Die Höhle der geheimnisvollen Bilder (und andere ‘Seltsamkeiten’)

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Ich habe einen ausgesprochene Faible für die Guanchen oder richtiger gesagt für die Altkanarier entwickelt, von denen ich schon etwas an einer anderen Stelle berichtet habe. Dieses Interesse steigerte sich bisher von Insel zu Insel und ich bedaure, dass es noch nicht besonders ausgeprägt war auf Lanzarote. Gran Canaria und Teneriffa sollen jedoch die zahlreichsten und bedeutsamsten archäologischen Funde aus dieser Zeit vorweisen können.

Man liest immer wieder, dass es nur wenig Überliefertes gibt, was aussagekräftige Informationen über diese verlorene Urgesellschaft liefern könnte. Das ist meiner bescheidenen Meinung nach zum großen Teil spanische Propaganda, deren Wurzeln sicherlich in der Zeit der Conquistadores liegen, als man schnell die Urbevölkerung auf die eine oder andere Weise eliminieren wollte (taufen, versklaven, in die Fremde verkaufen, verheiraten, töten). Später untermauerte das dann Francos faschistische Regierung. Auch heute wird diese Parole der fehlenden oder seltenen Spuren dieser Kultur immer wieder wiederholt. Damit entledigt sich die jeweilige regionale Regierung der Aufgabe, sich um die tatsächlich immer noch vorhandenen Relikte dieser spannenden aber eben nicht spanischen Kultur kümmern zu müssen.

Tatsächlich weiß man sogar einiges über die Kultur der Altkanarier, berücksichtig man dabei die Tatsache, wie lange schon und wie vieles mutwillig oder aus Unwissenheit bis heute zerstört wurde und wird (davon später mehr). Eine der wichtigsten Quellen neben den ortsgebundenen Funden sind die Berichte des Italieners Leonardo Torriani, der 1584 (knappe 90 Jahre nach der Eroberung der Kanaren) im Auftrag des spanischen Königs Felipe II. das Archipel bereiste, um überall Verteidigungsbauten zu errichten. Er beschreibt recht ausführlich die offenbar noch nach ihrer ursprünglichen Kultur lebenden Altkanarier. So weiß man je nach Insel mal mehr mal weniger über die gesellschaftlichen Strukturen, die Kaste der Adeligen und die des einfachen Volkes, die sozio-kulturellen Zuordnungen, die Rolle der adeligen Frauen, der Priesterinnen und der Stammesanführer bzw. der sog. “Könige”, über die Speisen, die Landbebauung oder den ungewöhnlichen Fischfang, bei dem die Fische in flache Becken getrieben und durch die Zugabe des betäubenden Saftes der Wolfsmilchgewächse gelähmt wurden, und einiges mehr. Überaus interessant ist die Tatsache, dass ihre Gesellschaftsstruktur überaus sozial und durchlässig war. Das heißt, dass das einfache Volk grundsätzlich Zugang zu den höheren Ämtern, wenn auch nicht allen, hatte, somit auch Ehen mit Adeligen möglich waren. Ausschlaggebend für eine solche Karriere war das sittliche Verhalten und die Taten, die für die Gemeinschaft vollbracht wurden, also bspw. Tapferkeit. Auch die Siedlungen der Altkanarier mit den vielen gemeinsamen Außenplätzen und die großen Getreidekammern, die gemeinsam genutzt wurden, geben beredtes Zeugnis davon ab.

Allerdings wurde das Wissen über die Altkanarier ausschließlich durch die europäischen Conquistadores, die Siedler, die Händler usw. überliefert und ist damit nur mit gewisser Vorsicht auszuwerten, da hierbei viele Vorurteile und gewollte Fehldarstellungen eine Rolle spielen.

Dass die Altkanarier ein ‘steinzeitliches’ Volk gewesen waren, gehört sicherlich in die Kategorie verfemender Propaganda, genauso wie die Nachrede über ihre Armut und kulturelle Unterentwicklung. Zu steinzeitlicher Lebensweise – d.h. ohne Metallerzeugnisse – wurden sie zwangsverurteilt, denn die Inseln verfügen über keine Erze, die die Kultur der Altkanarier auf die entwicklungstechnisch nächste Stufe hätten heben können. ‘Steinzeitmenschen’ waren sie jedoch durchaus nicht – darüber sind sich heutzutage alle Wissenschaftler einig.

Dass die ersten Spanier diesen vermeintlich ‘armen Wilden’ Nächstenliebe der Christen und eine Hochkultur brachten, die sie bereitwillig und friedlich mit den Ureinwohnern teilten, sich untereinander vorurteilsfrei vermählten und gemeinschaftlich das Land bearbeiteten, gehört mehr oder weniger in das Reich der Märchen und falscher Selbstdarstellung. Belegt ist eindeutig das Gegenteil: Versklavung, Enteignung, Landeinnahme und Neuverteilung der altkanarischen Grund und Bodens, Zerstörung nicht nur der Kultstätten, sondern auch der Siedlungen der Altkanarier, Sklavenverkauf nach Südspanien, Verhaftungen und Tötungen – das war die Realität nach den verlorenen Kämpfen der Altkanarier. Sicherlich, verglichen mit dem Pomp der Spanier war die Lebensweise der Altkanarier einfach und in den Augen der Europäer mag sie als ‘zurückgeblieben’ gegolten haben.

Man muss sich vor Augen führen, dass die Altkanarier in ihrer sehr ursprünglichen Weise (ohne Metallverarbeitung) bis ins 15. und frühe 16. Jh. hinein lebten! Dennoch waren sie keine ‘Wilden’, die sich mit irgendwelchen Perlen täuschen ließen, sondern sehr soziale und selbstbewußte Menschen, die ihre Heimat bis zum Äußersten – und das heißt auch bis zum Freitod noch der Niederlage – verteidigten. Wie gründlich die spanischen Usurpatoren die Kultur der Altkanarier ausmerzten, läßt sich gut daran erkennen, dass wir heute keinerlei Ahnung von ihrer Sprache und ihrem Glauben (mit wenigen Ausnahmen) haben. Heutzutage geben die Überreste ihrer Kulturen, die die Zerstörung der Spanier überdauerten, beredtes Zeugnis ab von einem spannenden Volk und ihren Riten, auch wenn wir diese nur bruchstückhaft verstehen.

Eine archäologische Fundstätte hat sogar über die Grenzen der Kanaren hinaus Berühmtheit erlangt – diese wollten wir uns unbedingt anschauen. Wir haben zwei Anläufe gebraucht, um sie besichtigen zu dürfen. Einmal wurden wir abgewiesen, weil der letze reglementierte Einlass bereits vorbei war. Das zweite Mal musste ich auf den Einlass in die Kulthöhle vor verschlossenen Panzertüren im Ausstellungsraum warten, da er nur zu ganz bestimmten Zeiten geöffnet wir.

Die Maßnahme des reglementierten Zugangs zu der Hauptattraktion des archäologischen Museums, wenn auch in meinem Fall etwas ärgerlich (man vergaß mir das beim Ticketkauf zu sagen), ist dringend notwendig, da die Schätze, die diese Höhle in sich birgt, bereits verlorengehen. Ich möchte nicht verschweigen, dass diese Maßnahme erst im Zuge des zunehmenden ausländischen Interesses an den Kulturschätzen der Inseln von der spanisch-insularen Regierung ergriffen wurde. Dieses gesteigerte Interesse galt nicht dem (mittelmäßigen) spanischen Barock oder der (vereinzelt guter) Mudéjar-Deckengestaltung.

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Abb.1

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Abb.2

Aber nun der Reihe nach:

In einer Zeit als sich noch kein Spanier resp. spanische Regierung um die eigenständige und das heißt nicht-spanische Kultur der Kanaren kümmerte, gab es offiziell keine nennenswerten Relikte aus der vorspanischen Zeit auf den Inseln. De facto war das natürlich nicht der Fall, aber diese Ansicht währte lange, mit fatalen Folgen, und hatte ihren Ursprung, wie bereits erwähnt, im Erlass des Generals Franco, der per Dekret bestimmte, dass es eine nicht-spanische Kultur auf den Kanaren nicht gäbe. Entsprechend dem faschistischen Kulturgedanken sollte auch hier die Kultur ‘rein’ sein, und zwar rein spanisch.

Zur Auffrischung der eigenen Geschichtskenntnisse: Fracisco Franco wurde von der demokratisch gewählten, sozialistischen Regierung im Februar 1936 auf Teneriffa in der Funktion eines Militärgouverneurs ‘strafversetzt’. Warum dies geschah, würde an dieser Stelle zu einem zu langen Exkurs führen, es sein nur soviel gesagt: um einen Streik der Bergarbeiter zu beenden, scheute er nicht bis 2000 Menschen töten zu lassen. Von Teneriffa aus putschte Francos Militär erfolgreich und übernahm die Regierung Spaniens. In Teneriffa waren bis vor kurzem noch Straßen und Plätze nach ihm benannt, aber das ist eine andere, eine spanische Geschichte.

Natürlich fand man überall auf den Inseln Überreste der altkanarischen Kultur, Nekropolen, ganze Siedlungen, Kult- und Richtstätten, Reste von Palastanlagen und natürlich gab es jene Höhlenwohnungen, die durchgehend bis heute noch bewohnt werden.

Die Nordwestregion von Gran Canaria ist praktisch ein einziger großer Fundort. Die Stadt- und Flurnamen zeugen noch heute von der altkanarischen Geschichte nicht nur in dieser Region. Diese war jedoch im 15. Jh. so dicht besiedelt, dass die spanischen Siedler offenbar erst die altkanarischen Siedlungen zerstörten und usurpierten. Wo ist das alles geblieben?

In den 1930er und folgenden Jahren hat man teils durch Zufall, teils durch gezieltes Weitersuchen große Areale ehemaliger Siedlungen und Kultstätten freigelegt, um sie dann anschließend meistens dem Verfall preiszugegeben. (Das ist bei uns in Deutschland und Europa leider auch häufig nicht anders.) Die unten angeführte Touristenkarte verweist nur auf vereinzelte archäologische Fundorte, gekennzeichnet durch das Icon der stilisierten Venus- oder Fruchtbarkeitsfigur der Altkanarier (Figur ohne Beine und Arme). In unserem Prestel-Kunstreiseführer füllen sie aber Seiten! Das Internet, wenn man lang genug und auf spanisch sucht, hat mittlerweile auch einiges zu bieten. Eine diesbezüglich herausragende Seite ist die folgende (man kann sie sich in ein sehr schlechtes Deutsch online übersetzen lassen), die auch noch so winzige bis heute sichtbare Relikte aufführt. Ein vorbildlich interessierter Einheimischer: „Mi Gran Canaria“

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Altkanarische Kulturfunde überleben unsere Bau- und Zerstörungswut nur, wenn sie als Touristenattraktionen vermarktet werden, denn um Geld einzubringen, müssen sie nämlich gepflegt werden. Von zweien, die die Touristenbranche auf Gran Canaria protegiert, und von einem Ort, der von der gleichen Branche fallengelassen wurde, soll nachfolgend die Rede sein.

Beginnen wir mit Cueva Pintada, der “bemalten Höhle”.

Offenbar gibt es keine Einigkeit darüber, wie und von wem die Cueva Pintada entdeckt wurde. Einmal soll es ein Feldarbeiter bei der Bearbeitung einer bereits bestehenden Bananenplantage gewesen sein, der sie entdeckte. Diese Gegend ist seit jeher und bis heute sehr fruchtbar und landwirtschaftlich viel genutzt. Heutzutage gedeihen die Bananen allerdings im Verborgenen, nämlich unter kilometerlangen grauen Planen, die nicht zur Verschönerung der Gegend beitragen. Dieser Feldarbeiter oder Bauer soll jedenfalls eine unterirdische Höhle beim Umgraben des Feldes gefunden haben. Das war 1862.

Eine andere Entdeckungsvariante beschreibt Irene Bör­jes, die Autorin des Michael-Müller-Reiseführers, und datiert sie auf das Jahr 1873. Sie berichtet, dass der Hob­by­ar­chäo­lo­ge José Ramos Ori­hue­la sich durch eine enge Öffnung in einem Kakteenfeld zwängte und in eine darunter liegende Höhle fiel. Möglicherweise – so könnte ich mir das vorstellen – hat er bereits Kenntnis von dem ersten Fund und suchte einfach nach mehr. Diese Höhle, in die er hineinfiel, war bzw. ist mit geometrischen Zeichnungen und Malereien ausgemalt. “Seit­her wird sie «Cueva Pin­ta­da, be­mal­te Höhle«, ge­nannt. Spä­te­re Er­kun­dungs­gän­ge of­fen­bar­ten einen Höh­len­kom­plex, in dem selbst er­nann­te For­scher und Be­su­cher Ske­let­te und Ge­rät­schaf­ten ent­deck­ten. Na­he­zu alle Funde aus die­ser Zeit wur­den von »Lieb­ha­bern« ent­wen­det”, so Irene Bör­jes. Lapidar spricht der Kunstreiseführer davon, dass danach die Höhle “in Vergessenheit geriet”. Dem war aber leider nicht so, denn nach ihrer Entdeckung gab es einen ungeregelten Tourismus. Das heißt, jeder der daran interessiert war, konnte gegen Entgelt die Malereien sehen und es war wohl nicht selten vorgekommen, dass man sich ein Stückchen davon als Souvenir von der Wand abschlug. Die künstliche Beleuchtung griff zudem die Farben stark an. Doch immerhin, man fertigte auch Zeichnungen an und malte die Wandbilder ab. Das sind übrigens die einzigen ‘Dokumente’, nach denen man dann in den 1980er Jahren die Bilder rekonstruieren konnte! Denn Ende der 1970er Jahre war die Höhle so zu sagen auch ziemlich am Ende. Übrigens war 1977 die Ära Franco gleicherweise beendet, nicht weil das spanische Volk sich gegen ihn erhoben hätte, sondern weil der alte Mann am Herzinfarkt gestorben ist. Unser Prestel-Buch (dieser ständige Begleiter) berichtet ganz unverblümt darüber, was man unter Denkmalschutz der angeblich nicht vorhandenen, raren Kulturrelikte der Altkanarier verstand. Die Malereien waren endgültig hin und zwar “durch eindringendes Wasser aus dem darüberliegenden Berieselungsfeld sowie durch die zweckentfremdete Nutzung dieses Kulturdenkmals als Dunggrube”…

Irene Börjes weiß zu berichten, dass “trotz der Auf­ru­fe, die Höh­len zu schüt­zen, […] der Land­be­sit­zer sie spä­ter mit einer Ba­na­nen­plan­ta­ge über­bau­te. Erst nach­dem ein­ge­drun­ge­nes Was­ser und die Atem­luft von Be­su­chern die Wand­bil­der schon weit­ge­hend zer­stört hat­ten, er­griff die Re­gie­rung 1970 Schutz­maß­nah­men: 1972 er­hielt die Cueva Pin­ta­da den Sta­tus eines nationalen Kunst­denk­mals, seit 1982 war sie für die Öf­fent­lich­keit ge­sperrt.”

1972, hundert Jahre nach ihrer Entdeckung, war die Höhle zwar in ihrem Status gehoben, jedoch alles andere als gerettet. Die Vernichtung der Bilder durch starke Anstrahlung mit künstlichem Licht bereitete den Bildern ein nachhaltiges Ende, so war die Schließung der Anlage 1982 unumgänglich, wollte man überhaupt noch etwas Sichtbares für die Nachwelt erhalten. Doch man konnte den heutigen Museumskomplex erst 2006 eröffnen, was nicht die Folge der umfassenden Grabungs- und Konservierungsarbeiten war. Die lange Zeit (23 Jahre!), während dieser die Arbeit am Museum und der Konservierung der Fundstätte ruhte, bezeugt die Tatsache, dass es für Kultur kein Geld gibt. Wie kann die Engstirnigkeit der EU einen Bürger nicht ärgern, die die Entwicklung der jeweiligen zu unterstützenden Länder ausschließlich in der Infrastruktur sieht? Wo liegt die Zukunft der Länder, wo liegen auf Dauer betrachtet die Arbeitsplätze, wenn nicht in der Kultur(branche)? Heute ist das Museum auch ein Forschungszentrum, “um die vielen noch ungelösten Rätsel der prähispanischen Vergangenheit zu entschlüsseln”, wie es dort heißt. Publikationen aus diesem Forschungszentrum habe ich jedoch im Buchlanden vor Ort nicht entdecken können… ich vermute, es gibt kein Geld hierfür.

Obwohl nur die bemalte Höhle Berühmtheit erlangte, so ist der Fundort wesentlich größer und in gewissem Sinne in seiner Gesamtheit auch reicher als nur diese eine Höhle. Bedauerlich ist, dass die offenbar wichtigsten Funde durch die frühen Touristen und Einheimische unwiederbringlich zerstört wurden. Neben der Haupthöhle fand man jedoch Fundamente einer großen prähispanischen Ansiedlung mit mehr als sechzig Häusern und weiteren in den Tuffstein gegrabenen (Wohn-) Höhlen. Der gesamte Komplex scheint zwischen dem 6. und 16.Jahrhundert durchgehend bewohnt gewesen zu sein.

Die ersten Fotos, die ich vorwegschickte (Stills aus dem Video des Museums), zeigen eine kleine stilisierte Rekonstruktion des Wohnareals, dargestellt aus der Vogelperspektive (Abb.1), und die unterirdische Höhle im Längsschnitt (Abb. 2). Demnach lag bzw. liegt sie eingebettet in eine große Siedlung, die am Hang angelegt war. Die Häuser der Altkanarier waren rund oder oval, aus ziemlich genau behauenen Steinen als Mauerwerk angefertigt und mit einem Balkendach mit Stroh oder Steinen gedeckt. Sie waren zu kleinen Einheiten um eine gemeinsame Piazzetta gruppiert. Auf Abb. 1 sieht man die Häusergruppen von oben als helle runde Flächen (Dächer). Die heutige Cueva Pintada ist jene “Doppelhöhle”, die im Scheitel des größeren Höhlensystems liegt. Die anderen Höhlen sind zerstört worden.

Wie überrascht waren wir, als wir den Eingang zum Museum nur eine kleine Straße vom zentralen Platz des Städtchens entfernt  vorfanden! Denn offenbar ruht die gesamte Altstadt auf der ehemaligen Palastanlage des Nordreiches. Von dem zerstörten Palastareal gibt es sogar detaillierte Zeichnungen im Museum von Las Palmas. Wie kann man diese Tatsache soweit vergessen, dass man dann nicht weiß, wo noch Relikte der mutwillig zerstörten Städte der Altkanarier sind? Der Film, den man hier vor Ort zu sehen bekommt, klärt den interessierten Besucher nur sehr vorsichtig darüber auf, wie die spanischen Conquistadores und die Siedler vom Festland mit den Altkanariern nach ihrer Niederlage verfuhren. Doch wird zwischen den Zeilen klar, dass die Spanier die Urbevölkerung aus ihrer Hauptstadt vertrieben haben, sie, wie es heißt, in eine neue Stadt am Meer ‘umsiedelten’, und ihre Häuser, Paläste, Kultstädten als Baugruben und Baumaterial benutzten und sie einfach zerstörten.

Im nachhinein erfuhren wir, dass es historisch sehr wohl bekannt ist, dass das heutige Gáldar in der vor­spa­ni­schen Zeit unter dem Namen Agáldar das Zen­trum eines der bei­den vor­spa­ni­schen Rei­che der Insel bildete. Durch Do­ku­men­te ist be­legt, dass der Ort bei der Ero­be­rung über ein Stra­ßen­netz, Pa­läs­te, Woh­nun­gen und Kult­stät­ten, teil­wei­se in Höh­len­sys­te­men, ver­füg­te.
1482, nach vier Jah­ren er­geb­nis­lo­sem Ero­be­rungs­kampf, ge­lang es den Spa­ni­ern, das Ober­haupt von Gáldar/Agáldar, den Guan­ar­te­men Te­ne­sor Se­mi­dán und seine Fa­mi­lie, ge­fan­gen zu neh­men. Die­ser Schach­zug wurde der Schlüs­sel zum Er­folg. Ehr­er­bie­tig be­han­delt, nach Spa­ni­en be­glei­tet, damit er dort das spa­ni­sche Kö­nigs­paar ken­nenlern­te, zogen die Conquistadores den Herr­scher ge­schickt auf ihre Seite. Er ließ sich tau­fen, nahm den Namen sei­nes Paten König Fer­di­nand an und nann­te sich fort­an Guan­ar­te­me Fer­nan­do. Seine Töch­ter hei­ra­te­ten spa­ni­sche Of­fi­zie­re. Auf lange Sicht haben ihm die Spa­nier für seine Ko­ope­ra­ti­on jedoch wenig ge­dankt, Agáldar wurde zer­stört und ge­riet in bewußt vorangetriebene ‘Ver­ges­sen­heit’, sein Volk wurde versklavt.

Das Zentrum des heutigen Museums besteht aus einer überdachten archäologischen Grube. Farbige Stoffbahnen dämmen das Tageslicht und reduzieren die Aussicht auf die unschönen Neu- und ruinösen Altbauten (ob sie zum Teil aus den Steinen der altkanarischen Siedlung bestehen?). Der unaufhörliche Lärm der Straßen drängt ein in diese seltsame Atmosphäre der Ausgrabungsstätte, die wie von einer anderen Welt ist. Ich war lange Zeit ganz alleine dort, bis dann eine Schulklasse hinzukam. Was der Lehrer wohl den kleinen Kindern erzählte?

Neben den Höhlenmalereien, von denen man annimmt, dass es sich hierbei um eine Darstellung eines Kalenders der Altkanarier handelt, wurden zahlreiche Keramikgefäße,  Idolfiguren, Tonsiegel, Stein- und Knochenwerkzeuge gefunden. In einigen in der Nähe von Gáldar gelegenen Grabungsstätten wurden auch Mumien von offensichtlich hochrangigen Würdenträgern gefunden, denen diverse Alltagsgegenstände, Schmuck und Waffen beigelegt waren. Das deutet auf einen ausgeprägten Totenkult hin.

Die bemalte Höhle selbst liegt heute hinter Panzerglas, um sie vor weiterer Beschädigung zu schützen. Ein Museumsmitarbeiter öffnet die Tür zu einer bestimmten Zeit und gibt den Blick auf die erleuchtete Höhle frei. Obwohl die Farben stark verblasst sind und im Vergleich zu den (im Fotoshop rekonstruierten) ursprünglichen Malereien beinahe fad aussehen, beeindrucken sie dennoch durch ihre geheimnisvoll komplexen geometrischen Muster in Weiß-, Ocker- und Brauntönen noch heute.

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Geheimnisvoll wirkten auf mich auch die vielen Löcher in den Böden der Behausungen. Der Autor des Prestel-Kunstführers vermutet darin Vorrichtungen für Stellwände, schließt aber nicht andere, multiple Funktionsmöglichkeiten aus: Mörser- und Knetmulden, Werkvorrichtungen zur Herstellung von Keramik u.ä.. Wie man an den vielen Fotos sieht, war ich von diesen unterschiedlichen Löchern fasziniert. Auch einige Einritzungen und Farbreste waren noch zu erkennen. Man weiß, dass sogar die einfachsten Behausungen der untersten Stände bemalte Wände hatten. Und man weiß aus zuverlässigen Quellen, dass das Malen und Töpfern Berufe waren, die ausschließlich den Frauen vorbehalten blieben.

Zu pädagogischen Zwecken baute man innerhalb des Areals eine “Minisiedlungseinheit” nach, insgesamt vier im Halbkreis aufgestellte Rundhäuser. Offenkundig benutzte man nicht die vorhandenen Relikte als Muster zum Nachbau, denn man gestaltete den Boden ganz ohne ‘Löcher’ und ging so der Interpretation aus dem Wege. So sind die nachgebauten Häuser sehr vereinfachend umgesetzt und benutzen auch nicht die historischen Haushaltsgeräte und Töpferwaren, was schade ist. Der italienische Festungsbauer Torriani beschreibt diese Wohnstätten noch 1590, demnach wohnten die Altkanarier in Häusern von einem Grundriß, der an das griechische Kreuz erinnert, so dass von einem Hauptraum aus mindestens zwei Alkoven abzweigten (was man noch gut erkennen kann und seine Berichte Glaubwürdigkeit verleiht).

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Die Darstellung, die Altkanarier seien friedlich in die neue spanische Gesellschaft eingegangen, kann kaum verfälschender sein. Man muss sich nur vor Augen führen, wie die Eroberung der Inseln verlief. Nehmen wir Teneriffa als Beispiel. Hier kämpften die ‘steinzeitlich’ bewährten Altkanarier gegen die hochgerüsteten spanischen Truppen mehrere Jahre lang bis sie schließlich durch Verrat aus eigenen Reihen kapitulieren mussten. Dabei haben sich die beiden Fürsten oder Führer der kämpfenden Reiche wegen ihrer Niederlage von einem Felsen herunter zu Tode gestürzt. Die Schmach der Kapitulation hatte dann die Ehefrau des Fürsten zu übernehmen, die die Unterwerfung im offiziellen Akt der Landübergabe durchführen musste. Die Überläufer waren übrigens andere altkanarische Fürsten des Reiches, die sich Macht und Geld von den Spaniern als Belohnung für ihre Tat erhofften. Die meisten Altkanarier wurden jedoch versklavt, nach Spanien verkauft, oder mussten auf den Plantagen der Siedler arbeiten. Es gab ein Verdikt, demnach die Altkanarier erst nach 16 Jahren Fronarbeit als freie Menschen entlassen werden konnte.

Hinter diesem gepanzerten Vorbau befindet sich die bemalte Höhle. Ich hatte das zufällige Privileg, über fünf Minuten lang allein mit den Bildern sein zu dürfen. Einen kurzen Moment lang musste ich der Verlockung wiederstehen, zu fotografieren… So ist das nachfolgende Foto bloß eine Postkarte. Im Übrigen sind die Farben sicherlich nachträglich verbessert worden. So machte mich die Höhle mit ihren zerstörten Bildern am Ende doch recht traurig.

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Unweit von Gáldar, in einen Berg hineingehauen, kann man ein weiteres sehr sehenswertes Relikt der altkanarischen Kultur besichtigen. Das Cenobio de Valeron, ist ein Höhle- und Kammern-Komplex, das aus einer riesigen natürlichen Höhle ausgeschabt und zu vielen unterschiedlich großen Kammern gestaltet wurde. So entstanden insgesamt 350 Kammern. Lange Zeit nahm man an, es handele sich hierbei um ein Kloster (cenobio) der Priesterinnen. Diesen Gedanken finde ich sehr schön, es würde gut in diese Landschaft passen. Doch leider ist es realistischer anzunehmen, dass es sich hier um eine versteckte Vorratskammer für Korn- und andere Getreidevorräte handelte die nun durch Verwitterung exponierter daliegt, als es ursprünglich der Fall war. So konnten die Altkanarier ihr Getreide und vielleicht andere Lebensmittel horten und gleichzeitig vor Überfällen sichern. Deutlich steht bei dieser Anlage der soziale Gemeinschaftssinn im Vordergrund.

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Diese beiden museal geschützten Beispiele der protegierten Kulturrelikte der Altkanarier übertünchen die offenbar übliche Praxis der langsamen Zerstörung durch Missachtung, und ein Sich-Selbst-Überlassen der Monumente nach flüchtigen Ausgrabungen. Allein in der kurzen Zeit, die wir für die Besichtigung des Nordens von Gran Canaria zur Verfügung hatten, sind uns mehrere vernachlässigte Großobjekte aufgefallen. Stellvertretend für all die anderen möchte ich zum Abschluß eine sehr schöne und gleicherweise eine sehr traurigmachende Anlage vorstellen. Es handelt sich dabei um die sogenannte Cueva de la Cruces. So benannt, weil irgendwann jemand – vielleicht ein Priester – weiße Kreuze an die Außenwände der Höhlenanlage gemalt hat, um auf diese Weise diese Kultstätte der Altkanarier zu christianisieren. (Ein ähnliches Vorgehen kennen wir aus Griechenland, aus Nisyros, wo eine zugeschüttete römische Therme mißverstanden und möglicherweise als Höllentor gedeutet wurde; hunderte von weißen Kreuzen wirken dort bis heute noch gegen die bösen Mächte.)

Wie man an der obigen Touristenkarte erkennen kann (handschriftlich von mir dazu gezeichnet), liegt die Anlage an einer Straße. Dass sie quasi von der Straße durchschnitten wird, war uns nicht klar. Weit und breit kein Schild, das auf diese bedeutende Fundstätte hinweisen würde, und das obwohl sie einen Steinwurf entfernt von den beiden touristisch aufgearbeiteten Höhlen liegt. Vielleicht ist es ihr Glück, aber auf mich wirkte die Anlage, als ob man nur darauf wartet, dass sie zusammenbricht und man an ihrer Stelle irgendwas anderes bauen oder einfach die Straße erweitern kann. Nichts schützt die Anlage, ihr Vorplatz wird als Wendekreis oder Parkplatz genutzt. In den Höhlen selbst nisten und übernachten Vögel, vermutlich Tauben, und das nicht nur seit einer Saison, denn der Vogelmist liegt gut 10 cm auf dem Boden. Eine gute Richtlinie, um zu bestimmten, seit wann diese archäologische Stätte sich selbst überlassen wurde. Wie sehr man das Altkanarische schätzt, kann man auch daran erkennen, dass die kleinen Höhlen als Toilette der Autofahrer (?) genutzt werden.

Alte Reiseführer wie unserer Prestel und engagierte Homepages (s.o.), natürlich auch wissenschaftliche Abhandlungen, heben diese Anlage kulturhistorisch hervor. Prestel rühmt dies Stätte mit einem dramatischen Foto beim Sonnenuntergang, denn diese Höhlen sind nach Westen ausgerichtet und leuchten glühendrot in der untergehenden Sonne. Ich glaubte, an einigen Stellen noch stark verblasste Wandmalereien erkennen zu können. Und wieder die geheimnisvollen Löcher, dieses Mal an den Wänden.

Wozu diente aber ursprünglich diese Anlage?

An den letzten beiden Fotos kann man gut erkennen, in welcher Landschaft und in welchem kulturellen Zusammenhang diese Anlage heute liegt. Das vorletzte Foto macht auf drei wichtige Dinge aufmerksam: Die modernen Bauten links oberhalb der Höhlenanlage verweisen auf heutige Nutzung des historisch trächtigen Areals, nämlich auf die Industrialisierung. Es sind große Hallen und bei diesen wird es nicht bleiben. Unmittelbar oberhalb der Höhle liegt ein verlassenes, marodes Ausflugsrestaurant von beachtlicher Größe. Ich denke, dass auch das eine gute Rückdatierung leifert, wann man beschloß, die Höhlen aus der Touristenroute herauszunehmen. Das Restaurant musste wahrscheinlich schließen, als die vielen Reisebusse diese Route nicht mehr nahmen. Und schließlich verweisen die zahlreichen Höhlen unmittelbar unter der Anlage auf einen weit größeren, um nicht zu sagen enormen Komplex von Höhlen und Gängen. Ob sie untersucht worden sind? Ich befürchte, dass nicht. Noch etwas wird daran erkennbar, nämlich dass der Straßenbau die Anlage zerschneidet und den Gesamtzusammenhang möglicherweise stark verfälscht.

Das letzte Foto verdeutlicht die unaufhörliche Ausweitung der benachbarten Städte und Ortschaften, die hier – vermutlich noch billiges Land – ‘Neuland’ und Bauland für ihre Häuser haben. Rechts im Foto sieht man, dass dort Höhlenwohnungen sind. Modernisiert oder bloß als Viehverschläge existierend sind sie wohl noch die alten Höhlen der Altkanarier, sie verdeutlichen die offensichtliche Kontinuität in der Nutzung des Areals seit möglicherweise dem 6. Jh.

Soweit zum Thema “verlorene Kultur der Altkanarier” und “Schutz der so seltenen Relikte”.

Für Interessierte und Angefixte hier ein Hinweis auf eine deutschsprachige (neben Spanisch und Englisch) Seite einer wissenschaftlichen Institution, die sich mit der Erforschung von altkanarischer Kultur beschäftigt (aber nicht nur): Institutum Canarium – IC-Nachrichten (Journal)

Ich habe diese Gesellschaft per eMail angeschrieben, und ihnen meine Eindrücke und Fotografien zugesendet, in der Hoffnung, dass es vielleicht irgendjemanden interessiert, und der Verfallgrad der Kultstätten möglicherweise nicht bekannt ist. Tatsächlich bekam ich auch eine sehr nette und informative Antwort, aus der aber auch hervorgeht, dass dieses Problem wohl bekannt ist, für Nachhaltigkeit der Fundstätten gibt es jedoch kein Geld und wohl auch zu wenig Interesse seitens der Offiziellen… Dabei fällt mir wieder Straßenbau und Infrastruktur ein, beides wird am Ende unserer Ära als unsere Kultur zurückbleiben.

Freundlicherweise flossen meine Beobachtungen in die aktuelle Ausgabe der Zeitschrift ein, wo auch die nachfolgenden Fotos Verwendung fanden. Es bleibt zu hoffen, dass sich der Blick auf die altkanarischen Kulturstätten endlich ändert.

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  1. Roland Otto

    Hallo Joanna,hast Dir viel Mühe gegeben,ein aufschlussreicher Artikel über die Geschichte der Guanchen,war sehr interessant.Gruß Roland Otto.