Rückblicke mit Ausblicken (unsere erste „Fotoparade“ für 2/2016)

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Rückblicke – sind meine Sache nicht. Vielleicht mangelt es mir an Nostalgie (was ich nicht glaube), vielleicht mangelt es mir an Erinnerungsvermögen (möglich).

Sich-Erinnern mit und durch Bilder, aber vor allem Neuentdecken des Erlebten in der Betrachtung von Fotos – das liegt mir wiederum sehr.

 

Wie wir dazu kamen, Oder: Was ist eine „Fotoparade“?

Auf die Fotoparade von Michael auf seinem Blog „Erkunde die Welt“ bin ich durch das Stöbern in Facebook bei meinen dortigen Freunden gekommen. Die Fotoparade, oder besser gesagt, das, was Michael dabei vorschwebt, heißt abgekürzt #FopaNet. Michael, selbst ein Fotograf, Reisender, Interessierter, hat die Idee eines großen Netzwerks verlinkter gleich- oder ähnlichgesinnter Reisender und Fotografen. Die Idee gefällt es mir außerordentlich, auch wenn ich die Umsetzung für eine Herausforderung halte, die noch bewältigt werden will, wenn man sieht, wie schnell das Projekt wächst. Ich bin gespannt, wieweit das #FopaNet (-Netzwerk) tragen wird. Ich habe mich dort umgeschaut, und schon sehr viele Reise- und Fotoblogs entdeckt. Michael listet sie am Ende seiner eigenen Best-Off-Bilder auf. So manches Schätzchen verbirgt sich unter Unscheinbarem, einige Blogs müssten „außer Konkurrenz“ laufen, so gut und professionell sind ihre Fotos, andere haben in meinen Augen reizvolle, klangvolle Blognamen bekommen wie:

willkommenfernweh.de : Fotoparade 2. Halbjahr 2016 , rucksacktraeger.com: Reiseimpressionen 2016, travelography.de: Fotografische Höhepunkte aus dem zweiten Halbjahr , zielungewiss.de: Meine schönsten Fotos des letzten Halbjahres , ferngeweht.de: Meine schönsten Bilder 2/2016

Und last but not least fand ich dort auch unsere Segelfreunde Steffi und Tomy von der SY Yemanja mit dem Blog: sy-yemanja.de: Gustavs Abenteuer 2/2016 mit sehr schönen Fotos und bestechenden Ideen zum Schmunzeln.

Wer Lust aufs Stöbern hat, kann das tun auf Michaels Blogseite von „Erkunde-die-Welt“, einfach auf diesen Link „Fotoparade-2-2016“ klicken und ganz nach unten scrollen, dabei nicht verpassen, sich Michaels Bilder anzuschauen.

 

Motivation

Um die Preise, die der oder die Gewinnerin einstreicht, geht es mir eigentlich gar nicht. Gleichwohl würde ich lügen, wenn ich behauptete, zu gewinnen sei mir gänzlich egal. Aber eben doch nicht so wichtig. Michael von #FopaNet hat ein gesundes, direktes Auswahlverfahren für das „Schönste Foto“, mit dem der Gewinner gekürt wird, und das ich erfrischend ehrlich finde: das Gremium besteht aus ihm und seiner Familie.

Was mich reizt, sind die vorgegebenen Kategorien selbst: »Tierisch«, »Berühmt«, »Gewachsen«, »Nachts«, »Gebäude«. Und die preis-entscheidende, die sechste Kategorie: das »Schönste Foto«.

Wie schön! Vorgaben regten schon immer meine Phantasie an, gaben mir Anlaß, bekanntes neu zu durchdenken. Sie befreien die Fotos, die schon lange in digitalen ‚Schubladen‘ lagerten, und mit ihnen auch mein Denken von festgefahrenen Vorstellungen und verstaubten Erinnerungen. So nehme ich diese Fotoparade zum Anlaß, mich an unsere Brasilienfahrt, die im November zu Ende ging, neu zu erinnern. Auf der anderen Seite stand der Monat November/Dezember bereits unter dem zweiten Teil unserer maritimen Panamericana, unserer Segeltour durch die Küste Südamerikas. Nach sechs Monaten Brasilien überschritten wir ihre Grenze im Süden bei Ilha Santa Catarina und landeten paar Tage später in Uruguay. Die Küste dieses Landes ist nicht lang und so waren wir Segler schnell auch wieder über ihre Grenze geraten – und fanden uns wieder in Argentinien.

Wir stecken also inmitten in einer Phase des Übergangs: Es ist nicht das große Ankommen in der Neuen Welt, das für uns Brasilien war, aber es ist auch nicht das Ende der Panamericana.

Die Übergänge sind häufig dazu verdammt, nicht Fisch nicht Fleisch zu sein. Sie geschehen unbemerkt, fast schon im Verborgenen, und neigen dazu, in der Erinnerung ganz nach hinten zu rutschen. Für mich bilden einen solchen „stillen Übergang“ Uruguay und Buenos Aires, eine Großstadt, für die unsere Woche dort viel zu kurz war.

So habe ich Dir, Michael, und Deiner Fotoparade für die Möglichkeit dieser komprimierten und anderen Erinnerung zu danken. Wunderbar ist auch Deine Ermunterung, nicht nur Deine Kategorien zu interpretieren, sondern sie sogar ganz zu durchkreuzen, auszulassen und zu erweitern. Ganz am Ende werden Dein Blick und Deine Sehgewohnheit entscheiden, welche der vielen Fotos aus allen teilnehmenden Blogs zu „eycatchern“ avancieren. Und das finde ich spannend.

Wir hoffen, ihr alle habt Spaß bei unserer ersten Fotoparade! Los geht‘s.

 

TIERISCH

Tierisch das läßt mich, wahrscheinlich wie die meisten Menschen, zunächst an ein Tier denken, dann aber auch an das „Tierische“ in uns selbst und schließlich auch an das, was man als „tierisch-gut“ bezeichnen könnte, gutes Essen, besonderen Film, einen Ort der Erholung oder des Spaßes… ja, eigentlich kann fast alles unter bestimmten Voraussetzungen „tierisch-gut“ sein.

Tatsächlich ist für mich das Tier immer „gut“, auch wenn ich nicht jedes Tier mag (ich sage nur: Mücken, Spinnen, Motten und Co.). Das beste Tierische, das mir bisher passierte, ist aber Nico – unser Bordhund. Es ist ein Peruvian Inca Dog auch Perro Peruano oder Perro Sin Pelo Del Perú genannt und gehört gemeinsam mit Huskys, Akitas und einigen anderen (vorwiegend asiatischen u. nordischen) Hunderassen zu den sogenannten Urtypen (FCI-Gruppe 5), den ältesten Hunderassen der Welt, und ist somit besonders schützenswert.

Die peruanische Regierung hat diese Hunde in den Rang eines Nationalen Denkmals gestellt – kein Scherz – und bestimmt, dass jede offizielle Behörde einen solchen Hund halten muss. Es handelt sich dabei um eine 3000 Jahre alte Hunderasse, deren Besonderheit unter anderem in ihrer Haarlosigkeit liegt. Das Volk der Incas hat an die Heilkräfte dieser Hunde geglaubt und im Krankheitsfall diese sich ins Bett gelegt. Einbalsamierte Hunde dieser Rasse fand man auf separat für sie angelegten Friedhöfen, was auf ihre Bedeutung als Familienmitglieder und geschätzten Besitz hinweist. Reisebücher zu Peru erwähnen diese Hunderasse nun verstärkt, so dass ich leise Hoffnung hege, es möge sich bis zu den deutschen Tierschützern und jenen, die sich als solche tarnen, herumsprechen, die die Haarlosigkeit als ein vermeintliches Merkmal der Qualzucht und Tierquälerei halten. Demnach müsste ein anderes haarloses Tier ganz oben auf der Verbotsliste stehen: der Mensch nämlich, der genauso wie die Inca-Hunde durch eine Genmutation seine Haare verloren hat.

Nico weiß von all dem nichts – und ist ein tierisch glücklicher Hund. Er begleitet uns auf unserer Segeltour um die Welt und ist d i e Attraktion überall dort, wo unserer Anker fällt. Er gewinnt die Herzen aller, sogar jener, die er selbst nicht mag. Wie viele schöne Begegnungen mit Mensch und Tier haben wir allein Nico zu verdanken! Seine auffällige Gestalt, aber vor allem sein ausdrucksstarkes Gesicht – genauer: seine Ohren – und seine Gelassenheit und gute Manieren (am Tisch im Restaurant) lassen die Menschen staunen und geben Anlass zu langen Gesprächen.

Die Brasilianer sind – ich behaupte es – hundelieb. Das sind sie sogar dann, wenn sie sich nicht um die Hunde kümmern. Sie lassen sie einfach frei laufen und haben dabei die Idee, dass irgendjemand sich um ihr Auskommen schon sorgen wird, ansonsten gibt es noch die Mülleimer. Seit Spanien (Kanaren) und Griechenland, wo Hunde in Öffentlichkeit an kurzer Kette in praller Sonne verhungern und verdursten, meine ich so etwas nicht sarkastisch. In diesen beiden EU-Mitgliedsstaaten sah ich das größte Hundeleid überhaupt. Man muss die ‚brasilianische‘ Einstellung zu Hunden nicht gut finden, aber eines steht fest: die Tiere sind in Brasilien (und Uruguay) frei und bei weitem nicht so aggressiv wie in Deutschland, wo sie mit hunderten von Verboten belegt sind. Am Ende ist es immer wieder der Mensch, der ganz das Gegenteil von „tierisch-gut“ ist.

 

El Capitano von der SY Chulugi, Paranaguá/Brasilien, September 2016

September

 

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Verletztes Ohr im Regenwald, Baía de Paraty/Brasilien, August 2016

August

 

BERÜHMT

Ich zögere. Zur Hilfe kommt mir Argentinien und La Boca. „La Boca“, der Mund? Das ist ein ganz besonderer, berühmt-berüchtigter Stadtteil von Buenos Aires, doch um seine Berühmtheit wird es hier nicht (alleine) gehen.

Wir machen den Fehler, der sich als Glückstreffer entpuppt, und fahren am Sonntag hin. An diesem Sonntagmittag überfällt uns zunächst brütende Hitze. Dort wo sich die Touristen auf wenigen sehenswerten Quadratmetern stapeln, dem „Caminito“, der die N° 1 unter den Sehenswürdigkeit von Buenos Aires darstellt, ist es kaum auszuhalten. Zwei Straßen weiter ist es nicht minder heiß, aber die Touristen sind wie weggezaubert. Plötzlich machen wir Einheimische aus. Auch sie sind zahlreich und ziehen zielsicher in eine Richtung. Wir wundern uns, doch dann geht uns langsam ein erhellendes Licht auf. Wir umschiffen einige noch passierbare Straßensperren, schlendern in einer von Spannung und Parilladüften geladenen Luft – Parilla, das ist das berühmte argentinische Grillen, das an beinahe jedem Ort und zu jeder Zeit stattfindet – durch Straßen des proletarischen La Boca und finden uns vor d e r Attraktion wieder! Doch dazu gleich mehr.

Alt, verwahrlost, mit schlechter Reputation beleumdet – das ist der Stadtteil La Boca von Buenos Aires. Von ihm sagt man: „La Boca [der Mund] hat einen üblen Mundgeruch“ – denn der Fluß Riachuelo, an dem der Stadtteil liegt, gehört zu den schmutzigsten Gewässern der Welt! Also schon wieder eine Berühmtheit direkt vor Ort…

Ehemals weit außerhalb der Stadt gelegen, machten sich am malerischen Flüsschen Riachuelo große (und wohlhabende) Haziendas breit. Dann kam die Industrialisierung. Ein Hafen und unüberschaubar viele Werften wurden gebaut. Aus dem Fluß wurde eine Kloake, Auffangbecken für alles Erdenkliche. Aus den Ländereien machte man viele kleine Parzellen für die zerlumpten Hafenarbeiter, Nutten, Zuwandererfamilien und viele und vieles mehr an der Zahl. Die Zuwanderer waren in der Hauptsache Italiener. Wen wundert es dann noch, dass hier das wahrscheinlich berühmteste Gebäude der Stadt wenn nicht ganz Argentinien steht? La Bombonera. Wem das nichts sagt, der hat vom Fußball keine Ahnung. Ich habe sie (auch) nicht, daher waren wir zunächst begriffsstutzig ob der Straßensperren, der vielen Blau-Gelb-bekleideten Menschen, der Polizei und Schutztrupps, die in aller Ruhe mit den Fans und Anwohnern auf den Straßen grillten. Sonntag, Fußballtag! Das Fußballvolk zieht zu dem berühmten Stadion, genannt „Die Pralinenschachtel“, eine Assoziation, die ich beim Anblick der Arena nicht habe. Hier ist das Land von Diego Maradonna und der Hand Gottes.

Väter fotografierten vor Attrappen argentinischer Weltfußballer ihre Sprösslinge, andere Männer wälzten hunderte wenn nicht tausende Stücke argentinischer Rinderlenden und anderer Körperteile auf heißen Grillrosten direkt an den Straßen, die Stimmung war friedlich, und ja, auch Frauen gab es. Doch die Parilla – in Argentinien [parischa] ausgesprochen – ist Männersache, und wenn man mich fragt: Das ist gut so!

 

Sonntag in La Boca, Buenos Aires, Dezember 2016.

Dezember

 

GEWACHSEN

Dies ist eine besonders schöne Vorgabe, die mir die Überlegung aufdrängt, dass alles „gewachsen“ ist, nicht nur biologisch, sondern auch sozial, mental, architektonisch, künstlerisch.

Spannend wird es, wenn Formen nicht nur bloß wachsen, das heißt, sich soweit herausbilden bis ihre endgültige Erscheinung erreicht ist, sondern wenn zwei unterschiedliche, selbständige Formen beginnen, ineinander überzugehen. Es entsteht etwas Amorphes, etwas Dynamisches, Verblüffendes.

Maschine wird zu Pflanze, oder vollzieht die Pflanze die Maschinenform nach. Am Ende des Morphings steht etwas Fluides, Spannungsgeladenes da.

 

Zuckerrohrmühle im Atlantischen Wald (Mata Atlântica), Praia do Engehno/Brasilien, August 2016.

August 2

 

GEBÄUDE

Uruguay, das einzige Land (der Welt), das scheinbar immer noch Einwanderer mit offenen Armen aufnimmt, ist für mich eng mit der Hauptstadt Montevideo verbunden. Vom Land Uruguay habe ich keine richtige Vorstellung, aber Montevideo – was für ein Name! Versprechen klingen an, Imaginationen werden wach. Daraus entsteht eine Stadt der Bücher, der Sehnsüchte, der Cafés, des Schlenderns – ein Stück alten Europas in der Neuen Welt, ein wenig südamerikanisches Wien vielleicht.

Nun, es ist müßig zu erwähnen, dass Sehnsüchte und Imaginationen dazu da sind, ent-täuscht zu werden. Manchmal ist es gut so, manchmal macht es mich bloß melancholisch. Montevideo hat beides mit mir gemacht. Melancholisch wurde ich beim Anblick des unaufhaltsamen Verfalls jener alten Stadt, die sicherlich ehemals ein südamerikanisches Wien war, doch nicht mehr ist.

Auf der anderen Seite entdeckte ich in der kurzen Zeit, in der ich dort war, das Montevideo der Architektur: Historismus, Jugendstil, Art Deco, klassische Moderne und alles andere wild durcheinander. Hochhäuser, Villen, Kinos, Museen, Einkaufspassagen etc. etc. Überall gibt es Herausragendes zu entdecken. In unscheinbaren Häusern treffen wir auf mondäne Edelhölzertreppen und Geländer, Aufzüge aus der Zeit der Jahrhundertwende, deren manueller Schließ- und Öffnungsmechanismus so lange braucht, dass man spätestens jetzt entschleunigt wird. Montevideo bleibt mir in Erinnerung als d i e Architekturstadt schlecht hin. Was für eine Überraschung!

 

Die Architektur der Träume, Montevideo/Uruguay, November 2016.

November

 

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Ein Gebäude zwischen Meer und Land, La Paloma/Uruguay, November 2016.

November 2

 

NACHTS

Seltsam, die kleine denkmalgeschützte Stadt Paraty in Brasilien hat mir die meisten Nachtimpressionen beschert. Keinen anderen Ort verbinde ich so stark mit Nacht-Stimmung wie diesen. Ungewöhnlich ist es schon, denn die Stadt ist besonders sehenswert im vollen Tageslicht.

Ich habe bereits über die Vielfallt Paratys berichtet, über meine Verliebtheit in ihre Straßen (ja tatsächlich, in das Kopfsteinpflaster), über die wechselvolle Geschichte der Kolonialzeit, die Goldgräberstimmung, den Untergang und erneuten Aufschwung der Stadt. In der Nacht, vor allem an den Wochenenden zeigt Paraty aber ihr „zweites Gesicht“. Eine Explosion an Farben erwartet den Nachtflaneur.

Wie in einem Farbenrausch in pechschwarzer Nacht gingen wir dort spazieren, wo belebte Einkaufs- und Restaurantstraßen sich mit einsamer Zurückgezogenheit abwechselten. Straßen von surrealem Charakter lauerten überall um die Ecke.

 

In der Nacht der Farben, Paraty/Brasilien, Juli 2016.

Juli

 

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Magische Truhe, Paraty/Brasilien, Juli 2016.

Juli 2

 

DIE SCHÖNSTEN

Und nun die letzte, die entscheidende, vor allem aber die unmöglichste Kategorie mit der Vorgabe, das schönste Foto der zweiten Hälfte des Jahres 2016 zu küren.

Müßig zu sagen, dass es eigentlich nicht geht. Vor allem weil die Fotos mit Erinnerungen behaftet sind, die gleicherweise bei der empfundenen fotografischen Schönheit eine Rolle mitspielen. Ich kann mich schwer davon lösen, zumal für mich die Fotoparade einen Zweck erfüllt, den ich am Anfang schon kurz erläutert habe: Sie ist für mich auch die „Parade der Erinnerungen und des Übergangs“.

Ich behaupte, man kürt nicht das schönste F o t o statt dessen die schönste V-e-r-b-i-n-d-u-n-g von fotografischer (künstlerisch-technischer) Gestaltung und den an diesem Ort erlebten oder memorierten oder hineinprojizierten Gefühlen. Künstlerischer Blick, das Wissen um einen harmonisch-stimmigen Bild- und Spannungsaufbau sowie entsprechende Farbgestaltung, sind demnach professionelle Kategorien und Prämissen. Doch alleine diese machen noch kein „schönstes“ wohl aber ein „bestes“ Foto aus.

Ist mir oder Marcel ein solches Bild gelungen? Wo stimmt die Kunsttheorie mit der Technik überein? Wo aber sind die beiden Prämissen mit dem Gefühl, mit dem persönlichen Faktor des Fotomachens, zusammengekommen? Leider ist es so – und das unterscheidet einen Laien von einem Profi –, dass das Technische nicht selten hinter dem Kunsttheoretischen zurückbleibt. Wie häufig passierte es uns, dass wir wunderbare Fotos machten (oder sie für solche hielten), die dann doch nicht zu verwerten waren, weil, ja, weil da diese ungewollte Unschärfe im Vordergrund auftauchte, oder dieses Stück Ast scharf gestellt worden ist, hingegen alles andere in einer schlampigen Verwischung unterging, oder alles überscharf oder zu hell oder im Gegenlicht aufgenommen wurde. Sicher, einiges läßt sich mit Photoshop wieder ausbügeln, doch das verwenden wir aus Prinzip nicht.

Meine erstgenannten künstlerisch-technischen Prämissen erfüllen für mich diese beiden „besten/schönsten“ Fotos (und ja, es sind zwei):

 

El Capitano hat Landgang, Uruguay/Wald bei Riachuelo, November 2016.

November 3

 

Für mich besticht das Foto durch den harmonisch-gleichmäßigen Aufbau seiner Bildelemente – der Bäume – und ihrer zurückgenommenen Farbgestaltung. Auf den ersten Blick scheint das Foto vielleicht ‚ein-tönig‘. Aber ist nicht genau diese Harmonie des Gleichmaßes, die zum erneuten Hingucken anregt? Man entdeckt allmählich die Schattierungen des Brauns, in die sich das Grün und die Sonnenflecke einmischen. Ein im weichen Waldboden leicht eingerillter Weg, kaum mehr zu erkennen, holt den Betrachter vom vorderen Rand des Bildes ab und führt ihn oder sie in einer leichten S-Kurve ins Bildinnere hinein. Auf diesem Stück des Weges begegnet der Betrachter dem Hund: Ganz wachsam und aufmerksam steht er da, ein Teil des Waldes geworden, beinahe schon ein Reh… Alles an diesem Bild steht still – alles ist Ruhe.

 

Acqua Alta, Paraty/Brasilien, Juli 2016.

August 3

 

Was mir am „Acqua Alta“-Foto am besten gefällt, ist der scheinbar lineare Bildaufbau mit der Verjüngung der Perspektive nach hinten links, die eine Sogwirkung erzeugt. Die starke Diagonale gibt dem Auge die Richtung für die Bildbetrachtung vor: So folgt man der Vorgabe und trifft unweigerlich am Ende des Bildes auf eine kleine Gruppe von Menschen, die jene Bewegung aus dem Bild heraus selbst dabei sind zu vollziehen.

Doch das Bild zwingt den Betrachter zu seiner Mitte zurückzukehren, und nicht die Grenze des Bildes zu verlassen. Zurück zu den lichtdurchfluteten Farben, den Architekturformen und der Wasserspiegelung. Für die Dynamik oder für die Auflösung der strengen Bildkonstruktion sorgen das unebene Kopfsteinpflaster und das zurückgebliebene Hochwasser des „Acqua Alta“, das monatlich die Altstadt von Paraty überflutet. Hierin spiegelt sich die Architektur wider, wird durchbrochen und ergibt auf diese Weise ein fragmentarisches, ein dynamisches Bild der realen (geordneten) Architektur.

 

Eine Erweiterung außer der Reihe

 

Alles wäre einfacher, wären da nicht die Emotionen, die Gefühle und die damit verstrickte Erinnerung! So muss ich zwei weitere Fotos in diese „Best-Off-Reihe“ stellen, denn sie erfüllen wiederum meine emotionalen Prämissen einer Kategorie „schönstes Foto“.

Für mich scheint es Paraty, diese alte Kolonialstadt, und die große Bucht um sie herum zu sein, wo meine Gefühlswelt am aktivsten angesprochen wurde. Hunderte von Fotos haben Marcel und ich hier gemacht. Viele halte ich für gut, manche sogar für sehr gut, ohne dass sie eines Profiblicks standhalten könnten.

Rhapsodie in Grün, Saco de Mamanguá/Brasilien, August 2016

Juli 3

Saco de Mamanguá, der einzige tropische Fjord Brasiliens, wenn nicht gar ganz Südamerikas, bescherte mir einige unvergessliche Momente, auch wenn die Begegnung mit dieser Kulturlandschaft nicht ohne Probleme für mich war (darüber habe ich bereits berichtet). Das Bild weckt in mir immer wieder eine Leichtigkeit und Weite, die mich bei der Betrachtung des Fotos tief aufatmen läßt. Das Grün der Berge korrespondiert mit dem Grün des Wassers, das so still wie ein See ist. Alles ist Ruhe und Geborgenheit und dennoch gewaltig in den Dimensionen, die durch das Schiff verdeutlicht werden. Hier ist die SY Chulugi nichts weiter als ein Stück Treibholz mit einem langen weißen Stamm in der Mitte. Diese Form des im Wasser verankerten Schiffs, wiederholt – spiegelverkehrt – der Baum des Vordergrundes und gibt dem ansonsten fließenden Bild nach unten hinten Halt.

Rhapsodie in Blau, Paraty/Brasilien, August 2016

P1130434

Die Ansicht der Stadt am späten Nachmittag von Bord unserer Yacht aus gesehen, ist für mich emotional betrachtet eines der schönsten Fotos. Die gewaltige Kulisse der Bergkette, die die Stadt an das Meer herandrängt, und die Schattierungen des Himmels übernimmt, ist atemberaubend. Ganz wie Leonardo da Vinci es beschrieben hat: die Luftperspektive ist Blau, wenn die Sonne in bestimmten Winkel steht! Allein die Silhouette der Stadt ist fast nur ein Schattenriß, hier herrscht das tiefste, das schon schwarze Blau vor. Die Bahnen der Wolken, die zum Licht ziehen, geben dem Bild seine Ambivalenz zwischen Stillstand und Bewegung.

Die starken Elemente des Wassers und der Berge beherrschen das schmale Band der Kulturlandschaft, jener Scholle, auf der die Menschen sich mit Geschichte und Geschichten, mit dem Leid der Índios und dem Glück der Plantagenbesitzer, Händler und dem unsteten Glücksgefühl der Goldsucher eingeschrieben haben. Zwei riesenhafte Palmen begrenzen diesen schwarzen Streifen als Wächter.

Für mich sind die beiden letzten Fotos, die ich hier als meine persönliche Ergänzung „außer der Reihe“ einbringe, Sinnbilder für das Brasilien, das ich positiv in Erinnerung behalte. Sie verbildlichen all das, was für mich bleibt, wenn man dieses Land von kontinentalem Ausmaße von der Trauer, der sozialen Ungerechtigkeit, der Gewalt und Zerstörung befreite. Diese zwei letzten Fotos generieren für mich das Brasilien, das ich erretten wollen würde… wenn ich es könnte.

Es ist ein Dankeschön an Brasilien und die Brasilianer, die uns so freundlich empfangen haben.

Am Ende ist alles nur Erinnerung in Bildern.

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14 Responses

  1. Horst

    Servus Joanna!

    Super Bilder – super Beitrag!
    Vor allem das Bild mit den bunten Türen finde ich klasse!

    Have fun
    Horst

    • Joanna

      Hallo Horst,
      vielen Dank! Das Bild, das Dir gefällt ist in Paraty gemacht worden. Und wenn Du noch nach einer Destination suchst, dann empfehle ich es Dir sehr! Es lohnt sogar für sehr verwöhnte Europäer :-)
      Herzlich
      Joanna

    • Marcel

      Claire, vielen Dank! Freut mich, dass er gefällt. Mir gefällt das erste Foto auch :-)
      Herzlich, Joanna

  2. Veronika

    Das Acqua Alta-Bild finde ich besonders schön! Daumen hoch auch für die eindrucksvollen Ausführungen zu den Fotos!

    • Marcel

      Veronika, das Foto mag ich auch sehr gerne. Und vielen Dank für die Daumen!
      Herzlich, Joanna

  3. Thomas

    Wow, nicht nur tolle Bilder, dazu auch noch tolle, interessante und kurzweilige Texte. Da habe ich gerne vorbei geschaut und gehe jetzt noch ein wenig weiter schmökern.

    LG Thomas

    • Joanna

      Thomas, ganz herzlichen Dank für die vielen Blumen! Solche Kommentare liest jeder soo gerne ☺
      Und hoffentlich „bis bald“!
      Herzlich Joanna

  4. DieReiseEule

    Du schreibst so schön und die Bilder sind auch super. Schade, dass die Schrift so klein ist. Für „alte“ Leute wie mich ist das sehr anstrengend. :-)

    VG DieReiseEule

    • Joanna

      Hallo DieReiseEule!

      Vielen Dank für die Blumen.
      Die Schrift/Ansicht kannst du an deinem Computer, Laptop etc. selbst einstellen. Kannst die Schrift grundsätzlich vergrößern oder nur die Ansicht für bestimmte Seiten wie bspw. für diesen Blog.
      Herzlich aus Buenos Aires
      Joanna

  5. Steffi

    Sehr schöne Bilder Joanna – was zu erwarten war. Das Nachtfoto gefällt mir besonders gut. Und natürlich freut sich Gustav über deine Erwähnung.
    Freu mich, dass ihr mit dabei seid!
    Liebe Grüße
    Steffi

    • Joanna

      Steffi, vielen Dank und gern gemacht ☺!
      Herzlich Joanna

  6. Michael

    Wow! Wundervoller Beitrag! Bin ein wenig sprachlos.
    Vielen lieben Dank für deine Worte, deine Mühe und das Teilen deiner schönen Erinnerungen.
    Dein Beitrag gefällt mir außerordentlich gut!

    Ganz lieben Gruß, Michael

    • Joanna

      Michael, vielen herzlichen Dank für deine überaus netten Worte! Wir bleiben am Ball und hoffen, uns häufiger zu ’sehen‘.
      Herzlich Joanna