Auf See – Delfine Ahoi!

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In Pinheira, einer sehr großen Bucht in Form eines Hufeisens südlich von Florianopolis, warteten wir auf das richtige Wetterfenster, um nach Rio Grande do Sul zu segeln. Wir warteten und warteten und bald wurden es vier Wochen. Doch es war notwendig: Drei bis vier Tage Nordwind muss man dafür einplanen. Denn sollte überraschend der Wind früher als erwartet auf Süd drehen, dann bleibt einem nur noch, die dreihundert Meilen wieder zurück zu segeln. Die Kaltfronten aus Süden, die berüchtigten Pamperos, haben es in sich. Ich zitiere eine E-Mail von Thomas, dem Trans-Ocean-Stützpunktleiter von Piriápolis, Uruguay, die wir kurz vor unserer Abfahrt bekommen haben:
„Wir haben gestern Abend einen Tornado erlebt und in ganz Piriápolis hat es große Schäden gegeben. Wir haben einen großen schweren Baum auf dem Dach liegen und machen das Haus noch mal sturmfester für das Unwetter, das morgen kommen soll und die Regenflut von heute. Das ist schon der dritte schwere Sturm hier in 6 Wochen und der von gestern war der schwerste, den wir hier in den letzten 10 Jahren hatten. Auch im Hafen hat es ganz schön gescheppert und die Wellen sind über die Mole gestiegen und in der Stadt sind sogar Strassen und Bürgersteige weggerissen worden. An der ganzen Küste hier und auch in der Stadt sind 2 … 3 Meter Strand verschwunden (in der Höhe!).“

Als sich das richtige Wetterfenster für die Weiterfahrt öffnete, sah es nach mindestens fünf Tagen Nordwind aus. Wir entschieden uns kurzfristig Rio Grande do Sul, unsere letzte Destination in Brasilien, an Steuerbord liegen zu lassen und bis La Paloma, Uruguay, weiterzusegeln. Und tatsächlich: Der Wetterbericht hat uns dieses Mal nicht enttäuscht. Die ersten zwei Tage waren zum eingrooven, die Schiffsbewegungen teilweise angenehmer, als in der Bucht von Pinheira, wo wir am Anker ordentlich durchgeschaukelt wurden. Danach hat es für 24 Stunden mit bis zu 30 Knoten gepustet, doch jetzt dümpeln wir wieder mit leichten Winden dahin. Mit zu leichten Winden. Das heißt mal wieder: Unter Motor. Es ist der vierte Tag auf See. Nach dem Sonnenaufgang zog Nebel auf, der die Sicht auf unter eine Seemeile reduzierte. Ich checke immer wieder das AIS und das Radar auf neue Gegner. Bis Uruguay (Englisch ausgesprochen nach Homer Simpson: „U-R-Gay“) sind es noch 180 Seemeilen. Morgen Abend sind wir hoffentlich in La Paloma. Wenn nicht, hieße das entweder eine weitere Nacht auf See zu verbringen oder eine Nachtansteuerung in einen fremden Hafen zu wagen. Die brasilianische Gastlandflagge ist bereits eingeholt.

Ach ja, wir haben uns gar nicht richtig von Brasilien verabschiedet (was aber noch geschehen wird, wie ich gerade von Joanna höre). Dafür grüßt uns auf See das Cargoschiff Bossa Nova Spirit mit Zielhafen Angra dos Reis. Der „Guía Náutica“ von Uruguay weiß über La Paloma nur Gutes zu berichten: „Die Stadt bietet den Seglern spiegelglatte Gewässer, die zum Ausruhen einladen.“ Und außerdem „die höchste Sonnenuhr der Welt“, gestiftet 2004 durch den Rotary Atlántico La Paloma. Das macht neugierig, nicht zuletzt, da es in diesem 4.000 Seelen Flecken offenbar einen Rotary Club gibt, der die Gemeinde nicht mit gänzlich unattraktiven Suppenküchen für Bedürftige oder langweiligen Spendengalas beglückt, sondern in unendlicher Freigiebigkeit mit gigantischen, wenn nicht gar astronomischen Sonnenuhren. Unsere Erwartungshaltung ist also groß für ein so kleines Land. Wir werden berichten.

Unterwegs dann der Ausruf, auf den Nico wie elektrisiert reagiert: Delfine voraus! Nico war der erste an Deck und sogleich aus dem Häuschen, denn es waren dieses Mal Hunderte wenn nicht gar Tausende Meeressäuger. Fiepen lag in der Luft und überall Flossen auf den Wellenkämmen. Drunter und Drüber schwammen sie einen halben Tag und eine ganze Nacht neben uns, unter uns, fast hätte ich gesagt, über uns. Wir konnten uns gar nicht von ihnen lösen. Und waren so froh, sie endlich (wieder-) zu sehen.

Es war ein rührender Abschied von Brasilien für uns!
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Delphinus Delphis – nach ihm sind alle anderen Delfine benannt, denn die alten Griechen dachten, es gäbe nur diese Delfine und so gaben sie ihm den Namen „der gewöhnliche Delphin“ oder auf spanisch „delfin commun“.

Er zeichnet sich dadurch aus, dass er gerne auf den Bugwellen reitet und freundlich die Menschen auf See begleitet. Vorn sind die bis ca. 2,50 Meter langen Meeressäuger gelblich-braun, hinten und oben grau. An den Seiten haben sie ein Zick-Zack-Muster. Die Weibchen gebären jedes Jahr nur ein Junges, das vier Monate gesäugt wird. Sie ernähren sich von Fischen und Kalamaren.

Ich lese, dass sie in Schulen von 40 bis zu mehreren tausend Tieren zusammenleben.

Was ich auch lese mag ich gar nicht glauben, denn im Schwarzen Meer sollen Russen, Bulgaren, Rumänen und insbesondere die Türken, diese Tiere Jahr für Jahr jagen. In den 1960er Jahren war der Delfin dort fast ausgestorben, denn man erlegte bis zu 120.000 Tiere pro Jahr. So die offiziellen Zahlen!

1982 war in der Londoner „Sunday Times“ zu lesen:

„Türkische Fischer fangen und erschießen Delfine in solchen Mengen, dass sich die in der Presse häufiger erwähnten Massaker der Japaner im Vergleich dazu fast harmlos ausnehmen. Nach Angaben des ‚People’s Trust of Endangered Species [Verband für vom Aussterben bedrohte Tierarten] sind in den vergangenen 15 Jahren über 900.000 Delfine getötet worden. Die meisten werden zu Öl verarbeitet; der Rest der Kadaver wurde zu Hühnerfutter zermahlen. Doch es besteht kaum Nachfragen nach Delfinöl, seit die EG [damals noch] die Einfuhr von Walprodukten (auch solche von Tümmlern und Delfinen) verboten hat. In den dreißiger Jahren fingen Russen, Bulgaren, Rumänen und Türken pro Jahr 250.000 Delfine. Dann geschah das Unvermeidliche: Die Zahl der Delfine sank so rapide, dass die drei Ostblockländer 969 das Blutbad beendeten… Doch die Fischer aus Trabzon und anderen Schwarzmeerhäfen waren trotzdem den ganzen Winter in hellen Scharen draußen und haben die Delfine auf deren küstennaher Wanderung in Richtung Westen verfolgt.“

Da soll mir jemand sagen, die EU bewirkt nichts gutes.

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