Kleine Wunden und Schwindel

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Eigentlich fing alles ganz harmlos an. Beim Nähen eines alten Segelsacks pikste ich mir mit einer leicht rostigen spitzen Schere etwas oberhalb des Nagelbettes in den linken Zeigefinger. ok. Sofort desinfizieren und weiterarbeiten. Es war ja nur ein kaum sichtbarer Piekser. Am Abend wurde die Fingerkuppe oberhalb des Nagelbetts rötlich. Also doch eine Entzündung. Zwei Wochen (inklusive täglichem Yoga, Schwimmen in Salzwasser, Decksreinigung, Teakfugen ausbessern, usw.) wurde die gerötete Stelle mal kleiner mal größer, tat aber nicht weh und das Nagelbett schien nichts abbekommen zu haben. Dann bildete sich Flüssigkeit unter der Haut. Mit einer Nadel habe ich die Wunde immer wieder entwässert aber zu Beginn der dritten Woche wurde mir das ganze zu bunt, keine Besserung war in Sicht. Also ab zum Arzt.

Im Medi Centrum nahm an freundlich in Englisch, Spanisch und Portugiesisch meine Daten auf und nach Vorauszahlung für die Konsultation wurde ich schon nach fünf Minuten zum behandelnden Atz hineingebeten. Nach einer kurzen Begutachtung stellte er mir die Frage nach einer Penizillinunverträglichkeit; nicht, dass ich wüsste, bisher jedenfalls nicht, entgegnete ich zu diesem Zeitpunkt noch gut gelaunt. Er stellte mir ein Rezept aus und schickte mich in den Nebenraum um die Wunde zu reinigen. Auch dort stellte man mir noch einmal die soeben genannte Frage. Sollte ich mir an dieser Stelle schon Sorgen machen?

Die Wunde wurde gereinigt, das heißt erst mal wurde hineingestochen, um zu sehen, ob noch Flüssigkeit darin verblieben ist. Dann wurde die tote Haut abgezogen, die sich nach meiner dilettantischen Wundversorgung mit der Spritzennadel gebildet hatte. Darauf hin schlug mir die zuständige Ärztin auf die linke Backe und gab mir die Spritze zu sehen. Ob ich schon gefrühstückt oder Milchprodukte zu mir genommen hätte? Ich entgegnete mutig auf beide Fragen mit der Antwort ja: Zwei Milchkaffe und da war die Spritze schon im Hintern versenkt. Es wurde heiß und das Depot unter der Haut begann sofort an zu brennen. Sonst alles im grünen Bereich.Ich sollte mich wieder an den Empfang wenden und noch zehn Minuten warten.

Ich brauchte keine zehn Minuten. In dem Moment als ich das Wechselgeld in meiner Geldbörse verstaut hatte, begann das Krankenhaus irgendwie zu schwanken und verschwommen auszusehen. War ich wieder auf See? Ich signalisierte mit in der Luft kreisenden Händen, dass mir schwindelig wurde, als ich schon links und rechts gepackt wurde. (Pause) Ich erwachte im Behandlungsraum. An meinen linken Arm fummelte jemand mit einer Kanüle unter die Haut herum. Schon wieder ein Grund für einen schwarzen Vorhang vor den Augen, doch ich riss mich zusammen und fragte, was ich denn diesmal bekäme. Kortison. Ok. Kurze Besserung. In meinem rechten Arm prickelte auch jemand. Ich habe vergessen, was ich dort injiziert bekam. Der schwarze Vorhang wollte wieder fallen. Ich rührte wieder mit den Händen vor meiner Stirn und sogleich pikste es wieder. Oh ja. Viel besser.

Der behandelnde Arzt grinste von rechts oben und meinte ich sollte kein Penizillin mehr nehmen, auch nicht in Tablettenform. Er nahm das Rezept wieder an sich, das ich irgendwie noch immer in meiner Hand hielt und meinte, das müsse er ändern. Vermutlich eine weise Entscheidung.

Die nächste halbe Stunde verbrachte ich in einem weiteren Raum auf einem bequemen Bett in Rückenlage (Shavasana, die Totenhaltung: Beine etwas mehr als hüftweit auseinander, die Füße fallen nach außen, die Arme ausgestreckt so weit vom Körper weg, dass die Achseln Luft bekommen (Ich hatte immer noch Schweißausbrüche), der Atem fließt automatisch). Mein Hintern tat mächtig weh, so dass ich mein gesamtes linkes Bein gar nicht wirklich bewegen konnte. Der Schmerz strahlte auch etwas auf die rechte Arschbacke rüber. Gut, dass das Bett schon sehr durchgelegen war. Nach gefühlten dreißig Minuten nahm der Spuk langsam ab und ich wurde höflich gebeten aufzustehen und mich in einen gemütlichen Fernsehsessel zu verholen. Einen Fernseher gab es aber nicht, es handelte sich also um den Hinauskomplimentiersessel nach dem Motto: Stellen Sie sich nicht so an, junger Mann, es geht doch schon wieder. Ich humpelte nach vorne zum Empfang (nur bis zur Tür des Behandlungszimmers wurde ich jetzt noch gestützt), um die zusätzlichen Injektionen zu bezahlen; die vielen helfenden Hände waren im Mischpreis der Konsultation inbegriffen.

Mit dem Taxi fuhr ich zurück zum Fishing Club (der Vordersitz im Taxi war schon so weit durchgesessen, dass sich das Gestänge des Sitzes angenehm in meine schmerzende Backe grub) und bevor ich ins Dingi stieg genehmigte ich mir einen Espresso mit viel Zucker; ein zweites Frühstück konnte ja nicht schaden.