Ahoi Finike – kleine Enklave zwischen zwei Meinungen

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Finike? Schon der Name lässt aufhorchen. So gar nicht türkisch. Was steckt dahinter? Wo liegt das? Unter den Seglern hat sich der kleine Ort Finike südwestlich von Antalya zu einer echten Enklave entwickelt. Die Marina ist mittlerweile für das Jahr 2022 ausgebucht. Der obere Platz auf der Beliebtheitsskala ruht auf drei Säulen: der hervorragenden Preiskalkulation, der guten Erreichbarkeit und der echten Seglercommunity.

Finike ist noch eine… ich zögere, zu schreiben „relativ kleine“ Ortschaft. Denn zwar ist sie mit ihren ca. 12.000 Einwohnern (als Gemeinde ca. 45.000) tatsächlich nicht so groß, doch die Flächenbebauung gleicht einer alles verschlingenden Krake. Der enorme Bauboom verschlingt die steilen Berghänge und bedeckt vollständig die Hügel. Die Entwicklung ist neu, nicht mehr als 10 Jahre, dafür aber wild entschlossen. Finike hat seitdem die Kraft, Menschen und Meinungen zu spalten. Die einen lieben es, die anderen … nun ja, finden es sogar hässlich. Dieser Zwiespalt erinnert mich an meine Heimatstadt und SY Chulugis Heimathafen Bremerhaven, wenngleich die Letztgenannte so ganz ohne Orangenplantagen und Berge auskommen muss. Das Meer haben beide. Tatsächlich ist Finike für uns so etwas wie der Ersatzheimathafen geworden, denn wir haben mit der Setur Marina Finike einen Jahresvertrag abgeschlossen und betrachten nun die Marina als unsere Hauptadresse und Zweitheimat in der Türkei.

Finikes verlorene Geschichte

Finike markiert geografisch den Übergang zwischen West- und Osttürkei. Tatsächlich versucht der Name erst gar nicht, seinen griechischen Wortursprung zu verbergen. Phoenix, Phoinix oder Phineka und Phoinike hieß die antike Siedlung früher. Unschwer lässt sich dahinter eine Ur-Gründung der glorreichen Phönizier, einer Seefahrernation der ersten Stunde, erahnen. Phönizier, jene, die aus dem Gebiet des heutigen Israels, Syriens, vor allem Libanons kamen und mit der mächtigen Stadt Karthago das Mittelmeer beherrschten. Gegründet wird Phoinike als Siedlung oder Stadt irgendwann im 5. Jahrhundert v. Chr. und entwickelt sich zum wichtigen Handelshafen für die nur wenige Kilometer landeinwärts gelegene Limyra, die antike Hauptstadt Lykiens. Lykien verzeichnet einige Perioden: die hellenistische, die römische, die byzantinische. Über Jahrtausende sind Lykier sie selbst, auch wenn sie teile der usurpierenden Kulturen übernehmen und ihrer Kultur anpassen. Arabisch ist es nie und als die Türkstämme das Land besetzen, löst sich Lykien endgültig auf. Das geht nicht spurlos an Phineka vorbei. Doch wie seltsam. Man schaut sich im heutigen Finike um und sucht. Nach dem bedeutenden Hafen beispielsweise. Kann es der heutige Fischer- und Yachthafen sein? Man betrachtet ein paar alte Fotos, die in einem alten Gebäude unweit des Rathauses ausgestellt sind, und kommt zu dem Ergebnis, man kann das Historische nicht mit dem Heutigen in Einklang bringen.

Ein altes Gebäude, das vielleicht im Kern byzantinischen Ursprungs ist. Hier finden wir eine Fotoausstellung vor.
Einige alte Gebäude wie die Moschee oder das Haus über der antiken Wehrmauer gibt es noch. Ansonsten ist sogar das Meer nicht mehr da, wo es einmal war.

Finike hat seine Geschichte nicht behalten dürfen oder wollen. Nur wenig aus den Ecken der expandierenden Ortschaft Zusammengefegtes erinnert daran, dass hier ein Hafen für die stolze Hauptstadt der Lykier lag, dass hier eine Burg, ein oder mehrere Tempel, viele lykische Sarkophage standen. Auch die „osmanischen“ oder „alttürkischen“ Traditionen, die aus Bruchstein gebauten Häuser mit Holzveranden, sind nur als alte Zähne in den neuen Reihen der Hochhäuser auszumachen.

Paar der antiken Überreste liegen am grünen Streifen einer mehrspurigen Haupt- und Küstenstraße, die es vor gut 10 Jahren so noch gar nicht gab. Darüber thront eine Nachbildung eines lykischen Sarkophages in Form eines stilisierten Hauses. Ein Zitat, das uns in Finike häufiger begegnet, aber auffälligerweise nirgends mehr im Original zu finden ist. Meine Recherche ergibt vage Hinweise auf Lykisches und Byzanitinisches. Es macht nicht den Eindruck, als ob man Wert darauf gelegt hätte. Wer mag, kann sich in eine der Freiluft-Teestuben am Grünstreifen setzten, dem vorbeirauschenden Verkehr lauschen und sich das alte Phineka imaginieren. Denn mehr ist nicht übrig. Außer, man sperrt die Augen sehr weit auf. Irgendwo beim alten Krankenhaus, irgendwo beim Gefängnis und irgendwo bei einer Bank soll es noch Spuren der alten Geschichte Finikes geben.

Nachbildung eines lykischen Sarkophages. Jede moderne Küstenstadt, jedes Dorf stellt mindestens einen Sarkophag der Lykier aus. Mit seltsamer Vorliebe am Kreisverkehr oder inmitten von Straßen. Finike hat als einzige eine Nachbildung. Ich frage mich, ob dieser Sarkophag tatsächlich so wie hier dargestellt, existierte.
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Auf Entdeckungstour durch Finike

Finike ist eine auf ihre Expansion stolze Ortschaft. Schnell ist es gegangen. In nur 10 bis 15 Jahren erreichte Finike ihre beachtliche Ausdehnung, die noch nicht zum Stillstand gekommen ist. Doch das Herz des Ortes ist mit dem Bauboom nicht mitgekommen, so dass Finike sich bis heute unbestimmt zwischen „noch Dorf“ und „schon Stadt“ verhält. Diese Entwicklung teilt sie mit ihren Nachbargemeinden.

Noch in den 1960er Jahren war das riesige fruchtbare Tal zwischen Finike und Mavikent mit seinen sechs Flüssen und ihren Nebenarmen und Feuchtgebieten umzingelt von hoch aufragenden Bergen kaum bewohnt und auch wenig bestellt. Die Orange war natürlich schon da, aber die Erfindung der Plantage im großen Maßstab wird hier erst in den 1970er Jahren Einzug halten. Finike ist nicht minder stolz darauf, attestiert mit die besten Orangen der Welt zu haben. Das zeigte sich bei einer Untersuchung, die ein kalifornisches Institut an den satten Früchten unternahm. Seitdem ist die knallorangene Kugel mit dem grünen Blatt am Zipfel überall im Ort als stilisiertes Symbol platziert worden.

1. Antikes

Wer auf der Suche nach antiken Spuren in Finike ist, wird enttäuscht werden. Nur wer ganz genau sucht, findet ein paar Reste. Mächtige Mauern gegenüber dem Atatürk-Park, die auch auf den alten Fotos erkennbar sind, ein paar abgebrochene überdimensionierte Kapitelle vor dem Rathaus, ein paar Steinrelikte an dem Grünstreifen an der Küstenstraße …

Falsch herum. Die korinthischen Kapitelle könnten aus der römischen oder byzantinischen Zeit stammen (theoretisch natürlich auch aus hellenistischer Zeit sein). Augenfällig gehörten sie ehemals zu einem großen Gebäude. Einer Tempelanlage, einer Basilika? Wo stand dieses Gebäude – spurlos verschwunden. Vielleicht hat man die beiden Kolosse aber auch aus Limyra hierher gebracht.
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Ich verrate dennoch einen echten Tipp für Suchende: Eingeklemmt zwischen Hochhäusern weit über dem Hafen gibt es Reste einer lykischen (byzantinischen?) Anlage, vielleicht eine Burg oder ein Tempel? Diese Stelle oben auf ihrem eigenen kleinen Hügel entdecken wir auf dem allerersten Spaziergang nach unserer Corona-Quarantäne, die wir aus Indien kommende absolvieren mussten. Eine eigentümliche Ruhe strahlt dieses Stückchen Land aus, das mir wie ein Tor zur Vergangenheit inmitten der tendenziell trostlosen Gegenwart erscheint. Wer diesen Eingang gedanklich durchschreitet, der wird in die dörfliche Geschichte Finikes eintreten. Ich finde, es lohnt, dieses Zeitloch zu finden, denn es wird nicht lange dem Bauboom standhalten können.

Man nehme die Treppe links.
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2. Lykien Weg

Der Lykien-Wanderweg von Fethiye nach Hisarçandir (Antalya) gehört mit seinen 540 km zu den längsten und mit seiner Geschichte zu den ältesten zusammenhängenden Fernwanderwegen Europas und Kleinasiens. Er verläuft mehr oder minder entlang der lykischen Küste und folgt den uralten Handelswegen der Lykier, Hellenen, Römer und Byzantiner mitten durch große und kleine lykische Stadtruinen und Nekropolen. Er ist sicherlich einer der schönsten Wanderwege der Welt. Eine Etappe tangiert Finike. Sie bildet den längsten Abschnitt der Gesamtroute, ist absolut einsam und wird daher von sehr wenigen Wanderern begangen. Hier liegt also noch ein Tipp für diejenigen, die wirklich alleine sein wollen.
Wir sind nur ein relativ kurzes Stück dieses Lykienweges gegangen und haben dabei viel Hundeelend angetroffen. Drei an ketten angebunden Kangals. Ohne Wasser, ohne Essen. Einfach sich selbst überlassen. Ein vierter lag tot und schon verwest noch an seiner Kette. Seitdem kümmern wir uns gemeinsam mit einer deutschen Residentin um diese Hunde. Sofern es geht. Denn der Besitzer der Hunde verbot uns sein ‚Grundstück‘ zu betreten. Gerne droht er mit der Polizei. Soll sie kommen. Türkei hat ein strenges Gesetz gegen Tierquälerei.

Bevor es auf den Lykienweg in die Berge geht, sehen trainierte Augen doch noch einige versprengte Spuren der Lykier. Ein Tempel in einer ehemaligen Nekropole?

Zwischen Kultur und Natur. Im Hintergrund wachsen bereits die Häuser von Finike.
Straßenlose Natur. Einsam und nur für Ziegenhirten nebst Wanderern zu begehen. Die Zivilisation hält am Horizont Einzug. Straßen umrunden den Hügel und werden bald mit Häusern bewachsen sein. Es ist noch Zeit, die Macchia zu genießen.
Das Hundeelend. Schauen bös aus, sind auch bös – und haben damit recht. Im Herzen die liebsten Geschöpfe überhaupt. Die Kangals. Hirtenhunde, für die Freiheit gemacht.
Ein sanfter Riese, der wütend an der zu kurzen Kette reißt. Bis man zu ihm kommt und ihm etwas zu essen gibt. Am meisten braucht er aber Zuneigung. Sein Besitzer hat ihm, um ihn „gefährlicher zu machen“?, die Schlappohren blutig kurz geschnitten. Sie heilen nicht. Sein toter Freund liegt halb verwest noch an seiner Kette knapp daneben.

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3. Unsichtbares Finike

Finike ist der Ort des Unsichtbarmachens und des Unsichtbarseins. Ich suche immer noch den antiken Hafen von Limyra. Vielleicht dort, wo das erst vor wenigen Jahren gebaute Krankenhaus steht? Es heißt, der Hafen von Phineka oder Phoinike lag an einer Flussmündung und verlandete zunehmend. Das würde passen, da auch das riesige Areal, auf dem das neue Krankenhaus steht, liegt an einem ehemals breiten, nun brav kanalisierten Aykırıcay-Fluss. Zudem stand just dieses Land lange Zeit unbebaut, was möglicherweise auch als Zeichen für ein ehemals vorhandenes „Trümmerfeld“ zu deuten wäre. Wie kann das wichtigste Handelszentrum der Phönizier an dieser Küste so restlos verschwinden? Die reiche Hauptstadt Limyra exportierte hier ihre landwirtschaftlichen Produkte. Alles verschwunden? Wahrscheinlich beim Bau der Straßen, der Häuser, des Krankenhauses. Was bleibt, sind häufig genug nur Namen. Zum Beispiel für den Ortsteil, der „Iskele“ heißt, was „Landungsstelle“ oder „Anlegeplatz“ bedeutet.

In Finike liegt die Geschichte an den Rändern. An Straßenrändern als wertloser Stein oder unter Wasser für immer unsichtbar. Wer weiß schon, dass vor dem Hafen von Phineka die berühmte „Schlacht der Masten“ ausgetragen wurde? 655 trafen hier die byzantinischen und die arabischen Flottenverbände aufeinander. Ein überwältigendes Schauspiel muss es gewesen sein, so zahlreich waren die „Masten“ – und ein unrühmliches für die Byzantiner, die ihres Sieges über die unerfahrenen Araber sicher, sich kläglich blamierten. Historisch zählt die Schlacht zu den wichtigsten des südlichen Mittelmeers. Es heißt, die byzantinischen Boote gerieten so weit ins flache Wasser, dass die Schlacht eher an Land als auf See stattfand. Vielleicht ist alles Brauchbare zeitnah von Plünderern geborgen worden. Gleichzeitig hat das Meer bei Finike etwas anderes preisgegeben, das als eine Jahrhundertentdeckung galt. Ein Schiff der Phönizier, der Gründer von Phineka, haben Taucher vor dem Kap Gelidonya gefunden, das als ein Handelsschiff von 1200 v. Chr. datiert wird. Das belegt eindeutig das, was man sich schon gedacht hat. Nämlich dass der Hafen von Phineka tatsächlich phönizisch und älter war, als die Gründung der Stadt, die man üblicherweise mit 5. Jh. v. Chr. angibt.

Finike hat noch andere unsichtbare Sehenswürdigkeiten zu bieten, wozu die Suluin-Höhle (Suluin Mağarası) gehört. Wer ahnt schon, wenn er auf der Küstenstraße D400 die letzte Kurve vor Finike-Marina nimmt, dass er geraden an der größten marinen Höhle Asiens vorbeifährt? Wir wussten es nicht. Und daher gibt es davon auch keine Fotos, was jedoch nachgeholt wird. Mindestens 122 m tief ist sie. 1992 und folgenden Jahren tauchten hier professionelle Taucher eines amerikanischen Teams ab und konnten die Höhle nicht in Gänze erfassen. Später versuchten es deutsche Taucher an der gleichen Stelle – ob professionelle oder Laien ist mir nicht bekannt. Zwei tauchten nicht wieder lebend auf. Der tragische Vorfall führte dazu, dass die Höhle nur mit Genehmigung und nur von professionellen Tiefseetauchern betaucht werden darf. Die, die es durften, berichten von Stalaktiten und Stalagmiten, sowie von süßem und salzigem Wassergehalt. Das führt zu der Schlussfolgerung, dass die Höhle einst oberirdisch lag und durch tektonische Veränderung mit Wasser aus dem Berguntergrund geflutet wurde, gleichzeitig aber auch Austausch mit dem Meer hat. Wer einen Bericht aus erster Hand (auf Englisch) lesen und paar tiefschwarze Fotos sehen möchte, ist mit dieser Seite gut bedient.

Dort, wo Bäume im Hintergrund zu sehen sind und ein breiter Fluss ins Meer fließt, ist der antike Hafen zu vermuten.
Lag hier das antike Phineka oder Phoinike und der große Handelshafen? Seit jüngstem steht am kanalisierten Fluss das riesige Staatskrankenhaus der Gemeinde.
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4. Finike der vielen Völker – Spiegelbild der türkischen Geschichte

Wie muss man sich das Finike von damals nun vorstellen? Einige Wissenschaftler sprechen von zwei Häfen, den einen lykisch-phönizischen, der für uns namenlos blieb, und dem Naturhafen, jenen, den wir heute als den Fischerhafen und Marina Setur kennen. Die Ortschaft, die vor gut 2.520 Jahren hier entstand und Phoinike genannt wurde, lag irgendwo zwischen dem lykischen Handelshafen und dem späteren Finike-Dorf, so wie die arabische Karte von 1500 es auch zeigt. Dass hier Lykier lebten, ihre Tempelanlagen und Sarkophage bauten, später Burgen oder zumindest Befestigungsanlagen und Turmhäuser errichteten, steht außer Frage. Spärliche Reste gibt es bis heute hier und da zu sehen. In der römischen und byzantinischen Periode müssen diese Anlagen weitergenutzt und ausgebaut worden sein. Nichts oder zumindest kaum etwas deutet darauf hin. Wo ist es hin?

Lykisch-byzantinische Burganlage oberhalb des Fischerhafens?

Arabisch ist Phineka auch nach der verlorenen Schlacht der Masten nicht geworden. Schnell haben die Byzantiner die Stadt zurückerobert. Doch die Zeit danach war nicht mehr dieselbe. Zu viele unterschiedliche Völker und Interessen bedrängten das Reich der Lykier. Zu schwach war das Byzantinische Reich. Für Phineka begann eine unruhige politische Zeit, wie es für die damaligen Bewohner war, kann man sich nicht mehr vorstellen. Schließlich überfielen die Rum-Seldschuken aus Zentralanatolien kommend – und mit ihnen auch andere Türkstämme aus Zentralasien– 1207 die Region und blieben bis 1308. Sie hinterließen in Lykien keine sichtbaren kulturellen Spuren und gingen schließlich ein in das Osmanische Reich, das das Seldschukische Sultanat ablöste.

Offiziell begann für Phoinike ab 1426 die osmanische Zeit bis das Osmanische Reich den Ersten Weltkrieg an der „falschen Seite“ kämpfend verlor und kurz davor stand, vollständig zerstückelt zu werden. Antalya-Provinz sollte Italienisch werden und Finike wurde 1919 von italienischen Truppen besetzt, die hier bis 1921 blieben.
Doch dann tritt Mustafa Kemal Pascha, besser bekannt als Atatürk („Vater der Türken“), auf die politisch-militärische Bühne und der neue Staat – die Republik Türkei – wird aus dem Trümmerhaufen des Osmanischen Reichs geboren. Ich nehme staunend zur Kenntnis, dass Finike bis 1923, das heißt, bis zu dem sogenannten „Bevölkerungsaustausch“ zwischen Griechenland und der Republik Türkei von Griechen bewohnt wurde. Ein lesenswerter, komprimierter Artikel über die Zwangsumsiedlung findet sich auf Wikipedia. Lapidar wird dieser „Austausch“ – Muslime dort, Christen hier – als eine Randbemerkung in der Geschichte Finikes erwähnt. Wie viele wurden umgesiedelt? Haben die orthodoxen Christen, Nachfahren der Lykier und der Byzantiner, nicht Kirchen hinterlassen? Wo sind ihre Spuren? Nichts deutet auf ihre Existenz hin im heutigen Finike.

Finikes alte Häuser, so wie sie noch in den 1970er Jahren zu sehen waren. Von diesen haben nur wenige (eigentlich keine) überlebt. Wohnten hier ehemals die orthodoxen „Osmanen“, die Griechen, die byzantinischen Nachfahren der Lykier? Ich nahm an, die hölzernen Erkerbalkone wären ein türkisches Architekturelement. Vielleicht sind sie aber griechischen Ursprungs? Hier ist noch Potenzial für eine Recherche.
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5. Die Orangenhaine – Oasen der Stille

Der aufmerksame Fußgänger wird in Finike vielerorts runde, orangefarbene Symbole entdecken. Die bunte Kugel mit dem grünen Anhängsel ist eine stilisierte Orange und erinnert mich an Werbekampagnen der 1970er oder 1980er Jahre. Und irgendwie auch an Sozialismus. Ob am Hauptkreisel als Plakat, im kleinen Park von Finike als Orange-Schmetterling-Laternen, auf verblassten Postkarten und Tourismusbroschüren oder als Springbrunnen und Wasserspender – stolz präsentieren die Stadtväter die Orangensymbole, denn sie stehen für Aufschwung, Modernisierung, Wohlstand. Finike und benachbarte Ortschaften sind von riesigen Orangenplantagen umgeben, die den Saftdurst der Europäer und natürlich auch den der Türken bezeugen.

Die ausgepresste Orangenhälfte als Springbrunnen in Kumluca.
Das Meer und die Orange stilisiert in einer runden Geste. Die Finike-Orange auf der Mole des Hafens und der Marina.
Tee – cay – wird überall getrunken.
Der hochverehrte Atatürk nachdenklich, natürlich mit einer Orange in der Hand. Ich weiß es nicht, glaube aber fest daran, dass er persönlich das damalige Finike-Dorf besuchte.


Finikes Land ist fruchtbar, flach und wasserreich – das ist ihr Segen und Fluch zugleich. Der Segen liegt in der Ökonomie. Der Fluch ebenfalls. Was nicht viele wissen: Finike war weit bis in die 1970er Jahre kaum entwickelt und wie ganz Lykien kaum erreichbar. Die heutige Küstenstraße baute man erst in den 1980ern und erweiterte sie auf das heutige Übermaß erst vor wenigen Jahren. Die Erweiterungsarbeiten Richtung Autobahnen dauern noch stellenweise an. In der Ebene von Finike wurde in der Zeit extensiv Reis angebaut. Es war die Regierung Atatürks, die den Reis mit der Orange vertauschte, um der drohenden Gefahr von Malariaausbrüchen entgegenzuwirken. Atatürk bereiste das Land und ließ sich auch gerne mit der Orange ablichten – und in Finike gedenken ihm die Menschen bis heute mit einer Heiligenverehrung seiner Person.

Für die Landschaft und Natur bedeutete dies jedoch eine enorme Veränderung. Die Flüsse wurden kanalisiert, teils zubetoniert, Feuchtgebiete trockengelegt und kilometerlange Plantagen angelegt. Doch wer sich über diese Monokultur beschwert, der hat das Zeitalter der Gewächshäuser nicht vorhersehen können. Die Zeit der neuen Pest. Überall sprießen sie als Folien überdeckte Monstren und versiegeln die Erde, verschandeln die Landschaft, produzieren Tonnen an Plastikplanen, Plastikschnüren und sind unermüdliche Wasserschlucker, denn die Ernten sollen potenziert werden. Hier wächst Gemüse und Obst heran, das keiner Biene und keines Insekts bedarf. Ein Meer aus Plastik, silbrig glitzernd in der Sonne. Ein Meer vorgeschaltet vor dem azurblauen Meer. Es gibt Menschen, die das Künstliche mit dem Natürlichen verwechseln. Wir sind zu viele, wollen zu viel und das rund um das Jahr.

Nun erfreuen wir uns an den übriggebliebenen Orangenplantagen, die eine Oase an Natürlichkeit, plastikfreie Zonen der Stille geworden sind!

Ein schöner Ausflug mit Christel, die das Land seit gut 30 Jahren kennt (ihr Auto scheinbar auch).
Inmitten der Orangenplantage schlängelt sich noch unkanalisiert der Fluß, der ehemals Limyra (nur 1 km von hier entfernt) mit dem Hafen von Finike verband.
Das „Turkuaz Köy“ ist ein Frühstücksrestaurant, das neben selbstgemachten Produkten, türkischem Frühstück, einem Flussbassin zum Baden auch wunderschöne Bungalows anbietet. Dafür werbe ich gerne und umsonst.
In den Plantagen von Finike gedeiht nicht nur die Orange. Bananen, Zitronen, Granatäpfel, Drachenfrüchte und auch Avocados gehören dazu.
Wer will, kann hier im eiskalten Gebirgswasser dümpeln.
Ein türkisches Frühstück fällt auf dieser Terrasse besonders stimmungsvoll aus. Natürlich mit Tee und Orangensaft. Die Orangen aus Finike zählen zu den besten Orangen der Welt. Sagt das Rathaus und bezieht sich auf eine Untersuchung eines Instituts in Kalifornien.
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6. Setur Finike Marina und die Ausländer

Das Symbol der Orange brachte Wohlstand mit sich und zog immer mehr Menschen an die Buch von Finike. Später kam der Tourismus, der sich in Finike und benachbarten Gemeinden vor allem auf türkische Gäste konzentriert. Ausländer kommen hier höchstens auf einen Zwischenstopp auf ihrer Durchreise von oder nach Antalya, Kemer oder Olympos. Oder aber sie sind Segler. Einige wenige lassen sich hier „für immer“ nieder. Unter ihnen jene, die den Ort aus seiner dörflichen Zeit kennen und sich damals in ihn verguckten. Billig war es vor 10 Jahren hier. Billig ist es immer noch verglichen mit der Immobilienpreisentwicklung an der lykischen Küste.
Seit wenigen Jahren, insbesondere seit Corona und Brexit, gelangte Finike unter den Seglern zu enormer Popularität und löste damit die Marina in Alanya ab. Die Finike Setur Marina ist zwar etwas in die Jahre gekommen, aber tadellos sauber und gut geführt. Die Marineros perfekt beim Anlegen und keine Raser im Hafenbecken. Die gewaschene Wäsche wird vor die eigene Passarella geliefert und ist auch noch handgefaltet und tatsächlich sauber. Das Clubhaus „Porthole“ (Bullauge) ist mit vielen Büchern, DVD-Player, TV und einer Küchenzeile mit Kühlschränken ausgestattet. Im heißen türkischen Sommer läuft hier die Klimaanlage und draußen gibt es einen Minigarten mit Bänken und Grillmöglichkeiten. Diese sind täglich belegt. Sonntags gibt es „Dog-Charite“ mit Eiskaffee und Kuchen und Second-Hand-Klamotten, für die wir schon vieles stifteten. Mit dem Erlös wird die große Tierarztrechnung und die streuenden – zum Teil wunderschönen – Hunde des Ortes verpflegt und betreut. Auch solche wie die oben erwähnten Kangals am Lykischen Weg. Ein guter Supermarkt thront direkt über der Marina und ein Café liefert schöne, tendenziell traditionelle Livemusik, die rechtzeitig endet, um nicht zu Schlafenszeit zu nerven.
Und noch eins: In der Setur Marina Finike leben Türken Seite an Seite mit Ausländern. Wenn woanders im Winter die Lichter in den Kabinen bis zum nächsten Jahr ausgehen, ist die hiesige Marina mit Leben erfüllt. Hier findet man eine echte Community – natürlich mit all den dazugehörigen zwischenmenschlichen Problemchen. Zu der Marina gibt es in einem früheren Beitrag von mir mehr Informationien.

Die Setur Marina rechts, links der Steg der Fischer und das Trockendock auf dem auch wir standen.
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7. Auf der Suche nach dem Verlorenen

Ich gebe es nicht auf – irgwo ist das alte Finike, wenn nicht das der Phönizier und Lykier und Byzantiner, dann doch der Türken und der 1923 vertriebenen/umgesiedelten Griechisch-Orthodoxen! Hier und da findet man in der etwas oberhalb vom Rathaus liegenden Straßen alte Häuser, die schon lange sich selbst überlassen wurden. Offenbar werden einige der Überlebenden gerade renoviert. Zwar bedeutet das eine Totalentkernung, doch die äußere Form bleibt erhalten. Diese Veteranen der Architektur sind häufig großzügig mit einem Garten ausgestattet und stellen wunderbare Oasen der Ruhe und Geborgenheit dar. Kaum verständlich für mich warum man eine enge Wohnung in einem schlecht gebauten Neubau diesen Häusern vorzieht.

Rathaus und ein paar schöne alte Häuser, die zu dem staatlichen Ensemble dazu gehören.
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8. Ansichten von Finike

Was ich an Finike mag, liegt im Kleinen und Unauffälligen. Da wäre insbesondere die fast noch ländlich anmutende Gegend am Berghang. Dörfliche Strukturen entlang einer Straße, die steil am Berg sich windet. Die meisten Häuser sind nur über schier endlose Treppen erreichbar. Auch diesen Winkel hat der Bauboom erreicht und frisst sich in erstaunlicher Geschwindigkeit in die steilen Naturhänge hinein. Ohne Rücksicht auf gar nichts.

Es hört einfach nicht auf. Die Kommune braucht Geld und veräußert jeden Berg und Hügel.
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Immer wieder schön ist auch der Wochenmarkt von Finike, der in einer riesigen Halle untergebracht ist. Hier bekommt man einfach alles und noch ein bisschen mehr.

Nico darf überall mit. Das stört die Türken gar nicht und macht sie uns noch sympathischer.

Ich mag die stillen Flüsse, die behäbig durch die Stadt fließen, voller Wasserpflanzen, wie Haare ertrunkener Frauen. Gedanken an Ophelia und die Gemälde der Präraffaeliten.

Himmlische Geschöpfe. Ganz besonders liebe ich die riesigen Meeresschildkröten, die auf Nahrungssuche tief in die Flüsse hineinschwimmen – nein, hineinschweben. Es gibt hier auch die echten, wesentlich kleineren Süßwasser-Verwandten.
In dem gelben Haus auf dem Hügel im Bildzentrum haben wir fast zwei Monate lang gewohnt und auf den Fluss, die Berge, das Meer, die Marina heruntergeschaut (zentral im oberen Drittel des Bildes).
Jeden Tag gab es mindestens zweimal jeweils eine andere Ansicht vom Berg und vom Meer…

Nicht nur bei uns äußerst beliebt: Das Restaurant „Neşeli Balık“ unweit der alten Moschee gelegen. Die besten Mezes (kleine Vorspeisen) und zwar nicht nur von Finike!

Restaurant „Neşeli Balık“ bietet eine unprätentiöse Location, wo Einheimische und Touristen sich begegnen.
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Auch das kleine grüne Rondell am Fluss, das der Städtepartnerschaft zwischen Finike und Mosbach in Deutschland gewidmet ist, mag ich gerne. Neben vielen einfachen Gaststätten, Teestuben, Metzger und Fischläden haben wir hier unseren Gemüsemann gefunden, der uns über die Frische der Ware informiert und schon so manche lokale „Entdeckung“ nahebrachte. Wunderbar ist es auch, dass er in die Marina liefert! Und vis à vis soll es das beste Grillhähnchen geben. Wir haben schon häufig davon gekostet (Achtung! Innen versteckt sich eine Kartoffel).

Sieh, er schaut dich an!
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9. Finikes Umgebung

Finike hat sich ursprünglich in die äußerste nordwestlichste Ecke der riesigen Bucht gequetscht, die beinahe ein perfektes Halbrund ergibt. Im Winter und zuweilen auch im Sommer donnert hier so mancher Brecher heran, doch sind sie zu selten, um aus den runden Steinen am Ufer feinen Sand zu machen. So hat Finike gemeinsam mit ihren Nachbarorten zwar einen wunderbar langen Strand, doch dieser ist alles andere als „fein“. Einheimische und Touristen aus der Türkei stören sich nicht sehr daran, dass ihr Strand von den Flusssedimenten graubraun ist und dass die ausgebaute Schnellstraße an dem Strand vorbeiführt. Wunderschön muss hier ehemals das Zusammenspiel zwischen den vielfachen Flussmündungen, ihren Auen und dem Mittelmeer gewesen sein. Einige wenige Ecken bezeugen es bis heute. Restaurants und einfache Cafés haben den begrünten Streifen zwischen Meer und Schnellstraße besetzt, und wir konnten nicht widerstehen und haben zwei zusammen mit Bordhund Nico besucht. Eines ist auf Grillfleisch spezialisiert und wirklich ganz hervorragend.

Osmanische Karte von vor 1500. Angefertigt vom berühmten Admiral und Kartographen Piri Reis. Sie zeigt die große Bucht von Finike mit Finike als umfriedete Siedlung oder Kastell links.
Wer den Hügel über der Marina erklimmt, erreicht einen Rest von Natur mit herrlich duftenden Pinien und Macchia-Gewächsen. Dieser „Natur-Rest“ gefällt auch den Einheimischen, die hier eine Picknick-Auszeit nehmen. Der Blick schweift über die Karstlandschaft und über neu angelegte Felder, die bald von Plastik-Gewächshäusern bedeckt sein werden.
Kemal kennt die Gegend wie seine Westentasche. Er kennt Finike noch als ein Dorf inmitten von Orangenhainen, Oliven, wilden Flüssen und viel Natur.
Christel zeigt mir die besten Stellen von Finike.
Finike und seine Ausdehnungen im Hintergrund. Der Strand von Finike ist lang, braun und mit großen runden Steinen durchsetzt, weswegen er von ausländischen Touristen nicht sehr gemocht wird. Eigentlich gehört der Strand den Meeresschildkröten, die seit Jahrtausenden hier ihre Eier ablegen. Die blauen Käfige (zentral im Bild) werden in der Schildkrötensaison zum Schutz der Nester aufgestellt. Hoffentlich hilft es!
Fast schon bei Kumluca, der Nachbarstadt von Finike, finden wir diese verlassene Anlage mit leerem Pool und Bar. Die Pavillons laden jedoch immer noch zum Picknicken ein.
Die verwahrlosten Kangals an Ketten. Als wir sie hier fanden, hatten sie weder Wasser noch Futter. Und das blieb so, bis jemand dem Besitzer offenbar erzählte, dass wir uns um die Tiere kümmern. Wahrscheinlich hat er es mit der Angst zu tun bekommen, denn er reagiert nun aggressiv gegen uns und verbietet uns das Betreten ’seines‘ Grundstücks, das vermutlich nicht mal seins ist. Wir machen weiter. Das türkische Gesetz zum Schutz der Haustiere ist auf unserer Seite.

4 Antworten

  1. Eugeniusz

    Hallo ihr beiden,
    ich sehe das die Übersetzung stimmt überhaupt nicht!!!
    Es tut mir sehr leid.
    Nach dem Gespräch mit Roland habe ich erfahren über eure gewonnene preis und
    eigentlich wollte nur gratulieren und wünschen euch alles Gute für eure Zukunft.

    Mit freundlichen Grüßen

    Eugen Manko

    • Joanna

      Witam Eugene, jakie tłumaczenie? Czy cała strona jest źle przetłumaczona na język polski? Jaka szkoda! To dlatego, że Google najpierw tłumaczy na angielski, a potem na polski. Bardzo dziękujemy za lojalne czytelnictwo! Marcel za kilka dni będzie w Niemczech i odbierze nagrodę dla nas obu w Cux. Cieszymy się z nagrody. Wkrótce napiszę jeszcze kilka wpisów na blogu – w Turcji jest tak wiele do zobaczenia! Dokładnie według naszego gustu. Nie zabieramy się do pisania.
      Gorące pozdrowienia
      Joanna

  2. Eugen

    Kochani, po rozmowie z Rolandem w zeszłym tygodniu dowiedziałem się że zostaliście wyróżnieni i odnieracie nagrodę z tego też powodu wszystkiego najlepszego oraz radości za wyróżnienie…
    z waszej WWW-strony wynika że wcale nie jesteście podróżami zmęczeni z przyjemnością zacząłem znowu czytać wasze sprawozdania, tym razem czytam o Finike.
    Cieszę się że wam się dobrże powodzi i mogę tylko napisać WEITER SO.
    Pozdrowienia i całusy…

    Eugeniusz Mańko

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