Etage sind sie ganz an die Seiten gedrängt, hier nimmt ein Café den ersten Platz ein. Ich frage mich, ob diese Aufteilung und Buchpräsentation nicht möglicherweise mehr Ursprünglichkeit vermittelt als ich es auf den ersten verwunderten Blick glauben will.

Kurios finde ich die offensichtliche Vorliebe des Erbauers für Uhren, das heißt sein Sinn für die vergehende Zeit. Wir finden zwei Uhren an der Fassade und eine prominente im Treppenaufgang vor. Wenn woanders die “Eule der Minerva” oder vielleicht noch die “Büchermäuse” oder “Buchratten” zum Emblem des vielen Lesens und des in den Büchern enthaltenen Wissen avancieren, ist es hier offenbar die Zeit, die hervorgehoben wird. Ob als mahnender Zeigefinger – vergiss nicht die Zeit, die unaufhörlich vergeht, während du liest – , oder als Trost, da in Büchern die Zeit still steht, oder zumindest eine andere ist, die keine Herrschaft über uns hat, mag ich nicht zu entscheiden. Normalerweise – aber was heißt das schon auf der Südhalbkugel – ist Zeit bzw. die Uhr ein Vanitassymbol und nicht das des Buches.

 

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Das Edificio Pablo Ferrando wurde 1917 ganz im Zeichen der französischen Kaufhäuser dieser Zeit erbaut (Foto oben und unten). Der erste Architekt war Leopoldo J. Tosi. Ihm folgten in den 1970er Jahren namenlosgebliebene Stümper, die die Innenausstattung vernichteten, oder wie es heißt “modernisierten”. Undokumentiert. Eine wie auch immer geartete Renovierung – in Uruguay nicht unbedingt unter Denkmalschutzaufsicht – fand 2003 statt. Das Haus war ursprünglich ein Geschäftshaus, ob es von Anfang an nur eine Buchhandlung beherbergte, ist mir nicht bekannt.

 

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In Montevideo, der realen Stadt des Jahres 2016, sah ich mich also mit meinem Traum von der Stadt konfrontiert, der von irgendwoher kam und keinen Fuß in der Realität gewann.

Oder vielleicht doch, aber eben ganz anders, nämlich in der überraschenden, überwältigenden Fülle an Architektur. Man mag einwenden, dass das nichts ungewöhnliches für eine Großstadt ist, bestehen sie doch alle aus nichts anderem als einem Meer aus Gebäuden. Falsch. Ein Haus hier, noch ein Haus dort machen zwar eine Flut von Häusern, jedoch noch lange keine “Architektur”, die der jeweiligen Stadt ihr das spezifische Gesicht verleiht. Berlin bspw. verfügt fraglos über schöne Häuser und interessante Bauwerke, es besticht aber vor allem durch ihre Wohnlichkeit, die Grünanlagen, die Boulevards, die Begrünung, die “Architektur” wird nur vereinzelt als Ausdrucksmittel sichtbar.

Ganz anders Montevideo. Man hat der Stadt das Straßencafé und die Außenrestauration, die Grünanlagen mit Flanierplätzen wenn nicht gänzlich weggenommen, so doch so stark reduziert, dass sie nur mühevoll im enervierenden Autorverkehr zu finden sind. Für einen eingefleischten Europäer mit Sinn für das entspannte Bummeln inmitten einer Großstadt, ohne dabei um sein/ihr Leben bangen oder sich vor dem Tinnitus fürchten zu müssen, ist keine der bisher von uns besuchten südamerikanischen Großstädte entspannend. Montevideo muss aber diese europäische Kultur des Straßencafés und des Bummelns gehabt haben. Davon zeugen ein paar Inseln der Ruhe, die die Stadt anbietet, und auch die zeitgenössischen Versuche, so etwas wie Cafékultur wieder zu erwecken. Allesamt noch umtost von einer nimmer endend wollenden Lautstärke der Busse, Lastwagen und Autos.

Im Frühsommer überdeckt den Lärm und die Abgase ein ganz besonderer Duft, betörend, von Jasmin und noch etwas anderem… An jeder Straßenecke stehen Männer und Frauen und verkaufen diese Kostbarkeit für ganz kleines Geld. Ich stelle mir vor, dass vor hundert Jahren Männer wie Frauen eine solche Blüte im Revers trugen und draußen an einem ruhigen Café saßen.

 

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Architektur

Bereits bei unserer Ankunft in der einzigen Marina der Stadt, recht weit vor dem eigentlichen Zentrum entfernt (Busverbindung vorhanden), fiel uns ein Gebäude auf, das wie ein Leuchtturm die Landzunge markierte: das alte Clubgebäude der Marina. Betrachtet von der richtigen Seite, wirkt es wie ein Schiff mit einem Mast. Es grüßt die klassische Moderne der 1920er Jahre und besticht durch reduzierte, klare Formen nach außen und edles, hervorragend verarbeitetes Holz und Marmor innen.

 

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Marina Yacht Club Montevideo

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Dass man sich der architektonischen Besonderheiten der Stadt bewußt ist, bezeugt das Internetangebot der Stadtverwaltung, die ganze Bücher und “Guides” über die Architektur zum freien Herunterladen anbietet. Wer des Spanischen mächtig ist, ist klar im Vorteil, doch einige der angebotenen Architekturführer haben englische Zusammenfassungen und können als PDFs heruntergeladen werden. Es sind sehr aufwendige, gut recherchierte Broschüren, die im Gesamtumfang schon ein dickes Buch darstellen, allein für das Zentrum der Stadt!

Neoklassizismus, Historismus, Eklektizismus, Art Deco, Art Noveau, Klassische Moderne, Expressionismus, Konstruktivismus und natürlich auch zeitgenössische, selten ruhmreiche Bauten prägen die Ciudad Vieja, die Alte Stadt, aber vor allem die lange Avenida 18. de Julio, die eine mächtige Straßenachse durch die Stadt bildet und am Rande der Altstadt beginnt.

Montevideo ist sogar für die südamerikanischen Verhältnisse spät gegründet: 1726 beschloß der spanische Gouverneur von Buenos Aires eine militärisch dominierte Siedlung mit Zitadelle zu gründen. Aus dieser Keimzelle entstand nach und nach die heutige Altstadt, deren Stadtmauer bis 1829 – das Datum der Unabhängigkeit Uruguays – stand. Finanziert wurde das Unterfangen von der Spanischen Krone, der daran sehr gelegen war, das unaufhörliche Tauziehen zwischen Portugal und Spanien um die Gegend des heutigen Staates zu beenden. Mit anderen Worten: Man schuf Tatsachen durch den Bau einer entsprechend dimensionierten Festung.

Bezeichnend für den südamerikanischen Kontinent ist das Verschweigen der Urbevölkerung, der dieses Land gehörte. Die indigenen Charrúa, die die Gegend am Mar del Plata bewohnten, kämpften soweit sie konnte erbittert um den Erhalt ihrer Rechte und Freiheiten. Sie sind auch der häufig unerwähnte Grund, warum es den Konquistadoren bis ins späte 18. Jh. hinein schwerfiel, hier Fuß zu fassen. Erst die spanisch durchgesetzte Militärgründung verhalf endgültig zur Klärung der Lage – alle indigenen Stämme und Völker, die ehemals auf dem heute uruguayischen Boden lebten und diesen ihre Heimat nannten, wurden im 18. und 19. Jh. systematisch ermordet und vertrieben, einige flüchteten über die Grenzen nach Paraguay und Brasilien. Uruguay bot zwar allen Europäern, die von dem Elend, den Unruhen, den Verfolgungen jedweder Art und Kriegen flüchteten,  eine neue Heimat ohne sie einer Nationalisierung zu unterwerfen, aber jene hatten kein Erbarmen denen gegenüber, deren Land sie einnahmen.

Montevideo – wie es zu diesem Namen kam, erklärt Marcel in seinem kurzweiligen Beitrag hier (öffnet im neuen “Fenster”) – entwickelte sich schnell und sie entwickelte sich gut. Der Hafen, der 1868 gebaut wurde, zählte damals zu den modernsten des gesamten Kontinents. Europäische Einwanderer aus beinahe jedem Land des Alten Kontinents suchten hier Arbeitsplätze, sie brachten Wissen, Willen, Ideen und manchmal auch Geld aus Europa mit. Das machte sich in der Entwicklung der Stadt schnell bemerkbar. Die gelebte Kultur war “europäisch”, die Architektur ebenfalls. Bis heute kann man im ehemals noblen Villenviertel Palermo Häuser im Stil der jeweils alten Heimat ihrer Bewohner finden: das Chalet der Schweizer, das Schwarzwaldhäuschen der Deutschen, den Säulenportikus einer italienischen Villa oder das polnische Landhaus mit hoher Attika oder Säuleneigang und vieles mehr.

Die deutschen, italienischen, polnischen, manchmal auch noch englischen Nachnahmen weisen deutlich bis heute noch auf die Vorfahren aus der Alten Welt. Es heißt, man sich darauf verlassen kann, dass sie alle noch richtig und akzentfrei ausgesprochen werden. Man ist stolz auf die eigenen Wurzeln, viele sprechen wenigstens noch ein paar Brocken der Heimatsprache der Groß- und Elterngeneration. Andere beherrschen sie sogar noch ganz hervorragend, indem sie die jeweiligen (Sprach-) Schulen besuchten. Das Besondere an Uruguays Einwanderungspolitik war (oder ist wieder) das vollkommene Fehlen von nationalisierenden Gesetzen, wie sie beispielsweise die USA hat. Auf uruguayischen Boden musste keine das Eigene ablegen und zu einem Vollbluturuguayer via Sprache und Bekenntnis werden. Der Sache entsprechend endete die Militärdiktatur das Ansinnen darüber, doch in ihrer Zeit ging nicht nur das Kulturelle vor die Hunde.

Der ökonomische Aufschwung machte Montevideo zu einem Magneten des Landes. Doch nicht nur zum Vorteil für die Wohn- und Lebensqualität. Die Stadt wuchs “dynamisch”, was ein anderes Wort für ungebremst ist. Es fehlte gänzlich an städtebaulicher Planung, die die anwachsenden Wohn- und Verkehrsprobleme regulieren hätte müssen. Abrisse alter, historischer Bauwerke, wuchernde Hausbelegungen mit hunderten von Menschen auf engstem Raum, fehlende ärztliche Grundversorgung der steigenden Bevölkerungsmassen, explosionsartiges Anwachsen des Verkehrs ohne sinnvolle Regulative – all das führte zu katastrophalen Lebensbedingungen der meisten Montevideanos.

 

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Erst seit 1982 gibt es die Durchsetzung eines Regulativs, das dem Verschwinden historischer Plätze und Bauten entgegenwirken soll! Da war schon fast alles weg, verbaut, vom Autoverkehr umtost und kaputt.  Kaum zu glauben, aber erst im Jahre 2003 wurde eine ständige Kommission eingerichtet, die einen Entwicklungsplan entwickelte, um die Modernisierung in Balance zu historischen bzw. architektonisch wertvollen Gebäuden zu halten.  Tatsächlich können wir 2016, das heißt 13 Jahre danach, bestätigen, dass einige wenige Bauwerke renoviert wurden… die überwiegende Mehrheit harrt ihres Abrisses oder des ‘natürlichen Zusammenbruchs’. Bald wird es in der Ciudad Vieja – insbesondere in dem Hafenviertel – kaum mehr historische Bauten mit entsprechender Grundsubstanz geben. Dafür aber viel Platz für die überall in der Welt vielbeschworene “Modernisierung”. Spätesten dann wird das Montevideo der Architektur bloß ein Traum geworden sein.

 

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Eine der ganz raren autofreien Straßen im alten Montevideo, die Pérez Castellano im nördlichen Abschnitt (Fotos oben), löst ungeahntes Glücksgefühl aus. Ach, man kann aufatmen und merkt wie die angespannte Nackenmuskulatur, die durch das permanente Sich-Umsehen, Sich-Vorsehen und das innere Ohrenzuhalten blockiert war, nun entspannt. Wir schauen uns um, wir sitzen in einem Café mit Außengastronomie. Ach, wie schön könnte es sein, wenn es mehr davon gäbe.

Die devastierte Bausubstanz um uns herum mag auf einige von uns Touristen “pittoresk” wirken, sie ist es jedoch nicht. Sie ist die Vorstufe von “Abriss” und man sollte sich vor Augen führen, was danach kommt. Wir stehen in dieser Gasse vor einigen klassischen Bauten aus der Zeit des 19. Jh.s, doch wir könnten auch 17. oder 18. Jh. sagen, ohne falsch zu liegen, denn diese Architektur ist beinah zeitlos. Die Grundform der Bauten und ihre Nutzungen sind über Jahrhunderte konstant geblieben. Importiert aus Südeuropa ist diese Architektur in allen Kolonien Südamerikas, ganz besonders aber in Montevideo und Umgebung, bevorzugte Bauform nicht nur für wohlsituiertere Bürger gewesen.

Es handelt sich dabei um sogenannte Patiohäuser, benannt nach dem zentralen Raum, dem Patio, der ein offener Innenhof ist, um den sich alle Räume des Hauses gruppieren. Meistens sind diese Häuser einstöckig, manchmal um eine zweite Etage erweitert und mit einem sogenannten Mirador versehen. Miradore sind kleine Türmchen, die ein oder zwei Zimmer beinhalten können, von wo aus man einen schönen luftigen Blick hat. Das sind jedoch elaborierte Beispiele dieser klassischen, bereits seit der griechischen Antike in Italien und Nordafrika bekannten Architekturform. Die Patiohäuser sind aufgrund der beengten innerstädtischen Situation schmal und nur zu der Straßenseite hin offen. Die dort eingelassene Fensterfront besteht aus wenigen, meistens kleinen, in wohlhabenden Häusern entsprechend großen Fenstern und mittig angebrachten Eingangstür. Der Vorteil dieser Bauweise liegt vor allem in der Abschottung, einerseits nach außen hin, so dass das häusliche Leben dem öffentlichem Blick verborgen und geschützt bleibt, andererseits nach innen hin, als Schutz vor Sonne und Hitze des Tages, zumal wenn die Parterre ausgekachelt ist.

Mein oberes Foto zeigt eine städtisch-mondäne Form der Patiohäuser, versehen mit sogenannten ”französischen Balkonen” (nur schmale Austritte) – obwohl sie zuvor insbesondere in Spanien sehr beliebt waren – und sehr hohen Fenstern, zusätzlich geschmückt durch Stukkaturbeiwerk. Beides verweist unmissverständlich auf ehemals wohlhabende Stadtbürger, die das Haus wahrscheinlich im späten 19. Jh. erbaut oder ‘modernisiert’ haben. Der Patio konnte je nach Geschmack und Geldbörse mal als Garten mit Springbrunnen, mal als praktische Wohnerweiterung, bspw. als Küche oder Sanitärräume, gestaltet sein. Alle Zimmer, ob im ersten oder zweiten Stock, waren auf den Patio hin ausgerichtet und werden von dort aus mit Licht und Luft versorgt. Eine Besonderheit der Patios in Montevideo sind die aus Eisen und Glas gebauten Dachkonstruktionen, mit denen man bei Bedarf den Innenhof zum Schutz vor Regen, Sonne und Wind verschießen konnte. Wunderbare Art Deco und historistische Glasmalereien schmücken nicht selten die Glasfenster dieser mobilen Dächer. Die wenigen noch vorhandenen Patiohäuser haben jedoch Besitzer, die sich eine Restaurierung ihrer besonderen Patio-Dächer nicht leisten können. Die Stützkonstruktionen verrosten, die Schließmechanismen sind längst unbeweglich geworden, und so brechen sie schließlich in sich zusammen – die originären wunderbaren Glasarbeiten unwiederbringlich verloren! (Das ist nicht pittoresk.)

Interessanter- oder auch nur kurioserweise haben wir diese Anlagen in verkleinertem Maßstab auf dem äußerst sehenswerten Retiro-Friedhof in Buenos Aires gesehen (dazu an entsprechender Stelle mehr). Dort kann man in den kleinen Mausoleen und Totenhäuschen gleichfalls zugucken, wie diese fragilen Stahl-Glas-Konstruktionen verrosten und an den Fliesen- und Marmorböden zerschellen, nicht ohne gleichzeitig auch diese kaputtzumachen.

 

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Der vielgerühmte Mercado del Puerto, die alte Markthalle in der Nähe des Hafens in der Ciudad Vieja, ist eine Sehenswürdigkeit des Viertels (Fotos oben und unten). Mag das Essen immer noch gut sein, sie ist sicherlich nicht mehr der Ort, an dem die Einheimischen zusammen mit den Hafenarbeitern für wenig Geld schmackhafte, originäre Speisen an meterlangen Tresen bekomen. Diese Zeiten sind vorbei. Jetzt herrscht auch hier das Geld der Touristen. Die Anlage ist dennoch sehenswert, nicht zuletzt weil sie eine originäre Stahlkonstruktion samt Glasdach ist, die man in den 1860er Jahren im britischen Liverpool bestellte. Kurioserweise wurde sie dort komplett entworfen, die Eisenteile gegossen und geschweißt, um anschließend nach Montevideo en gros verschifft.

 

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Der älteste erhaltene Ort von Montevideo ist die schöne Plaza de la Constitución, der “Gründungsplatz” (Foto oben). Schattig begrünt und mit einem Springbrunnen in Neorenaissance-Stil aus dem 18. Jh. versehen, bildet die Plaza einen Ruhepol in der lauten Autostadt. Ein täglich abgehaltener touristischer Flohmarkt (der am Samstag besser sein soll) rundet die Atmosphäre der Beschaulichkeit ab und bietet die Möglichkeit, sich mit einer Mate-Kalabasse zu versorgen (plus Thermoskanne und Trinkröhrchen). An seinen Flanken findet man neben MacDonalds – einem interessanten zeitgenössischen Bau – das alte Cabildo, das ehemalige Rathaus aus dem 19. Jh., jetzt das Stadtmuseum. Besonders sehenswert in der Häuserreihe ist das Club Uruguay aus der gleichen Zeit (bedauerlicherweise kein Foto). Mit seinen Loggien mit deutlichen Reminiszenzen an Renaissance und Manierismus erinnert dieses Gebäude an italienische Prachtvillen; innen mit monumentalen Wandgemälden ausgestattet. All diese Gebäude stehen auf der Liste schützenswerter historischer Objekte von nationalem Rang (das MacDonalds noch nicht), die 1975 begonnen wurde.

Diesen alten Platz dominiert die Kathedrale, die zu den wenigen erhaltenen Zeugnisse der Stadtgründung ist (Foto unten). Nach ihr wird der Platz auch Plaza Matriz genannt. Amüsanterweise heißt es, die Matriz (Hauptkirche, Mutterkirche) sei das erste öffentliche Gebäude der Stadt. Entworfen und gebaut ist sie von Ingenieuren, was man ihr meiner Meinung auch ansieht. Ich behaupte, dass sie für Kunsthistoriker nicht besonders sehenswert ist, die in den Reiseführern genannten Kronleuchter würden sicherlich ohne dieser Nennung unbeachtet bleiben. 

 

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Ich gehe nirgends hin ohne “meine Macha” (plus Thermoskanne für heißes Wasser zum permanenten Nachfüllen des Bechers).

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Mich zieht es jedoch aus der Ciudad Vieja hinaus. Nicht die spärlichen Bauten des 18. Jh.s interessieren mich an Montevideo, sondern die unweit des “Gründungsplatzes” beginnende, schier nicht endend wollende Avenida 18. de Julio. Sie ist bestückt mit architektonischen Kleinoden und Kuriosa – mal hervorragend restauriert, mal im Zustand permanenter Renovierung, oder auch, dies leider in der Mehrzahl, im Auflösung begriffen und der Vergessenheit anheimfallend. Sie beginnt an der Plaza Independencia, dem “Platz der Unabhängigkeit”.

Um diesen enormen Platz, an dem zur Gründungszeiten der Stadt eine wohl beachtliche Zitadelle stand, versammeln sich beinahe alle Stile, die das junge Montevideo zu bieten hat. Von dem Ursprung des Platzes zeugt allein ein kleines Tor, das in der freistehenden grauen Mauer eingelassen ist.

 

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Links im oberen Foto ist das Edificio Ciutadela, ein Büro-, Wohn- und Einkaufskomplex, zu sehen. Sein Name verweist auf den historischen Kontext des heutigen Platzes. Die planenden Architekten waren R. Sichero Bouret und E. Calvo, die das Gebäude 1958 entwarfen, ausgeführt wurde es zwischen 1959-63. Unübersehbar sind die Einflüsse von Le Corbusiers sogenannten “Pilotis” (Pfahlbauten, Hochhäuser auf Stelzen), ihre “Reinterpretation” wie mich die Architekturbroschüre belehrt. Von der ursprünglichen Zitadelle ist nur ein Zitat übriggeblieben, das sich inmitten der Hochhäuser und der Weitläufigkeit des Platzes beinahe winzig ausmacht (rechts von der Bildmitte).

Le Corbusier besuchte tatsächlich Montevideo für einen kurzen Aufenthalt und hinterließ der Stadt auch einige Baupläne, die meines Wissens nie verwirklich wurden – angeblich waren die Entwürfe für die damalige Gesellschaft zu “häßlich”, das heißt zu radikal in ihrer Modernität.

 

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Prominent an der rechten Ecke des Platzes, im Übergang zur Avenida 18. de Julio steht ein märchenhaft wirkende Gebäude, eine Mischung aus phantastischer Architektur eines Films wie Blade Runner oder einer traumhaften Architektur eines Zuckerbeckers, dem ein ordnender Architekt des Art Deco zur Seite stand.

Hierbei handelt es sich um das Palacio Salvo. Entworfen von dem Mailänder Architekten Mario Palanti im Jahr 1922 wurde es 1928 eingeweiht. Mit seiner Höhe von 105 m und 26 Stockwerken war das Bauwerk bis 1935 das höchste in Südamerika. In Auftrag gegeben haben es die Textilindustriellen José und Lorenzo Salvo, zwei Brüder italienischer Herkunft. Der Architekt baute zuvor ein etwas kleineres Hochhaus in Buenos Aires, mit dem die Stadt heutzutage gleicherweise prominent wirbt. Eine Anekdote berichtet, dass der Architekt Palanti sich aus Verzweiflung über die Häßlichkeit seines Werks aus dem obersten Stock des Gebäudes gestürzt haben soll. Wer diese unwahre Anekdote aufgestellt hat, ist mir nicht bekannt, vielleicht einer der Kritiker des Hochhauses, das in der Zeit seiner Fertigstellung nicht von allen positiv aufgenommen wurde. Wenn der Autor diese Kritik bloß wüßte, dass Palantis Gebäude zum Wahrzeichen von Montevideo avancierte…! Seit 1996 steht es auf der Liste des “Nationalen Historischen Denkmals”, des Monumento Historico National.

Der gebürtige Italiener ging nach Mailand zurück, wo er möglicherweise tatsächlich unglücklich aber erst 1975 verstarb. Eine andere Anekdote, die jedoch wahr zu sein scheint, lese ich im spärlichen deutschen Eintrag auf Wikipedia: “Der Palacio Salvo wurde auf der Stelle erbaut, wo vorher das Confiteria La Giralda stand. Dort schrieb Gerardo Matos Rodríguez 1917 sein Stück La Cumparsita, welches als Hymne des Tangos gilt.”

 

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An der linken Seite der Reiterfigur, oder hier im oberen Foto ganz rechts, steht ein weiteres beachtenswertes Hochhaus aus dem Jahr 1929: der Palacio Rinald, gebaut von den Architekten A. Isola und G. Armas. Es beherbergt, wie ursprünglich gedacht, auch heute noch Büroräume, Ladenzeilen und Appartements. Dieses Gebäude ist offenbar nur halb schützenswert, steht es nämlich nur auf der untergeordneten Liste der “Wertvollen Baudenkmäler”.

 

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Leider wurde der Bau dieses “Gitterhauses” – offiziell Edificio Palacio de Justicia – aus marineblau-verspiegelten Fenstern und dem dicken Gitternetz aus Beton weder durch die uruguayische Diktatur noch durch die Inflation gestoppt (Foto oben). Ausgeschrieben hatte man den Bau bereits 1963 (beginnende Diktatur). Erste Baumodiffizierung fand 1989 statt, schließlich wurde das Projekt 2003-06 aber im Stile der 1980er Jahre verwirklicht. Anders als beim Palacio Salvo wäre hier ein Selbstmord nicht undenkbar, jedoch kaum möglich, da die Fenster des Gebäudes nicht aufgehen. Nun steht es prominent am Platz, obwohl der Bürgermeister Mariano Arana den Bau am liebsten abreißen lassen würde, was nicht verwundert, denn er ist selbst Architekt vom Beruf.

Auf fast allen Fotos von der Plaza lugt zwischen den Hochhäusern – oben rechts der Bildmitte – ein kleines milchkaffeebraunes Gebäude hervor: das Palacio Estévez. Markant ist sein Giebel in der neoklassizistischen Fassade und die Säulenfront. Es handelt sich dabei um eines der ältesten erhaltenen Gebäude aus der Gründungzeit der Stadt im 18. Jh. Ehemals Sitz der Regierung bis 1885, nun wird es nur für Staatsbankette verwendet. Nur wenige Schritte davon entfernt steht im ähnlichen Stil gebaut das bekannte Stadttheater, das Theatro Solís von 1856. Es ist im Inneren der Mailänder Scala nachempfunden, wie bei dieser so gastierten auch im Solís berühmte Sänger wie Caruso und Dirigenten wie Arturo Toscanini, dessen Karriere als Dirigent sogar hier begann.

 

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Um die Rundtour des Platzes zu vervollständigen, sein noch auf die zentrale Reiterfigur hingewiesen, die den uruguayischen Nationalhelden José Gervasio Artigas darstellt. Die Figur wurde erst 1924 errichtet, ein 17 m hohes Standbild. Die Militärdiktatur erweiterte die Figur im Jahr 1977 um eine monumentale Krypta in der sich die Urne mit dem sterblichen Resten des Helden befindet. Soldaten halten Wache im Halbdämmerlicht.

Artigas hat übrigens Uruguay zur Unabhängigkeit von Spanien und Argentinien, die nach ihrer Revolte gegen Spanien die Banda Oriental – wie das damalige Uruguay hieß – verholfen. Konkrete Ausmaße nahm die Unabhängigkeitsbewegung um den Militäranführer Artigas an, als dieser gegen die Eingliederung der Banda Oriental in das Provinzialgefüge von Argentinien stimmte und im Jahr 1815 mit einer Agrarreform das Land der spanischen Großgrundbesitzer neu aufteilen ließ. Das wiederum ermutigte die Portugiesen 1816 das sich neu formierende Land anzugreifen und zu besetzen. So entstand die neue portugiesische Provinz Cisplatina.

Erst im April 1825 formierte sich eine entschlossene Truppe der sogenannten Trienta y Tres Orientales – “die 33 Orientalen” – um den Rio Uruguay zu überqueren und die Portugiesen aus dem Land zu vertreiben. Großbritannien war ein wichtiger Faktor im Tauziehen der Mächtigen, denn es suchte die Macht der Portugiesen und ihre wirtschaftlichen Quellen zu unterbinden, und finanzierte den Krieg mit. Nach drei Jahren, 1828, gelang die Befreiung des Landes nicht zuletzt mit der großen Unterstützung der Bevölkerung. Am 18. Juli 1830 wurde die erste Verfassung verabschiedet. Dieses Datum gab den Avenida ihren Namen.

Die britische Diplomatie arbeitete mit an einem Staat, das sowohl von Portugal, Brasilien als auch von Argentinien unabhängig war. Für ihre wirtschaftlichen Interessen war ein Pufferstaat sehr willkommen. Dennoch blieb die República Oriental del Uruguay, wie der seit 1828 unabhängige Staat bis heute offiziell heißt (“Republik östlich des Uruguay-Flusses”), unter brasilianischem und argentinischem Einfluß.

 

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Geht man die Avenida 18. de Julio und ihre Stichstraßen entlang, so wähnt man sich nicht selten in einem Freilicht-Architekturmuseum zu sein. Überall wird der Blick von interessantem, sehenswertem, seltenem oder kuriosem der Bauwerke gefesselt. Wie schön muss es hier sein, Architekturseminare geben zu dürfen!

 

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Das Gebäude, dass ich nur von weitem fotografieren kann, ist für mich eines der interessantesten Entwürfe der Hochhausarchitektur überhaupt (Foto oben und unten).  Anders als die in der Mehrheit von mir hier vorgestellten Hochhäuser bestimmt diese Architektur nicht einen fließenden weichen Übergänge der Ecke zu den Seiten hin, sondern die Kante, das Turmartige und, betrachtet man die Fenster, das ‘Singuläre’ der Räume. Geplant wurde das Edificio Centenario 1929 von einem Trio der Architekten O. de Los Campos, M. Puente und H. Tournier . Das Gebäude steht in der ehemaligen Fabrikzone der Stadt und beherbergte Büros und Geschäfte. Heute sieht es eher nach Wohnungen und Verlassenheit aus.

Ohne Frage ist das Hochhaus ein Architekturvorreiter, situiert zwischen Expressionismus und Konstruktivismus. Es läßt an Filme wie Dr. Caligari, an Symphonie einer Großstadt, oder an russische Avantgardeentwürfe denken, ohne ihre Kopie zu sein. Die nachfolgende historische Aufnahme aus der Zeit seiner Erbauung zeigt sehr schön das Schneidende oder das Keilartige des Hochhausturms. Grandios.

 

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Was sich hinter Bäumen versteckt, ist ein wunderbares Gebäude der klassischen Moderne. Wir stehen vor dem Edificio Lapido, auch Palacio de la Tribuna Popular genannt. Geplant haben es die Architekten J. Aubriot und R. Valabrega 1929, ausgeführt wurde es 1933. Klare Formen, die die Etagen betonen, wobei die um die Ecke geführten Rundungen dem Bau eine Fließbewegung verleihen, die ganz anders als im vorhergehenden Beispiel hier das Vertikale des Hochhauses auflöst.  Ursprünglich beherbergte das Gebäude eine Zeitungdruckerei und Herausgeberschaft, Geschäfts- und Verkaufsräume sowie Appartements. Wie man unschwer erkennen kann, befindet es sich  schon länger in einem desolaten Zustand.

 

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Als “ein Turm im Patio” könnte man die architektonische Grundidee des Gebäudes umschreiben. Eine gewaltige Anlage kurz vor Ende der Avenida, die der Architekt Mauricio Cravotto 1929-30 entwarf und damit die städtische Ausschreibung gewann. Verwirklicht wurde der Bau in den Jahren 1936-40. Luftschächte oder Schornsteine zitieren italienische spätmittelalterliche Architektur aus Pisa oder Verona. Das Gebäude beherbergt das Rathaus, den Sitz der städtischen Verwaltungen, daneben auch einige andere städtische Einrichtungen, beispielsweise das unauffällig rechter Hand seitlich versteckte Museum der Schönen Künste (doch dazu an einer anderen Stelle mehr).

Zitate aus der Baugeschichte von Rathäusern aus dem Mittelalter und Renaissance, wie der zentrale Turm, aber auch aus der klassischen Antike, wie die umlaufenden Säulenhallen, sind ausdrücklich gewollt gewesen. Mich erinnert dieses monumentale Gebäude ein wenig an den “Friedenspalast” in Warschau, den die polnische Nation als ein ungewolltes und verhaßtes ‘Geschenk’ von der Sowjetunion bekommen hatte und sehr viel dafür zahlen musste. Anders als das polnisch-russische Gebäude steht dieses seit 1995 auf der Liste der Monumento Historico National.

 

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Gleich neben an steht ein weiteres Highlight der uruguayischen Architektur, das Edificio Santiago de Chile, auch Edificio Tapié genannt. Der Architekt Francisco Vázquez Echeveste plante und erbaute das Gebäude 1933. Deutlich sind hier Reminiszenzen an Art Deco zu entdecken, so wirkt das Gebäude weniger progressiv als die vorangestellten Bauwerke, obwohl bei genauem Hinsehen sehr deutliche expressionistische Stilmittel sichtbar werden. Ein wunderbares harmonisches, unaufdringliches Ganzes ergibt sich dabei, mit einer auch hier deutlichen Vorliebe für die Betonung der ‘Ecke’, deren Spitze in eine Rundung umgestaltet wurde. Eine monumentale Eingangshalle überrascht den Besuche im Inneren. Von außen betrachtet vermittelt das Gebäude genau das richtige Gefühl für großstädtische Appartements. Heute beherbergt das Gebäude eine Bank, Büros und wie ursprünglich geplant auch Wohnungen.

 

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Zwei Details aus dem Stadtspaziergang, zwei Kommentare auf Hausfassaden, animierten mich dazu, sie als Verweise zu nehmen und ein wenig mehr über die Geschichte Uruguays zu lesen (Fotos unten).

“Historia triste” steht unter einer Reliefskulptur, die zwei gegeneinander verrutschte Hälften einer ehemals ganzen runden Form darstellt. Versucht man gedanklich die gebrochenen Hälften wieder zusammenzufügen, merkt man, dass sie nicht zusammen passen. Und auch wenn die Bruchkanten zusammengefügt werden könnten, so ergäbe sich in der Mitte keine intakte Form – die ehemals geschlossene Form ist unwiederbringlich hin.

Eine traurige Geschichte. Geschrieben auf der Wand eines mächtigen Gebäudes, der Uruguayischen Bank nämlich. Triste Geschichte des Geldes, des Kapitalismus, des harten Liberalismus, die Geschichte der Banken – schlicht: eine Geschichte der Macht.

 

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An einer anderen Stelle, an einem im Grunde häßlichen Mietshaus, sah ich eine Reproduktion von Picassos Guernica (gemalt 1937, heute in Museo Reina Sofía, Madrid). Man hat sie über einem handgemalten Reklameschild mit Telefonnummer gehängt und das Angebot, das dieses Schild ehemals machte, verdeckt.

Guernica in Montevideo? Das muss etwas z bedeuten haben. Zu gerne hätte ich gewußt, was auf dem handbemalten Schild stand und unsichtbar gemacht wurde.

4. Juni 1937, Öl auf Leinwand, 349 cm × 777 cm). Es entstand als Reaktion auf die Zerstörung der spanischen Stadt Guernica (heute baskisch Gernika) durch den Luftangriff der deutschen Legion Condor und der italienischen Corpo Truppe Volontarie, die während des Spanischen Bürgerkrieges auf Seiten Francisco Francos kämpften. Heute befindet es sich zusammen mit einer umfangreichen Sammlung von Skizzen im Museo Reina Sofía in Madrid.

Guernica, eine spanische Stadt mit trauriger Berühmtheit, eine Stadt, die Francisco Francos Diktatur in Bombenangriffen, an denen die deutsche Legion Condor und die italienische Carpo Truppe Volontari maßgeblich beteiligt waren (Verbündete Francos), auf ausschließlich Zivilbevölkerung zerstörte, mit hunderten von Opfern. Ein Mahnmal gegen diese, heutzutage gegen jede Diktatur ist das überdimensionierte Gemälde Picassos, das er sogleich nach den

Uruguays Gernica ist wenn man so will Montevideo – ein Ort, an dem die Militärdiktatur 1968 begründet wurde, ein Ort, an dem 1973 die Diktatur festen und für über 10 Jahre endgültigen Boden gewann. Offener Terror regierte von hier aus das Land bis 1985. Was machte man in den 1980er Jahren in der BRD?  In Uruguay gab es Massenverhaftungen, Vergewaltigungen, Folter, Zwangsadoption der Kinder von den ‘Verschwundenen’. Es wird geschätzt, dass jeder achtzigste Uruguayer gefoltert wurde. Schon den Namen “Operación Condor” gehört? Argentinische, brasilianische, paraguayische und uruguayische sogenannte Sicherheitskräfte arbeiteten Schulter an Schulter seit den 1970er Jahren zusammen und erreichten während dieser ertragreichen Zusammenarbeit, dass 60.000 Menschen festgenommen wurden, 3000 für die Zeit der Diktatur inhaftiert blieben und andere einfach ‘verschwanden’ – in der Wüste, im Meer, im Río… Ihre Kinder, vor allem die kleinen, wurden den treuen Anhängern des Regimes zu Adoption angeboten.

Man nimmt an, dass ein fünftel der Bevölkerung emigrierte. Gleichzeitig verschlimmerte sich die wirtschaftliche Lage des Landes. Die einstige “Schweiz Amerikas”, so genannt aufgrund ihrer wirtschaftlichen Stärke, ihrer Erträge, des Wohlstands der Bürger, der liberalen Gesinnung, der Offenheit Emigranten gegenüber, verschwand von der Landkarte der demokratischen Wohlstandstaaten und tauchte ein in die typische südamerikanische historia triste. Und wer denkt, dass die 1985 zurückgewonnene parlamentarische Demokratie einen anderen Weg ging als die vorangegangene Diktatur, der irrt sich gewaltig. Es herrschte die Kontinuität: ununterbrochene Neoliberalisierung des Landes, politischer Ausschluß von unliebsamen Politikern und schließlich das Amnestiegesetz, dass alle Militärs und die Polizei, die an den Menschenrechtsverletzungen beteiligt waren, von der juristischen Verfolgung ausnimmt! Dieses Gesetz wurde 1989 durch Volksentscheid mit einer Mehrheit von 55 gegen 41 Stimmen bestätigt.

Doch bevor die Uruguayer in ihrem anfänglich mitverschuldeten Mißstand der Militärdiktatur (da zunächst gewollt gewesen) litten, gab es bereits am Beginn der jungen Demokratischen Republik Uruguay ein nicht wiedergutzumachendes Unrecht, das selten in der Gründungsgeschichte des Staates Erwähnung findet. Ich spreche von der Uruguayischen Endlösung der Ureinwohner des Landes, an der der Nationalheld Artigas gleichermaßen mitgearbeitet hat.

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Charrúa, “La Masacre del pueblo Charrúa, en el Uruguay; aus: http://portallarroque.com.ar/salsipuedes-la-masacre-del-pueblo-charrua-en-el-uruguay/

Circa 10 Jahre nach der Unabhängigkeitserklärung und vier Jahre nach der Gründung der Republik löste der junge Staat das “Problem der Ureinwohner”, die über den gesamten Zeitraum nicht aufgaben, um ihr Land zu kämpfen. 1834 wurde die gesamte noch übriggebliebene indigene Bevölkerung ermordet – Krieger, Zivilisten, Kinder, Frauen, Alte. Abgeschlachtet, ist sicherlich der zutreffende Ausdruck. “Die letzten vier (sic) Überlebenden der Charrúa wurden von der Regierung des jungen Staates der Akademie der Naturwissenschaften in Paris ‘vermacht’, wo sie besichtigt werden konnten und bald starben “ (aus: Brand/ Gensler/ Thimmel: Argentinien und Uruguay. Länderkunde und Reisehandhandbuch für Kultur- und Naturreisende, 1999, S. 56f.).

Ähnlich verschwiegen, jedoch nicht im gleichen Maße totgeschwiegen ist die Geschichte der schwarzen Sklaven von Uruguay. Man erinnert sich an diese jedoch lieber, denn die Sklavenbefreiung acht Jahre nach der Ermordung aller Ureinwohner macht die Geschichte der Schwarzen annehmbarer.

Wie wahr: historia triste. Zwei Teile, die nicht nicht mehr eine Einheit ergeben können.

 

Seit der Militärdiktatur geht es mit dem ehemals fortschrittlichen, offenen und wohlhabenden Land  in einer stätigen Bewegung abwärts. Trotz einiger interessanter Bewegung gegen die Neoliberalisierung und den Ausverkauf des Landes an (ausländische) Investoren und Privatfirmen liegt der Hemmschuh für jede neue politische Idee und Selbstbestimmung des Volkes in der hohen Auslandsverschuldung und dem damit zusammenhängenden Druck der internationalen Organe.

Wer noch ein wenig Länger in Montevideo verbleiben möchte, dem oder der empfehle ich einen “Stadtspaziergang” zusammen mit Marcel, der in diesem Artikel zusammengefaßt ist (öffnet im neuen Fenster).

Abschließend ein Hinweis in eigener Sachen, dass noch zwei Artikel zu Montevideos Friedhöfen und Museen bald folgen werden.