Kaktusfeigen – Opuntia ficus-indica

Manchmal muss der Gastronaut nicht zum Berge kommen… Es gibt Früchte, für deren Ernte man so manche Gefahr auf sich zu nehmen hat. Die Opuntia ficus-indica wird bis zu sechs Meter hoch und wächst hier auf den Inseln an Berghängen, hinter Trockensteinmauern, an Wegesrändern oder in verwahrlosten Gärten. Obwohl die Kakteengewächse selber häufig keine oder nur verkümmerte Dornen haben, besitzen die leckeren Früchte sehr wohl welche, und zwar äußerst gemeine, kleine Stacheln mit Widerhaken, die man nur mühsam aus den Fingern herausbekommt. Auf den Märkten fanden wir Marmeladen der eingekochten Früchte und bei manch einer Wanderung versuchten wir ohne Handschuhe und nur mit Küchentüchern notdürftig und unzureichend ausgestattet, unser Picknick damit zu bereichern.

In La Restinga fragte uns eine alte Dame, die wir fast täglich mit ihrem Hund trafen, ob wir Kaktusfeigen mögen. Meine erste Gegenfrage war, ob die Früchte bereits gründlich rasiert  oder noch selber zu ernten waren. Nein, völlig gefahrlos hätte sie einen ganzen Eimer voll nackter Früchte von ihrem Vermieter geschenkt bekommen, und da die Feigen schon sehr reif waren, würde sie uns gerne eine Tüte abgeben.

Am Vormittag erwarb ich im zehn Kilometer entfernten und gute 800 Meter höher gelegenen Dorf El Pinar beim nächstgelegenen Metzger, der auf Bio-Rindfleisch der Insel spezialisiert war, Steak- und Hackfleisch. Letzteres war eigentlich zum Einkochen für unsere Überfahrt zu den Kapverden gedacht. (Für Nico gab es auch, wie bei unserem letzten Einkauf einen riesigen Knochen.)

Was also anfangen mit einer großen Tüte voller überreifer Kaktusfeigen? Ich wollte der netten, jedoch manchmal etwas zu gesprächigen Señora nicht die Hälfte der Beute zurückgeben. Also versorgte ich erst einmal die Stegnachbarn, bevor ich mich ans Werk machte, die Feigen zu pürieren, da die vielen kleinen Kerne steinhart waren. Das Püree kann man mit Zucker einkochen und haltbar machen. Ohne diese Prozedur fängt es spätestens nach zwei Tagen an zu gären.

Ich habe mir folgende Gerichte mit dem frischen Fruchtpüree ausgedacht: Mit Chili angebratene Rindfleischstreifen mit einer Reduktion von Kaktusfeigen und Tomaten auf Polenta und am folgenden Tag Chili con Carne mit Kaktusfeigen aromatisiert. Und morgens nach der Yoga-Praxis: Joghurt mit Kaktusfeigenpüree, Mango und dunklem Honig aus den Lorbeerwäldern Gomeras.


  

Leider habe ich wieder einmal vergessen, die fertigen Resultate zu fotografieren. Daher gibt es als Entschädigung ein Foto eines Gerichts, bei dem ich das Ausgangsprodukt nicht fotografiert habe und das mit der soeben erzählten Geschichte gar nichts zu tun hat: Alfonsiño auf der Haut gebraten mit Lauchgemüse und Reis. Der Alfonsiño heißt auf Deutsch Großaugenbarsch und wer die Fotos sieht, weiß, woher der Name kommt.

Wie war noch das Sprichwort? Auch das Auge isst man mit. Ich habe die Augen, die mich an die Heilige Lucia erinnerten, dem Meer zurückgegeben.

  

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Palma der Jüngere: Die heilige Lucia in der Kirche der heiligen Geremia und Lucia, Venedig.

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