Die Protagonisten

Die Protagonisten in INSELN sind keine klassischen Romanhelden. Sie sind Menschen, die um einen Leerraum kreisen. Der eigentliche Hauptdarsteller des Romans ist nicht einer von ihnen, sondern die Abwesenheit. Jede der Figuren reagiert auf diese Abwesenheit anders.

Tom

Tom ist das emotionale Zentrum des Romans. Er lebt seit vielen Jahren als Fahrtensegler auf seiner Yacht The Sea & Cake und versteht sich selbst als jemand, der Konflikten eher aus dem Weg geht als sie zu suchen. Seine größte Schwäche ist das Zögern. Obwohl er Probleme oft früh erkennt, handelt er zu spät. So verliert er seine Lebensgefährtin Maya, und so gerät er auch in die Suche nach seinem Bruder Marek hinein. Tom ist kein Abenteurer im klassischen Sinne und schon gar nicht ein klassischer Einhandsegler. Er ist ein lakonischer Beobachter, ein Zweifler, Genießer von Wein, Literatur und Landschaften. Die Suche nach seinem Bruder Marek, entwickelt sich zu einer Suche nach Orientierung und Zugehörigkeit. Die Erfahrung von Verlust prägt ihn stärker als jede äußere Gefahr.

Marek

Marek ist Toms Gegenfigur. Wo Tom nachdenkt und zögert, handelt Marek. Wo Tom sucht, ist Marek bereits verschwunden. Er lebt radikaler, impulsiver und kompromissloser. Zugleich bleibt er über weite Strecken eine Figur der Abwesenheit. Die anderen sprechen über ihn, suchen ihn oder erinnern sich an ihn. Dadurch entsteht ein beinahe mythischer Charakter. Erst nach und nach wird sichtbar, dass hinter seiner Verschlossenheit ein persönliches Motiv steht: seine Tochter Lily in Brasilien, von der selbst Tom nichts wusste. Marek ist kein Krimineller aus Überzeugung, sondern ein Mensch, der sich in eine Situation hineinmanövriert hat, aus der er keinen einfachen Ausweg mehr findet.

Sol

Sol ist die wichtigste weibliche Figur des Romans. Sie stammt aus Salvador da Bahia und ist die Schwester Rauls. Anders als ihr Bruder sucht sie keine Macht, sondern Selbstbestimmung. Als sie Tom begegnet, befindet sie sich bereits auf der Flucht aus ihrem bisherigen Leben. Sie ist intelligent, mutig und emotional direkter als Tom. Oft treibt sie die Handlung voran, während Tom noch abwägt. Ihre Loyalität gilt den Menschen, nicht den Geschäften oder Familienstrukturen. Obwohl sie Angst vor Carlos und den Verstrickungen ihres Bruders hat, weigert sie sich, einfach wegzusehen.

Raul

Raul ist die ambivalenteste Figur des Romans. Nach außen erscheint er als erfolgreicher Geschäftsmann aus Salvador, kultiviert und kontrolliert. Doch hinter dieser Fassade operiert er in einer Welt aus Drogenschmuggel, Loyalitäten und Abhängigkeiten. Seine Macht beruht weniger auf Gewalt als auf subtilen Einfluss und Beziehungen. Gleichzeitig ist Raul keine eindimensionale Schurkenfigur. Er fühlt sich verantwortlich für seine Geschäfte, seine Familie und sogar für Marek, den er zugleich benutzt und schützen will. Seine Gespräche mit Tom zeigen einen Mann, der ständig zwischen Berechnung und persönlicher Bindung schwankt.

Carlos

Carlos ist Rauls rechte Hand – und sein Gegenbild. Wo Raul strategisch denkt, wirkt Carlos grob, protzig und impulsiv. Er verkörpert fast stereotypisch die rohe Seite des Milieus. Luíz erkennt ihn sofort an seiner „protzigen, proletenhaften Art“. Im Verlauf der Handlung wird deutlich, dass Raul ihm nicht mehr vertraut. Carlos steht für Verrat, Opportunismus und den Zerfall alter Loyalitäten. Er ist weniger ein eigenständiger Machtspieler als ein Katalysator für die Krise, die sich um Marek und Raul zuspitzt.

Luíz

Luíz ist der stille Beobachter des Romans. Als Ermittler der Polícia Federal betrachtet er die Ereignisse zunächst von außen. Er ist geduldig, analytisch und unspektakulär. Er hält sich im Hintergrund. Während andere Figuren handeln, beobachtet er. Während andere emotional reagieren, sammelt er Informationen. Gerade dadurch gewinnt er an Gewicht. Luíz ist kein Actionheld, sondern ein Mann, der Muster erkennt und Zusammenhänge herstellt. Im dritten Teil tritt auch seine Ambivalenz hervor und er auch er zweifelt an seiner Identität.


Als Ensemble bilden diese sechs Figuren ein Spannungsfeld: Tom und Marek als zwei gegensätzliche Brüder, Sol und Raul als zwei gegensätzliche Geschwister, Carlos als Störfaktor innerhalb dieses Systems und Luíz als Beobachter, der versucht, die verstreuten Fragmente zu einem Bild zusammenzufügen. Genau daraus entsteht die besondere Dynamik von INSELN: Die Figuren suchen einander, verfehlen einander, erinnern sich aneinander – und sind oft in ihrer Abwesenheit präsenter als in ihrer Anwesenheit.