Erster Teil—Islas Afortunadas
1—Azoren 36° 49′ N 019° 26′ W
Tom hatte schon viele Stürme erlebt, doch dieser war anders. Vor ihm verschluckten dunkle Wolken eine kraftlose Sonne, die tief am Himmel hing und bald hinter der Kimm versank. Die Sea & Cake jagtemit acht Knoten unter vollen Segeln und begleitet von einer Delfinschule gen Westen – zwei Tage bis zu den Azoren. Tom liebte es, den Meeressäugern bei ihrem Spiel zuzusehen, doch in diesem Moment hatte er andere Sorgen. Er griff nach der Schot und spürte die Spannung des Tauwerks in seinen Händen.
Über den Tag hatte der Wind stetig zugenommen. Noch am Morgen machte die Sea & Cake kaum zwei Knoten Fahrt. Der Klüver fiel immer wieder ein und schlug gegen das Kutterstag und die Wanten. Den Großbaum fixierte Tom mittschiffs, damit er nicht unkontrolliert durch das Rollen des Schiffes von einer Seite auf die andere schlug.
Erst am Nachmittag stellte sich endlich der ersehnte Wind ein, und die Sea & Cake lief so, wie Tom das Segeln auf den Ozeanen liebte. Ohne Mühe hielt die Yacht Kurs. Die Segel und die Windfahnensteuerung waren optimal getrimmt. Nicht eine einzige Bö oder eine querlaufende Welle ließ sie aus dem Ruder laufen. Doch die Dünung nahm merklich zu und war ein Vorbote dessen, was ihn in den kommenden Tagen auf See erwarten würde.
Böse Omen ignorierte Tom allzu gerne. Wie damals, als Maya ihm gesagt hatte, sie brauche eine Pause. Sie brauche ihr Büro zurück, einen Schreibtisch, der nicht schwankte, und Auftraggeber, die sie nicht nur über Satellit erreichten. Er sah darüber hinweg, wie über so vieles. Das war eine seiner Schwächen. Letztlich führte sie dazu, dass Maya ihn verließ. Mit gepackter Reisetasche stand sie eines Nachmittags im Salon, ihre Augen auf einen Punkt hinter ihm gerichtet.
„Ich gehe von Bord“, sagte sie, und ihre Stimme war so ruhig, dass er zunächst nicht verstand.
Mehr nicht. Sie schnappte sich ihre Tasche und war verschwunden. Dabei hatte er insgeheim geahnt, dass dieser Moment kommen würde. Vorzeichen hatte es genug gegeben, um zu erkennen, wie es um ihre Beziehung stand. Doch Tom hatte es nicht wahrhaben wollen. Eine innere Trägheit hielt ihn davon ab, das Thema anzusprechen. Er sagte sich, es würde schon werden. Alle Wogen würden sich glätten, wie nach jedem Sturm. Doch unter der Wasseroberfläche brodelte es weiter, ohne dass Tom es bemerkte – oder bemerken wollte.
Am Ende war er alleine auf dem Ozean – auf sich gestellt mit seiner inneren Unruhe und den Stürmen da draußen.
Tom strich sich über den zehn Tage alten Bart – eine Angewohnheit, die Maya immer genervt hatte.
„Du siehst aus wie einer dieser verschrobenen Einhandsegler“, hatte sie gesagt, aber ohne echten Ärger in der Stimme. Dabei hatte sie dieses schelmische Lächeln aufgesetzt, das ihre Augen zum Leuchten brachte und das er so vermisste. Ihm war es nie in den Sinn gekommen, einhand zu segeln. Doch das war die logische Konsequenz, auf die ihre stillen Konflikte unausweichlich zugesteuert waren.
Einhandsegler betrachtete Tom noch immer als eine eigenwillige Spezies, zu der zu gehören er sich nie hätte vorstellen können. Die Stille an Bord wurde manchmal beklemmend – ein Schiff war ein Resonanzraum. Keine Stimme, die ihm antwortete, kein Lachen, das die Kabine füllte.
Seine Gedanken wanderten hinaus zu der vor ihm lauernden, bedrohlichen Wolkenwand. Von der portugiesischen Atlantikküste war er mit Kurs auf Santa Maria aufgebrochen. Und das, obwohl ein gewaltiges Tiefdruckgebiet seit einigen Tagen den Atlantik zwischen der Iberischen Halbinsel und den Azoren fest im Griff hatte und Wind von neun Beaufort über die Inseln peitschen ließ. Er ignorierte es. Der Sturm werde sich legen, sagte er sich.
Üblicherweise hielten die atlantischen Tiefs ein paar Tage an, bevor sie sich auflösten. Doch dieses Mal kam alles anders. Das Wetter änderte sich, und plötzlich galt nichts Vertrautes mehr. Tom verspekulierte sich und steuerte mitten in diesen Sturm hinein.
Die Wind- und Wellenvorhersage, die er am Nachmittag per Satellitentelefon aktualisierte, ließ erahnen, was in der kommenden Nacht auf ihn zukommen würde. Er blieb trotz der Wettervorhersage auf Kurs.
Dabei hätte eine Kursänderung um ein paar Grad in die eine oder andere Richtung das Segeln erleichtert. Er verkleinerte die Segelfläche auf das erste Reff. Der Plan war, hoch am Wind segelnd in zwei Tagen den Hafen von Vila do Porto auf dem Eiland Santa Maria, der südöstlichsten Insel der Azoren, anzusteuern.
Vom Cabo São Vicente, dem südwestlichsten Punkt des portugiesischen Festlandes, der einst als das Ende der bekannten Welt gegolten hatte, waren es siebenhundertsiebzig Seemeilen nach Westen, um Santa Maria zu erreichen. Etwa sechs Tagesreisen bei wohlwollendem Wind, immer der untergehenden Sonne hinterher.
Vierhundert Meilen lagen entspannt hinter ihm. Doch die kommenden zweieinhalb Tage versprachen ungemütlich zu werden. Am Ende würde er seine Entscheidung bereuen und sich fragen, warum er sich das antat und nicht direkt Kurs auf die Kanaren gesetzt hatte, wie ursprünglich geplant. Den Zwischenstopp im Madeira-Archipel hätte er sich auf jeden Fall gegönnt; die Inseln lagen auf seiner Route.
Und Marek – was war mit Marek? Seit seiner letzten Mail: nichts. Zu lange schon.
Zweiter Teil—Ilha de Vera Cruz
6—Itaparica 12° 57′ S 038° 38′ W
Die Villa zwischen Graça und Vitória, in einer der exklusivsten Wohnlagen von Salvador da Bahia, oberhalb der Ladeira da Barra, lag am Ende einer wenig befahrenen, asphaltierten Straße am Hang. Von der Veranda schaute Sol hinaus auf das glitzernde Blau der Baía de Todos os Santos.
Das Haus war rundum dicht mit Palmen, Rankpflanzen, haushohen Jackfruchtbäumen, die kiloschwere Früchte trugen, Cashew-, Acerola- und Mangobäumen, Farnen und Bromelien abgeschirmt, die keinen Blick von außen durchließen. Der tropische Garten war, gemessen an der Größe des Hauses, von bescheidener Ausdehnung. Dieser Grünstreifen trennte den inneren vom äußeren Sicherheitskreis um die Villa. Hochempfindliche Kameras überwachten das Haus. An manchen Stellen hingen die Kameras so dicht, dass sie einander zu beobachten schienen. Wachleute gab es keine – abgesehen von zwei in Schwarz gekleideten Bodyguards am Haupttor.
Auf dem Grundstück fanden ein Tennisplatz, ein Pool mit Gegenstromanlage sowie ein Pavillon mit einem überdimensionalen Edelstahlgrill Platz. Die Villa hatte fünfunddreißig Zimmer, die mehr oder weniger geschmacklos-luxuriös bis nüchtern eingerichtet waren, darunter ein Fitnessstudio, ein Heimkino mit Lautsprechern, die die halbe Stadt zum Beben bringen konnten, ein Billard-Zimmer – und ein sogenannter Panic Room.
Darin hatte Sol eine ganze Nacht verbringen müssen, während sich Raul und seine Leute draußen im Garten eine Schießerei lieferten, bei der zwei der Angreifer getötet und drei schwer verletzt wurden. Einer der Sicherheitsleute der Villa erlitt eine lebensgefährliche Schusswunde, die ihn für immer lähmen sollte. Als die Polizei eingetroffen war, die gewohnheitsmäßig wenig Fragen stellte und das Ereignis als nächtliche Ruhestörung in den Akten verbuchte, war von den beiden Toten nichts mehr zu sehen. Es gab keine weiteren Ermittlungen.
Sol sah und hörte über die Monitore und Lautsprecher jedes Detail der Schießerei. Einem der Angreifer schossen sie in den Kopf, dem anderen in den Bauch. Sol setzte sich in eine Ecke des Raumes und hielt die Haushündin Selma fest im Arm, die fürchterliche Angst vor Schüssen und Feuerwerkskörpern hatte. In manchen Stadtvierteln dienten sie als Kommunikationsmittel des Drogenhandels oder bewaffneter Gruppen. Die Geräusche von draußen drangen nur gedämpft durch die Lautsprecher ins Innere, und Selma blieb ruhig.
In Sols Brust aber hatte sich der Zorn auf ihren Bruder gestaut. Raul entriegelte den Panic Room erst, als die Polizisten abgezogen waren. Sol kam heraus, ihre Schritte zunächst zögernd, dann immer entschlossener. Sie sah ihm für einen Moment in die Augen – ein Blick voller Enttäuschung und Wut. Sie drehte sich um und ging wortlos an ihm vorbei.
Trotz des Vorfalls beließ es Raul bei zwei bewaffneten Bodyguards auf dem Grundstück. Er mochte keine private Armee um sich herum haben. Das war ihm zu sichtbar.
Während Sol dasaß und den Ozean betrachtete, hörte sie, wie sich das Tor öffnete und Rauls protziger Geländewagen mit den schwarz getönten, schusssicheren Scheiben in die Garage fuhr. In der Ferne sah sie eine Segelyacht aus der Allerheiligenbucht auslaufen und sie stellte sich vor, wie es wäre, wenn sie sich an Bord befände.
Sol würde ihrer Heimat nicht hinterhertrauern – zumindest nicht in diesem Moment. Sie würde sich nicht umdrehen und die Baía de Todos os Santos keines Blickes würdigen. Aber sie gestand sich ein, dass sie ihre Tränen wahrscheinlich nicht zurückhalten könnte. Sie konnte es auch in diesem Moment nicht.
Eine gleißende, alles versengende Sonne ging über dem Ozean auf, und die angenehme Frische des frühen Morgens wich in Minutenschnelle der tropischen Hitze des Tages. Sol spürte, wie sie auf ihrer Haut brannte. Die Sonne weckte eine leichte Brise und Sols schwarzes Haar mit den kurzen Locken wehte ihr vor die Augen. Haarsträhnen klebten an ihren nassen Wangen.
Ohne das Haar aus dem Gesicht zu streichen, summte sie einen alten Song von Antônio Carlos Jobim und Vinícius de Moraes: em busca da madrugada …
Sie war im Aufbruch. Umgeben von tiefschwarzer Nacht in ihrem Herzen erwartete sie die Dämmerung und das warme Licht des Tages.
In Salvador wurde es sofort heiß, sehr heiß, und es roch nach schwitzenden Menschen, die auf Pappkartons auf feuchtem Asphalt hausten und zu gelähmt waren, um zu betteln. Diese elende Hitze war nicht nur spürbar, sie war hörbar – im Keuchen und Rattern der Klimaanlagen, die an ihre Grenzen kamen, im Verstummen der Vögel, im trägen Summen der Fliegen, die über den Müllbergen kreisten. Jugendliche in den Favelas nahmen mit zwölf Jahren Drogen, trugen mit dreizehn auf der Straße ein Messer bei sich, mit vierzehn eine Schusswaffe. Die Gangs wurden immer zahlreicher und größer – und mit ihnen wuchsen Spannungen und Gewalt.
Obwohl sie den Karneval liebte, wie so viele in Brasilien, wollte sie weg. Sie hatte gelesen, dass im letzten Jahr deutlich mehr Gesichtsoperationen nach Gewalttaten durchgeführt worden seien als in den Jahren zuvor. Sie fragte sich, ob es bezeichnend für dieses Land sei, dass allein sechs Chirurgenteams während des Straßenkarnevals in Salvador einzig für Gesichtsoperationen zuständig waren.
Ein Deutscher, ein Brite und ein Holländer waren ermordet worden. Wie viele Favelabewohner umgekommen waren, verschwiegen sowohl die Polizei als auch die Regierung und die Medien, die zum Großteil von denselben Leuten gelenkt wurden wie die Politik.
Und während Sol die Tränen über die Wangen liefen und sie Raul hörte, wie er mit langsamen, gleichmäßigen Schritten ins Haus ging und mit leiser Stimme, die er im Kreis seiner tropischen Einfriedung immer bewusst senkte, um zu betonen, dass er dort drin jemand anderes war als da draußen, „Bom dia, Sol“, Guten Morgen, Sol, sagte und oben im Haus verschwand, fasste sie sich ans Herz und stand auf.
Sie nahm sich ihre Tasche und prüfte noch einmal Pass, Kreditkarten, Mobiltelefon und Bargeld. In der Küche trat die Empregada aus ihrem Zimmer. Ihre Blicke trafen sich. Beide nickten in stillem Einverständnis.
„Du kümmerst dich um Selma, bitte. Pass auf sie auf“, sagte Sol.
Grußlos schritt sie an den beiden Bodyguards vorbei hinaus auf die Straße. Sie ließ das Tor leise ins Schloss fallen und drehte sich nicht mehr um.
Dritter Teil—Die letzten Inseln
9—São Vicente 16° 53′ N 025° 00′ W Exil
Marek griff nach der Hose und dem T-Shirt auf dem Seesack, roch daran, verzog das Gesicht und streifte sich beides schnell über. Dann trat er hinaus, ohne die Tür hinter sich zu schließen. Das gleißende und doch trübe Licht der Mittagssonne blendete ihn. Es stach ihm ins Hirn. Warum war er bloß ausgerechnet hierher zurückgekommen und hatte Zuflucht gesucht unter diesen staubigen Sonnenstürmen?
Er musste etwas essen – und trinken. Sein Gaumen war so trocken wie diese Insel. Außerdem sah er ziemlich scheiße aus, ohne Zweifel. Da hatte der Österreicher recht. Marek schaute sich um. Er wusste nicht recht, wo er war, und konnte sich nur ansatzweise orientieren. Kein Horizont in Sicht. Ein paar Escudos hatte er in der Tasche. Das reichte für ein Bier und Cachupa.
Ziellos verfolgte er seinen Weg durch die Gassen. Irgendwo roch es nach fettigem Essen. Vor einem Schaufenster blieb er stehen und blickte durch die milchige Scheibe in ein diffuses Halbdunkel.
Da war ein Verkaufstresen mit Glasvitrine, und dahinter stand ein alter Krämer. Marek hörte, wie er mit der einzigen Kundin im Laden auf Kreol sprach – in gedämpftem Tonfall. Konspirativ steckten sie die Köpfe über einer geöffneten Schublade zusammen.
Von der Decke hing eine Vielzahl von Dingen, deren Bedeutung oder Zweck sich nicht ohne Weiteres erschloss. Dinge, die keinen Nutzen hatten – so lange, bis jemand käme und genau so etwas suchte. Hinter dem Tresen standen in einer Reihe Plastikflaschen mit Knöpfen darin, Produkte in Regalen, in Töpfen und Schalen.
Marek schob sich an der Kundin vorbei in den engen Laden und schaute sich verwundert um. Er hatte ihn noch nie zuvor gesehen, obwohl er sich in Mindelo auszukennen glaubte. Der alte Krämer, ein Magier der Dinge, schien ihn diskret zu ignorieren. Es war, als wüsste er, dass Marek genau das finden würde, was er sich immer gewünscht, aber nie gebraucht hatte – Pleuelstangen zum Beispiel oder ausgestanzte Dichtungen, Glühbirnen, Bündel von Rödeldraht, einzelne Gitarrensaiten (schon eingespielt) und so weiter.
Die bereits initiierte Kundin nahm etwas entgegen und ließ es in ihrer Handtasche verschwinden, während der Meister Wechselgeld aus dem Hemdsärmel zauberte, obwohl er ein Poloshirt trug.
Was er aus der Welt der wundersamen Objekte dringend benötigte, erkannte Marek sofort: einen getrockneten Kugelfisch, der schräg über ihm von der Decke baumelte und ihn mit leeren Augenhöhlen ansah. Er überlegte, was er für dieses ehemals aus dem Reich des Lebendigen stammende, längst aber in die Welt der Artefakte übergegangene und auf ihn dort wartende Etwas zu zahlen bereit war.
„Bô fazi un bô skolta. E pa bô“, Du hast gut gewählt. Das ist für dich, sagte der Meister.
Er angelte den Kugelfisch mithilfe einer langen Stange, an deren Ende mit Klebeband ein Haken befestigt war, von der Decke. Marek kramte in seiner Hosentasche nach Geld und holte zwei speckige Zweihundert-Escudo-Scheine hervor, die er auf die Glasplatte legte. Der Meister nickte stumm. Ein Handeln oder Feilschen erschien hier zwecklos. Aus einer Schublade zog er eine durchsichtige Plastiktüte, steckte den Kugelfisch hinein und reichte ihn über den Tresen.
Die zwei Geldscheine waren verschwunden.