Die Kunst des Scheiterns

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wabi-sabi ist die Schönheit unvollkommener, vergänglicher und unvollständiger Dinge.

Es ist die Schönheit anspruchsloser und schlichter Dinge.

Es ist die Schönheit unkonventioneller Dinge.

Es begann mit einer Nachricht. Eine Nachricht, die das Leben, wie wir es gerade vor ein paar Monaten eingerichtet hatten, erschütterte. Es war keine der Nachrichten von Tod oder Trauer, jedoch eine, die das Herz in die Hose sacken und uns einige Male tief durchatmen ließ. Im Nachhinein ließe sich die Geschichte, an deren Ende ein Scherbenhaufen vor uns lag, wie die Chronik eines angekündigten Scheiterns lesen.

Jetzt hängen wir hier auf den Kanaren fest, während unsere Freunde gerade den Äquator überquert haben: die Yemanja mit Tomy und Steffi, wie auch die Robusta mit Thomas und Anja, sind auf dem Weg nach Salvador, wo wir uns hoffentlich im Laufe des Jahres wieder sehen werden. Die Sunrise mit Elke und Walter taucht ihren Kiel schon lange in die warmen Gewässer der Karibik. Dort neigt sich die Saison bald wieder dem Ende entgegen.

Dinge gehen entweder ins Nichts über oder entwickeln sich aus dem Nichts.

Wir haben in Deutschland einige unangenehme Dinge zu erledigen. Wir müssen unsere finanzielle Situation ordnen und hoffen, im Sommer wieder die Segel setzen zu können für die nächsten Etappen: Kapverdische Inseln, Äquatorüberquerung, Brasilien. Wir träumen weiter. Wir leben weiter. Auf einem Segelschiff zu leben bedeutet die Kunst des Scheiterns zu kultivieren. Nach Samuel Beckett heißt das: Scheitere. Scheitere erneut. Scheitere besser!

Man steht vor dem Nichts wo zuvor noch fester Boden unter den Füßen war, wo der Anker hielt in ruhigen Gewässern, nur leicht umströmt von den Sorgen des Alltags, und beginnt die Scherben aufzulesen, eine nach der anderen, behutsam, eine jede in der Hand betrachtend, um sie dann nachdenklich in einer gewissen, vorläufigen Ordnung abzulegen.

Die Vorstellung von der Vollständigkeit und der Vollkommenheit besitzt im Denken von wabi-sabi keine Grundlage.

Verlangsamen wir unseren Schritt. Halten wir geduldig inne. Sehen wir genau hin. Die Scherben scheinen sich wieder zusammenzufügen. Wir sehen die Sonne und den Tod. Wir wissen, dass jede Ordnung nur eine vorläufige sein kann. Das macht es uns leicht loszulassen.

Kintsugi, die Goldverbindung, ist eine traditionelle japanische Reparaturtechnik für Keramik. Die Scherben werden mit Gold wieder zusammengefügt und in ihrer Fehlerhaftigkeit aufgewertet.

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Das macht es uns leicht zu akzeptieren. Ich werde mich in Las Palmas zum Yoga-Lehrer fortbilden und Joanna nutzt die zusätzliche Zeit, zweier Einladungen zu Symposien zu folgen. Wir werden also in den nächsten paar Monaten zwischen den Welten pendeln. Und wer wie wir längere Zeit auf einem Schiff lebt, weiß, dass es wirklich unterschiedliche Weltmodelle sind, die unser Denken und Handeln bestimmen. Man kann nicht halb zur See fahren, so wie Frau nicht halb schwanger sein kann.

Auf einem Schiff übt man Verzicht, ohne dass einem etwas fehlt. Was man meinte zu brauchen, haben zu wollen, konsumieren zu müssen, verliert allmählich an Bedeutung. Die wenigen Dinge, die man hat, der Aktionsradius, der das Handeln bestimmt und die Landschaften und die Menschen, denen man begegnet werden intensiver wahrgenommen.

Wir werden weiterhin berichten, und hoffen, dass unsere treuen Leser bei uns bleiben. Wundert euch aber nicht, wenn es noch nicht weiter geht. Noch nicht. Es wird also in den nächsten Berichten weniger ums Segeln gehen. Dafür Versprechen wir Kulinarisches, Nachdenkliches, Literarisches, Kulturgeschichtliches und vielleicht auch ein paar Träumerein. Außerdem werde ich berichten wie es jemandem ergeht, der vier Wochen lang, an sechs Tagen in der Woche, von acht bis siebzehn Uhr Yoga praktiziert. Vielleicht muss dann ein Zen-Meister kommen und mir mit einer Schiffsplanke auf den Rücken schlagen.

Be water! Namaste.