Gieren, Krängen, Stampfen.

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In der zweiten Nacht legte der Wind stetig zu und mit dem Wind kamen die Wellen. Drei bis vier Meter schätze ich. Bei Dunkelheit neigt man dazu, die Wellenhöhe zu unterschätzen, bei Tageslicht dagegen sehen die Wasserberge bedrohlicher aus, die uns immer wieder einholen, das Heck anheben, dann das ganze Schiff. Es neigt sich zur Seite und dann geht’s abwärts. Rotation um drei Achsen. Gieren, Krängen, Stampfen. Dazu hat sich wieder dieses unangenehme Singen der festgestellten Schraube gesellt. Vermutlich hat das Süßwasser im Gambia den Bewuchs vom Propeller gewaschen, der die Schwingungen zuvor gebrochen hat. Ausgerechnet jetzt, wo wir drei Wochen unterwegs sind. Ab fünf Knoten Fahrt stellt sich dieser hohe Summton ein. Alternative: Die Welle mitdrehen lassen. Doch auch das macht Geräusche. Not gegen Elend. Morgens um 06:00UTC übernehme ich die Wache und setze Kaffeewasser auf. Heute gibt´s leider nur löslichen Kaffee. Der Wasserkessel hat einen schweren, breiten Boden, welchem ich eher zutraue bei den vorherrschenden Schiffbewegungen über der Flamme stehen zu bleiben, als dem Italienischen Kaffeebereiter, der nicht nur höher ist, sondern seinen Gewichtsschwerpunkt ungünstig verlagert, sobald der Kaffee duftend nach oben steigt. Doch ich wundere mich immer wieder bis zu welch ausuferndem Geschaukel Kessel, Töpfe und Schalen auf dem kardanisch (nur einfach, was ist mit den anderen Achsen?) aufgehängten Herd stehen bleiben. Frühstück: Treffen sich münsterländer Pumpernickel, neuseeländische Butter und holländischer Käse auf hoher See. Die Warenwege des globalisierten Lebensmittelhandels sind unergründlich. Und dann wäre da noch die unwillkommene Aufgabe, bei diesen Konditionen mit Nico aufs Vorschiff zu müssen. Der Kleine hat heute morgen tatsächlich angezeigt, dass er nach vorne möchte. Also schön: Anleinen (beide: Nico bei mir und ich am Schiff) und ab geht der Eiertanz. Am Abend beruhigt sich der Wind und allmählich auch die Welle. Wir reffen aus, haben jetzt das Groß in Lee und den ausgebaumten Klüver in Luv gesetzt, unsere Passatbesegelung. Am Morgen des dritten Seetages gleiten wir dann bei 15 Knoten Wind raumschot in Richtung Südwesten. Die Schiffsbewegungen sind erträglich. Der Kopf wird wieder klarer. Der Körper hat sich langsam eingegroovt in den Reigen aus Schlingern und Geigen. Die Routinearbeiten gehen wieder leichter von der Hand: Segeltrimm, Ausguck, Logbuch, Spülen, Kaffee machen, Essen kochen, Cockpit aufräumen – irgendwie liegen immer irgendwelche Seile herum, außerdem Schlappen, Rettungswesten, Kekskrümel, heruntergefallene Erdnüsse, Sitzkissen, Handtücher, Wasserflaschen, usw. Seit wir den Kontinentalsockel hinter uns gelassen haben, wo der Meeresgrund von fünfzig oder hundert Metern jäh auf mehrere Kilometer Tiefe abfällt, begegnen wir kaum noch Schiffen. Unser Radarwarner flackert zwar immer wieder auf, doch andere Schiffe im AIS-System (UKW Funk basiert und daher quasioptische Reichweite vom Masttop aus gesehen) sind selten und tatsächlich in Sichtweite, also gute drei bis fünf Seemeilen, kommt so gut wie nie eines. In der ersten Nacht blinkte und blitzte es noch um uns herum. Überall lauern gambische und senegalesische Pirogen der Fischer. Die kleinen Funzellämpchen, die sie an Bord haben, entsprechen sicherlich nicht den vom Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie in Hamburg zugelassen Richtlinien und so tauchten die offenen Boote erst kurz vor oder neben uns aus der Dunkelheit auf. Wir hatten Neumond, keine Sterne waren zu sehen. Es war finster wie im Allerwärtesten eines texanischen Weideochsen in einer mondlosen Prärienacht (frei zitiert nach dem Dude). In der vierten Nacht auf See sind wir 400 Meilen weiter draußen auf dem Atlantik und die Luft ist klar. Obschon die Dämmerung durch die Nacht noch nicht vollständig geschluckt ist, sehe ich Jupiter am im Osten hell leuchten. Ich suche den Horizont, diese diffuse Linie zwischen grau und schwarz nach Lichtern ab – nichts. Wir sind allein und schaukeln mit fünf Knoten durch die Nacht. Um 21:00UTC übernimmt Joanna die Wache. Ein Rundumblick alle 20 Minuten reicht aus. Nico wuselt dann zwischen unserer Koje, der Seekoje im Salon, auf der meistens der Wachhabende liegt, und seiner eigenen Seekoje hin und her. In den nächsten drei Stunden darf ich schlafen – sofern Wind und Welle so bleiben wie sie sind und keine Segel getrimmt werden müssen. Seit zwei Tagen und zwei Nächten stehen jetzt die Segel ohne dass man etwas verändern musste – stetiger Passat. Die Windsteueranlage arbeitet während die Crew schläft und steuert uns Meile für Meile über den Ozean in Richtung Äquator.