Gran Canaria

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Gran steht für “groß”, dabei ist die (von Osten aus gesehen) dritte Insel des Archipels eher klein, beinahe kugelrund und wirkt, betrachtet man sie von oben, wie ein großer aus dem Meer herausragender Vulkanberg. Und vulkanischen Ursprungs ist sie selbstverständlich, allerdings bedurfte es schon einiger vulkanischer Tätigkeit, um sie aus dem Wasser des Atlantiks emporzuheben.

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Das Gran oder Grande soll ihr die spanische Königin Isabella (die Katholische) verliehen haben, was bis heute (angeblich) zur Missgunst seitens der zumindest im Namen benachteiligten Nachbarinseln führt, die keinen solchen ‘Titel’ tragen dürfen, und dennoch um einiges größer sind. Sollte das tatsächlich stimmen – ich habe nur diese eine Behauptung. Wahrscheinlicher ist es aber, dass die Königin eine bereits lange davor bestehende Bezeichnung der Insel bloß bestätigte.

Vielleicht hat man sie aufgrund ihrer legendären klimatischen Bedingungen ausgezeichnet. Nun sind sie nicht so phänomenal wie die von Madeira, doch man spricht auch hier von einem “Miniaturkontinent”. Denn das Klima ist je nach Höhe und geographischer Situation (Norden/Süden) unterschiedlich. 14 verschiedene Mikroklimazonen gibt es angeblich auf Gran Canaria. Regenreicherer Norden und der sandige Süden ergeben sehr unterschiedliche Flora und Fauna. Vor allem die Bergregion ist interessant, denn sie bietet sowohl Fichten als auch Gemüse und Früchten Raum und Boden zum Wachsen, die man in den Barrancos – den Trockentälern – anbaute. Terrassen- und Feldwirtschaft ist auch hier mehr oder minder aufgegeben worden. Man kümmert sich lieber um das Pflänzchen “Tourist”, das schnelleres Geld verspricht, dafür aber so vieles direkt und noch häufiger indirekt zunichte macht.

Der Name Canaria hingegen harrt noch der Klärung, denn man weiß einfach nicht, woher er kommt. Eine immer wieder angeführte Klärungsvariante bezieht sich auf den lateinischen Begriff canis für Hund und interpretiert den vollständigen Namen als “Insel, auf der große Hunde leben”. Presa Canario? Podenco Canario? Schäferhunde von La Palma? Eigentlich kommen da einige Rassen in Frage. Dass man bisher keine Skelette besonders großer Hunde gefunden hat, ist vielleicht nicht so ausschlaggebend für die Theorie der “Großen Hunde”. Wahrscheinlich haben die spanischen Konquistadoren einfach die großen Hunde, die den tapferen Guanchen/Altkanariern gehörten, erschlagen, ihre Haltung und das Bestatten der Hunde verboten. Die entsprechenden Verbotsschilder waren sicherlich aus Holz und daher nicht mehr überliefert.

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Gran Canaria ist die am dichtesten besiedelte Insel des Archipels. Bereits in den späten 1990ern zählte man hier 500 Menschen pro Km2. Dazu kommen dann noch Tausende  von Touristen. Bei einem solchen Gedränge wundert es nicht, dass die Insel ganz zersiedelt und von Straßen zerschnitten ist.

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Wie überall findet man natürlich auch hier die sogenannten “schönen Ecken”. Wir haben natürlich beim weiten nicht alles gesehen und das Wenige außerdem zu einer für Farbenpracht eher ungünstigen Jahreszeit besichtigt, wo eben alles recht verdorrt ist. In Anbetracht dessen, was ich als “Zersiedlung” bezeichnet habe, wundert es mich dann doch, zu lesen, dass Gran Canarias winzige Naturschutzgebiete, durch die man zudem kreuz und quer mit dem Auto fahren kann, auf der UNESCO-Liste stehen (Lorbeerwälder bspw.). Aber vielleicht vergibt die UNESCO mittlerweile ihre Auszeichnungen so ähnlich wie die Schwedische Kommission den Friedensnobelpreis bspw. an Barack Obama. Aber ich will nicht darüber meckern, denn etwas Natur zu schützen ist heutzutage immer noch besser als keine.

Wir fuhren natürlich auch in die Berge und waren auch wandern in einem Barranco, in dem Höhlenhäuser seit Tausenden von Jahren kontinuierlich bewohnt sind. Alles ganz schön anzusehen, die Höhlenwohnungen top modernisiert und im Grunde nur noch von alten Menschen bewohnt. Die Landschaft zum Teil überwältigend, bestens durch neuausgebaute Straßen erschlossen und von Restaurants und Souvenirläden gesäumt. Dabei hatten wir noch Glück, denn wir waren wie immer spät dran und die meisten Ausflügler saßen in den Restaurants und wollten sicherlich danach sich wieder auf dem Weg zum Hotel und zum nächsten Essen aufmachen. Wie so häufig, hatte ich auch hier den Eindruck, dass die Menschen, die Urlaub am Strand machen, nicht so viel mit sich selbst anfangen wissen. Und auf dem Ausflug sind sie enttäuscht von dem, was sie antreffen, sie wissen vielleicht auch nicht warum sie so viele Kilometer auf kurvigen Straßen zurücklegen, oder sie wollen nicht in ihrer “Freizeit” mit ihren Gedanken allein gelassen werden – mit dem Unterschied, dass sie sich das wohl nie eingestehen werden, sondern nach Unterhaltung rufen. Aber von diesem Ausflug wird noch Marcel berichten – er hat ja einiges nachzureichen, ist aber angeblich auch “schon dabei”.

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Am letzten Tag machten wir einen Ausflug in die Berge, um wenigstens noch einmal zu wandern und ich wollte unbedingt noch drei Kultstätten der Altkanarier besuchen. Ich kann gleich vorwegnehmen, dass daraus nichts geworden ist: Die Nekropole bei Agaete hatte zu – wir sahen sie nur von der Straße aus –, die Kulthöhle Almogaren in den Bergen am Roque Bentayga hatte gleichfalls zu und die Cuevas del Rey waren doch versteckter als wir dachten und Marcel wollte die (wie er meinte) abenteuerlich ausgesetze Straße nicht fahren (sie war aber ganz neu aufgeschüttet). Vielleicht haben wir auch einen Weg dorthin übersehen, der noch neuer war… Ans Wandern war also nicht mehr zu denken, weil wir mit der Anfahrt, in der wir uns verschätzen, und mit der Suche nach den Ausgrabungsstätten den Tag vertan haben. Dennoch bekamen wir unterwegs einen kleinen Einblick in die majestätischen Berg- und Barranco-Formationen in der Mitte der Insel und wir waren selbstverständlich auch picknicken vor einer grandiosen Aussicht, auch wenn diese nicht erwandert wurde, sondern vor einem Kirchvorplatz zu genießen war.

Roque Bentayga, 1415 m, und Roque Nublo, 1811 m, wirken noch gewaltiger als ihre rein mathematisch berechneten Höhen, denn sie schauen aus den tiefeingeschnittenen Barrancos hervor und in die Abendsonne hinauf. Kleine Orte hängen an den nur teilweise moderaten Felsabhängen und – man wundert sich – vergrößern sich! Leider sind es zumeist hässliche Neubauten, genauso wie bei uns, wobei die alten Häuser dem Verfall preisgegeben werden. Einige Felder waren bestellt, das meiste lag aber auch hier brach. Natürlich kann man sich über den Ausbau der Ortschaften freuen, aber auf der anderen Seite bedeutet es auch, dass immer mehr Menschen in dieser hoch versteckten Regionen hin und her fahren: zur Arbeit runter an die touristisch ausgeschlachteten Küsten, denn in den Bergregionen gibt es nur wenig Arbeit (auf die Feldarbeit hat man ja verzichtet), und wieder hoch nachhause. Daraus folgt nicht nur, dass jeder wachsende Haushalt über mehrere Autos verfügen muss, sondern auch dass die Straßen verbreitert werden und dass es gleicherweise viel mehr Verkehr gibt, der mitten durch die Ortschaften geht, ja führen muss, denn wegen der Hanglage kann man kaum ausweichen. Das geht natürlich auf Kosten des Wohnkomforts und der Seelenruhe und es bedeutet gleicherweise die Zerstörung der Natur (immer ein kleines Stückchen mehr) – aber all das ist vielleicht etwas, was die Spanier nicht brauchen. Natürlich, wenn man selbst mit dem Auto unterwegs ist, ist man froh über die Straßen, aber nicht über jede und nicht überall hin. Auch die ungebremste Bauwut der Spanier in bezug auf neue, größere und breitere Autostraßen, wo vorher ein einfacherer schmalerer Weg genügte, ist vollkommen überflüssig. Aber das ist eben der Europaexport namens “Infrastruktur”. Erst kommen die Straßen, dann die Neubausiedlungen und dann ist die Landschaft kaputt und die Touris (also auch wie) suchen sich eine andere als “unberührt” angepriesene Region aus. Sorry, aber ich MUSS es immer wieder erwähnen.

Höhlenwohnungen, bis heute bewohnt, gibt es hier gleicherweise überall und nicht nur an den touristisch gepriesenen Orten. Man muss sich das immer wieder vor Augen führen, was für eine jahrtausendalte Kontinuität sich daraus ergibt! Und das in einer überwältigenden Landschaft, die geradezu das Mythische atmet. Ich wundere mich überhaupt nicht, dass es hier so viele Wohn- und gleichzeitig Kultstätten der Altkanarier gibt. Wären wir in Griechenland, so hätten die Griechen (die darin zumindest Weltmeister sind oder waren) an den schönsten und erhebendsten Orten, gleich neben der alten Kultstätte, eine kleine weißblauleuchtende Kirche gebaut. Die Spanier bauen … na man kann sich das schon denken … eine Straße, die bis auf den Gipfel führt, und in einen Parkplatz mündet! Was sich vielleicht so harmlos anhört, ist jedoch furchtbar, denn das macht die erhabenen Berggipfel zu bloßen “Aussichtspunkten mit Parkplatz” und Müll, den man dort zurückläßt. Der Roque Bentayga ist so zu befahren. Wozu sich anstrengen und ihn und seine Kultstätte zu erwandern (wir konnten es nicht, denn der Parkplatzwächter macht den Gipfel auch ‘zu’), wenn man ihn auch befahren kann? Hand aufs Herz, wer macht das dann noch?

Hier in diesen von Straßen erschlossenen Berggipfeln der alten Berge habe ich zum ersten Mal verstanden, warum Reinhold Messner sich so vehement um die Erhaltung der “Straßenlosigkeit” der Berge einsetzt. Zu spät, fürchte ich.

Die Umgebung überragende Monolith Roque Nublo hat seinen Namen “Wolkenfels” durch die Passatwolken erhalten, die dort hängen bleiben. Wir hatten ihn ausnahmsweise wolkenlos. Der Name ist eine verstümmelte Form einer altkanarischen Bezeichnung von unbekannter Bedeutung nämlich “nuro”. All diese Berge haben in der Abendsonne eine beinahe magische Ausstrahlung, die unsere Fotos kaum einfangen können. Es ist wahrscheinlich überflüssig zu sagen, dass es sich hierbei um erodierte Vulkane handelt.

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Am Ende unseren Ausflugs waren wir auf der Suche nach dem Cruz de Tajeda und fanden dort gleichzeitig ein sogenanntes “Parador”, ehemals staatliche Hotels oder Herbergen, gebaut an herausragenden Naturorten und/oder an Stätten von historischer Besonderheit, zumeist heutzutage etwas für Menschen mit vollem Portemonnaie. “Parador Nacional” kann seine 1930er Vergangenheit nicht verstecken, was ihn in meinen Augen so anziehend macht. Typisch für diese Zeit bis in die 70er Jahre hinein ist der Versuch, die neuen Anlagen in die Natur einzubauen, flach zu halten und so anzupassen, dass sie herausragende Blicke freigeben ohne selbst ein unschöner Blickfang zu sein. Holzmöbel speziell hierfür entworfen – das heißt zu dem Zeitpunkt modern – wechseln sich ab mit Antiquitäten, Wandmalereien (damals auch sehr beliebt) sollen die historischen Bezüge des Ortes den Hotelgästen vor Augen führen und sie so zu sagen mit einbinden. Ich kann den Ort sehr empfehlen und im Winter tut gut, dass sie eine Sauna mit Außenpool haben.

Wir sitzen auf der Terrasse des 1936 von Miguel Martín Fernández de la Torre entworfenen und von seinem Bruder Néstor zum Teil dekorierten Parador am Cruz de Tejeda”, schreibt unserer Inselführer Willi Kerl im Prestel-Buch “Die Kanarischen Inseln” (1990). Und genauso so saßen auch wir. Es war bitter kalt, und wir mussten leider zeitig aufbrechen. Aber was für eine Ruhe, jetzt wo keiner hier ist…

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