Istlada – Ein Geheimtipp für lykische Genießer

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Was ich an der Türkei, genauer: an Lykien, so schätze, das sind die vielen kleinen und großen Überraschungen, die dem Segler beschert werden, sobald er ein paar Schritte hinaus in die Landschaft macht. Nun überlege ich seit geraumer Zeit, ob ich sie preisgeben will, die kleinen und großen Entdeckungen, die wir an der Lykischen Küste machen. Zu häufig sehe ich, wie jahrhundertealte Relikte durch Touristen – und letztendlich sind wir das alle – vernichtet werden. Aus Unachtsamkeit, aus Gedankenlosigkeit und häufig genug auch aus einer Ist-Mir-Egal-Einstellung heraus. Für ein millionenfach schon gemachtes Foto, das auf Nimmerwiedersehen auf Instagram verschwindet, steigt man auf eine fragile Mauer oder eine uralte Dachkonstruktion, und bricht Steine heraus. Und der nächste will das Foto auch, und der übernächste auch … Mein kleiner Schatz, eine seltene Grabkapelle auf einer kleinen Insel (ich sage nicht, wo), war letztes Jahr noch intakt. In diesem Jahr musste ich entdecken, dass jemand auf das Steindach gestiegen ist und dass dabei einige große Steine ausgebrochen sind. So manches Mal habe ich ähnliche Aktionen mit eigenen Augen gesehen. Ganz zu schweigen von der Zerstörung der Mosaikböden, die Touristen, aber auch ihre Fremdenführer (!!!) unter ihrer schützenden Schicht immer wieder ausgraben, und zwar indem sie mit den Schuhen darüber scharren.

Also, Istlada, wo bist du? Wer es unbedingt wissen will, wird diese uralte lykische Siedlung finden, dabei versteckt sie sich tatsächlich ein wenig in der wilden Landschaft, die Ziegenhirten mit ihren unterernährten Hunden aufsuchen. Was Istlada ausmacht, ist neben ihrer schönen Lage die relative Unversehrtheit der städtischen Strukturen. Man darf in dieser ruralen Kulturlandschaft keine echte Stadt mit entsprechender Großbebauung erwarten. Doch die noch sichtbaren Relikte Istladas sind teilweise in einem erstaunlichen Zustand erhalten und geben der Phantasie gute Hinweise, um die zerstörte Kleinstadt vor dem inneren Auge wieder auferstehen zu lassen. Keine moderne Stadt, keine Neubausiedlung, keine Hotelanlage bedroht Istladas uralte Existenz auf einer Hanglage, die so typisch für die alten Lykier ist. Zurecht darf man bange fragen: Wie lange noch?, denn das nächste Dorf schickt schon seine Vorboten aus: die plastikbespannten Gewächshäuser, die moderne grüne Pest, die aus dem Missverständnis des Vegetarismus, Veganismus und der vermeintlichen „grünen Nachhaltigkeit“ entsteht, die eben keine ist.

Wissen ist nicht alles

Istlada war von Anbeginn ein kleiner Ort innerhalb der nicht weit entfernen und überaus wichtigen Polis Myra (berühmt durch den Hl. Nikolaus, heute Demre), der sich nicht zu einer bedeutsameren Stadt aufschwingen konnte. Seine bescheidenen Ausmaße (ca. 2 ha) sind durchaus nicht ungewöhnlich für die rurale Entwicklung der zentrallykischen Landbesiedelung. Kleine Städte, Weiler, größere feudale Landsitze und zahlreiche kleine Ansiedlungen und Einzelgehöfte bestimmten das Landleben der Lykier in unmittelbarer Nachbarschaft zur Küste, ohne dass diese eine besondere wirtschaftliche Rolle spielte.

Die antike Siedlung Istlada stand in der Rangordnung der Lykischen Stadtstaaten an der zweiten Stelle als ein ländliches Subzentrum innerhalb der sogenannten Polisterritorien, die um eine Polis, das heißt um eine große, machtkonzentrierende Stadt entstanden.

Istlada war also eine typische ländliche „Kleinstadt“, die zu klein und damit zu unbedeutend war, um sich im Lykischen Bund mit eigener eigenen politische Stimme einbringen zu können. Sie schloss sich mit anderen Ortschaften zusammen, um vereint im Rat der Städte Gehör zu finden. Vertreten im Rat wurde Istlada durch die nicht weit entfernte Stadt Aperlai (wo wir eine Stele für unseren viel zu früh verstorbenen Freund Wolfgang gebaut haben), die bis heute durch ihre außerordentlich pittoreske Lage begeistert. (Aperlais schlechter, kaum erforschter, geschweige denn irgendwie gesicherter Jetzt-Zustand macht mich jedes Mal traurig.)

Sowohl die Zahl als auch die Größe der Sarkophage von Istlada, die schon von Weitem die Siedlung ankündigen, weisen auf einen gewissen Wohlstand der Bewohner hin. Gleiches gilt auch für die steinernen Häuser(reste), die, wenn auch keine Paläste, mir zumindest wohlproportioniert erscheinen.

Woher kam der Wohlstand einer solchen Ortschaft? Es ist davon auszugehen, dass die Bewohner mit Agrarprodukten handelten, vermutlich Kornwirtschaft betrieben und Olivenöl herstellten. Dafür spricht die Tatsache, dass die flachen Hochlandflächen und Täler rund um den Stadthügel von Istlada nicht als Wohnflächen dienten. Während sich die Bebauung auf engstem Raum in der Höhe des nach oben hin steilen Hügels staute, verblieben die Talflächen unbebaut und damit der Landwirtschaft vorbehalten. Auch die in der byzantinischen Periode hinzugekommene Kirche und Kapellen mussten auf altlykischen Haus- oder Tempelbeständen aufgebaut werden, und das, obwohl große, flache Flächen direkt nebenan lagen.

Diese Stapelarchitektur in den Ortschaften betrachte ich als typisch lykischen Stil. Die Lykier waren offenbar ganz darauf spezialisiert, ihre Wohnungen, Theater, Agoras, Zisternen, Verwaltungsgebäude, Lagerhallen, Tempel und später Kirchen auf engen Terrassen oder Steilhängen wie Waben oder Schwalbennester zu erstellen. Anders als unsere Friedhöfe standen die lykischen Sarkophage, das heißt die Nekropolen, selten von den Wohnsiedlungen so klar separiert, was heute auf uns den starken Eindruck macht, als ob die Lykier ihre Toten immer in ihrer Nähe gehabt hätten – ich will nicht behaupten, dass sie mit ihnen zusammen gelebten haben, obwohl genau dieser Eindruck entstehen könnte. Auch dass Istlada im Landesinneren und nicht an der nahen Küste errichtet wurde, entspricht der üblichen Siedlungspolitik der Lykier, die noch bis ins 5. Jh. n. Chr. beobachtet werden kann. Ab dem 3. Jh. nehmen die Küstenstädte an Bedeutung zu.

Die Geschichte des Orts ist ab dem 3. Jh. v. Chr. nachvollziehbar. Zu diesem Zeitpunkt war es bereits ein „Demos“, d. h. eine politisch teils unabhängige Siedlungsgemeinschaft innerhalb einer Polis. Die Anwohner eines Demos hatten entsprechend dem antik-griechischen Gesetz das volle Bürgerrecht (auch ein Vollbürger wurde als „Demos“ bezeichnet).

Es ist offensichtlich, dass Istlada bis ins hohe Mittelalter bewohnt war (Keramikfunde) und in der Spätantike seinen wirtschaftlichen Höhepunkt als auch ihre größte Ausdehnung erreichte, wovon die große Kirche beredtes Zeugnis ablegt. Gleichwohl wurde das klassisch Lykisch (wie ich gerne sage: das Altlykische) offenbar weiter genutzt und nur wenig verändert, worauf die entsprechend wenigen Umbauten zeugen.

Wer genau hinschaut, wird die Flanke des Hügels voller grauer Steinruinen finden.

Vom Süden kommend empfängt uns Istlada mit den obligatorischen Vorboten lykischer Niederlassungen, den Sarkophagen, die zum Synonym der lykischen Kultur schlechthin geworden sind. Uns eröffnet sich ein wunderbarer Blick auf ein Hochtal, aus dessen Mitte anstatt hoher Weizenhalme schlanke Baukörper sprießen.

Mit unseren argentinischen Freunden aus Buenos Aires unterwegs. Sie sind nicht nur unsere Freunde geworden, sondern erwarben in der Türkei genauso wie wir auch eine schwarze Koopmans 42, so dass wir nun Schwesterschiffe bewohnen. Und unsere Leidenschaft für Wanderausflüge teilen.
In diesem Sarkophag haben wir ein frisches Ziegenkadaver gefunden. Wir rätselten lange, ob die Ziege sich in das steinerne Grab selbst gelegt hat.
Ein überdachter, schlanker und schlichter Kasten ruht auf einem aus mehreren Steinblöcken zusammengesetzten Podest, das wiederum auf einer in die Erde eingelassenen Steinbasis platziert ist (meistens auf einem Naturfelsen). Das elegant geschwungene Spitzbogendach ist durch sechs seitlich auskragende Bosse und einen stilisierten „Kamm“ als obersten Abschluss gekennzeichnet. Mehr bedarf es nicht, um eine auf den Punkt gebrachte Ästhetik aus Stein zu erschaffen. Das ist wahrhaftig eine Architektur für die Ewigkeit.
Der viereckige mittlere Baukörper diente dem Erbauer bzw. dem Erbauerpaar, denn wer will schon alleine in die Ewigkeit eingehen, als letzte Ruhestätte. Ob die Körper der Verstorbenen im Sitzen oder Liegen darin platziert waren, wissen wir nicht, denn nach den Plünderungen und Vandalismen der Jahrhunderte haben sich in Lykien kein intakter Sarkophag noch irgendwelche Reste erhalten.
In dem unter dem Hauptkasten liegenden Steinpodest versteckte sich das Hyposorion. Dort war eine eingelassene, häufig unterirdisch gelegene Grabkammer, die Platz für die nachrangigen Familienangehörigen oder die im Haushalt lebenden Verwandten bot, möglicherweise auch für treue Diener, Ammen oder Lieblingssklaven (sofern die Lykier welche hatten). Die Sarkophagdeckel, obwohl innen wie ein Tonnengewölbe ausgehöhlt, boten keinen Platz für zusätzliche Bestattungen.
Die Nacht bricht ein. Der Vollmond verwandelt die Landschaft und schafft eine ganz besondere Stimmung, die die Handycamera nicht erfassen kann. Wir werden unseren Rückweg zum Dinghi in silberner Finsternis zurücklegen müssen.

P.S. Links vom Sarkophag steht ein Rest eines Grabtypus, der in Lykien von ärmeren Menschen benutzt wurde und dementsprechend weit verbreitet war. Vielleicht auch von den Christen übernommen, denn er ähnelt sehr unseren Gräbern. Mehrere Steinplatten wurden so im Untergrund verankert, dass sie ein stabiles Rechteck bildeten, in das der tote Körper gebettet wurde. Diese Kastengräber oder Kistengräber wurden oben mit Steinplatten verschlossen oder mit Erde aufgeschüttet. Dass wir sie relativ selten zu Gesicht bekommen, liegt daran, dass sie wesentlich besser einer Zweitverwendung (Demolierung) zugefügt werden konnten.

Wenn Steine reden könnten

Für einige Menschen sind Steine beredte Zeitzeugen vergangenen Lebens. In Lykien stelle ich fest, dass das leider nicht für mich gilt. Während meine Profession, die Kunstgeschichte, sich um das mehr oder minder gut oder zumindest vollständig erhaltene „Zeitobjekt“ des Abendlandes dreht, habe ich in Lykien ausschließlich mit schlecht erhaltenen Baudenkmälern und zumeist mit Fragmenten von irgendwas aus Stein zu tun. Das Gros der Relikte vor meinen Augen ist ein Haufen an zusammengebrochenen Formen von Häusern, Tempeln, Kirchen und Mauern, die wie eine steingewordene Wasserkaskade die Berghänge herabfallen. Weder meine Phantasie, noch meine fachliche Kenntnis reichen aus, um die Steinlawinen wieder zu Hausformationen und Stadtstrukturen auferstehen zu lassen.

Vorsicht ist geboten bei den zahlreichen Zisternen und Brunnen, die sich im antiken Boden verstecken. Teilweise in die Erde oder den Fels unter unseren Füßen eingelassen, können die uralten Konstruktionen unter den ahnungslosen und häufig genug auch unaufmerksamen Wanderern aus dem Nichts heraus nachgeben. Der darauffolgende Sturz führe dann nicht selten metertief hinab. Freundliche Schäfer und Hirten kennzeichnen die Gefahren mit einem in die Öffnung hineingestopften Reisig. Das tun sie weniger, um unachtsamen Touristen das Leben zu retten, als vielmehr, um ihre Tiere vor dem Absturz zu bewahren.

Wenn Steine reden könnten, wovon würden die gewaltigen Mauern, die dicken Türsturze, die zugewachsenen Eingänge und die halben Fensterlaibungen berichten? Von den Lykiern und ihrem täglichen Leben, von der Enge und der vielleicht nicht immer guten Nachbarschaft, von den Sorgen und Freuden, die sicherlich ganz anders waren als unsere heutigen. Doch die Grundsorgen der Menschen sind erstaunlicherweise über Jahrtausende hinweg überaus stabil: Gesundheit, steigende Preise, das Wetter und neuerdings auch der Krieg, wobei unsere Sorge, möglichst auf der neutralen Seite zu stehen, diametral gegen die der Lykier steht. Die Lykier waren als überaus tapfere, stolze Nation der antiken Welt bekann, wobei lykische Soldaten, die an Kriegen in fernen Ländern (Griechenland) teilnahmen, von den Historikern für ihre Kraft, ihren Mut und die käpferischen Fähigkeiten gelobt wurden.

Auch dass wir Menschen sterblich sind, ist uns erst wieder seit der kurz aufgetretenen (oder auch nicht) Übersterblichkeit in der Corona-Epidemie aufgefallen. Mit dieser Tatsache hingegen lebten die Lykier jeden Tag aufs Neue und ich behaupte, sie fühlten sich möglicherweise mit den vis a vis liegenden Toten lebendiger als wir mit unserer Angst vor dem Tod.

Gerne würde ich in die Zeit zurückreisen, 200 oder 300 v. Chr., als Istlada entstand oder vielleicht auch schon in voller Blüte stand. Gerne würde ich auf der noch heute sichtbaren Straße flanieren, die zwischen der engen Hangbebauung verläuft. An bewohnten Häusern vorbei, wo Frauen morgens den Eingang putzten oder sich am kühleren Sommerabend zum Klön auf die Steintreppe oder auf eine steinerne Hausbank setzten. Die Magd holte aus den öffentlichen Brunnen und Zisternen das für den Tag benötigte Wasser … Tranken sie morgens Tee oder Kaffee? Oder den bis heute in der Türkei so beliebten ada çayı, den man hier als „Bergtee“ übersetzt, der aber wörtlich „(echter) Salbeitee“ heißen müsste.

Eng war es hier. Wie viele Menschen lebten wohl in einem Haushalt? Wie hoch waren die Häuser? War es kalt darin im Winter? Was aß man? Haben die Türken irgendetwas von den Lykiern übernommen?

Oh ja, die an der lykischen Küste lebenden Türken haben eindeutig die Art, die Häuser auf engstem und steilstem Raum zu bauen von den Lykiern. Darin bin ich mir sicher, als ich selbst in einem Haus am steilen Hang in Finike zwei Monate lang wohnte und eine über 100-stufige Treppe jeden Tag in beide Richtung bezwang. Der Grund für diese Schwalben-Bauweise war wahrscheinlich der gleiche: Das Tal war in vielerlei Hinsicht zu kostbar, man baute dort, wo die „Erde“ nichts wert und umsonst war, am Hang.

Die lykische Bauweise ist ohne Verfugung. Stein auf Stein möglichst haargenau passend. Pfiff hier der Wind durch? Regnete es durch? Waren die Hauswände im Inneren mit Wandteppichen abgehängt oder mit Holz verkleidet? Verputzt waren offensichtlich nur Zisternen und Bauten, die dicht am Wasser lagen, denn der antike Zement, zumal von einer rötlichen Farbe, haftet den Wänden noch an.

On the top: Lykisches oder Byzantinisches?

In Istlada haben sich die Byzantiner ganz offenbar in die altlykischen Strukturen eingefügt. Man sieht heutzutage nur wenige typisch „byzantinische“ (oder römische) Baustrukturen, das heiß: mit Bruchsteinen verfüllte Mauern, mit deutlicher Verwendung von Zement, von Spolien und Ziegelsteinen. Gleichwohl ist es nicht klar, wo „Lykisches“ aufhört und „Byzantinisches“ anfängt. Lässt sich diese Trennung überhaupt aufrechterhalten? Man müsste korrekterweise von Perioden und Epochen oder Phasen sprechen, denn die Lykier sind nicht einfach gegen ein anderes Volk, etwa die Hellenen, die Römer oder die Byzantiner ausgetauscht worden. Während die Lykier nachweislich, aber sicherlich weit davor, in dem Gebiet, das wir als „Lykien“ territorial, d. h. geographisch eingrenzen, bereits im 1. Jahrtausend v. Chr. lebten, haben die Hellenen aus den benachbarten Inseln ihre Kultur nach Lykien exportiert. Sicher ist auch, dass die antiken Griechen, Dorier oder Ionier, sich im Land der Lykier niederließen und eine gewisse Siedlungspolitik betrieben. Man weiß, dass lykische Soldaten in die Schlachten zwischen den Hellenen geschickt wurden, bspw. gegen Troja, und für ihre Tapferkeit berühmt waren. Die antike Welt paktierte gerne mit den lykischen Stadtfürsten, sogenannten Dynasten. Die Römer ihrerseits betrieben die typisch römische Politik der „angepassten Usurpation“, die dem jeweils unterjochten Land eine Teilselbständigkeit gewährte, solange die geforderten Abgaben und der Kaiserkult ohne Aufstände geleistet wurden. Spricht man von den sogenannten Byzantinern, so meint man christlich-orthodoxe Griechen, die der Oströmischen Kirche angehörten. In Lykien läutet die byzantinische Periode das Mittelalter an. Das Schisma – die Glaubensspaltung zwischen Rom und Konstantinopel – brachte die Weströmische (römisch-katholisch) und die Oströmische Kirche (griechisch-orthodox) hervor, mit den beiden Glaubenshaupstädten und ihren Oberhäuptern, dem Papst in Rom (Vatikan) und dem Patriarchen in Konstantinopel, dem heutigen Istanbul. Das byzantinische Lykien stellt die letzte echte lykische Epoche dar, denn danach drängten Osmanen und mit ihnen Türkstämme in das Gebiet der Lykier ein und läuterten den endgültigen Niedergang jenes Volkes, deren demokratische Gesetze zum Vorbild für die US-amerikanische Verfassung der ersten Stunde war.

Wir schauen uns um nach den Spuren der byzantinischen Periode von Isinda, einer Zeit also, als die Lykier christlich wurden. Ganz oben und ganz unten am Berghang werden wir fündig. Am Top finden wir auffällig tonnengewölbte Bauten vor. Hier oben, mit einem phänomenalen Blick über die Ebene, lässt es sich besonders gut über die Lykier und ihre Bauten rätseln.

Byzantinisch vermutlich. Zwar sehen die tonnengewölbten Räume wie Speicher aus, gleichwohl stehen diese übertonnten Bauten an der höchsten Stelle des Hügels. Zur altlykischen Zeit würde man hier eine Akropolis samt einem antiken Theater erwarten und in seiner Nähe einige Sarkophage oder eine Nekropole. Tatsächlich stehen an dieser exponierten Stelle einige, leider vollständig zerstörte Sarkophage! Von einem Theater oder einer Akropolis sind keine Spuren erhalten, vermutlich war die Siedlung doch zu klein dafür.

Ein Blick ins Innere lässt uns weiter rätseln. Speicher oder byzantinische Begräbnishäuser? Ich tendiere eher zu Totengruft, wofür meiner Meinung nach die anderen Sarkophage sprechen. Man weiß, dass die byzantinischen Lykier die Begräbnisformen der antiken Lykier teilweise übernahmen und hier wäre zumindest ein tradierter Ort dafür. Dagegen spricht möglicherweise der tiefe Brunnen (oder Zisterne), die sich unweit der halbrunden Gebäude befindet. Wohnte man hier? Waren das Viehstallungen? Oder befanden sich hier oben womöglich bestellte Felder, deren Früchte in diesen Speichern gesammelt wurden?

Kirche in der Kirche

Istladas byzantinische Kirche besteht eigentlich aus zwei Kirchen, die wie Matroschka ineinander gestapelt sind – wenn auch zeitlich versetzt. Die große Basilika, die offenbar in der Hochphase Istladas gebaut wurde, nimmt interessanterweise nur soviel Platz ein, wie ihr die altlykische Bebauung erlaubte. Auf das angrenzende (Acker-) Feld ist offenbar nicht ausgewichen worden. Daraus ergibt sich eine weitere interessante architektonische Besonderheit, denn die Kirche wurde auf sage und schreibe vier unterschiedlichen Niveaus gebaut, die im Innenbau nicht kaschiert waren. So stand das nördliche Seitenschiff der Basilika am höchsten, gefolgt von dem Hauptschiff (niedriger) und dem südlichen Seitenschiff samt dem Atrium auf der dritten Ebene. Auf der vierten und niedrigsten Stufe stand eine offenbar schon zur Zeit der Basilika gebauten Annexkapelle, die mit der Hauptkirche durch einen Korridor verbunden war.

Wie prachtvoll oder eben auch nicht die Basilika ausgestattet war, kann man nicht mehr nachvollziehen. Der gesamte Baukörper ist aus regionalem Kalkgestein gebaut worden, Marmor als Werkstoff fehlt in den sichtbaren Überresten. Kapitelle und Säulen sind nur als Stümpfe vorhanden und lassen darauf schließen, dass es eine sechs Säulen umfassende Arkade (sieben Bögen) gab. Fragmente von starrzackigen und feinzackigen Akathus-Kapitellen lassen auf die Entstehung der Basilika im 6. Jh. schließen, wobei die erstgenannten spätere Spolien sind bzw. auf einen älteren Bau Rückschlüsse ziehen lassen. (Die wichtigeren Fragmente sind im Archäologischen Museum Antalya und im Depot der Limyra-Grabung bei Finike zu finden.) Ein spärlicher Befund lässt ferner davon ausgehen, dass die Kirche mit einem Bodenmosaik ausgelegt war. Außer Frage steht, dass sie entsprechend byzantinischem Brauch mit Heiligendarstellungen ausgemalt war und wahrscheinlich Christus in der zentralen Apsis abbildete. Eine typische Bemalung betraf auch die Einfassung der Bögen (bei Eingängen als auch Fenstern), indem man die Konturen der Steine in Rot nachzeichnete. Erstaunlich genug – nach über 1600 Jahren ungeschützte Existenz – lassen sich grüne Farbreste im Propylon (vorgelagerter Torbau) finden.

Irgendwann verfiel die Basilika und wurde aus Geldmangel oder auch aus gewissem Desinteresse (beispielsweise durch starken Rückgang der Anwohner) heraus nicht rechtzeitig ausgebessert. Mögliche Gründer hierfür sind Überfälle von Osmanen oder marodierenden persischen Piraten. Als das Mittelschiff einstürzte, hat man irgendwann die Trümmer geräumt und in den Räumlichkeiten der großen Kirche eine kleine hineingebaut. Bei diesem wahrscheinlich aus den Überresten der Basilika entstandenem zweiten Bau handelt es sich tendenziell eher um eine Kapelle. Dass man auf die im Osten der Basilika liegenden Annexkapelle nicht ausgewichen ist, lässt vermuten, dass auch diese bereits eingestürzt war. Im Gegensatz zu der irgendwann ausgeräumten Basilika ist die Annexkapelle fast bis zu den Fenstern mit Versturz gefüllt, so dass man weniger über ihren Bau aussagen kann.

Das Gelände des antiken Ortes ist in den späten 1990er-Jahren von den deutschen Archäologen ## in einem auf Oberfläche der erhaltenen Relikte beschränkten sogenannten „Survey“ gesichtet worden. Seitdem hat sich hier nichts mehr getan. Außer dass die kleinen Büsche sich zu Bäumen entwickelt haben und dass die Ziegen und so mancher Zweibeiner gemeinsam mit dem Wurzelwerk der Bäume an der Zerstörung der Reste mitarbeiten.

Die im 6. Jh. erbaute Basilika stellt das einzige Gotteshaus von Istlada dar und war sicherlich die Gemeindekirche der gesamten Umgebung. Die Gläubigen betraten die Kirche im Süden durch das Propylon und sammelten sich dann im Atrium (Vorhof), um gemeinsam in die Basilika einzutreten. Aus den unterschiedlichen Niveaus, auf denen die Basilika gebaut wurde, ergab sich eine gute Vorlage, um die Seitenschiffe und andere Räumlichkeiten durch zusätzliche Schranken zu teilen und so die Gemeinde nach Geschlechtern zu trennen.

Eine besondere Rolle muss die Annexkapelle und der südliche Korridor gespielt haben, denn der Bau einer östlich vom Hauptkirche liegenden Kapelle ist in Lykien keine Seltenheit. Aufgrund der spezifischen Bauweise sind diese östlich angehängten Kapellen keine Mausoleen oder Taufkapellen gewesen. Viel wahrscheinlicher ist es, dass sie – und eben auch jene in Istlada – als Reliquienkapellen dienten, was auch einige schriftliche Quellen nahelegen. Dabei wäre der vorgelagerte Korridor in Istlada als möglicher Prozessionsweg zu betrachten, der die Gläubigen zu der verehrten Reliquie führte und darüber hinaus einen größeren Andrang (bspw. an besonderen Feiertagen) kanalisierte, so dass nur wenige gleichzeitig zu der Reliquie vordringen konnten. Dafür sprechen auch die immer enger ausfallenden Bogentore, die schließlich wie Nadelöhre funktioniert haben könnten. Die Annexkapelle hatte offenbar auch einen eigenen Ausgang, was eine Lenkung der Gläubigen durch die Kirche, anschließend durch die Kapelle, an der verehrten Reliquie vorbei und anschließend schnell aus der Kapelle ins Freie heraus. So vermeidet man Stau.

Die südlich der Hauptkirche gelegene Annexkapelle, von der angenommen wird, dass sie Reliquien beinhaltete.
Genauer Blick in die Bildmitte: Im Gewusel der Steine zwei Säulenreste aus der zweiten Kirche zu entdecken.

Impressionen

Ehemals gute Freunde. Halbes Jahr später wurden aus Freunden bloß zwei Rüden, die sich nicht riechen können. Schade. Der hübsche „Rote“ kommt mit seiner Ziegenherde fast pünktlich zu 17:00 h an Istlada vorbei. Wir füttern ihn jedes Mal, denn angesichts seiner Rippen ist davon auszugehen, dass er vom freundlichen Hirten nichts zu essen bekommt.
Mit dem pünktlichen Schäfer – immer um 17:00 Uhr zieht er mit seiner Herde durch den antiken Ort. Das Futter für den Hund nicht vergessen!

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