Alltag des Langfahrtseglers: Das Dingi

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Das Dingi, auch Dingy, Dhyngi (tamilisch?), oder Tender genannt, zu deutsch: Beiboot, ist ein unverzichtbarer Ausrüstungsgegenstand des Langfahrtseglers. Der Berufspendler hat ein Auto, oder er fährt mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Doch bei uns kommt kein Bus. In Venedig konnten wir noch mit den Vaporetti, den ehemals dampfbetriebenen (daher der Name) Wasserbussen fahren, die in der Lagunenstadt Insel mit Insel verbinden. Doch was macht man vor Anker? Dass wir in einer Marina liegen ist die Ausnahme. Marinas sind teuer, haben meist miserable Sanitäranlagen, schlecht gewartete Mooringleinen oder Steganlagen, die sich bei Dünung in sich verdrehen und dafür sorgen, dass Festmacherleinen reißen und Klampen ausbrechen. Ganz zu schweigen von unliebsamen Nachbarn.

 

Unser Dingi: Schon etwas ramponiert, nach einigen Jahren täglichen Gebrauchs.

 

Wir ziehen das Liegen vor Anker (fast) jeder Marina vor. Und da wir einen Hund an Bord haben, ist es (fast) unvermeidlich mindestens zwei bis drei mal am Tag mit dem Beiboot an Land zu fahren. Das gestaltet sich mal schnell und einfach, wenn man einen komfortablen Steg in der Nähe hat, und häufig abenteuerlich bis hin zu gefährlich, wenn man durch die Wellen, den sogenannten Surf, an- und ablanden muss. Verstauchte Daumengelenke (Joanna vor ein paar Tagen), Platzwunden an der Stirn (Marcel in Portugal), kaputte Außenbordmotoren (Torqeedo auch in Portugal) oder schlimmstenfalls ein umgeworfenes oder vollgelaufenes Dingi sind dann möglichst zu vermeiden. Dabei ist auch schon mal ein iPhone den Salzwassertod gestorben – sehr ärgerlich.

 

Ein Lob auf Edding Lackstifte: Besonders UV-Beständig.

 

Es gibt die unterschiedlichsten Varianten von Beibooten. Moitessier beschreibt in einem seiner Bücher noch, wie man ein Tender aus dem Schlauch eines LKW-Reifens herstellt – Affendingi genannt. Das macht heute wohl kaum noch jemand. Wir haben schon vier Varianten ausprobiert: Schlauchboot ohne festem Boden, Schlauchboot mit festem Boden, Banana-Faltboot (nie wieder!) und ein aufblasbares Kayak. Daneben gibt es unzählige Varianten aus Holz, Glasfaserkunststoff oder Aluminum. Wir haben uns für ein venezolanisches Produkt mit gutem Ruf unter Fahrtenseglern entschieden: Ein Caribe mit festem Boden. Es ist leider sehr schwer aber komfortabel in täglichem Gebrauch und zudem aus äußerst UV-beständigem Material. Das ist wichtig in den Tropen. Schlauchboote aus PVC lösen sich nach kurzer Zeit auf.

 

Der neue 3,5 kg Bruce-Anker hat drei Fluken mit denen er sich schnell eingräbt.

 

Handschuhfach.

 

Und wie bei einem Auto das Handschuhfach oder der Kofferraum, füllt sich bei stetigem Gebrauch das Dingi mit allerlei mehr oder weniger nützlichen Gegenständen. Zum Beispiel Anker und Festmacherleinen. Auch im Dingi braucht man einen Anker. Wir hatten erst einen kleinen Klappanker, welcher sich als unbrauchbar erwies: Zu klein, zu leicht und zu schlechte, wenn nicht gar keine Fähigkeit sich in den Grund zu graben. Wir haben uns einen 3,5 kg schweren Bruce gekauft. Der war günstig und gräbt sich schon bei leichtem Zug in den Sand. Diese Anker wurden für Offshore-Plattformen entwickelt, dann sollte es auch für ein Beiboot reichen. Man belegt zum Beispiel eine Leine an der Pier und weil diese meistens mit scharfen Muscheln übersät ist, hält man das Beiboot mit einem Heckanker auf Abstand. Die andere Variante ist den Anker am Bug belegt in den Sand zu graben oder das Dingi mit einer Leine an einer Kokospalme festzubinden, wenn man es den Strand hinauf zieht und es bei steigender Tide immer noch da sein soll, nachdem man von der Wanderung oder dem Restaurantbesuch zurück kommt. Apropos Restaurantbesuch: Der Nachteil des Liegens vor Anker und des ständigen Anlandens mit dem Dingi: Kleidung und Schuhe bleiben nicht lange trocken und sauber: Salzwasser, Sand, Dreck und Hundepfötchen lauern überall.

 

Der schöne blaue Tragekanister ist bestimmt einem Fischer über Bord gegangen. Die kleine brasilianische Machete (auch Kurzschwert genannt) muss immer mit. Ich habe noch ein langes Modell von Gerber für besondere Fälle, mit rückseitiger Säge, mit der ich schon Baumstämme teilen konnte.

 

Frischwasser schleppen. Auf der Ilha Grande gibt es viele Quellen. Bestes Trinkwasser.

 

Außerdem liegen jetzt gerade in Handschuhfach und Kofferraum: Flipflops und Trecking-Sandalen (auch Skipper-Sandalen genannt, der alten Bochumer Zeiten wegen), Hundeleine, Hundespielzeug (ein gelber Ball), Lappen und Bürsten (wegen dem Sand und dem maritimen Gammel), Messer, Machete (für Kokosnüsse, Bananenstauden oder Jackfrüchte), Frischwasserkanister (unsere Ersatzmembran für den Wassermacher liegt immer noch bei Milan in Mindelo), zwei Bambusstangen (als Wanderstöcke und zum Vertreiben von streunenden Hunden), ein kleiner Fender (zwei weitere wurden uns hier auf der Ilha Grande geklaut), ein blauer Kanister (aufgeschnitten und mit hübsch eingespleistem Henkel, Strandgut, zum Sammeln von Kokusnüssen), Yoga-Matte (für die morgendliche Praxis auf der Mole, dem Steg oder einer nahegelegenen Hotelterasse).

 

Zunehmende Vergesslichkeit macht es erforderlich, immer ein Paar Flipflops im Dingi griffbereit zu haben.
Sogenannte Skippersandalen. Mit Gruß an den Kleinen Bärtigen.

Segleralltag: Mit dem Beiboot an einsamen Stränden anlanden und Kokosnüsse sammeln.

 

Taxifahrten an Land. Bei jedem Wetter.

 

Ps.

Noch einmal zu den Kokosnüssen: Man entwickelt einen Blick dafür, welche Nüsse noch zu gebrauchen sind. Erst haben wir nur nach niedrigen Palmen Ausschau gehalten, um die Grünen Trinkkokosnüsse abschneiden zu können. Fallen die Nüsse aber in braunem Zustand von selbst herunter, dann handelt es sich um reife, sogenannte trockene Kokosnüsse, wie man sie auch aus deutschen Supermärkten kennt. Man muss sie nur von ihrer braunen, faserigen Schale befreien. Manchmal liegen die Nüsse schon etwas länger im Unterholz und erscheinen recht unansehnlich. Doch wenn man sie schüttelt und man das Kokoswasser im Inneren schwabben hört, sind sie meistens noch brauchbar.

 

Die braunen, trockenen Kokosnüsse in ihrer faserigen Schale.


Die Beute: Jackfrucht, Grüne und trockene (geschälte) Kokosnüsse.

 

 

 

 

 

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2 Responses

  1. Eva Groß

    Hallo Joanna,
    wir hatten über FB Kontakt wg. Anker und Kette. Habe Euch soeben bei Transocean e.V. gefunden. Du machst auch Yoga. finde ich spannend. Wie übst Du auf langen Strecken? An Bord ein Platz, wo Du die Matte ausbreiten kannst.
    Lasst es Euch gut gehen.

    • Marcel

      Hallo Eva.

      Nicht Joanna, sondern ich bin der Yogi an Bord. Ich praktiziere seit einigen Jahren Ashtanga Yoga, was an Bord wirklich schwierig ist. Habe in Las Palmas auch ein Teacher-Training absolviert.
      An jedem Ankerplatz suche ich mir ein geeignetes Plätzchen an Land, soweit möglich.
      Sonst auf dem Vorschiff oder unter Deck im Mittelgang. Dann gehen aber nur ein paar Sitzhaltungen.
      Namaste.
      Marcel