Wann haben Segler Angst… Auskranen und Einkranen

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Nach drei Wochen auf dem “Varadero” – dem Werftgelände oder Abstellplatz für Boote –, die sich anfühlten wie drei Monate, sollte es wieder ins Wasser gehen. Alle drei Crewmitglieder atmeten auf, wir alle haben auf dieser sogenannten “Werft” schlimme Juckanfälle bekommen. Nico sogar einige große Hautpilzstellen. Verwunderlich ist es nicht, denn um uns herum schwirrten alle möglichen Giftpartikel: Lackfarbe mit der Pistole versprüht, Antifouling mit Sandstrahl entfernt, neues aufgetragen, gefräst und geschliffen wurde überall, und das alles bei Temperaturen bei 35 Grad C – unter Deck gab es schon mal 34 Grad. Damit war unter Deck zu arbeiten, oder überhaupt zu leben, eigentlich nicht möglich. Wir vergingen in Staub und Schweiß, und haben einige Male im Cockpit der Jacht von Genaro, einem argentinischen Segler und Clubmitglied, übernachtet.

Nun ist natürlich wie beim Auskranen auch das umgekehrte Prozedere mit Ängsten um das Schiff verbunden. Wird es gut gehen? Rutscht es nicht vom Wagen ab, oder noch schlimmer, aus den Gurten heraus?

Ganz so übertrieben wie man vielleicht meinen könnte, ist die Sorge nicht, denn wir haben es hier nicht mit einem “Travellift” zu tun – das heißt mit einem Kran auf Rädern mit einzeln in der Länge und Position verstellbaren Gurten -, sondern mit einem quasi echten, stationären Kran und einer “Spinne” oder “Kreuz”, an der fest arretierte Gurte befestigt sind. Das Schiff muß erst auf einem Wagen (von einem Traktor gezogen) unter den Kran gebracht werden. Anschließend müssen die an der “Spinne” festgestellten Gurte um das Schiff gelegt werden, und zwar so, dass beim Anheben das Schiff möglichst waagerecht bleibt und nicht nach vorne oder hinten aus den Gurten herausrutscht. Das wäre eine Katastrophe, 17 Tonnen würden dann auf den Boden knallen. Ganz zu schweigen von den Problemen, mit dieser Anlage das Schiff wieder in den schwebend-sicheren, waagerechten, Zustand zu bringen.

Dass diese Sorge nicht aus der Luft gegriffen und bloße theoretische Überlegung ist, wissen wir nicht nur vom Hörensagen, sondern ganz konkret aus diesem Varadero. Unsere Seglerfreunde von der SY Robusta, sind uns die argentinische Küste vorausgefahren und haben letztes Jahr genau an dieser Stelle ausgekrant. Und ja, genau hier, sind sie aus den Gurten des hiesigen Krans herausgerutscht. Anja von der Robusta informierte uns telefonisch per Skype wie es passieren konnte und wir beratschlagten, ob man Vorsorge treffen kann. Mir war schon am  Tag zuvor mulmig zumute, als wir die Chulugi zur Werft fahren sollten. Doch die erste sorgenvolle Nacht war umsonst, denn unser Termin wurde fünf Minuten vor Durchführung gecancelt. Die Arbeiter der Werft wollten das Risiko nicht auf sich nehmen und begründeten es damit, dass die Gurte es nicht halten werden und dass sie so ein Schiff – in Form und Gewicht – noch nie gehoben haben. Ich vermute, dass sie sich nur allzu gut an die SY Robusta erinnern konnten… Der Cheffe sollte entscheiden. Da musste Marcel seine Überredungskünste zum Einsatz kommen lassen, doch am Ende sagte der Cheffe zu.

Wir waren trotz aller Sorge um den eigentlichen Vorgang des Auskranens erleichtert, denn eine Auswahl an Krananlagen, die schwere Schiffe heben können, gibt es hier in der Gegend nicht. Wir haben noch zwei Adressen im Petto, doch beide haben ihre Nachteile: der eine zu weit weg der andere zu teuer. Und obwohl man auch in dem Varadero Barlovento nicht auf dem eigenen Schiff übernachten darf, so haben wir wenigsten Freunde und Bekannte hier, die uns möglicherweise dann ihr Boot als Schlafstelle anbieten werden. Woanders jedoch kämen noch Kosten und Stress einer zusätzlichen Unterkunft hinzu (für die Nerven und Gesundheit, sofern die Geldbörse es hergibt, kann ich es jedoch wärmstens empfehlen).

Um 8:00 ging es in die Werft. Zweiter Anlauf wurde begleitet von Schaulustigen und Freunden. Beide daran beteiligten Seiten machten viele Fotos, beide machten sie “für alle Fälle” – für die Versicherung nämlich. Ans Kopfende der Marina in die Ecke der Werft verholen (Gott sei Dank ohne Wind), Gurte anlegen, von Bord steigen und dann blieb uns nichts anderes übrig als zu bangen und von unten zuzuschauen. Am Ende waren – so schien es mir – alle Arbeiter sehr glücklich und atmeten aus.

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Manchmal fühlt man sich wie auf dem Weg zum Schafott.

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Alles, was schwer ist und von Bord getragen werden konnte, haben wir bereits vom Schiff genommen und sicher an Land zwischengeparkt. Bei ca. 17 Tonnen fiel es wahrscheinlich kaum ins Gewicht, aber es machte die sorgenvolle Seele etwas leichter.

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Der Kran wartet…

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Diese Stahlseile müssen halten.

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Und dann, Stückchen um Stückchen ging es in einem Schneckentempo immer ein wenig höher aus dem Wasser.

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Wir hatten viele Zuschauer, die wissen wollten a) wie ein ausländisches Schiff so ganz und unten herum ausschaut und b) ob der Kran hält.

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Und dann wird die Chulugi ganz laaangsam richtung Land gedreht. An nur einem Seil.

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Uff, nach zwei Jahren ohne Auskranen sieht es nach viel Arbeit aus.

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Jetzt vorsichtig auf den Wagen absetzten und mit allerlei Holzklötzen stabilisieren. Dann zieht der Traktor mit einem, mit zwei Rucks an.

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Der Stellplatz. Noch bleiben wir auf dem Wagen. Selbstverständlich sollen wir hier nicht übernachten…

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Auf mich wirkt die Konstruktion aus rohen unbehauenen Holzpfählen nicht sehr stabil und vertrauenserweckend aus. Skipper Marcel sagt wie immer “sieht gut aus”. Auch die hiesige seltsame Methode der langen Holzstäbe, die an den Klampen (eher locker) befestigt werden, leuchtet mir überhaupt nicht ein. Außer natürlich dafür, dass sie die Reling ausleiert und den Lack zerkratzt. Wie sollen diese Pflöcke 17 Tonnen, die möglicherweise zur Seite kippen möchten, davon abhalten? Es ist wohl überflüssig zu schreiben, dass wir für diese Konstruktionen extra zahlen. Unsere Anweisung, man solle bitte die Pfähle unter die Stahlscheuerkante verkeilen – das hätten wir in europäischen Marinas so gemacht – wird an zwei Stellen halbherzig ausgeführt. Was der Bauer nicht kennt…
Innen wartet eine kleine Überraschung auf uns: Wir merken, dass das Boot ca. 2 % Neigung nach Steuerbord und ca.  4 % nach vorne hat…

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Der Varadero – für Wochen wird er der Ort sein, an dem wir leben und arbeiten müssen. Nico verscherzt es sich gerade mit dem vierbeinigen Chef vom Platz, den wir “Staubi” nennen, da er immer in dem schlimmsten Staub und Dreck liegt. Er frisst ausschließlich Abfälle von den Grillabenden, frisches Fleisch verschmäht er. Auch hier: Was der Bauer nicht kennt…

 

Die Arbeit beginnt:

 

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Der Skipper wird zum Handwerker und begutachtet die Arbeit.

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Der Künstler signiert nach drei Wochen permanenter Arbeit sein Werk.

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Der Wagen und Kran werden wieder gebucht. Letzte Stellen mit Antifouling gestrichen.

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Nico muss am Zaun warten. Nicht schön.

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Ein letzter Blick und dann geht es los. Wieder zurück in den Kran und dann hoffentlich problemlos ins Wasser.

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Eine solche Prozedur nimmt alles in allem Stunden in Anspruch. Einen kleinen Einblick, wie das vor sich geht, gibt dieses Video, das ich – damit keine allzu große Langeweile aufkommt – mit vielfacher Zeitraffer geschnitten habe:

 

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Endlich im Wasser! Doch die Arbeit geht weiter. Nun an Deck und unter Deck. Schmirgeln, grundieren, lackieren, schweißen, malen… Hoffentlich sind wir zufriedenstellend bis Ende Februar fertig.

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4 Responses

  1. Eugen M.

    Hallo Marcel, hallo załoga,
    Tydzień temu spotkałem się po dwóch latach z Rolandem!
    W trój godzinnej dyskusji wspominaliśmy o starych czasach nawiązując między innymi do waszej expedycji…nawiązując o waszych przyjemnościach i niebezpieczeństwach.
    Życzę wam pomyślnych wiatrów oraz przynajmniej jednej dłoni wody pod kilem.
    Od czasu do czasu obserwuję was w internecie (adres od Stefana)
    Pozdrowienia od Gienia

    • Joanna

      Cześć Eugen!
      Dzięki serdeczne za pozdrowienia i myślę o nas i naszych podróżach.
      Mój Polski niestety jest bardzo słaby, a pisać to właściwie wcale nie umie . Ale rozumieć to rozumiem…
      Serdecznie pozdrawiamy z Buenos Aires.
      Joanna i Marcel

  2. Edmund Czapracki

    Hallo Marcel und Besatzung,

    ich kann mich voll und ganz in euch hineinversetzen, so eine Grundrevision bleibt nicht in den Kleidern hängen! Erst recht bei den Temperaturen. Ich habe dein Schiff das erste mal von unten gesehen, eine tolle Rumpfform ausgeprägter Rundspant sauber verarbeitet.
    Für 2 Jahre im Wasser sieht das Schiff aber recht ordentlich aus.
    Ich hoffe, du hast die Arbeiten gut überstanden und ihr habt das Schiff wieder in Besitz genommen?

    Die besten Grüße aus Gelsenkirchen

    Edmund

    • Marcel

      Hallo Edmund.
      Ja, wir haben den Werftaufenthalt gut überstanden. Bleibt aber immer noch einiges zu tun. Die Liste wird selten kürzer :) Und wegen der Rumpfform ist das Schiff von Freunden im Kran verrutscht. Der vordere Gurt läuft gerne mal weiter nach vorne. Ein Travellift ist da besser. Das haben die Jungs hier aber letztendlich gut hinbekommen. Wir schwimmen wieder und in guten 10 Tagen soll es wieder flussabwärts gehen.

      Viele Grüße in den Pott.

      Marcel