Munnar – Heißer Tee und kühle Berge

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In Cochin sind es 35 Grad Celsius, bei uns unter Deck arbeitet eine geliehene, uralte Klimaanlage, die wie eine brummende Metallbienenwabe aus der Luke nach Innen hineinragt und den Salon auf kuschelige 30 Grad runterregelt. Wenn sie etwas mehr arbeitet – und kein Strom ausfällt –, dann freuen wir uns über die tatsächlich kühlen 28 Grad C. Wir können in der absolut windstillen Marina nicht wirklich das Draußensitzen oder Spaziergehen genießen, denn neben der Hitze herrscht auch noch mörderische Luftfeuchtigkeit, die bedrohlich die 90-Prozent-Marke auch ohne Regen zu erreichen sucht.

Kurzerhand entscheiden wir uns, Urlaub zu machen, und buchen einen Aufenthalt von drei Übernachtungen in Munnar. Munnar ist ein kleiner Ort in den Bergen von Kerala (sprich: ker:la), dem Bundesstaat, in dem sich auch Cochin/Kochi und somit auch wir befinden. Grob geschätzt liegt Munnar 130 Kilometer östlich von uns entfernt und man wird sich wundern, wenn man wie ich mit der Geographie Indiens nicht vertraut ist, dass sich hier Hochplateaus und Berge auf einem Niveau zwischen 1600 und 2000 m. ü. M. erstrecken. Unmittelbar hinter Munnar-Ort schwingt sich der Anamudi oder Ana Mudi auf 2695 Metern Höhe auf und ist nicht nur eine majestätische Erscheinung, sondern auch der höchste Berg Südindiens. Gleich vorweggesagt: Wir haben ihn nicht bestiegen. Die Munnar-Gegend lockt nicht nur mit Bergen, Wanderungen, unberührter Natur, zwei Reservaten (mit wilden Elefanten und wesentlich kleinerem Getier), gesunder Luft und einigen großen Damm-Seen. Es lockt vor allem mit Teeplantagen. Wenn man sich darunter eine große grüne Fläche von kurzgeschnittenen Sträuchern vorstellt, dann liegt man damit zwar richtig, kommt andererseits der Realität in Munnar überhaupt nicht nahe. Die englische WIKI-Seite – leider nicht die deutsche – hat eine große Mengen an Informationen gesammelt, die die Entwicklung der Region Munnar gut beleuchten.

Mit europäischen Augen sollte die Region in den 1790er Jahre zum ersten Mal gesehen worden sein, als Colonel Athur Wellesley mit seinen Truppen die in Kumaly, Munnar, den Staat Travancore vor den Truppen des Tippu Sultans von Mysore zu verteidigen hatte. Ein kurze Episode für Munnar und darüber hinaus wahrscheinlich nicht zutreffend. Aber dass in der Region um Munnar herum im späten 18. Jahrhundert Handel betrieben wurde, bezeugen beispielsweise die Eintragungen eines Europäers in seinem Tagebuch von 1817. Er berichtet von einer Trasse zwischen Munnar (vielleicht auch Cochin) und Travancore. Gehandelt wurde mit Stoffen und Betelnüssen. Diese kurze Intermezzi seitens der Europäer fanden eine Fortsetzung in den 1870er Jahren als John Daniel Munro, Mittglied des Hofes des Sultans von Travancore, diese Region bereiste, um im offiziellen Auftrag die Streitigkeiten zwischen den Staaten Travancore und Madras beizulegen. Er gilt als derjenige, der die Schönheit des ‚vergessen Landstrichs‘ erkannten – und noch vielmehr sein wirtschaftliches Potential zunächst für sich entdeckte.

Das Abenteuer in Indien beginn mit einer Autofahrt

Wir haben ein Auto mit Fahrer gemietet. Wir hätten es billiger und abenteuerlustiger haben können, wären wir in einen Bus eingestiegen. Nach annähernd 11 von uns bereisten Ländern – die meisten in Afrika – kann ich nicht umhin, zu sagen: Man muss in seinem Leben nicht alles ausprobieren. Chauffeur und Auto? Das hört sich nach Luxus an. Ein Stück weit stimmt das auch, aber ohne einen Fahrer ist man in einem Land der schlechten Straßen und mörderischen Fahrweise eigentlich des Todes geweiht. Ich wette: Sitzt ein normalsterblicher Westler selbst hinter dem Lenkrad eines indischen TATA- oder eines asiatischen Susuki-Autos, so wird er die indischen Straßen nicht länger als 20 Minuten unfallfrei überleben.

Wer ein Auto anmietet, und das wird zumeist bei einer großen internationalen Vermietung geschehen, der unterstütz  damit gewollt oder ungewollt ein profitorientiertes großes Unternehmen. Ein Chauffeur ist hingegen ein eigenständiger Unternehmer. Es ist sein privates Auto, das er hegt und pflegt, und von dem erwirtschafteten Geld seine Familie ernährt. Darüber hinaus übersetzt ein Chauffeur, sucht vernünftige Lokale aus, fragt sich durch und kann auch sonst bei allen anderen Problemen und Anfragen helfen. Als Einheimischer ist er ein geeignetes Nadelöhr, um gute Erfahrungen von den schlechten zu separieren. Das richtige Restaurant auszusuchen, das gut, sauber, die europäischen Bäuche nicht in die Hölle schickt, und dabei nicht teuer ist, ist etwas, was man auf dem Lande nicht unterschätzen sollte. Denn im Vertrauen: Die Lokale sehen hier, gemessen an unseren stilistischen Kriterien, alle nicht besonders einladend aus.

20191202_090608_editedEngagiert man einen Chauffeur, so bekommt man nicht nur einen Fahrer. Wie der Hindu sagen würde, hier ist eine Win-Win-Situation und darüber hinaus auch eine gute Tat vollbracht – gut fürs Karma. Wir überqueren eine alte, noch von den Engländern gebaute Brücke mit unserem Chauffeur Varghese.

20191202_170718_editedSeht ihr viele heilige Kühe? Eine Frage, die Familie & Freunde brennend interessiert. Nein. Dies ist unsere erste und einzige, zumal wenig indisch ausschauende Kuh, die unseren Weg jemals kreuzte. Angebundene kleine Kühe, die typisch für Kerala sein sollen, haben wir des Öfteren gesehen, aber auch diese schienen uns nicht “heilig” zu sein. Vielleicht liegt es daran, dass Kerala sehr katholisch ist.

Ich hatte anfänglich etwas Bedenken. Einen Angestellten ständig um mich zu haben, und das auch noch im Urlaub? Andere Länder, andere Sitten – schon in Brasilien wollte kein Besserverdiener auf die Haushaltshilfe, die Empregada, die selbst auch noch in der Wohnung mit wohnt, verzichten. Auch in Indien ist man eigentlich keine Sekunde alleine, und das auch gar nicht sein will. Die üblichen Arrangements sehen so aus, dass man mit dem Chauffeur einen Tagespreis ausmacht, dazu übernimmt man noch seine Unterkunft und gegebenenfalls auch seine Verpflegung. Viele Hotels in Indien sind auf Gäste mit Chauffeur eingerichtet und bieten eine preislich um einiges günstigere Unterkunft für den Fahrer an. Unsere Hotels jedoch nicht. In der ersten Unterkunft, die sehr abgelegen war, hat unserer Chauffeur nur eine Matratze im Hotelbüro ausgelegt bekommen. Für einen Inder mag das ok sein, da ihnen zuhause nicht selten auch nichts anderes zur Verfügung steht, für uns ist es aber eben nicht ok. Das zweite Hotel hatte gar keine Unterkünfte dieser Art, aber wir haben unserem Chauffeur als Kompensation und Dankeschön ein etwas günstigeres, aber dennoch ein vollwertiges Hotelzimmer spendiert. Wir haben uns gefreut, dass es ihn gefreut hat.

Unserer Chauffeur und die gute Seele der Reise, ausgestattet mit engelhafter Geduld, Freundlichkeit und guter Laune, war – und ist weiterhin – Varghese. Man kann mit Fug und Recht behaupten, dieser Mann kennt sich mit Westlern aus, denn seine Visitenkarte wird von Segler zu Segler weitergereicht, und alle verlassen sich auf ihn, wenn es um eine längere Fahrt wohin auch immer geht. Varghese bedeutet Georg und ist natürlich dem Heiligen Georg geschuldet, der hier in Kerala sehr verehrt wird.

Wir machen uns also mit Varghese auf die gemeinsame Reise auf. Es stehen circa 130 Kilometer vor uns, was in Europa gut eine Stunde Fahrt bedeuten würde. Nicht so in Indien. Wer sich hier auf die Reise begibt, der hat ein Abenteuer zu bestehen. Je nach Fahrzeug und Fahrer wird daraus eine Reise auf Leben und Tod und dauert in unserem Fall gut 4 Stunden. Enge, vollgestopfte eineinhalbfahrbahnbreite Straßen voller tiefer Löcher oder zertrümmerter Fahrbahnbeläge. Fußgänger, Fahrradfahrer, Motorradfahrer mit Sack, Pack, Frau und kleinem Kind vorne weg, aber vor allen verrückte oder vollkommen verantwortungslose, dafür aber offenbar mit einem tiefen Glauben an Gott und Götter gesegnete Bus- und LKW-Fahrer kommen uns nicht selten mit geradezu rasender Geschwindigkeit entgegen und überlassen Varghese irgendwohin auszuweichen. Bremsen und Ausweichen sind allgemein “Manöver der letzten Sekunde” – wer zögert im indischen Verkehr, den bestraft einer der Götter. Das kann auch Jesus sein, der gerne in großen Lettern die LKWs schmückt. Das Englische hat offenbar extra für die Reisen in Indien ein Wort erfunden: challenging, was zugleich herausfordernd, schwierig, anspruchsvoll aber auch reizvoll bedeuten kann.

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Zwischenstopp zum Frühstück in einem typischen indischen Lokal. Das typische daran ist die erstaunliche Nacktheit der Einrichtung. Wir sind nicht nur die einzigen Weißen, sondern auch die einzigen draußen sitzenden Gäste, die freiwillig auf die Klimaanlage verzichten. Und dann auch noch die mit einem haarlosen Hund! Auf den typischen Tellern aus Edelstahl, die wie Tabletts aussehen und besser hygienisch gesäubert werden können, liegt das sehr typische indische Frühstück. Varghese und Marcel genießen herrliche Dosas, leicht gefüllt mit mildem Kartoffelcurry. Ich habe mich für den anderen Klassiker, die weißen Idly, entschieden. Sie werden aus Reismehl gemacht und in runden Muldenformen unter Wasserdampf gegart. Nico und ich mögen sie sehr gerne. Der Masala Chai und der Kaffee lassen wie immer auf sich warten.

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Viel Wasser fließt in Munnar und Umgebung. Flüsse, Bäche, Staudämme, Seen und Wasserfälle. Unsere challenging-Fahrt führt uns an einigen, zum Teil spektakulären Wasserfällen vorbei. Wie es sich für tüchtige Touristen gehört, musste (fast) überall ein Foto gemacht werden. Das lag nicht nur an uns, sondern auch an Varghese, der wie jeder richtige Inder – ob Christ oder Hindu – der Idee der reinen und reinigenden Kraft des Wassers stark verbunden ist. Die Vorliebe für Wasserfälle, also für spektakuläre Kraft- und Reinheitsdemonstration, teilen wir Westler mit den Indern zweifelsohne, wenn man sich der Millionen an Selfies und anderen Fotos vor einem Wasserfall vergegenwärtigt. Das schmale, noch ursprünglich belassene und überraschenderweise nicht vermüllte Tal auf dem obigen Foto mit dem urwüchsig tosenden Wasserfall lässt mich daran denken, wie es wohl hier ausgesehen hat, als die ersten Weißen diese noch gänzlich unberührte Region im 19. Jahrhundert für sich entdeckten. Wir aber blicken auf das wundervolle, noch von Bäumen bewachsene Hochtal vom Straßenrand her, einer Straße, die sehr wahrscheinlich die ersten Plantagenarbeiter in den 1880er und 1890er Jahren angelegt haben. Oder bereits die ersten Händler mit Macheten schlugen.

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Für das richtige challenging währen unserer Reise sorgte auch die indische Regierung, die für den Straßenbau zuständige Aufgaben erließ und damit beinahe alle Straßen um Munnar zu Baustellen deklarierte. Alle auf einmal und zur selben Zeit, jedoch nur mit Personal für eine einzige Baustelle ausgestattet. Was sich wie ein Scherz anhört, ist keiner, obwohl wir durchaus darüber lachten. Waren die Wege und Straßen noch bis vor einigen Wochen oder Monaten bloß schmale Straßen und Wege, die sich in die Landschaft einpassten und den Pfaden der Pflanzer folgten, so werden sie nun mit voller Kraft ausgebaut. Was einspurig war, soll drei- bis vierspurig werden. Der Bagger fräst die Hänge meterhoch auf, vernichtet Teeplantagen und Baumbestände, und lässt die lehmartigen, nackten Seitenwände vollständig ungeschützt stehen. Der nächste Monsun wird kommen. Und wir fragen uns, wie es denn nächstes Jahr die Monsterstraßen und Plantagen, aber auch Hütten und Häuser um Munnar herum aussehen werden. Wir dürfen uns hier nichts vormachen: Diese Baumaßnahmen dienen hauptsächlich der schnelleren und umfangreicheren Beförderung von Gästen, die die Naturschönheiten dieses Landstrichs sehen wollen. Die meisten Inder werden diese Entwicklung sicherlich begrüßen. Wir aber bedauerten diesen radikalen Eingriff, wohlwissend, was breite Straßen nach sich ziehen werden.

IMG_20191203_102251Diesem einmaligen Zustand der Vollsperrung von allen wichtigen Straßen haben wir auch zu verdanken, dass unsere im Voraus gebuchte Unterkunft nicht auf direktem Wege von circa 12 Kilometern von Munnar-Ort erreichbar ist. Uns stand noch eine sehr strapaziöse Fahrt durch Stock und Stein, Tal und Berg, Ort und Dorf auf zusätzlichen 30 Kilometern, die de facto noch 2 weitere Stunden Fahrt bedeuteten. Andererseits hatten wir die Region so gut wie für uns alleine, denn kein vernünftiger Reiseunternehmen oder informierter Inder hätte die Anfahrt in Kauf genommen. Und die Unterkunft gebucht. Wir aber schon.

20191202_172601_editedEs geht nach oben, immer weiter in die Wolkendecke hinein. Waren wir noch vor ein paar Stunden vollkommen durchgeschwitzt ins Auto gestiegen, so frieren wir hier an der Grenze zum Zweitausender tüchtig. Ein altbekanntes, nun mit Freude neu entdecktes Gefühl.

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IMG_20191203_094444Auf den ersten Blick gut, dann eine große Enttäuschung. Unsere Unterkunft am Ende der Welt – ein kleiner und schön gelegener Bungalow inmitten einer Teeplantage und nur einen Steinwurf von einem prächtigen Wasserfall entfernt – entpuppte sich als eine ziemlich heruntergekommene, dreckige und undichte Sache. “Misty Clouds”, nomen est omen, ist eine Bezeichnung, die ganz und gar wahr ist. Schon bei der Ankunft zog sich der Wasserdampf um uns zu und am nächsten Morgen war die Wolkendecke noch dichter. Es wurde richtig kalt. In der Nacht ging auch noch ein kleiner Sturm über uns hinweg, der auf mich den Eindruck machte, als ob er im Zimmer tobte. Das beispielsweise in den Alpen zu erleben, ist möglicherweise nicht so besonders – abgesehen davon, dass die Alpen noch keine Teeplantagen haben -, aber hier in Indien, nur 130 Kilometer von 35° C entfernt, hatte das für mich ein echtes Ereignis- und Erholungswert.

20191202_171335_editedStraßenausbau unterhalb des Hotels macht die vollkommene Stille möglich. Hoch über den Tälern von Munnar.

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Der hauseigene Wasserfall inmitten der Teeplantage und nur wenige Schritte von unserem Balkon entfernt. Wir konnten beobachten, dass indische Familie vor dem Wasserfall, mehr oder minder direkt am Straßenrand, ihr Picknickkörbchen herausholten. Und seelenruhig das Essen genossen, obwohl es gerade mal wieder aus einer dunkelgrauen Wolke zu nieseln begann.

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Den Grund für den Sturm im Zimmer sehe ich am nächsten Morgen beim gedämpften Licht, das durch die absolut dreckigen Vorhänge kaum ins Zimmer fällt. Die Fenster sind so undicht, dass ich hier und da sicherlich meinen Finger durchschieben könnte. Aber wir entdecken noch einiges mehr, was keinem Standard gerecht werden dürfte, wie da sind Kippen und eine Zahnbürste zwischen den Sofakissen, verdreckte Kopfkissenbezüge, dreckige Wände und vor der Veranda eine Menge Müll.

Nach dieser Fehlbuchung, verleitet durch positive Bewertungen und schöne Fotos, habe ich folgendes für meine indische Zukunft gelernt:
1) Die indischen Standards im Hotelbereich haben gar nichts mit unseren westlichen zu tun.
2) Die positiven Bewertungen bei Booking.com und (noch schlimmer) bei Tripadvisor.de sind mit Sicherheit erbettelt.
Und 3) die Inder können sehr gut fotografieren.
Ich will mich gar nicht weiter damit aufhalten, daher gibt es nur das einzige dokumentarische Foto als Abschluss zu diesem Thema (s. o.). Schade. Das Potenzial der Anlage ist vorhanden, das Personal, das die Anlage verwaltet, ist sehr nett, hilfsbereit und  herzlich, doch leider reicht das nicht aus, um ein Hotel sauber und gepflegt zu halten. Für Marcel war dann auch noch ausschlaggebend, dass wir hier regelrecht in Wolken gestrandet sind, das Restaurant geschlossen, und das “Essen aufs Zimmer” zu den schlechtesten gehörte, die wir in Indien aßen. Wir reisten vorzeitig ab, nachdem Marcel erfolgreich sich mit dem Manager auseinandergesetzt hatte. Unter der Bedingung: keine schlechte Bewertung bei Booking.com

Munnar heute und gestern

Munnar hat zwischen dem Gestern und Heute einen riesigen Schritt gemacht. Dabei vergingen gerade mal 150 Jahre zwischen der Entdeckung seines wirtschaftlichen Potenzials durch mehr oder minder zwei englische Exkursionen der 1870er und 1880er Jahre und der heutigen Vermarktung als Touristendestination. Ein Klacks eigentlich, ein Schnipseln mit den Fingern, der die Landschaft radikal verändert hat. Was sich unseren Augen so saftig grün und wie die herrlichste Natur präsentiert, ist im Grunde eine wunderschön platzierte Monokultur. Wir befinden uns in der sogenannten High Range, dem Hochland im Süden Indiens, das zum ersten Mal mit abendländischen Augen um irgendwann zwischen 1799 und 1816, als hier englische und indische Soldaten auf der Seite des Empire und des Tipu Sultans von Maysor kämpften. Gesichert ist vor allem, dass Benjamin Swayne Ward, Sohn des Colonels Francis Swayne Ward, und sein Assistent Leutnant Eyre Connor das Land zwischen Cochin und Madurai kartografierten. Von da an dauerte es dann noch knappe hundert Jahre bis schließlich die Kunde von dem klimatisch hervorragenden Landstrich hoch in oder über den Wolken in den weißen Zirkeln angekommen ist. Investoren, Pioniere, Pflanzer, der ganze übliche Tross machte sich nach und nach auf dem Weg hierhin auf. Bevor Munnar zu dem wurde, was es heute ist, war es bis ins 19, Jahrhundert hinein ein unberührter, dichter Dschungel voller Elefanten, Tiger, Gämse, Büffel, Indische Bisons, Rehe und einer reichen Vogelwelt. Es kam, wie es immer kommt: Der Dschungel wurde gerodet, Straßen wurden angelegt, Häuser, Brücken, Dämme und zu aller erst Plantagen gebaut. Dann kam noch die besondere Vorliebe der Engländer für die Jagd, die dazu führte, dass beispielsweise die endemischen Gämse, Nilgiri tahr, fast ausgestorben sind. Den Indischen, genauer: den Benagalischen Tiger findet man nicht mehr hier. Die Plantagen veränderten – und verändern – das Gesicht dieser Bergregion vollständig, doch die ungebremste Überbevölkerung macht den wilden Tieren erst den Garaus.

Seit ungefähr 15 Jahren macht Munnar eine zweite, wohl verheerendere Transformation durch. Es öffnet sich ungebremst und offenherzig dem Tourismus. Munnar wird jährlich von Abertausenden Besuchern aufgesucht, die sich an der Schönheit der Natur und an guter Luft erfreuen wollen. So ist Munnar zu der Top-Destination von Kerala insbesondere für Mittelklasse-Inder geworden, die hier ihre Flitterwochen oder Wochenenden verbringen. Touristen aus Cochin wird der Besuch von Munnar für wenig Geld sogar für einen Tag Hin und Zurück schmackhaft gemacht. Autolawinen und Menschenmassen schieben sich immer mehr rein in das schöne Tal von Munnar. Der aktuelle Ausbau der Straßen wird die Situation sicherlich verschärfen. Und wo Nachfrage groß ist, so wird auch schnell für das Angebot an Unterkünften gesorgt, so dass Hotels und Resorts aber auch kleine Hausanlagen wie Pilze aus dem Boden schießen. Und in den allermeisten von uns gesichteten Fällen handelt es sich um ganz besonders hässliche Pilze. Diese Entwicklung führt augenscheinlich zu Zerstörung der Natur und der letzten Refugien der hier noch verblieben Wildtiere. Was der Mensch liebt, das zerstört er.

20191202_110228_editedBuden im Vorbeifahren. Mal aus Lehm, mal aus Planen. Häufig ein Wunder, dass sie überhaupt stehen und den Monsunregen überstehen.

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20191204_101306_editedIn Munnar marschiert man gerne kommunistisch. Und das ist nicht einfach nur so dahin gesagt! Kerala hat neben den meisten Katholiken auch die meisten Wähler der kommunistischen Parteien.

20191202_111846_editedIst Munnar eine schöne Stadt? Definitiv nein. Nicht nur, dass es trotz des im Google-Map ausgewiesenen “Old Town Munnar”, keinerlei sichtbare Altstadt gibt. Es ist auch ein völlig überfüllter Moloch des ewig Gleichen, das hier nur durch Tee-Geschäfte erweitert ist. Wer auf die Idee kommt, sich in Munnar-Town einzuquartieren, der hat selbst Schuld. So wird aus der Erholung und frischer Luft garantiert nichts. Zumindest nichts, wenn man europäische Maßstäbe daran anlegt. Wer aus Delhi kommt, der wird möglicherweise auch in Munnar-Stadt durchatmen können.

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PSX_20191208_203114In Munnar treffen sich die drei wichtigsten Sozialisten abendländischer und indischer Geschichte – und grüßen auf ihre ganz spezifische Art.

PSX_20191208_203305Neben dem Tuk-Tuk-Klassiker werden hier in den Bergen auch Jeps als Minibusse für die Weiterfahrt angeboten.

PSX_20191208_203452Wir bleiben nicht in Munnar-Town, den wir nur durchqueren, um zu unseren beiden ersten Teeplantagen zu gelangen.

Landschaften im Vorbeifahren

Zweifellos übt diese von Menschenhand gemachte Landschaft einen großen Reiz aus. Die sanften Hügel, das satte Grün der Teepflanzen, die aus der Entfernung beinahe wie Moosflächen wirken. Die großen Steinbrocken, die hier und da die Linien zwischen den Teebüschen unterbrechen, vermittelt einen überaus harmonischen, geradezu meditativen Eindruck. Das Auge sieht Stille und tankt grüne Ruhe. Doch schon sieht man die Hochhäuser näher kommen und die Teeplantagen immer mehr Wald verschlucken. Bis in die höchsten Spitzen arbeiten sich die Plantagenbesitzer vor. Legal oder illegal – wen interessiert das schon. Tee bringt viel Geld ein, man muss aber konkurrenzfähig gegen andere Regionen, gegen andere Länder wie beispielsweise China bleiben. Da heißt es eben immer weiter, immer höher, immer mehr. Das ist das große traurige Problem mit uns Menschen. Wir wissen einfach nicht, wo und wann wir aufhören sollten.

Munnar hat diese Grenze bereits ein wenig überschritten. Doch statt den Teeplantagenbesitzern Grenzen aufzunötigen und den Tourismus zu kanalisieren, werden Straßen auf das Dreifache ihrer jetzigen Größe ausgebaut, neue Hotels entstehen, und allerlei Angebote für die gelangweilten Städter erdacht. Die allgegenwärtigen „Achtung“-Straßenschilder mit den wilden Elefanten, die die Straße kreuzen wollen, sind zwar vorhanden, doch kaum ein Elefant wird die andere Seite mehr erreichen können, da mögen seine Wegen auch noch Tausende von Jahren alt sein. Daran ist nicht in erster Linie der dichte Verkehr schuld, sondern die speziellen meterhohen, auch noch zweifach gesetzten Elektrozäune, mit denen die Plantagen „geschützt“ werden. So sind die wenigen wilden Tiere, die die Entwicklung dieser Region überlebt haben, gefangen zwischen den immer größer werdenden Siedlungen und den lukrativen Feldern. Auch wird nicht nur ihr Lebensraum unter ein Minimum beschnitten, sondern auch ihre Futterquellen. Betrachtet man die Entwicklung dieser wunderschönen Region mit nüchternen Augen – und dazu braucht es vielleicht tatsächlich eines Westlers –, dann ist in einem Jahrzehnt hier nichts mehr zu retten.

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IMG_20191202_162816Hier planiert der Bagger die alten Teeplantagen, um die neue dreimal so breite Straße zu bauen. An dieser Entwicklung krankt das gesamte System, denn nicht nur die wilden Tiere, derentwegen die Touristen (auch) kommen, sind zum Sterben verurteilt, sondern auch die alten Menschen, die indigenen Tribes, die angestammte arme (Plantagen-) Bevölkerung.

IMG_20191202_162924Auch außerhalb von Munnar gibt es schöne Teeplantagen. Und Blechhütten, in denen die Farmarbeiter wohnen und neugierig und freundlich zu uns herüberschauen, als wir einen Zwischenstopp einlegen, um Chai zu trinken und Nico etwas Auslauf zu gönnen. Diese schöne Landschaft, die ärmlichen aber eben eigenen Hütten werden in wenigen Tagen den Baggern weichen. Wir sehen sie vielleicht als letzte so wie sie noch von alter Zeit zeugen. Wohin die Menschen dann gehen werden, wissen wir nicht. Wissen sie vielleicht selbst auch nicht.

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20191202_173421_editedDichte Wolken umhüllen uns am späten Nachmittag, als wir in unserer ersten Unterkunft “Misty Clouds” ankommen. Nicht jeder Hotelname ist ein Phantasiename.

20191202_170054_editedBegegnungen auf den (noch) gesperrten Straßen. Wir befinden uns hoch über den Bergen als uns Feldarbeiter entgegenkommen.

Das versteckte Munnar

Munnar besteht nicht nur aus Unmengen von Touristen und Autolawinen, die sich spätestens am Wochenende oder vor Feiertagen die (noch) kaputten Straßen hochwinden. Es hat auch noch einige weniger bekannte Schätze und versteckte Orte zu bieten. Eines dieser ‘geheimen Dinge’ sind die Tribes, die Ureinwohner oder genuinen Volksstämme der High Range, die in den höheren Zonen die invasorische ‘Zivilisierung’ ihres Landes überstanden haben. In der Zeit als die Engländer diese Gegend noch nicht für sich entdeckten, lebten sie überall außerhalb oder am Rande des Dschungels. Heute sind es nur noch zwei Stammesgemeinschaften, die Muthuva (oder Muduvan) und die Hill Pulayadie. Sie bewohnen die Region, die heute mit dem Naturpark Chinnar Wildlife Sanctuary zusammenfällt. Ich habe aber auch gehört, dass einige der Tribes in der Bergregion des Anamudi leben. Beide Stämme unterscheiden sich, so heißt es, kulturell als auch sozial voneinander, was mir in Anbetracht ihrer Nähe zweifelhaft erscheint. Leider hatten wir nicht die Möglichkeit, eine dieser Gemeinschaften zu besuchen. Sie bewohnen insgesamt 11 Dörfer (7 Muthuva, 4 Hill Pulayadie), was sich für mich angesichts des relativ kleinen Naturparks von circa 90 Quadratkilometern nach recht viel Mensch im Reservat anhört. Kein Wunder also, dass viele der Naturparkbesucher sich darüber beschweren, außer Federvieh keine wilden Tiere gesehen zu haben, zumal die Hauptverbindungsstraße SH 17, die die Bundesstaaten Kerala und Tamil Nadu verbindet, in der Mitte des Reservats verläuft.

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“Tribes” – ein Mensch, der mit der Natur verbunden, geradezu bildhaft mit ihr verwurzelt ist. Mit all den dazugehörigen Vor- und Nachteilen, mit seinen täglichen Abhängigkeiten, der zwischenmenschlichen und ökonomischen Enge, die keine Weitsicht ermöglicht. Aber auch mit dem inneren Wissen um die Notwendigkeit der natürlichen Teilhabe ausgestattet ist – verwurzelt und daher ewiglebend, durch diese Verbundenheit gehalten und geborgen. Im Vergleich zu einem solchen Menschen befinden wir uns im Zustand des freien Falls, und warten darauf, wie es sich anfühlt, am Boden anzukommen. (Das Gemälde haben wir in einer Ausstellung in der sehenswerten „Durbar Hall Art Gallery“ in Ernakulam, Kochi, gesehen.)

Kaum Erwähnung findet die interessante Rolle, die die Stammesahnen der Muthuva bei der ‘Entdeckung’ von Munnar durch die Weißen spielten. Nach der anfänglichen Angst angesichts der fahlen Hautfarbe der Eindringlinge, die um das Jahr 1870 und dann 1880 hoch zu Ross, mit Flinten ausgestattet und in ungewöhnlicher Bekleidung im Dschungel von Munnar erschienen, wobei die Stammesleute angeblich es vorzogen, sich zu verstecken, wurde eine für beide Seiten lukrative Verbindung geknüpft. Die Muthuva, auch Muduvans genannt, halfen den auf Jagd versessenen Engländern das prächtigste Großwild, vor allem die mächtigen, verbotenen Elefantenbullen, auszumachen und den Sportsfreunden vor die Flinte zu scheuchen. Sie konnten den Pflanzern gute Waldstellen aufzeigen und auch sonst hilfreich beim Erschließung des Landes und Bau der Häuser sein. Die Muduvans waren selbst keine genuinen Trapper und lebten schon damals wie auch heute in Lehmhütten außerhalb des Dschungels, wo sie etwas Essbares anbauten und wilden Honig im Wald sammelten. Sie kannten sich hervorragend in der Tier- und Pflanzenwelt aus, daneben waren sie auch ohne Flinte geschickte Jäger, wenn es darum ging, ihre Familien von Zeit zu Zeit mit Fleisch zu versorgen. Das Töten aus Spaß blieb die besondere Eigenschaft der Weißen, auch wenn sie dabei leider von den Muduvans unterstützt wurden. Die guten Beziehungen zu den Engländern endeten für die Muduvans vielleicht zu vorschnell, als die Engländer sich nicht mehr auf ihren Spürsinn oder ihre Naturkenntnisse angewiesen fühlten. Die Plantagenbesitzer und ihre Leute wilderten frei in den Wäldern, bauten ihre Plantagen aus, und wurden mit den Besonderheiten der Fauna und Flora zunehmend vertrauter.

Heutzutage beschützt ein Gesetz die Tribes vor dem Rest der Welt – vielleicht aber auch nur vor den weißen Touristen –, indem es nicht erlaubt, die Stammesgemeinschaften auf eigene Faust zu besuchen. Das erinnert mich an die Indios in Brasilien, die unter einem ähnlichen Gesetz teils geschützt, teils aber auch ‚unsichtbar‘ gemacht werden, so dass die brasilianischen Farmer freie Hand haben, sie zu töten oder zu vertreiben. Wer einen Einblick in das heutige Leben einer dieser uralten Stammesgemeinschaften erhaschen möchte, der kann eine geführte Tour vor Ort buchen. Wie seit Jahrhunderten so auch heute sammeln bzw. kultivieren sie wilden Honig, der für seine Reinheit in ganz Kerala bekannt ist. Beim Kauf des Honigs in Munnar sollte man jedoch auf den offiziellen Stempel der Waldhüter auf dem Etikett achten. Nur so ist es garantiert, dass im Gefäß (leider Plastik) tatsächlich der ungepanschte, reine Berghonig drin ist.

Wer sich für den Stamm aus heutiger Perspektive interessiert und des Englischen mächtig ist, der kann dieses PDF aufrufen oder den Blogbeitrag eines Lehrers in dieser Gemeinschaft lesen (ohne Fotos). Ausflüge zu einem der Dörfer sowie einige Hütten, die man innerhalb des Reservats mieten kann, sind auf der offiziellen Internetseite zu finden.

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Unsere nächste Station auf den aufgebrochenen Straßen von Munnar führt uns auf beständigem Auf und Ab zu zwei bekannten Tea-Estates, zu einem Museum, das eine Überraschung bereithalten soll, aber vor allem zu einem der schönsten Täler von Munnar, wo wir eine private Führung durch Teeplantagen und Cardamon-Urwälder bekommen. Es gibt also ausreichend Grund, die nächsten Blogbeiträge abzuwarten, die bald folgen werden. Versprochen.

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