Montevideos kuriose Museen

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Eine übliche Erwartungshaltung wäre bei einem Museum der Schönen Künste durchaus angebracht, doch in Montevideo ist es anders. Das Museo de Historia del Arte bietet wenig Malerei, wenig abendländische Objekte und, das wirklich Kurioseste dabei: wenig Originale. Weit und breit keine Expressionisten, Impressionisten und die anderen museal beliebten Ismen. Dafür aber Mittelalter und ein wenig italienischer Manierismus in skulpturaler Form. Die angekündigte mittelalterliche Architektur beschränkte sich auf Fotografien, was sicherlich so viel Wert hat, wie ein Bilderbuch mit historischen Baudenkmälern.

 

Museo de Historia del Arte (in Calle Ejido 1326, Ecke Calle San José; Eintritt frei, geöffnet ca. 12:00 – 17:30)

Zunächst überrascht das Museum den in abendländischer musealer Kunst geschulten Besucher mit seinem offensichtlichen Schwerpunkt, der auf präkolumbianischer, mesopotamischer, ägyptischer und antiker Kunst liegt.  Doch damit nicht genug. Die meisten Exponate sind nicht echt. Nun, sie sind natürlich auf ihre eigenen Art “echt”, eben echte Gips- und andere Abdrücke. Da ich mich in vorchristlicher Kunstproduktion sehr wenig auskenne, fiel mir diese Kuriosität erst in der abendländischen Abteilung auf. Ich habe noch nie so häufig auf die Informationsschildchen zu den Exponaten geachtet wie in diesem Museum. Doch auch daran kann man das Auge schulen, und darüber hinaus über die Bedeutung von Originalität und Nachbildung sinnieren.

 

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Präkolumbianisch. Ein Hund ohne Fell, Perro sin Pelo, wahrscheinlich der mexikanische Xoloitzcuintle [ausgesprochen: Scholoitz-kuint-li, kurz: Xolo].

 

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Bange Frage: Eine Nachbildung? Diese Mumie soll voll und ganz echt sein, ein Leichnam also. Ihr hätte ich wiederum gewünscht, bloß Gips sein zu dürfen. Aber sie ist einer der ersten Exponate des Museums, auf jeden Fall der Stolz der Institution. 1890 von einem Ingenieur und Sammler gestiftet. Es soll sich dabei um die jungverstorbene Min-Priesterin Große Isis – Aset Weret – handeln, die ca. 2400 v.Chr. in Ägypten lebte.

 

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Rechts, die Warze fesselt den Blick des Betrachters.Von Donatello, dem Bildhauer der Renaissance aus Florenz des 14. Jh.s. Dargestellt ist der Heerführer Niccolò da Uzzano. Ich meine, leider, nicht echt. Was mich daran zweifeln läßt, ist der wesentlich bessere Erhaltungszustand der Kopie – und die fehlenden Schultern.

 

 

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Die Falte von Veit Stoß. Echt?

 

Das Erlebnis großer Freude, noch größerer Verwunderung und schließlich des Glaubens an ein Schicksal bescherte mir ein Gang in die kleine mittelalterliche Abteilung. Schon von weitem konnte ich meinen Augen nicht trauen, ich sah zwei, dann sogar drei Werke von Veit Stoß. Ein in Kunstgeschichte nicht bewanderter Mensch wird nicht in bodenlose Verwunderung ausbrechen, aber, es sei ihm oder ihr versichert: Veit Stoß in Montevideo zu begegnen, ist etwas, das einem Wunder nahe kommt.

Veit Stoß (ca. 1450 – 1533), der Ausnahmekünstler des Spätmittelalters, ist sicherlich einer der ungewöhnlichsten Künstler an der Schwelle zur Renaissance, der mit einem ausgeprägten, eigensinnigen Stil aufwartet. Und doch ist er trotz seiner Genialität, Eigenartigkeit und Eigensinnigkeit – die Nürnberger Analen bezeichnen ihn als “unruhiger Geist”, als Unruhestifter, der als Verbrecher öffentlich gebrandmarkt wurde (doch dies alles zu referieren, ist hier nicht der rechte Ort) – nur Kennern der mittelalterlichen Skulptur bekannt. Außer man kommt aus Polen, wo er wie ein nationales Genie verehrt wird und beinahe jedem bekannt ist. In Krakau schuf er in zehnjähriger Arbeit den größten Flügelaltar der Welt, aus Holz. Beinahe ein erhabenes Gefühl ist es, wenn man dem allmorgendlichen Ritual der Flügelöffnung beiwohnt, die zwei Nonnen vornehmen. wird der Altar wieder geschlossen.

In Polen nannte sich Veit Stoß Wit Stwosz und arbeitete in Anschluß an seinen monumentalen Werk auch für die Noblen des polnischen Adels, die Geistlichen aber vor allem für den in Krakau residierenden König Kazimierz IV. (Kazimir IV.). Für ihn schuf er meiner Ansicht nach das ungewöhnlichste Grabmal der Renaissance überhaupt und bewies, dass er durchaus multitalentiert war, denn hier arbeitete er mit einem sehr schwierigen, bunt gesprengten Marmor, so dass er gleichzeitig die “Unruhe des Steins” in die Komposition einberechnen mußte. Ich kann einfach nicht umhin, das Original, das ich mit einer Genehmigung des Kapitels der Kathedrale von Krakau mir aus nächster Nähe und für Stunden anschauen durfte (zusammen mit meiner damaligen Studentenklasse aus Dortmund, ein sehr gelungener Ausflug für uns alle) hier zu präsentieren.

 

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Das ist das Original. Es befindet sich in der Kathedrale von Kraków. Ein herausragendes Werk des, ich liege nicht fern von seinem Selbstverständnis, wenn ich sage: deutsch-polnischen Veit Stoß für den polnisch-litauischen Großkönig Kazimierz IV. Jagiellończyk. Man muß dem Auge Zeit geben, um sich einzugucken.

 

Veit stoß oder Wit Stwosz machte den Fehler und ging nach Nürnberg zurück, wo er zwar Geld machte, aber sich nicht in die Ständegesellschaft der Handwerker einfügen konnte und wollte. Polen, vor allem Krakau, dann Bamberg, Nürnberg und schließlich Florenz – dort überall findet man einzelne Werke von ihm. In Florenz, nun ganz vergessen und verstaubt, steht eine lebensgroße Figur des Heiligen Rochus in der Basilika Santissima Annunziata. Man findet sie hinter dem Altar. Kein geringer als der künstlervitenschreibende Giorgio Vasari bezeichnet seine Arbeit als “ein Wunder in Holz”. Übrigens ist Stoß der einzige Künstler jenseits der Alpen, den Vasari überhaupt erwähnt, und dann sogleich in solcher Lobpreisung. Und um seine polnischen Werke ranken sich spannende Anekdoten und gruselige Erzählungen, die Ähnlichkeiten mit den Todesfällen bei den Ausgrabungen der Mumien in Ägypten haben… Doch dafür ist hier nicht der Ort.

Anders als in Krakau oder Florenz sind die Werke in Montevideo keine Originale.

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Ein echter Rembrandt im falschen Rahmen, oder vice versa?

 

 

 

Museo Nacional de Artes Visuales in Park Rodó (im Park, Calle Tomás Garibaldi 2283, Ecke Julio Herrera y Obes; Eintritt frei; geöffnet ca. 14:00 – 19:00)

In einem kleinen Park, einer Oase der Ruhe und der Blüten, umbraust von dem ewigen Autoverkehr der Stadt, liegt das architektonisch interessante Gebäude des Museo Nacional de Artes Visuales, ein Produkt von 1911 und den nachfolgenden zahlreichen Um- und Neubauten. Eine leichte Glas-Stahl-Konstruktion begleitet als Teepavillon das Haupthaus und verleiht der gesamten Anlage etwas beschwingtes, und an diesem blütenprächtigen Tag etwas asiatisches.

 

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Hinter der Leichtigkeit aus Glas: Das Kosmische Monument von Joaquín Torres García von 1939.

 

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Das Museum gilt als das bedeutendste Kunstmuseum des Landes – mit rund 6000 Kunstwerken, die jedoch nicht mal annährend in dieser Zahl zu sehen waren. Seine Bedeutung resultiert nicht zuletzt aus der Tatsache, dass es über die größte Sammlung von Werken uruguayischer Künstler verfügt. Zu ihnen gehören jene Männer wie Rafael Barradás, Juan Manuel Blanes, José Cuneo, Pedro Figari, Carlos Federico Sáez oder Joaquín Torres García. Künstlerinnen werden offenbar nicht zu den Größten gezählt (doch widmet sich das Museum der Kunst der “mujeres” in einigen Sonderausstellungen).

Wir entdecken für uns Nelson Ramos, einen uruguayischen Künstler (1932-2006), der seine Werke häufig in Schaukästen platziert. Als der herausragende deutsche Grafiker Gotthard Joachim (Johnny) Friedlaender, der gleicherweise Ulrike Ottinger und Wim Wenders unterrichtete, 1959 eine Art Werkstatt mit Lehrauftrag, finanziert durch die UNESCO, in Buenos Aires eröffnet, war einer seiner Schüler Nelson Ramos.

 

Das große Thema des Künstlers scheint der spanische Überfall auf Südamerika zu sein, seine Folgen und das fremde Selbstverständnis, das den Kontinent vollkommen veränderten. Die Auseinandersetzung mit der unliebsamen Geschichte setzt er auf eine pointierte Art um. Für uns ist es das erste Mal, das wir eine solche Auseinandersetzung in Südamerika zu Gesicht bekommen. Offenbar bedarf es der Kunst, um die Stunde Null des südamerikanischen Kontinents auf sich zu nehmen und sich der unrühmlichen Vergangenheit zu stellen.

 

Nelson Ramos

Ramos entwickelt eine Art dadaistisches Unterrichtsmaterial – fragile Gebilde veranstalten hinter Glas ein groteskes Schauspiel. Doch weiß man um die historische Realität dieses vermeintlich Grotesken. Uruguay beispielsweise vermeldete im frühen 19. Jh. bereits ganz “indiofrei” zu sein… Ich frage mich, ob es nicht an der Zeit ist, sich dieser Geschichte im größeren Umfang zu stellen.

Ramos Kunst schöpft ihre Wirkung aus dem Material Papier. Das einfach zu zerstörende, ‘zerbrechliche’, Material hat sowohl in der Kunst als auch in der praxisorientierten Welt keine besondere Bedeutung, es ist vor allem ein Trägermaterial, auf dem geschrieben, gemalt, gezeichnet wird. Als Werkstoff an sich hat es fragilen Charakter und braucht des Schutzes vor zerstörerischen Umwelteinflüssen. Hinter Glas, in den Vitrinen und Schaukästen scheinen Ramos Figuren aus Papier um so mehr ihren bedrohten Charakter auszustellen, wobei gleichzeitig die Darstellung der Brutalität und der Habgier, die ihrerseits ganze Völker und ihre Hochkulturen vernichtete in einem verstörenden Gegensatz dazu stehen.

 

Nelson Ramos

“Sie… Sie betrachten uns noch” – all die toten südamerikanischen Bewohner, um dessen Gold wir hierher kamen.

 

Ramos - Colonizacion

 

Nelson Ramos - America! Espana Te Saluda

“Oh Amerika! Spanien grüßt dich”

 

Nelson Ramos

 

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Andere Stile haben großzügige Entfaltungsmöglichkeiten in der luftigen ersten Etage.

 

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Unverkennbar eine Hommage an den Filmregisseur aus Japan, Akira Kurosawa.

 

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Was bleibt von einem impressionistischen Bild übrig, wenn man es in “Blindenschrift” umsetzt? Hasen und Tränentropfen. So entbehrt auch dieses Museum des Kuriosen nicht.

 

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Und hier das Original für Sehende.

 

  

Der Mond als Kartoffel und als Zitrone.

 

Ich weiß zunächst nicht, ob ich lachen soll, handelt es sich hierbei doch um einen der “großen” uruguayischen Künstler, José Cuneo (Perinetti), der 1977 – ich kann es gar nicht glauben – in Bonn, meiner Studienstadt und einer der lebenswerten Orte in Deutschland, starb. Ganz offensichtlich pflegte er lange eine Obsession für Mondbilder dieser Art. Betrachtet man sie tatsächlich in dieser thematischen Reihe, so  gewinnen sie durch die Kontinuität des Themas durchaus etwas eigens, surreales.

 

Centro de Fotografía de Montevideo (Av. 18 de Julio 885; Eintritt frei, geöffnet 10:00 – 19:00)

Das CdF ist eine Institution, die sich lohnt zu besuchen. Um Enttäuschungen vorzubeugen, sei gesagt, dass es sich dabei um kein Museum im herkömmlichen Sinne handelt. Mehr um ein Fotoarchiv, dass ein Mal im Jahr ein besonders sehenswertes Festival der Fotographie veranstaltet (März oder Juni), eine sehr gute, aufwendige Homepage mit Onlinepublikationen betreibt (viele frei zum Onlinelesen) und eben einige kleine Ausstellungen organisiert. All das findet man auf dieser Homepage (Spanischkenntnisse vom Vorteil).

Außerhalb der musealen Reihe – die um ein vielfaches zu verlängern wäre (Überblick siehe hier) – besteigen wir einen der vielen alten Fahrstühle in einem klassisch modernen Gebäude von Montevideo. Die Türen öffnen sich und wir stehen inmitten einer kleinen Fotoausstellung.

Der Künstler dieser Bilder ist Rodrigo Abd, Jahrgang 1976, ein gebürtiger Porteño aus Buenos Aires und ein Fotojournalist. Interessant – oder kurios – sind seine fotografischen Projekte, die er ab 2003 für die “Associated Press” in Guatemala, in Kabul, Bolivien, Haiti oder Venezuela machte. 2013 bekam er zusammen mit vier weiteren Fotografen von Associated Press den Pulitzer-Preis “Breaking News Photograph” für seine Arbeit zum syrischen Bürgerkrieg. Zur Zeit lebt und arbeitet er in Lima, Peru.

 

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Rodrigo Abd porträtiert Basilia Gómez Alarcó aus  Ayacucho, Cangallo/Peru, 2004.

 

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Seltsam im Fokus verrutscht, zwischen alt und modern schwankend, gestellt und zugleich ungeschminkt wirken die Fotos auf mich. Seltsam traurig sind die Porträtierten, exponiert und darin unwirklich. Ich komme nicht umhin, diese Fotos lange anzuschauen. Ihr Entstehungszeitraum ist kurios, 1982-83. Einige sogar von 2006 oder 2011 . Die Papiernegative sind klein, nur 6 x4 cm, die Vergrößerung erzeugt ihre eigene Aura. Gestört, scheinbar falsch belichtet, scharf und unscharf zugleich. Fotos, wie angehaltene Luft.

Der Fotograf hat eine hölzerne Lochkamera des 19. Jh.s hierfür benutzt. Eine, die in Afghanistan immer noch Verwendung findet. Er fotografierte damit in Kabul jene ethnisch unterschiedlichen Arbeiter, die auf der Straße warten, um angeheuert zu werden. Fotografierte in Guatemala die indigenen Frauen, die bei einem Schönheitswettbewerb mitmachen wollen (die Mayan Queens). Und guatemalische Clowns, die in Bussen, an Haltestellen und roten Ampeln den Passanten ein Lächeln für wenige Pfennige entlocken und selbst in schlimmsten, von Straßenbanden kontrollierten Gegenden hausen. Fotografierte in Peru Marktfrauen, vom Leben und Arbeit gezeichnete Frauen. Gesichter wie Landschaften.

Für diese gewissermaßen ambulanten Fotos – auf der Straße, auf dem Markt – mussten die Fotografierten minutenlang stillstehen oder stillsitzen. Am besten atemlos, unbeweglich, im Leben angehalten.

 

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Videoarbeiten.

 

 

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Und dann, dies hier. Leichen. Mumifiziert, zerfledderte Kleider, vermoderte Schuhe, auseinandergefallen. Ein Friedhof im Aufbruch. Neben den agilen Arbeitern bekommen die kaum verwesten Körper eine neue Lebendigkeit.

 

Das Fotoprojekt heißt bezeichnenderweise “Second Death”, der Zweite Tod. Es geschieht jährlich, dass ca. 2000 Tote exhumiert werden, weil die Familien der Verstorbenen nach sechs Jahren sich keine weitere Friedhofsgebühr leisten können von umgerechnet ca. 24 US-Dollar. Wenn die Zahlung nicht erfolgt, werden Friedhofsarbeiter geschickt, um das Grab zu zerstören und die Leichen in ein Massengrab – ein tiefes brunnenartiges Loch – zu werfen. Guatemala City im Jahr 2007.

Wer mehr von Rodrigo Abds Projekten sehen möchte, der kann dies auf seiner Homepage tun. Froh sind wir, diesen Fotografen für uns entdeckt zu haben.

 

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