Yatra! Jeder nur ein Kreuz … Indien und der Berg von Thomas

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Denke ich an Indien – nein, dachte ich ehemals an Indien – dann fielen mir viele hinduistische Tempeln ein. Bespickt mit geheimnisvollen Figuren, devoten Gläubigen, viel Sanskrit, Brahmanen, Räucherstäbchen, Blumengirlanden und Trommelmusik. Gottheiten mit Elefantenköpfen, Affengesichtern und vielen Armen. Nun weiß ich es besser: Indien ist immer anders als man denkt.

Der Bundesstaat Kerala im Südwesten Indiens, insbesondere aber die Region um Cochin (heute: Kochi), ist auf den ersten (und zweiten) Blick durch und durch christlich. Noch nie habe ich so viele Kirchen gesehen wie in der Stadt und Umgebung. Unter den Christen sind es vor allem Katholiken der lateinischen, der syrischen, der syro-orthodoxen, der chaldäischen assyrischen Kirche. In Indien gibt es nach offiziellen Angaben circa 80,5% Hindus, 13,4% Muslime und an dritter Stelle, aber verschwindend gering, 2,3% Christen. In Kerala sind es 20% Christen, in der Cochin-Region wahrscheinlich mehr und gefühlt für uns 70% Katholiken verschiedener kirchlicher Zugehörigkeit.

In der Küstenregion des Bundesstaates Kerala, der sogenannten Malabarküste, wird das Straßenbild von strahlend weißen Kirchen beherrscht. Hier steht eine große, nebenan eine größere, und dort eine riesige Kirche. Eine weißstrahlende Nachbarschaft, buchstäblich, nicht in übertragenem Sinne. Weiß ist die Farbe der Christen – die Hindus benutzen sie als Trauerfarbe. In den ersten Tagen und Wochen unseres Aufenthalts kommen wir nicht mehr aus dem Staunen heraus. Doch davon berichte ich vielleicht später. Was hat es aber auf sich mit all den lateinischen und syro-orthodoxen Kirchen? Wo kommen sie denn alle her? Und jetzt kommt Thomas ins Spiel.





Vom ungläubigen zum wissenden Thomas

Ich lese häufig, die indischen Christen seien von Portugiesen und englischen Kolonialherren christianisiert worden. Diese lapidare Aussage ist in ihrer Verallgemeinerung schlicht falsch. Zwar haben Portugiesen und christliche Händler zur Verbreitung des christlichen Glaubens mit beigetragen, aber die Inder fühlen sich alles andere als „kolonisierte Christen“. Die Christengemeinden in Kerala sind stolz darauf, von keinem geringeren als dem Apostel Thomas und, in seiner Nachfolge, von christlichen Brahmanen – die höchste Kaste Indiens – höchstpersönlich bekehrt worden zu sein. Und welche von unseren Gemeinden in Europa kann schon so etwas von sich behaupten? Nicht viele.

Der Apostel erlangte bereits in der Zeit, als Christus noch gerade oder just nicht mehr auf der Erde seines Vaters weilte, eine zwiespältige Berühmtheit und den Beinamen „der ungläubige Thomas“. Mit anderen Worten, er war ein kritischer Mensch. Kritische Nachfragen nervten die Menschheit damals wie heute. Und Thomas zweifelten im Grunde die Göttlichkeit seines Führers Jesus Christus an. Er glaubte nicht an die Existenz von Untoten und auch nicht an ein so großes Wunder wie die Auferstehung von den Toten. Gleichzeitig war er nicht nur ein Zweifler, sondern war auch ständig zu spät, wenn es um wichtige Ereignisse ging. Und obwohl seine Mitstreiter ihm genau von so einem Wunder der Unsterblichkeit berichteten, zeigte sich Thomas von seiner sturen Seite und pochte auf den Menschenverstand. Erkennen und anerkennen wollte er nur dasjenige, was er mit seinen eigenen Augen gesehen und auf den Wahrheitsgehalt überprüft hat. Wissen, nicht glauben, liebe Mitbrüder – das hätte seine Parole sein können. Diese Haltung kann man in einer Zeit allgemeiner Leichtgläubigkeit und Analphabetismus nicht hoch genug würdigen. (Übrigens auch heutzutage.)

Jesus Christus bekam davon Kenntnis und passte die Zeit seines nächsten Besuchs besser ab, so dass diesmal auch Thomas anwesend war. Nun hatte Jesus leichtes Spiel: Er zeigte Thomas seine Wunden und ließ den Ungläubigen die Hand in seinen Körper fahren. Was Thomas dabei fühlte, ist nicht überliefert. Fakt ist, dass aus dem ungläubigen Thomas augenblicklich ein Ex-Ungläubiger wurde.

Da kam Jesus [zu den Jüngern], trat in ihre Mitte und sagte: Friede sei mit euch! Dann  sagte er zu Thomas: Streck deinen Finger aus – hier sind meine Hände!  Streck deine Hand aus und leg sie in meine Seite und sei nicht  ungläubig, sondern gläubig! Thomas antwortete ihm: Mein Herr und mein Gott! 
Eines der schönsten und eindrücklichsten Bilder von Caravaggio: „Der ungläubige Thomas“ (1601/2) darf seinen Finger ganz tief in die Speerwunde stecken. (Ein Grund mehr, mal wieder nach Potsdam zu fahren.) [Original: Schloss Sanssouci, Potsdam; Quelle: Web Gallery of Art/Wiki]
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Jesus war kein nachtragender Sohn Gottes, aber er konnte es sich nicht verkneifen, einen belehrenden Satz hinterher zu schicken, und zwar so formuliert, dass daraus ein Merksatz wurde:

Weil du mich gesehen hast, glaubst du. Selig sind, die nicht sehen und doch glauben. [Joh 20,19–29 EU (EU heißt: langweilige Einheitsübersetzung)]

Richtiger wäre natürlich „Weil du mich gesehen hast, weißt du“, aber das kann auch an der falschen Übersetzung liegen, wäre nicht der erste Fehler dieser Art. Es half nicht, dass Thomas zum Wissenden wurde, der Spitzname blieb für alle Zeiten an ihm haften. Vielleicht zurecht, denn Thomas konnte tatsächlich seine Mitmenschen mit seinem Zuspätkommen und seinen Nachfragen strapazieren.

Der nervige Thomas – so einem glaubt man eher

Der Jünger Thomas hatte schon zu früheren Gelegenheiten seinen spitzfindigen Geist unter Beweis gestellt. Zum Beispiel als er während des Letzten Abendmahls es nicht lassen konnte und Jesus mit Nachfragen nervte. Wohin gehst du? Und wie sollen wir dir folgen, wenn wir nicht wissen, wohin du gehst? Statt einer klaren Wegbeschreibung erfuhr er nur soviel: „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben.“ (Joh 14,6 EU) Ob er damit zufrieden war? Aber Thomas war ein guter Freund und Gefährte, so wollte er Jesus überall folgen und notfalls auch den Tod mit ihm erleiden. Einige Quellen meinen sogar, er sei der Zwillingsbruder Jesu gewesen, Zwilling wohl aufgrund der Ähnlichkeit, die er anstrebte. Das erklärt auch seinen Namen, der in Aramäischem te-oma „Zwilling“ oder „gedoppelt“ bedeutet, weswegen er im Griechischen (und damit in der Bibel) auch den Beinamen Didymos (Θωμάς) trägt. Thomas ist sowieso der interessanteste Apostel von allen – siehe beispielsweise das nicht vom Vatikan anerkannte Thomasevangelium -, aber ich schweife ab.

Thomas reist aus Indien für Maria an

Und noch einmal wurde allen klar, was für ein Unverbesserlicher Thomas im Alter blieb. Er verpasste die zwei wichtigsten Wunder der Christen: die Auferstehung Jesu und die Mariä Himmelfahrt. Und nicht nur das, er zweifelte auch diese an. Dass einer Frau das Tor zum Himmelreich Gottes offen stand, mehr noch, dass sie auch noch von Engeln oder ihrem Sohn persönlich abgeholt wurde, so etwas wollte er nicht einfach so glauben. Die heilige Familie musste Thomas auf jeden Fall sehr gern gehabt haben (Zwillingsbruder?), denn trotz seiner kritischen Ader wurde er nicht ordentlich zusammengestaucht, wie Gottvater das noch mit seiner Gefolgschaft machte, sondern wie ein Kind behandelt.

Ich schweife noch einmal ab, aber auch das gehört zu unserem indischen Thomas (und ist eine schöne Geschichte obendrauf): Als Maria spürte, dass ihre Zeit zu sterben gekommen war, wollte sie noch einmal die Jünger um sich versammeln und sich von ihnen verabschieden. Sie schickte Boten nach ihnen aus und alle Jünger eilten an ihr Sterbebett. Alle elf, denn Thomas weilte in Indien und war schon wieder zu spät.

Eine Variante der Legende besagt, dass er angesichts des leeren Sterbebettes (oder Grabes) dem Bericht der Jünger wieder mal nicht glauben wollte. Da soll dem Zweifler Maria erschienen sein und ihm ihren Kamelhaargurt, den sie während ihrer Schwangerschaft mit Jesus trug, als Beweis für ihre leibliche Existenz im Himmel gegeben haben. Danach gab Thomas endlich Ruh.

Eine andere Legende, die mir besser gefällt, besagt, dass Maria schon eine Ahnung bezüglich des notorisch verspäteten Apostels und seiner Zweifel hatte. Als sie hoch in den Himmel aufgefahren war, sah sie, wie Thomas den weiten Weg aus Indien herbei eilte. Da hat sie ihm ihr Gurtband von oben herunter gereicht, damit er nun Gewissheit hat und die Jünger nicht nerve. Die Kunst hat sich dieser Legende gerne angenommen.
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Mariä Himmelfahrt“ von Palma Vecchio (1512-14) zeigt, wie Maria ihren Gürtel löst, als sie sieht, wie Thomas – hier als eine kleine braun-blaue Gestalt im rechten oberen Bildrand – den Hügel herunter eilt. Er hebt den Arm wie zum Gruß dem ihm dargereichten Gürtel entgegen. (Man muss schon genauer hinschauen.) [Original: Gallerie dell’Accademia, Venedig; Quelle: Web Gallery of Art/Wiki]




Thomas in Indien

Der Apostel Thomas machte sich, wie seine andern Brüder im Geiste auch, in die weite Welt auf, um allen anderen Menschen die Geschichte von dem Gott, der am Kreuz gestorben und auferstanden war, zu erzählen. Thomas hatte dabei ziemlich gute Karten, denn er konnte die skeptischen Menschen mit seiner eigenen Ungläubigkeit überzeugen. Psychologisch betrachtet ein guter Schachzug. Thomas ging über Persien nach Indien. Er reiste von Palästina aus, indem er sich einigen Händlern anschloss. Auf dem Weg soll er in Syrien sowie dem heutigen Irak und Iran missioniert haben (offenbar nicht nachhaltig). In Indien kam er mit einem Schiff an und ging in dem damaligen Muziris von Bord. Den ehemals reichen Hafen setzen einige Wissenschaftler mit Cranganore (nun Kodungallur) gleich, andere bezweifeln das, weil an diesem Ort keine antiken Relikte gefunden wurden. Musziris/Cranganore/Kudungallur war zu damaligen Zeit der wichtigste Hafen im Arabischen Meer, der florierenden Handel mit dem Römischen Reich und Fernost betrieb.

Man schrieb das Jahr um 52 n. Chr. als Thomas Muziris betreten haben soll. Hier gab es viele jüdische Händler, die bereits sei dem 1. Jh. v. Chr. tätig waren und eine entsprechend große Gemeinde hatten, welche sicherlich Thomas aufnahm. Auch wenn die Urchristen für viele Juden so etwas wie „Separatisten“ waren, waren sie eben doch noch Juden (wie Jesus selbst auch). In Muziris ging der Apostel also zunächst ans Werk und baute die erste der insgesamt sieben Thomas-Urgemeinden in Indien auf, die somit zusammen mit jenen in Jerusalem, Armenien und Rom die ältesten wären. Übrigens, in Kodungallur wird heutzutage die Handreliquie des Apostels verehrt.

Ich wünsche mir daher eine kleine Pilgerfahrt zu dem Thomas-Landungsort, der nur circa 20 Kilometer von unser eigenen Landungsstelle entfernt liegt, doch das verschieben wir aufs nächste Mal. Dank Coronavirus lässt diese Pilgerfahrt bis heute auf sich warten. Aber wir haben noch eine andere heilige Stätte in petto: den Ort Malayattoor mit seinem heiligen Berg, den vielen Kapellen und den beiden Kirchen am heiligen Fluss Periyar. Hier soll sich der heilige Thomas längere Zeit aufgehalten, gebetet und meditiert haben. Tatsächlich bestimmte Vatikan Malayattoor zu einem der weltweit acht internationalen katholischen Heiligtümer (3 mal Polen, 2 mal Italien, 1 mal Lettland und Portugal sowie Indien).

Apostel-Thomas-Kirchen in Malayattoor. Links die St. Thomas Syro Malabar Church, rechts die Old Malayattoor Church.
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Überraschend schön der Innenraum der großen Kirche. Die Altargestaltung erinnert mich an orthodoxe Bildwand, sogenannte Ikonostase, die den eigentlichen heiligen Altarraum von den Gläubigen zu verbergen hatte. Kein Wunder eigentlich, gehört diese Kirche den Katholiken der Syrischen-Orthodoxen an.
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Die ältere, kleinere Kirche hat wenig ihrer alten Ausstattung behalten dürfen. Die Kanzel und der Opferstock (unten) gehören sicherlich dazu.
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Der Zugang zum Wasser unterhalb der alten (kleineren) Kirche in Malayattoor: Holy River Periyar. Rieten, in denen Hindus und Christen sich vereinen, denn Wasser ist für beide ein Verbindungsglied zu Gott und ein Ritual der Erneuerung (Waschung und Taufe).
Die Treppe, die ins Wasser führt, erinnert uns en miniature an die berühmte Situation am Ganges, wo Millionen Gläubige die Flusstreppen – die sog. Ghats – nehmen, um ins heilige Wasser zu steigen. Hier erfüllt diese Aufgabe der Fluss Periyar. In Hindi bedeutet sein Name schlicht der „große Fluss“.
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Wie alle großen Flüsse in Indien, ist auch der Periyar heilig, auch wenn das ihn nicht davor schützt, total verdreckt zu sein. Periyar ist der größte Fluss des Bundesstaates Kerala. Uns ist er aus Munnar in den Bergen bekannt und in Cochin begegnet er uns täglich an unserem Boot, an dem er vorbeifließt. Periyar ist einer der wenigen „ganzjährigen“ Flüsse, das heißt, er trocknet nicht aus. Er versorgt nicht nur Cochin, sondern auch einige andere Großstädte mit Trinkwasser (das man nicht trinken sollte). Ungezählt sind seine Nebenflüsse. Der Periyar erzeugt durch die Stauung seines Wassers in dem berüchtigten Idukki-Damm, der zusammen mit anderen zu spät geöffneten Dämmen zu verheerenden Überschwemmungen führte, einen erheblichen Teil von Keralas elektrischem Strom. 25% der Industrie von Kerala befinden sich am Ufer des Flusses, das meiste davon etwas nördlich von Cochin. Sein Wasser dient auf seiner gesamten Strecke zu Bewässerungszwecken, als Brackwasser für die Haushalte, und als Fischlieferant für die Millionen Inder, die seine Ufern bevölkern. Wahrlich, der Periyar ist eine echte „Lebensader von Kerala“. Seine Mündung in den Indischen Ozean liegt gleich bei uns.

Wäre nicht die feuchte Hitze, so könnte ich mich hier für länger niederlassen, die Vögel und die Büffel beobachten und dem Plätschern des Wassers zuhören. Und davon träumen, wie schön dieses Land ehemals gewesen sein muss, als der Apostel Thomas es durchwanderte.
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Dass der heilige Thomas in Südindien, an der Malabarküste missionierte, gilt für die christliche Kirche als gesichert. Hier soll er viele Brahmanen (die höchste hinduistische Kaste der Priester und Gelehrten) von dem neuen Glauben überzeugt und zum Christentum bekehrt haben. Das wäre strategisch betrachtet ein riesengroßer Coup gewesen, denn wer einen Brahmanen überzeugt, dem folgen Hunderte und Tausende Inder nach. Vermutlich halfen dem Apostel bei der Überzeugungsarbeit sein angeborener Skeptizismus und die persönlichen Erfahrungen damit. Nichts ist umsonst. Die missionarische Tätigkeit Thomas bezeugen bis heute einige hochverehrte Orte in Kerala und in dem heutigen Chennai an der Koromandelküste (Ostküste).

Wie ging es in Indien weiter?

Thomas machte einen Fehler, indem er von Kerala in den benachbarten Staat Tamil Nadu und nach Mylapore/Mailapur, heute ein Stadtteil von Chennai (ehem. Madras), an die Koromandelküste wechselte. Die beiden Orte verband ein reger Handel und entsprechend gut frequentierte Karawanenwege, die auch Thomas genommen haben soll. Anders als in der Multikulti-Gesellschaft in Kerala konnte er in Chennai nicht die Brahmanen von dem christlichen Glauben überzeugen. Nach einer unglücklich verlaufenden Darbietung von christlicher Überlegenheit, bei der eine wichtige Götterfigur in einem Tempel „wie Kerzenwachs“ zusammenschmolz – soweit die Legende -, fand er sich einer erbosten Gemeinde gegenüber. Der Brahmane des Tempels verlor sein Gesicht und soll den Apostel mit einem Speer oder mit einem Schwert getötet haben. Dieses finale Ereignis fand um 70 n. Chr. statt. Doch der Apostel hat offenbar schon vorher den Unmut der lokalen hinduistischen Bevölkerung auf sich gezogen. Die zunächst mündlich überlieferten Berichte besagen, dass der Apostel aufgrund von Anfeindungen sich auf den kleinen Berg – den „Little Mount“ – und dort in eine Höhle geflüchtet habe.

Die Legendenverfasser haben sich schon sehr früh gefragt, warum Thomas nach Indien gegangen ist, und dann auch noch ausgerechnet nach Madras (Chennai). Eine weitverbreitete Erklärung ist, dass Jesus persönlich ihn dorthin schickte. Eine damit eng verknüpfte Variante besagt, dass Thomas für einen indischen Herrscher ein Palast bauen sollte (weil er so eine geniale Entwurfszeichnung anfertigte). Statt es zu bauen, hat er das Baugeld an Arme verschenkt. Der erzürnte Herrscher hatte aber dann ein Einsehen mit ihm, als er erfuhr, dass der Apostel den Palast für ihn im Himmel gebaut hat… Schon im 3. Jahrhundert hatten Kirchenväter diese Version als Blödsinn abgetan. Sie hält sich aber hartnäckig bis heute. Davon zeugen unter anderem die Attribute des Heiligen Thomas, zu denen neben dem Speer (oder Schwert) seines Martyriums auch das Winkelmaß der Bauleute gehört.

Nach seinem Märtyrertod wurde ihm ein Grab mit einer weißen (Marmor-) Platte gespendet, wo seine Gebeine als Reliquien sorgsam aufbewahrt wurden. Irgendwann muss das Grab aus der Grotte auf dem Little Mount auf den großen Berg nebenan überführt worden sein, der jetzt St. Thomas Mount („Santhome“) heißt. Hier baute man über dem Grab eine Kapelle, die dann von den Portugiesen (die Mylapore zu ihrem Handelszentrum ausbauten) im Jahr 1522 zu einer Kirche aufgepeppt wurde. Der heutige große Bau, die St. Thomas Basilica, ist eine neugotische Kirche von 1893. Es waren die Briten, die während ihrer Kolonialzeit die alte portugiesische Kirche niederrissen und somit alle wertvollen Spuren der alten Vorgängerbauten getilgt haben. 1956 hat der Vatikan diese Kirche in den Rang einer „Basilica minor“ erhoben. Sie gehört zu jenen wenigen über einem Apostelgrab gebauten Basiliken (auch wenn ihre Reliquien später geraubt wurden). Die anderen Grabeskirchen sind St. Peter in Rom, Kathedrale von Santiago de Compostela und St. Thaddäus (Kara Kilise, „schwarze Kirche“) in Ghara-Kilise (heute Iran).

P. S. Wer nach Chennais kommt (falls die Corona-Panik irgendwann nachlässt), sollte die kleine Luz Church in Mylapore aufsuchen. Diese 1516 erbaute portugiesische Kirche ist nach der Zerstörung der alten St-Thomas-Kirchen durch die Briten die älteste christliche Kirche im Chennai-Distrikt (und vielleicht auch darüber hinaus).

Im 3. Jh. wurde beschlossen (von wem und warum ist nicht ganz klar, vielleicht von einem indischen König), die Reliquien nach Edessa (in der heutigen Türkei und nicht mit Odessa zu verwechseln!) zu überführen. Ein willkürlicher Akt und de facto ein Diebstahl, denn die Gebeine waren Mittelpunkt einer christlichen Urgemeinde. Die Exhumierung muss schlampig und wohl nicht von Fachleuten durchgeführt worden sein. Die schriftlichen Überlieferungen aus Indien dieser Zeit beweisen ihre Glaubwürdigkeit, als sie davon berichten, dass noch „Reste“ im Grab des Apostels verblieben sind, die sich einer großen Verehrung und Wallfahrt erfreuen. Tatsächlich konnte einige Hundert Jahre später bei Ausgrabungsarbeiten nachgewiesen werden, dass im Grab weitere Überreste lagen (ob mit Absicht oder nicht, lässt sich nicht klären).

Währenddessen hat Ibas von Edessa für die Thomasreliquien eine Kirche erbauen lassen. Zwischenzeitlich den Schädel des Apostels wohl nach Tiflis verschenkt oder verkauft (heute in der Kathedrale von Tiflis/Georgien), wo er von der Georgisch-Orthodoxen verehrt wird. Die Kreuzfahrer haben 1258 die Thomasreliquien aus Edessa wegen der Muslime über Umwege nach Ortona in Italien gebracht und so liegen die Thomasreste in der Unterkirche im Dom San Tommaso Apostolo und verstauben in einer goldenen Kiste. Während das nun leere Grab in Indien sich weiterhin einer großen Wallfahrt als wichtige Pilgerstätte erfreut. Das Ende der Geschichte um das Schachern mit Gebeinen, ist die vermeintlich großzügige Schenkung der Handreliquie durch Papst Pius XII. an die indischen Christen. Zum Anlass diente der 1900ste Jahrestag der Ankunft des Apostels in Indien. Die Handreliquie – wahrscheinlich jener „Rest“ aus dem Originalgrab – durfte in jene Hafenstadt zurückkehren, wo für den Apostel alles begann. Sie wird in der St. Thomaskirche aufbewahrt. So schließt sich nun der Kreis, zumindest für Thomas Hand.

Stolze Thomaschristen

Es erfordert eines heiligen Mannes, der mit Gott im persönlichen Kontakt stand, um aus einem Hindu einen Christen zu machen. Die indischen Christen sind stolz, von Apostel Thomas und seinen Nachfolgern bekehrt worden zu sein. Keiner wird sich dazu bekennen, von Portugiesen oder gar von den Anglikanern erst im 16. oder 19. Jahrhundert christianisiert worden zu sein. Auch ich möchte lieber daran glauben, dass der uns allenthalben begegnende lebendige Glaube der indischen Thomaschristen seine Wurzeln an der Quelle hat.

Die Mitglieder der christlichen Urgemeinde in Kerala nennen sich bis heute gerne „Thomaschristen“. Dahinter steht aber die syro-orthodoxe Christengemeinde, Urchristen, die vor beinahe zwei Jahrtausenden aus Syrien einwanderten. Der Grund, warum sie diesen Weg bis in den Süden Indiens nahmen, lag vor allem daran, dass sie in ihrer Heimat von den erstarkten Muslimen vertrieben wurden. Da Syrer auch Händler waren, passten sie gut in das Bild der vom Handel zwischen Orient und Okzident dominierten, reichen Malabarküste. Für diese Wanderung, aber auch für eine gewisse Vorbereitung auf das Christentum, war sicherlich die jüdische Gemeinde in Muziris (Cranganore) und benachbarten Handelsstädten mitverantwortlich, die sich hier bereits vor der christlichen Zeitrechnung niederließ und starke Handelsposten aufbaute. Deutliche Hinterlassenschaft der jüdischen Gemeinden finden sich überall in der Küstenregion, ganz speziell aber im jüdischen Händlerviertel in Cochin.

Nun aber genug der langen Vorgeschichte. Jetzt geht es auf die Pilgerschaft vom Parkplatz hoch auf eines der acht katholischen Weltheiligtümer, den Berg Kurisumudy im Kerala-Bundesstaat.

Yatra – Der steile Weg auf den Mount Kurisumudy

Es ist fast Mittag und wir entscheiden uns, ohne viel zu überlegen, auf den heiligen Thomas-Berg zu steigen, auf den Kurisumudy. Angeblich sind es nur 20 Minuten nach oben, der Kurisumudy ist gut 600 Meter hoch, aber das weiß ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Ich brauche für diese Pilgerreise über eine Stunde und mir ist unterwegs schleierhaft, wie Humboldt und Konsorten in voller Bekleidung in den Tropen gewandert und überlebt haben sollen. Das, was mich unterwegs plagt, ist neben der Hitze, die nicht vorhandene Kondition, und vor allem der Ärger, dass Marcel nur eine winzige Flasche Wasser mitgenommen hat, obwohl wir volle im Auto hatten. Alle paar Höhenmeter sehen wir Tränken aus Edelstahl, manche mit einem angeketteten Becher – wir können uns also gut vorstellen, wie diese Pilgerstätte zu Ostern aussieht.

„Kein Wasser“, meint Marcel, der ein oder zwei Hähne von den hundert insgesamt betätigt hat. Aus Erfahrung klug versuche ich die restlichen zu aktivieren – und siehe da, Wasser kommt. Mit ist es egal, ab die Aufschrift „Drinking-Water“ stimmt oder nicht.

Typische tropische Waldesstille umgibt uns. Vögel schreien, Affen schreien, später werden auch noch Lautsprecher schreien, die über unseren Köpfen hängen. Der Weg besteht aus Steinen und ist sehr steil, Wasser ist je nach Wasserhahn rar, der Durst und die Hitze plagen mich. So sollte eine echte Pilgerschaft doch sein. Wallfahrt heißt in Indien übrigens „Yatra“ [jatra].

Oben angekommen muss ich mich sich erst einmal erholen und orientieren, denn das weitläufige Plateau ist alles andere als leer. Hier soll der Apostel Thomas ganz in der Manier von Jesus Christus sich zum Gebet und Meditation niedergelassen haben. Aber wo? Ich sehe ziemlich viele Anlagen, die theoretisch dafür infrage kommen. Dann plötzlich ein Knall, ganz nah bei mir, der mein rasendes Herz noch einmal puscht. Klar, auch hier werden Knallkörper gezündet. Hier wohl gegen die Affen, aber so nebenbei auch gegen Nico, der davor eine panische Angst hat. Marcel bittet den Zündmeister, auf weitere Knaller zu verzichten, doch der will nicht verstehen.

Berggipfel hatten in allen Kulturen immer eine große Anziehungskraft auf Menschen ausgeübt. Davon zeugen bis heute uralte Tempelanlagen und Legenden von Göttern und Dämonen, die ihren Sitz auf Bergen hatten. Die Bibel und andere christliche Schriften berichten von Bergen als Orten der Kontemplation und Gottesbegegnung, der Bergpredigten, Begegnungsstellen zwischen Gottvater und Moses, oder Marien- und Jesus-Erscheinungen,. Ganz zu schweigen von den vielen Bergklöstern. Der Berggipfel scheint ein besonders magischer Ort zu sein, der zudem auch räumlich näher an den Göttern liegt.

Während ich versuche, unter dem alten Dach einer Kirche meinen Kreislauf zu stabilisieren, bewundere ich den Ausblick über waldbedeckte Berggipfel und Hügelketten der Western Ghats. Und wundere mich, warum sie noch nicht abgeholzt und urbar gemacht wurden. Vielleicht auch ein kleines aber heutzutage so wichtiges Wunder. Eine Affenhorde kommt und beäugt mich neugierig. Sie wartet wohl auf Futter. Ich habe nichts, der Ausflug sollte ja nur 20 Minuten dauern. In einigen hinduistischen Tempeln ist es Sitte, Affen zu füttern, dann vor allem, wenn der Tempel Haneman, dem affenähnlichen Gott gewidmet ist. Glauben kann man ablegen, aber die Sitten und rituelle Handlungen eben nicht so schnell, und so dauert es nicht lange, bis eine kleine Gruppe an Christen vorbeikommt mit einer Tüte Kekse (!) für die Affen. Ist aber dann doch mehr und mehr an mir und Nico interessiert.

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Bitte, bete leise (und füttere nicht die Affen).
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Nach ihrem Besuch kehrt wieder die typisch indische Stille ein. Bis ganz plötzlich ein ohrenbetäubender Lärm aus den buchstäblich überall angebrachten Lautsprechern ertönt. Mir wird klar, dass uns diese wenig kontemplative Beschallung beim Aufstieg nur erspart blieb, weil die Anlage gerade repariert wurde. Mein Blick fällt auf die großgeschriebene Aufforderung „Please Pray Silently“ – bete leise.

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Landschaft, Natur – wenn man nicht so genau hinguckt, dann sieht man endlich auch keine Häuser und keine Spuren der Urbanisierung.

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Die Suche nach dem Authentischen

Der Gipfel ist ein großes, teilweise felsiges Plateau, das deutliche Spuren zahlreicher Pilgerschaften trägt. Zunächst erblicken wir die vielen nicht zu knapp bemessenen Kreuze, die hierhin per pedes hochgetragen wurden. Mich wundert es nicht mehr, warum wir so viele verlorene Schuhe, mit Vorliebe nur ein Flip-Flop, auf dem Weg gesehen haben. Wer einen dieser Kreuze nach oben trägt und das überleben will, der bückt sich nicht wegen eines Schuhs – und er verdient einen großen Respekt.

Nicht nur Kreuze, auch die vielen Gebäude zeugen von zahlreichen Pilgern. Später erfahre ich, dass Tausende von ihnen aus dem benachbarten Bundesstaat Tamil Nadu kommen, und dass diese Wallfahrt sehr alte Wurzeln hat. Begünstigt wurde sie durch die Kamelkarawanen, deren Weg unweit des Heiligtums verlief. Auf dem Berg gibt es Erste-Hilfe-Station (sehr wichtig), Toiletten, Essensausgaben, Übernachtungsmöglichkeiten, Aufenthalts- und Gebetshallen… Nur Mülleimer gibt es nicht, und so sieht es auch hier aus. Wir sind dankbar, dass wir den Berg fast für uns alleine haben. Alle Gebäude sind geschlossen. Nur die ‚Elektriker‘ werkeln weiter an einem Lautsprecher, Frauen fegen beständig den Boden, und ein Wächter feuert ständig Knallkörper ab.

Pilgerkreuze auf dem Berg Kurisumudy bei Malayattoor.
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Die Pilger gehen mit diesen Kreuzen Hunderte von Kilometern, bevor sie den Berg erreichen. Einige Kreuze sollen über 75 Kilo wiegen. Doch manche Sünden sind vielleicht noch schwerer, wenn sie solcher Kreuze erforderlich machen. Die Wallfahrt auf den Berg Kurisumudy verdankt sich der Reise des Apostels durch das Dorf Malayattor, wo er laut der Überlieferung von Eingeborenen angegriffen wurde und sich in den Dschungel des Berges flüchtete. Vielleicht war er bereits auf dem Weg nach Tamil Nadu, denn hier verlief auch der Karawanenweg. Der Heilige Thomas arbeitete sich offenbar ganz nach oben bis zum Bergplateau vor. Dort angekommen ritzte er ein Kreuzzeichen in den Felsen, küsst es, und begann zu beten. Da erwuchs vor ihm aus dem Fels heraus ein echtes goldenes Kreuz. Dort aber, wo der Apostel stand und betete, wurden seine Fußabdrücke im Felsen für immer sichtbar. So will es die Legende.

The Way of the Cross. Tamilische Pilger aus Tamil Nadu kennzeichnet eine tiefe Frömmigkeit aus. [Quelle: Facebookseite Malayattoor, Kurisumudy-Offical Page-St.Thomas International Shrine]
Ein Gläubiger aus Tamil Nadu trägt ganz locker ein Kreuz, das am ehesten an das Patriarchenkreuz, der kleine Balken symbolisiert die Inschrifttafel INRI, erinnert. [Quelle: Facebookseit Malayattoor, Kurisumudy-Offical Page-St.Thomas International Shrine]
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Der erste Sonntag nach Ostern wird als das Hauptfest von Tausenden von Gläubigen gefeiert, die den Berg hinaufgehen und dabei „Ponnum Kurishu Muthappo, Ponmala Kayattom“ rufen, was soviel heißt wie „Oh Patriarch des Goldenen Kreuzes! Klettern wir diesen goldenen Hügel hinauf!“ Warum der Hügel als golden bezeichnet wird, auch das erfahre ich erst später. Mit dem Wort „Muthappan“, das als „Patriarch“ übersetzt wird, rufen die Pilger den heiligen Thomas an. Tatsächlich ist Muthappan eigentlich eine Gottheit, die vor allem die unterprivilegierte Kasten verehrten, damit sie sie vor der Willkür der höhergestellten Kasten beschützt. Der Sree Muthappan wird von einem Hund begleitet, der ihn beschützt und gleichfalls als heilig gilt.

Später, offenbar als Thomas bereits wieder woanders weilte, gingen einheimische Jäger zum Jagen auf den Berg. In der Nacht sahen sie etwas glitzern, was den Berg erhellte. Sie folgten dem Licht und fanden ein großes strahlendes Kreuz auf dem Fels. Als sie mit ihren Speeren darauf schlugen, tropfte Blut daraus. Erschrocken rannten sie zu ihren Familien und berichteten darüber. Der Berg soll in dieser Zeit einige Wunder hervorgebracht haben, aber diese Kreuzgeschichte ist laut Überlieferung das eigentliche Startsignal für die Kurisumudy-Wallfahrt.

Noch habe ich beides – Kreuz und Abdrücke – nicht gefunden. Schaue mir stattdessen die Säulen genauer an, an denen ich mich von den Strapazen erhole, und komme zu der Einsicht, dass es sich hierbei um ältere Exemplare handeln muss, als die Kirche in meinem Rücken es mit ihrer Innenausstattung vorgibt.

Pilgerkreuze auf dem Kurisumudy-Gipfel auf gut 600 Metern Höhe.
Eine Freiluftkapelle für die vielen Pilger in der Osterwoche. Hier wird die große Messe vor dem Letzten Abendmahl zelebriert. Diese recht naive Kopie des berühmten Gemäldes von Leonardo da Vinci zeigt den Apostel Thomas an Jesus linker Seite. Er ist der Herr mit dem schmalen Gesicht, schwarzen Haaren und einem spitzen schwarzen Bart. Er zeigt drohend mit dem Zeigefinger nach oben. Dargestellt ist der Moment als Jesus seinen Jüngern offenbart: Einer von euch wird mich heute verraten.
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Endlich, nach dem Parcours durch das Pilgerparadies entdecke ich eine vielversprechende Kirche auf nacktem Fels. Bibelfeste Leser werden sich vielleicht erinnern – baue nicht auf Sand!
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Es ist geschafft, ich finde durch den Wust an Gebäuden und Zelten hindurch zu den eigentlichen, den wichtigen verehrungswürdigen Orten. Davon gibt es hier drei und sie staffeln sich in einer Reihe hintereinander. Wie so häufig, sind sie nicht besonders auffällig und beim weiten nicht so überwältigend, wie die Phantasie sie sich ausmalte. Dabei zeigt sich, dass wir einen falschen Weg eingeschlagen haben, und das Allerheiligste zunächst nicht bemerkten. Nun gehen wir in umgekehrter Reihenfolge zurück. An unserem Anfang steht eine uralte Wand, die hinter einer mittlerweile zerkratzten Glasscheibe verborgen ist. Nur wenn man weiß, worum es sich dabei handelt, kann es auch durch die eingeritzten Namen und Daten hindurch erkennen.

Die alte „Elephantenmauer“, vielleicht von 1595. Rückseite der Malayattoor Kurishumudy Church.
Detail der möglicherweise ersten Kirche auf dem Berg Kurisumudy. Abgesehen von den Spendengeldern und den Eingravierungen sieht man wenig, doch die Mauer ist eindeutig ramponiert und durch die Feuchtigkeit hinter der Schutzscheibe bemoost.
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Die Legende besagt, dass wilde Elefanten, die in dieser Zeit noch im dichten Wald* zusammen mit zahlreichen anderen Tieren wie Tigern und Panthern auf dem Berg lebten, dieses Gotteshaus nicht schätzten und es immer wieder attackierten. Es soll ein mächtiger Elefantenbulle, ein sogenannter Tusker (wörtlich „Stoßzahn“ oder „Stoßzahnträger“), die Malayattoor Kurishumudy Church angegangen und auf ihre Mauern eingeschlagen haben. Schlussendlich haben es der Tusker geschafft und die Kirche zum Einsturz gebracht.

Interessante Legende, in der die als klug aber auch unberechenbar und nachtragend geltenden Elefanten sich gegen die „neue Religion“ wenden. Ungewöhnlich ist diese Darstellung daher, weil hier – offenbar anders als in Europa, wo Tiere, da reinen Herzens, Gott als erste anerkennen – just die mächtigen Elefanten es sind, die für den alten Glauben und Traditionen einstehen. Tatsächlich sieht man hinter der bekrittelten Scheibe deutliche Spuren im weichen Mauerwerk. Große Mulden und Eindellungen sind vorhanden, und wer will da schon daran zweifeln, dass sie nicht von Elefanten stammen. Ich kann mir aber auch gut und prosaisch vorstellen, dass die Elefanten sich gerne an der rauen Wand gerieben haben, und die vielleicht bereits baufällige Kapelle so zum Einsturz brachten. Oder, vielleicht noch wahrscheinlicher, die hier ansässige hinduistische (oder animistische) Bevölkerung die dressierten Elefanten gezielt auf das Haus ansetzte.

*Ich lese, dass der Dschungel hier bis 1968 bestand. Nun frage ich mich, was sich hinter dieser genauen Datierung verbirgt. Warum sind die wilden Tiere – und der Wald – just in diesem Jahr verschwunden? Im Übrigen, am anderen Ufer des Flusses unterhalb des Berges existiert eine alte sogenannte Elefantenschule, was ich aus Prinzip nicht besuche. Man soll dort regelmäßig zu Tränkezeit die majestätischen Tiere und ihre Meister beim Baden im Fluss beobachten können.*

Diese kleine Malayattoor Kurishumudy Church ist wohl der Nachbau oder einfach Neubau der alten Kirche, die hier noch bis 1595 stand. Rückwärtig befindet sich die alte Mauer, die möglicherweise aus dieser Zeit (oder älter) stammt.
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Namenlose Kirche – und mein Favorit.
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Diese Kirche, deren Namen ich bis heute nicht weiß, ist mein Favorit. Ich nenne sie die „Bete-Leise-Kirche“. Auch sie steht direkt auf dem nackten Fels, unmittelbar vor der Kurishumudy Church. In ihrem Säulenumgang habe ich mich ausgeruht und dabei nicht nur die Affen beobachtet und die Gebirgslandschaft genossen, sonder, wie ich meine, auch wesentlich ältere Relikte als die Einrichtung und Fassade der Kirche entdeckt.

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Ein weiter Beweis für ältere Zeugen an Kirche: Die alten Stufen, die noch nicht hinter gut gemeinten Kacheln und Mörtel verschwunden sind.
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Ich musste erst einmal unsere indischen Freunde mobilisieren, um der Inschrift auf der obersten Stufe auf die Spur zu kommen. Zunächst erfahre ich, dass die Sequenz in Alt-Malayalam geschrieben ist. Malayalam ist die Sprache, die im Bundesstaat Kerlala gesprochen wird, aber wie bei uns eben nicht mehr so wie vor Hunderten von Jahren. Meine Inschrift wäre in Deutschland also in Alt- oder Mittelhochdeutsch verfasst worden. Das kann nicht jeder lesen, also bemüht sich unsere liebe indische Freundin Lakshmi bei ihren Freunden und Bekannten um eine Übersetzung für mich.

Theoretisch kann diese Stufe, wie auch die Säulen dieser kleinen Kirche, von anderen Orten und aus anderen Gemeinden hierher gebracht worden sein. Infrage kommt zuerst das Dorf, das ehemals unter dem Berg existierte (und heute eine kleine Stadt ist). Sie können aber auch Relikte von Gebäuden sein, die an dieser Stelle oder in der Nachbarschaft standen.

Nach mehreren Bemühungen kommt Lakshmi der Entzifferung der Inschrift näher. Folgendes konnten wir der schönen Kalligraphie abringen:

Kalam karkitakam [number] [middle part] Pallikallu ittu. 
Übersetzungsversuch: Stein, der im 12. Malayalam Monat im Jahr 3xx5 auf einem Haus Gottes (palli: Kirche, Moschee, Tempel) liegt/gelegt wurde. 

Der Malayalam-Kalender ist seit 825 v. Chr. in Kraft und teilt sich auf in 12 Monate, wovon der 12. Monat Karkidakam heißt und den europäischen Zeitraum von 16. Juli bis 15. August entspricht. Der mittlere Teil der Inschrift ist vermutlich arabisch, doch das ist nicht sicher. Die Zahl kann man bedauerlicherweise nicht lesen, aber die 3 am Anfang ist verwirrend, denn wir befinden uns momentan im Kollavarsham-Jahr 1195 beziehungsweise im Hijra-Jahr 1441. Alles weit entfernt von einer 3.
Wer des Arabischen oder des Malayalam mächtig ist, und etwas anderes herausliest – bitte melden!

I would like to thank our good friend Lakshmi and her friends and nephew for the effort with my photo and the inscription!

Was wir also wissen oder schlussfolgern können, ist folgendes:
Diese Stufen beziehungsweise Steine kommen aus einem alten Gotteshaus. Niedergelegt wurden sie zwischen Juli und August eines Jahres mit einer 3 und einer 5. Das Gotteshaus kann diese hier stehende Kirche oder ein anderes Gebäude auf diesem Gelände oder im Dorf unterhalb des Berges gewesen sein. Infrage kommt die ursprüngliche „Elefantenkirche“ nebenan, die von den Portugiesen im Jahr 1595 (immerhin hätten wir hier eine 5 dabei) erbaut worden sein soll, wahrscheinlich aber einen Vorgängerbau hatte. Denkbar ist auch ein Tempel (buddhistisch, hinduistisch). Und falls der Mittelteil der Inschrift arabisch ist, dann kommt natürlich auch eine Moschee infrage. Eine abgebrochene Moschee, deren Steine man wiederverwendete, wäre in Europa jedenfalls möglich gewesen. Gute, bearbeitete Steine waren rar und konnten immer umgewidmet werden. Solange der Mittelteil der Inschrift nicht entziffert werden kann – sowie das Jahr -, bleibt es spekulativ, ob wir es hier mit einer Kirche zu tun haben, die womöglich auf einem wesentlich älteren Tempel, einer Moschee oder auf einer älteren Thomas-Kirche steht.

Alte Pfeiler oder Säulen, denen die passenden Abschlüsse fehlen, können durchaus auch aus einer anderen Kirche (der „Elefantenkirche“) oder einem Tempel stammen. Die alte Dachkonstruktion spricht auch eine andere Sprache als die moderne, aus dem 19. Jahrhundert stammende Innenausstattung. Leider ist die Modernisierung der christlichen Kirchen in barockisierendem oder neugotischem Stil in Indien ein häufiges Phänomen. Das „Alte“ wird hier nicht als wertvoll an sich erachtet. Allein der Rückbezug, also die legendären Wurzeln, zählen und genügen den Gläubigen. Das verwundert insofern, als dass die Inder gerne ihre heiligen Gegenstände anfassen, um so dem Geheiligten näher zu kommen.
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Felsen. Zusammen mit dem alten Dach und den alten, aus Felsengestein behauenen Pfeilern ergibt sich ein schönes, beinahe organisches Ensemble, zu dem auch besser die ursprünglichen ungefliesten Stufen passen würden.
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Das kleine Häuschen unten markiert jene Stelle, an der der Apostel gebetet haben soll. Die im Bild sichtbaren Handgriffe leiten die fußmüden Pilger direkt zum Goldenen Kreuz. Leider eine an Wallfahrtsorten übliche Verschlimmbesserungen.
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Wenn das Garagentor öffnet, sehen die von der Gebetsstätte des Apostels kommenden Pilger das Goldene Kreuz.
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Da ist es! Langsam nähern wir uns dem Allerheiligsten.
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Da ist es!
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Endlich – ganz zum Schluss finden auch wir das Allerheiligste, jene Stelle, mit der alles begann. Hier soll der Apostel Thomas im Jahr 52 gestanden haben. Er zeichnete ein Kreuz in den Felsen ein und streckte die Arme zum Himmel in der Anrufung Gottes aus. Jetzt wird diese Stelle von einem Pavillon mit Glasscheiben geschützt. Viel Kerzenwachs, viel Einritzungen in der Scheibe, die den klaren Blick verunmöglichen. Verkohlte Rosenkränze und Rosenkreuze.

Ganz genau hinschauen bitte. Dort, wo sich meine rote Hose in der zerkratzen Scheibe widerspiegelt, dort sieht man zwei längliche weiße Abdrücke, die möglicherweise im Jahr 52 Fußabdrücke waren.
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In umgekehrter Reihenfolge sind wir also doch noch ans Ziel unserer Pilgerschaft gekommen. Jetzt stehen uns nur noch 600 Höhenmeter steiniger Weg nach unten bevor. Dort wartet Varghese (hl. Georg) auf uns und macht sich schon Sorgen, warum wir nicht längst unten sind (… die 20 Minuten). Schon bekam er telefonisch Rüge von Rani, seiner Ehefrau, dass er uns diesen anstrengenden Weg nach oben, und das noch in der Mittagshitze, hat gehen lassen. Varghese hat eine kluge Frau.

Varghese, thank you for your attention and for all the churches I have been able to visit with your help! Hopefully we can continue after the Corona-disaster.

Ein weiteres dilettantisches Video. [Für besser Bildqualität auf das Rädchen re. unten klicken und Qualität auf 480 oder mehr stellen.]

2 Antworten

  1. Andreas Bomheuer

    … ein wunderbarer, kurzweiliger und doch so kenntnisreicher Bericht, der ja auch ein Ausflug in die eigene Kulturgeschichte, die des Christentums, ist. Ich bin beeindruckt und habe ihn mit Freude und Interesse gelesen! Vielen, vielen Dank und weiterhin allzeit fair winds Andreas aus Essen

    • Joanna

      Hallo Andreas! Vielen Dank für die Blumen. Bei manchen Themen kann ich mich einfach nicht kurzfassen, zum Leidwesen einiger Leser und der Rechtschreibung. So musste ich noch einmal dran und einige Fehler, die sich eingeschlichen haben, ausbügeln. Das ist das Problem bei langen Blogbeiträgen, die am Computer geschrieben und nicht für die Korrektur ausgedruckt werden. Die große Kunst der Fehlerlosigkeit …
      Viele Grüße aus Cochin in Indien nach Essen!
      Joanna