Rio de Janeiro im Regen oder: Wo finde ich die Índios?

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Heute ist der dritte Tag, an dem es ununterbrochen mehr oder weniger in Strömen regnet. Eigentlich seitdem wir den Fuß auf den Sandboden des Stadtteils Urca in Rio gesetzt haben. Schon erzählt man uns, dass es gar nicht typisch ist so viele Regentage am Stück. Man rät zu mehr Geduld, einem längeren Aufenthalt und der nichtverzagenden Hoffnung auf baldiges schönes Wetter, damit die Stadt im vollen Glanze erstrahlen kann.

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Was macht man, wenn es in einer Großstadt regnet? Ok, heute haben wir die Zähne zusammengebissen und sind in das benachbarte Stadtviertel Botafogo gefahren, um dort die Indios zu besuchen. Mein Programm für den Tag beinhaltete auch die pazifizierte Favela Santa Marta, die wie ein Schwalbennest an den Berghängen über Botafogo hängt, doch Marcel hat bei Favelas ganz große Bedenken. Mich interessier weniger ein Sightseeing der Armut, sondern die vollkommen andere Lebens- und Bauweise dieser Suborte. Zumal nicht in jeder Favela die Ärmsten der Armen leben, sondern auch mehr oder weniger normale Verdiener, die von dort nicht wegziehen wollen (doch das ist ein ganz anderes Thema). Sie sind in meinen Augen häufig die einzigen Orte, deren Struktur von einer stetigen Angepastheit an die Umweltbedingungen, von einem buchstäblichen Zusammenwachsen mit der Natur, zeugt. Wie Waben oder Armeisen- oder Termitenhügel, oder eben Schwalbennester. Steil am Hand lag die Favela, der Regen wollte nicht aufhören, und so wurde dieses Vorhaben mit wenig Wiederstand gecancelt.

Wir suchten also das Museu do Índios auf, doch zunächst ging es durch einige tropfnasse Straßenzüge, die wir vorbei an den tief ins Gesicht gezogenen Kapuzen zu betrachten versuchten. Und nach oben muss man in Botafogo schon gucken. Hier reiht sich ein Hochhaus an das nächste, manchmal durch eine geradezu niedlich-klein wirkende alte Villa unterbrochen. Gleichzeitig ist es sehr ratsam, auf den unaufhörlich brausenden Verkehr zu achten. Denn der Fußgänger hat wenig Platz auf den Bürgersteigen und der Autofahrer ist immer im Recht. Das ist ein wenig so, als ob alle Autofahrer hier bei europäischen (insbesondere deutschen) Taxifahrern in die Schule gegangen wären. Astrid, die ich noch aus gemeinsamer kölner Zeit her kenne, und die die Liebe nach Rio de Janeiro verschlagen hat, warnte uns ein wenig vor der Lautstärke und der Enge von Botafogo, wo sie selbst wohnt. Unerschrocken wie wir sind, haben wir uns dann doch nicht abschrecken lassen und in den großstädtischen Gewimmel gestürzt.

Botafogo gehört zu den jüngeren Stadtteilen Rios. Ich weiß nicht, wo ich das gelesen habe, aber das ist sicherlich unzutreffend. Denn Rio entstand mehr oder weniger überall gleichzeitig. Außer an der Copacabana und Ipanema, die erst in den 1970er Jahren “in” wurden, als das problemlose Erreichen dieser Atlantikstrände durch Straßen und Tunnel geregelt wurde. (Und wie immer: erst kommen die Straßen, dann die Be- und Zersiedlung, und am Ende ist nichts mehr von der Schönheit des Ortes vorhanden.)

Diese Gleichzeitigkeit ist sicherlich für uns Europäer etwas ungewöhnliches, denn unserer innerer (Kultur-) Kompass richtet sich nach dem Zentrum aus, das eine historisch gewachsene Altstadt ist. Ein solcher alter, man könnte auch sagen erster Kern ist in Rio nicht zu erwarten. Überall ist das “Alte” gleichzeitig schon das “Neue”, und wird rasch von dem “Zukünftigen” umzingelt. Die Villen des späten 19. und die Hochhäuser des frühen 20. Jh.s durchwirken sich gewissermaßen in einer Straße. Haben die Häuser dem Menschenandrang nicht mehr genügt, so wurden sie nicht aufgestockt oder erweitert, sondern abgerissen, um anstelle der ‘alten’ ganz neue, noch höhere zu bauen. Hier in einem Hochhaus zu wohnen, ist durchaus chic. Auch an diesem Punkt ist unsere europäische Wahrnehmung meistens eine andere, denn ein Hochhaus ist im Normalfall den ärmeren vorbehalten. (Außer in Spanien.) Das Stadtbild – oder besser gesagt: die Stadtbilder – von Rio ist/sind nicht immer harmonisch, doch wirkt alles überaus dynamisch. Auffällige Ausnahmen bilden die Stadtteile Santa Teresa und unseres Domizil, Urca, die beide, wenn auch auf unterschiedliche Weise, sehr europäisch wirken. Die eine ist eine reine Villengegend, die andere ein altes Stadtviertel am Hang gebaut, zuerst gedacht für die Entourage des kaiserlichen Hofs, der aus Portugal kam. Als dann ab den 1960er Jahren die reichen Bürger ans Meer zogen, verließen sie einfach ihre Villen am Hang, die dann langsam verfielen. Heute ist dieses Viertel von Künstlern, Studenten und natürlich von Touristen wiederentdeckt – was ihn hoffentlich wieder attraktiv machen wird und die verfallenen Villen rettet.

Überrascht hat uns in Rio die Vielfallt der modernen Fassaden, die sicherlich besser im Sonnenschein zur Geltung kämen. Hochhäuser aus jedem Jahrzehnt, dem 19., 20. und nun auch dem 21. Jh., je nach Geschmack und Mode gestaltete Eingänge und dem Wasser zugewandte “Gesichter”. Auch die Koexistenz von alter Villa, altem Hochhaus und neuer (meistes leider nicht mehr so gelungener) Architektur ist, wenn nicht immer reizvoll, so doch interessant.

Für einen europäischen Besucher vermitteln die Straßenzüge mit ihrer zum Teil üppigen Vegetation den Eindruck eines tropischen Gewächshauses. Exotische Bäume und Büsche, Königspalmen und ihre Verwandte stehen hier wie bei uns Buchen oder Linden entlang der Straßen. Nur sind sie mehrere Stockwerke hoch und über und über mit Sekundärgewächsen behangen: Lianen, Moosbärte, Lilien, die sich an den Baumstämmen und Ästen festhalten. Erfreuliche Schattenspender im Sommer – doppelt so nass beim Regen.

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Das Museum der Índios… ich stellte mir Ausstellungsexponate nach einem ethnographischen Konzept geordnet vor, das das Publikum über die Ureinwohner und bis heute noch hier lebende Urbrasilianer aufklärt. Ein Museum, das über die Lebensbedingungen damals wie heute Zeugnis ablegt, die Landeinnahme durch die Portugiesen sowie die Probleme des 21. Jh.s thematisiert. Selbstverständliche Fragen stellen sich von selbst: Wer waren die Indios? Was ist ihre Kultur, wie sind ihre Kulturtechniken gewesen, um in dem überbordenden Urwald am Leben zu bleiben? Und wie ist es heute um sie bestellt?

Wie viele haben das Massaker der weißen Siedler überlebt – wie viele sind getötet worden? Welche Rechte haben die Indios heute – und was davon sind nur Lippenbekenntnisse? Was sind ihre Mythen und was sind die Mythen der Brasilianer über die Indios von heute? All das und noch viel mehr, sollte ein ethnographisches Museum leisten können, zumal es sich nicht an ausländische Besucher, sondern auch – oder vor allem – an die Einheimischen richten sollte.

Ich sage es sogleich vorweg, all diese Fragen blieben unbeantwortet, weil nie gestellt. Die Ausstellungen, die sich uns auf zwei kleinen Stockwerken boten, beschränken sich ausschließlich auf das jetzige Herstellen von Schmuck und traditioneller, teils kultischer Gegenstände (zumeist auch diese zum Schmuck degradiert). Ein Exponat verweist auf die Verflechtungen mit den katholischen Riten (s. Foto), ein anderes zeugte von dem ästhetischen Ideenreichtum und Wertegleichheit, indem es einen halben gebrochen Teller zum Schmuck oder ritueller Körperausstattung umfunktionierte (s. Foto). Die Präsentation ist hochmodern und sicherlich kostspielig. Überall sind Flachbildschirme aufgestellt und die üblichen “Handzettel”, die man sonst am Saaleingang aus einem Plexiglas-Kasten entnehmen konnte, um damit ausgerüstet, die Informationen zu dem entsprechend nummerierten Exponat zu bekommen, wurden hier durch Touchscreens ersetzt. Kurze Angaben zu Region, Indiostamm und Schmuckstück. Leider kein einziger Satz auf Englisch (geschweige denn Deutsch), nicht einmal mit Google-Übersetzer-Werkzeug hergestellt.

Die über zwanzig Videopräsentationen waren Interviews, dessen Inhalt ich höchstens ‘intuitiv’ und damit eher gar nicht verstand – zu sehen gab es überall den jeweiligen Herstellungsprozess von Schmuckgegenständen, meist handelte es sich dabei um Ketten und Bänder aus Perlen. Produziert wurde (so nehme ich an) in größeren Mengen für Souvenirshops. Ich hoffe, dass es wenigstens in den Dokumentationen die geschichtliche Bedeutung dieser Gegenstände und ihre frühere Herstellung zur Sprache kam. Zu sehen bekamen wir aber, wie aus großen Plastiktüten vorgefertigte Plastikperlen aus China (ok, das nehme ich nur an) Verwendung fanden. Dabei wäre ein Leichtes beginnend bei dieser Massenware aus Plastik den Mythos „Perle“ als Lock- und Zahlungsmittel der Eroberer zu thematisieren. Schon hätte man einen guten Übergang zu den wesentlich interessanteren Fragen bezüglich des Verhältnisses zwischen Brasilianern und den tatsächlichen „Urbrasilianern“, die schließlich das Land bis heute bewohnen und im Grunde permanente Zeugen dieser Ausbeutung sind. Einige wenige, zwei bis drei Exponate in der Ausstellung schienen ein gewisses ‘museales’ Alter zu haben, sie waren auch die beim weiten interessantesten.

Sollte dieses Museum keine anderen Ausstellungsräume besitzen, die vielleicht gerade renoviert werden, so fragen wir uns, welches Bild von den Indios den Brasilianern hierdurch vermittelt wird. Wie viel von ihrer Geschichte und somit der Geschichte der heutigen Brasilianer ist bekannt? Besteht überhaupt ein Interesse an historischem Wissen? Natürlich sind die indogenen Völker keine musealen oder historischen Relikte, aber sie verkörpern im buchstäblichen Sinne auch einen wesentlichen Teil der Geschichte Brasiliens.

Angesichts jener historischen Aufarbeitung der Greueltaten an jenen abertausend aus Afrika verschleppten Menschen, scheint mir die Geschichte der Indios ein dunkler, treffender wäre zu sagen: ein unsichtbar gemachter Fleck auf der soziopolitischen Karte von Brasilien. Die meisten wissen mittlerweile darüber bescheid, welches Unrecht den versklavten Schwarzen zugefügt wurde, doch weiß man auch von der Versklavung der Indios und ihrer planmäßigen Ermordung, die man als Genozid bezeichnen muss? Wie viele Mahn- und Denkmale, wie viele Museen und Gedenkstätten thematisieren das in Brasilien? Mir fallen spontan die Kanarier als Beispiel ein für einen anderen Umgang mit einer vergleichsweise unrühmlichen Geschichte. Auch dort geht es um Versklavung und Ermordung der Urvölker des heutigen Archipels. Ob ganz freiwillig oder nicht, doch sie machen die Narben der Vernichtung der kanarischen Urbewohner fast überall sichtbar, indem sie monumentale Skulpturen an allen sehenswerten Plätzen und Aussichtspunkten aufstellen, die pathetisch einen ermordeten Stammesführer oder König der verschiedenen Volksstämme darstellen. Stolz, in Pose eines heldenhaften Verlierers, hält er uns das geschehene Unrecht entgegen.

Doch zurück zu unserem Indio-Museum und einer schönen Fotoausstellung, die im Erdgeschoss untergebracht ist. Den Bildern ist eine melancholische Note eingeschrieben, die wesentlich mehr zum Ausdruck bringt als die multimediabasierte Schmuck-Ausstellung, auch wenn man bei meiner Kritik daran mein sprachliches Unvermögen nicht außer acht lassen darf.

Die überaus schönen Menschen stimmen mich eigentümlich traurig. Das liegt zum Teil an ihrer Ernsthaftigkeit, an dem Zusammenspiel zwischen Augen und dem verschlossenen Mund. An ihrer sparsamen, auf den Punkt gebrachten Gesichtsbemalung. An ihrem traurigen Stolz.

Was können wir diesen Menschen anbieten? Autos, eine Wohnung in einer Favela, ein Leben im städtischen Lärm und Dreck? Schlechtes fettes Essen, schlechtes verseuchtes Wasser, einen Flachbildschirm samt Telenovelas? Lärm und Drogen, damit die Angst vor der Sinnlosigkeit eines solchen Lebens unterdrückt wird? Den berühmten Karneval?

Der von uns schon häufig erwähnte Stefan-Loose-Reiseführer ist sicherlich nicht das Maß aller Dinge, doch ist darin durchaus einiges Interessante zusammengetragen, außerdem richtet er sich an eine breite Schicht von Reisenden und gehört zu den wenigen auf Deutsch erhältlichen Reiseführern zu Brasilien. Es lohnt sich also zu sehen, was er uns Reisenden über die Indios vermitteln möchte. Ich schlage zuerst nach unter “Land und Leute”, dann unter “Bevölkerung”, scheint mir das naheliegende zu sein, doch dort finde ich nichts über die Indios. Dann unter “Kultur”, nichts. Dann, schon etwas ratlos, unter “Religion”, nichts. Schließlich werde ich unter “Geschichte” fündig. Eine schmale Spalte von ca. acht Zentimetern Länge, etwas halbherzig zusammengetragen über die angeblich wenig entwickelte Kultur von ca. vier Millionen geschätzter, vielleicht mehr, Urbewohnern, die überall auf dem heutigen Territorium des heutigen Brasiliens, vor allem aber an den Küsten, lebten. Angeblich weiß man nicht so recht, woher sie ursprünglich kamen… Alles irgendwie vage und ohne klare historische Fakten, geschweige Literaturhinweise. Über die heutigen Indios nichts. Schließlich werde ich im Stichwortverzeichnis zum zweiten Mal fündig. “Indianer” ist eine kurze Anmerkung unter dem großen Kapitel “Der Norden” von Brasilien. Man muss schon finden wollen, um sich bei “Stefan-Loose” über die Indios informieren zu lassen.

Das, was ich dort zu lesen bekomme, macht mich ob des Unwissens oder ob des Zynismus des Autors (der ungenannt bleibt), gelinde gesagt, stutzig. 11 Prozent des Landes soll pro forma für die Indianervölker reserviert sein. 11 Prozent für 300 000 Indios, so fragt der Autor, und “was sagen die anderen 190 Mio. Brasilianer dazu?” Nichts? Oder hat der Autor vergessen, es zu erwähnen? Belehrend, doch ohne auf eine andere Wissensquelle zu verweisen, wirft er uns Europäern vor, wir würden der Vorstellung eines “Edlen Wilden” nachhängen, die bloß “eine Schimäre” sei. Dass es sich bei dieser Figur um eine typische Vorstellung der Spätromantik handelt, die damit selbst schon lange historisch und kaum von einem Europäer als zeitgemäße Beschreibung von Idiostämmen verwendet wird, verschweigt der Autor – vielleicht aus eigener Unkenntnis heraus.

Anschließend klärt uns der Autor darüber auf, “dass [die Indianer] in einem Paradies gelebt hätten, ein Märchen [sei]”. Dem Autor würde ich gerne sagen, dass, mag ihr Leben vor ihrer Ausrottung und Unterdrückung kein Paradies gewesen sein, so wurde es nach ihrer ‚Entdeckung‘ durch die Weißen sicherlich zur Hölle! Das Zusammenpferchen der Indios in einem unzureichend kleinen Gebiet erinnert an ein Ghetto und hat nichts gemein mit ihrer (wohlgemerkt) eigenen Forderung nach Land und Respekt, vor ihrer Lebensweise, vor der Natur, die gleichzeitig ihre Kultur und ihr Wohnhaus ist. Auch die unzureichende medizinische Versorgung, das Sterben der Indios an Krankheiten, die die Weißen in ihr Land mitgebracht haben, erscheint durchaus einer Logik der langsamen (oder schnellen) Vernichtung zu folgen. Einer stillen und stillschweigenden Ausrottung der Indios, deren ursprüngliche, alteingestammten Lebensräume auf den lukrativen Goldminen, Diamanten, seltenen Erzen oder auch einfach nur Holz und Weideland liefernden Gebieten liegen bzw. lagen.

Hier handelt es sich nicht um einen “wachsenden Druck der Moderne”, wie der Autor des Minikolumne schreibt, und damit so etwas wie eine quasi natürliche Entwicklung formuliert, sondern um den Druck einer Gesellschaft, die auf Profit für einige Wenige und Zerstörung der Umwelt und Kultur von vielen, aufgebaut ist. Denn das, was hier Druck macht, ist die Macht der Kaziken, der Großgrundbesitzer, der Politiker, Polizei und Miliz, die alle am Verschwinden der Indios Interesse haben. Was interessiert es dann einen Brasilianer, was mit einem “braunen Hasen” passiert? Darüber schweigt sich der Autor aus.

So kurz der Artikel auch ist, so strotzt er vor allerlei Ressentiments und nicht belegten Behauptungen. Dorn im Auge des Autors sind namentlich nicht weiter genannte aber sicherlich europäische “Ethnologen”, die seiner Meinung nach befriedigt sind, wenn man “indische Gemeinschaften künstlich wie in einem Zoo am Leben [erhält]”. Ganz offensichtlich hat der Autor keinen Einblick in die europäische Ethnologie, die sehr weit davon entfernt ist, Schutzräume jedweder Art zu fördern oder zu befürworten. (Es wäre zu ausufernd, würde ich an dieser Stelle all jene europäischen Ethnologen nennen, die es nicht tun.) Hingegen kann der Autor “einen Indianer” anführen, den irgendjemand gefragt haben soll – natürlich wird an keiner Stelle dieser Indianer oder der Befragende genannt, ganz zu schweigen von der Tatsache, dass einer nicht für alle stehen kann: “Fragt man einen Indianer, was er sich wünscht, so sind es: Motorboot, Gewehr und Fernseher.” Doch in welchem Kontext stand die Frage? Vor welcher Zukunft und Perspektive des Möglichen für „einen Indianer“ wurde sie gestellt?

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Im 17. Jh. schließen sich die Paulista, das sind die weißen oder annähernd weißen Anwohner von São Paulo, zu großen Gruppen (manchmal bis zweitausend) zusammen, die nach der Fahne, die vorweggetragen wurde, Bandeirantes hießen, um durch das Hinterland zu ziehen. Zu Pferde und von ihren schwarzen Sklaven begleitet sind auf der Suche nach Reichtum, in welcher Form auch immer. Gold sollte es im besten Falle sein oder wenigstens Edelsteine. Doch solange sie es nicht finden, ist ihnen die Beute “Mensch” genauso willkommen. Allein schon aus Spaß an Grausamkeit jagen sie Indios.

“In den ersten Jahrzehnten sind diese entradas nichts anderes als eine wüste, grausam rücksichtslose Sklavenjagd. Den Paulisten scheint es einfacher und zugleich spannender, statt am Markt in Bahia sich Neger zu kaufen, die Eingeborenen mit Hunden und Pferden in scharfer, die Sinne erregender Jagd wie Hasen einzufangen; aber am bequemsten finden sie es schließlich, statt mit den Bluthunden den Verängstigten bis tief in den Urwald nachzujagen, sich diese Sklaven einfach von den Kolonien zu holen, wo sie die Jesuiten so schön ordentlich angesiedelt und schon im voraus zur Arbeit erzogen haben.” (Stefan Zweig: Brasilien. Ein Land der Zukunft, 1941, S. 60-61)

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Verblüffend ästhetisch gelungen: Perlenschnüre über einem alten halben Teller. 

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Das Symbol des Evangelisten Johannes.

Als wir das Museum verließen, bildeten wir uns ein, dass der Regen weniger nass war und wir einen Abstecher zum Friedhof von Botafogo machen könnten. Nicht ohne vorher mit einer reichhaltigen Lunchbox an Pasteis und anderem herzhaften Gebäck uns verproviantiert zu haben. Die Toten sollte man nicht mit leeren Händen und leeren Mägen besuchen.

Viel brasilianische Prominenz liegt auf dem Friedhof São João Batisa, nicht von ungefähr, war Rio doch lange Zeit die Hauptstadt des großen Landes. Der preisgekrönte Architekt Oskar Niemayer, für uns vielleicht der berühmteste Brasilianer überhaupt, der Pilotpionier Santos Dumont, der in seiner “14-Bis” das erste Motorflugzeug überhaupt flog (21 Meter weit), und der zusammen mit Cartie die erste nach ihm benannte „Fliegeruhr“ konstruierte, des weiteren der Nationaldichter Machado de Assis, von dem ich leider noch nichts gelesen habe, der weltberühmte Musiker Antônio Carlos Jobim, der das Lied “The Girl from Ipanema” komponierte, der Chilene Jorge Selarón, der die Fliesen-Treppe im Stadtteil Santa Teresa schuf. Und viele viele andere mehr, die zum Teil sehr phantasievolle Zweitwohnungen sich hier auf dem Acker Gottes bauen ließen. Modernistisch, klassizistisch, neugotisch, schukartonartig, Biedermeier, Jugendstil, sozialistisch und kapitalistisch – alle Stile und Geschmacksrichtungen sind hier vertreten.

Einigen Begräbnissen konnten wir en passant beiwohnen, denn die Schlangen der Begräbnis-Abfertigung verstopften den Ein- bzw. Ausgang. Ganz offensichtlich wird hier nicht so viel Brimborium um die Toten gemacht, wie in Europa üblicherweise. Eine Gruppe wartet im Eingangsbereich, ein Auto kommt, entlädt den Sarg, der auf eine fahrbare Bare geschoben wird. Diese wird an die Seite des Hauptgangs unter vorsorglich aufgestellte Baldachine geschoben, der Sargdeckel geöffnet – man kann sich noch von dem Toten persönlich verabschieden oder schwatzt einfach mit den anderen Herumstehenden, dann geht es weiter bis zu der letzten Destination. Vermutlich wartet man auf den vielbeschäftigten Priester.

Über die Toten wachen die Türme der Hochhäuser und die Flechten der Favelas – bester Blick auf ihre Zukunft. Fast unmerklich die Übergänge zwischen dem einen wie dem anderen.

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Noch mehr Piloten – genauer: überall Piloten. So als ob sie die modernen Engel wären, die sich in ihren Maschinen gen Himmel selbst erheben. Ich erinnere mich auch an die zwei Piloten, derer in Mindelo, Kapverden, mit Denkmäldern geehrt wurde. Sie überquerten als erste den Südatlantik auf dem Weg nach Brasilien.P1120901

Häuser und Gräber.

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Profession bis in den Tod eingeschrieben.

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Der Ikarus des Dumont-Grabmals.

Botafogo bietet natürlich noch viel mehr, was wir aus Regen- und Zeitgründen nicht mehr aufgesucht haben. Doch eines möchte ich jedem Besucher ans Herz legen: die Straße, die als Verlängerung des Friedhofs am Haupteingang betrachtet werden kann, weiter gehen und auf der rechten Seite die Bäckerei und Café “The Slow Factory” aufsuchen. Man wird dort nach Brot süchtig, garantiert. (Ganz zu schweigen von den unglaublichen Autoauspuff-Mechaniker-Buden in unmittelbarer Nähe. Unbedingt ein Foto machen, das ich nicht gemacht habe.)