{"id":7141,"date":"2026-06-04T06:23:10","date_gmt":"2026-06-04T04:23:10","guid":{"rendered":"https:\/\/www.chulugi.de\/inseln\/?page_id=7141"},"modified":"2026-06-04T06:23:10","modified_gmt":"2026-06-04T04:23:10","slug":"leseprobe-inseln-von-marcel-dolega","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.chulugi.de\/inseln\/leseprobe-inseln-von-marcel-dolega\/","title":{"rendered":"Leseprobe: INSELN von Marcel Dolega"},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Erster Teil\u2014Islas Afortunadas<\/h2>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">1\u2014Azoren 36\u00b0\u00a049\u2032\u00a0N 019\u00b0\u00a026\u2032\u00a0W<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Tom hatte schon viele St\u00fcrme erlebt, doch dieser war anders. Vor ihm verschluckten dunkle Wolken eine kraftlose Sonne, die tief am Himmel hing und bald hinter der Kimm versank. Die <em>Sea&nbsp;&amp;&nbsp;Cake <\/em>jagtemit acht Knoten unter vollen Segeln und begleitet von einer Delfinschule gen Westen \u2013 zwei Tage bis zu den Azoren. Tom liebte es, den Meeress\u00e4ugern bei ihrem Spiel zuzusehen, doch in diesem Moment hatte er andere Sorgen. Er griff nach der Schot und sp\u00fcrte die Spannung des Tauwerks in seinen H\u00e4nden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u00dcber den Tag hatte der Wind stetig zugenommen. Noch am Morgen machte die <em>Sea&nbsp;&amp;&nbsp;Cake<\/em> kaum zwei Knoten Fahrt. Der Kl\u00fcver fiel immer wieder ein und schlug gegen das Kutterstag und die Wanten. Den Gro\u00dfbaum fixierte Tom mittschiffs, damit er nicht unkontrolliert durch das Rollen des Schiffes von einer Seite auf die andere schlug.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Erst am Nachmittag stellte sich endlich der ersehnte Wind ein, und die <em>Sea&nbsp;&amp;&nbsp;Cake<\/em> lief so, wie Tom das Segeln auf den Ozeanen liebte. Ohne M\u00fche hielt die Yacht Kurs. Die Segel und die Windfahnensteuerung waren optimal getrimmt. Nicht eine einzige B\u00f6 oder eine querlaufende Welle lie\u00df sie aus dem Ruder laufen. Doch die D\u00fcnung nahm merklich zu und war ein Vorbote dessen, was ihn in den kommenden Tagen auf See erwarten&nbsp;w\u00fcrde.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">B\u00f6se Omen ignorierte Tom allzu gerne. Wie damals, als Maya ihm gesagt hatte, sie brauche eine Pause. Sie brauche ihr B\u00fcro zur\u00fcck, einen Schreibtisch, der nicht schwankte, und Auftraggeber, die sie nicht nur \u00fcber Satellit erreichten. Er sah dar\u00fcber hinweg, wie \u00fcber so vieles. Das war eine seiner Schw\u00e4chen. Letztlich f\u00fchrte sie dazu, dass Maya ihn verlie\u00df. Mit gepackter Reisetasche stand sie eines Nachmittags im Salon, ihre Augen auf einen Punkt hinter ihm gerichtet.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eIch gehe von Bord\u201c, sagte sie, und ihre Stimme war so ruhig, dass er zun\u00e4chst nicht verstand.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mehr nicht. Sie schnappte sich ihre Tasche und war verschwunden. Dabei hatte er insgeheim <em>geahnt<\/em>, dass dieser Moment kommen w\u00fcrde. Vorzeichen hatte es genug gegeben, um zu erkennen, wie es um ihre Beziehung stand. Doch Tom hatte es nicht wahrhaben <em>wollen<\/em>. Eine innere Tr\u00e4gheit hielt ihn davon ab, das Thema anzusprechen. Er sagte sich, es w\u00fcrde schon werden. Alle Wogen w\u00fcrden sich gl\u00e4tten, wie nach jedem Sturm. Doch unter der Wasseroberfl\u00e4che brodelte es weiter, ohne dass Tom es bemerkte \u2013 oder bemerken wollte.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Am Ende war er alleine auf dem Ozean \u2013 auf sich gestellt mit seiner inneren Unruhe und den St\u00fcrmen da drau\u00dfen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Tom strich sich \u00fcber den zehn Tage alten Bart \u2013 eine Angewohnheit, die Maya immer genervt hatte.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eDu siehst aus wie einer dieser verschrobenen Einhandsegler\u201c, hatte sie gesagt, aber ohne echten \u00c4rger in der Stimme. Dabei hatte sie dieses schelmische L\u00e4cheln aufgesetzt, das ihre Augen zum Leuchten brachte und das er so vermisste. Ihm war es nie in den Sinn gekommen, einhand zu segeln. Doch das war die logische Konsequenz, auf die ihre stillen Konflikte unausweichlich zugesteuert waren.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Einhandsegler betrachtete Tom noch immer als eine eigenwillige Spezies, zu der zu geh\u00f6ren er sich nie h\u00e4tte vorstellen k\u00f6nnen. Die Stille an Bord wurde manchmal beklemmend \u2013 ein Schiff war ein Resonanzraum. Keine Stimme, die ihm antwortete, kein Lachen, das die Kabine f\u00fcllte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Seine Gedanken wanderten hinaus zu der vor ihm lauernden, bedrohlichen Wolkenwand. Von der portugiesischen Atlantikk\u00fcste war er mit Kurs auf Santa Maria aufgebrochen. Und&nbsp;das, obwohl ein gewaltiges Tiefdruckgebiet seit einigen Tagen den Atlantik zwischen der Iberischen Halbinsel und den Azoren fest im Griff hatte und Wind von neun Beaufort \u00fcber die Inseln peitschen lie\u00df. Er ignorierte es. Der Sturm werde sich legen, sagte er sich.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u00dcblicherweise hielten die atlantischen Tiefs ein paar Tage an, bevor sie sich aufl\u00f6sten. Doch dieses Mal kam alles anders. Das Wetter \u00e4nderte sich, und pl\u00f6tzlich galt nichts Vertrautes mehr. Tom verspekulierte sich und steuerte mitten in diesen Sturm hinein.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Wind- und Wellenvorhersage, die er am Nachmittag per Satellitentelefon aktualisierte, lie\u00df erahnen, was in der kommenden Nacht auf ihn zukommen w\u00fcrde. Er blieb trotz der Wettervorhersage auf Kurs.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dabei h\u00e4tte eine Kurs\u00e4nderung um ein paar Grad in die eine oder andere Richtung das Segeln erleichtert. Er verkleinerte die Segelfl\u00e4che auf das erste Reff. Der Plan war, hoch am Wind segelnd in zwei Tagen den Hafen von Vila do Porto auf dem Eiland Santa Maria, der s\u00fcd\u00f6stlichsten Insel der Azoren, anzusteuern.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Vom Cabo S\u00e3o Vicente, dem s\u00fcdwestlichsten Punkt des portugiesischen Festlandes, der einst als das Ende der bekannten Welt gegolten hatte, waren es siebenhundertsiebzig&nbsp;Seemeilen nach Westen, um Santa Maria zu erreichen. Etwa sechs Tagesreisen bei wohlwollendem Wind, immer der untergehenden Sonne hinterher.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Vierhundert Meilen lagen entspannt hinter ihm. Doch die kommenden zweieinhalb Tage versprachen ungem\u00fctlich zu werden. Am Ende w\u00fcrde er seine Entscheidung bereuen und sich fragen, warum er sich das antat und nicht direkt Kurs auf die Kanaren gesetzt hatte, wie urspr\u00fcnglich geplant. Den Zwischenstopp im Madeira-Archipel h\u00e4tte er sich auf jeden Fall geg\u00f6nnt; die Inseln lagen auf seiner Route.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und Marek \u2013 was war mit Marek? Seit seiner letzten Mail: nichts. Zu lange&nbsp;schon.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Zweiter Teil\u2014Ilha de Vera Cruz<\/h2>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">6\u2014Itaparica 12\u00b0\u00a057\u2032\u00a0S 038\u00b0\u00a038\u2032\u00a0W<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Villa zwischen Gra\u00e7a und Vit\u00f3ria, in einer der exklusivsten Wohnlagen von Salvador da Bahia, oberhalb der Ladeira da Barra, lag am Ende einer wenig befahrenen, asphaltierten Stra\u00dfe am Hang. Von der Veranda schaute Sol hinaus auf das glitzernde Blau der Ba\u00eda de Todos os Santos.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Haus war rundum dicht mit Palmen, Rankpflanzen, haushohen Jackfruchtb\u00e4umen, die kiloschwere Fr\u00fcchte trugen, Cashew-, Acerola- und Mangob\u00e4umen, Farnen und Bromelien abgeschirmt, die keinen Blick von au\u00dfen durchlie\u00dfen. Der tropische Garten war, gemessen an der Gr\u00f6\u00dfe des Hauses, von bescheidener Ausdehnung. Dieser Gr\u00fcnstreifen trennte den inneren vom \u00e4u\u00dferen Sicherheitskreis um die Villa. Hochempfindliche Kameras \u00fcberwachten das Haus. An manchen Stellen hingen die Kameras so dicht, dass sie einander zu beobachten schienen. Wachleute gab es keine \u2013 abgesehen von zwei in Schwarz gekleideten Bodyguards am Haupttor.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Auf dem Grundst\u00fcck fanden ein Tennisplatz, ein Pool mit Gegenstromanlage sowie ein Pavillon mit einem \u00fcberdimensionalen Edelstahlgrill Platz. Die Villa hatte f\u00fcnfunddrei\u00dfig Zimmer, die mehr oder weniger geschmacklos-luxuri\u00f6s bis n\u00fcchtern eingerichtet waren, darunter ein Fitnessstudio, ein Heimkino mit Lautsprechern, die die halbe Stadt zum Beben bringen konnten, ein Billard-Zimmer \u2013 und ein sogenannter <em>Panic Room<\/em>.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Darin hatte Sol eine ganze Nacht verbringen m\u00fcssen, w\u00e4hrend sich Raul und seine Leute drau\u00dfen im Garten eine Schie\u00dferei lieferten, bei der zwei der Angreifer get\u00f6tet und drei schwer verletzt wurden. Einer der Sicherheitsleute der Villa erlitt eine lebensgef\u00e4hrliche Schusswunde, die ihn f\u00fcr immer l\u00e4hmen sollte. Als die Polizei eingetroffen war, die gewohnheitsm\u00e4\u00dfig wenig Fragen stellte und das Ereignis als n\u00e4chtliche Ruhest\u00f6rung in den Akten verbuchte, war von den beiden Toten nichts mehr zu sehen. Es gab keine weiteren Ermittlungen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sol sah und h\u00f6rte \u00fcber die Monitore und Lautsprecher jedes Detail der Schie\u00dferei. Einem der Angreifer schossen sie in den Kopf, dem anderen in den Bauch. Sol setzte sich in eine Ecke des Raumes und hielt die Haush\u00fcndin Selma fest im Arm, die f\u00fcrchterliche Angst vor Sch\u00fcssen und Feuerwerksk\u00f6rpern hatte. In manchen Stadtvierteln dienten sie als Kommunikationsmittel des Drogenhandels oder bewaffneter Gruppen. Die Ger\u00e4usche von drau\u00dfen drangen nur ged\u00e4mpft durch die Lautsprecher ins Innere, und Selma blieb ruhig.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In Sols Brust aber hatte sich der Zorn auf ihren Bruder gestaut. Raul entriegelte den <em>Panic Room<\/em> erst, als die Polizisten abgezogen waren. Sol kam heraus, ihre Schritte zun\u00e4chst z\u00f6gernd, dann immer entschlossener. Sie sah ihm f\u00fcr einen Moment in die Augen \u2013 ein Blick voller Entt\u00e4uschung und Wut. Sie drehte sich um und ging wortlos an ihm vorbei.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Trotz des Vorfalls belie\u00df es Raul bei zwei bewaffneten Bodyguards auf dem Grundst\u00fcck. Er mochte keine private Armee um sich herum haben. Das war ihm zu sichtbar.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">W\u00e4hrend Sol dasa\u00df und den Ozean betrachtete, h\u00f6rte sie, wie sich das Tor \u00f6ffnete und Rauls protziger Gel\u00e4ndewagen mit den schwarz get\u00f6nten, schusssicheren Scheiben in die Garage fuhr. In der Ferne sah sie eine Segelyacht aus der Allerheiligenbucht auslaufen und sie stellte sich vor, wie es w\u00e4re, wenn sie sich an Bord bef\u00e4nde.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sol w\u00fcrde ihrer Heimat nicht hinterhertrauern \u2013 zumindest nicht in diesem Moment. Sie w\u00fcrde sich nicht umdrehen und die Ba\u00eda de Todos os Santos keines Blickes w\u00fcrdigen. Aber sie gestand sich ein, dass sie ihre Tr\u00e4nen wahrscheinlich nicht zur\u00fcckhalten k\u00f6nnte. Sie konnte es auch in diesem Moment nicht.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eine glei\u00dfende, alles versengende Sonne ging \u00fcber dem Ozean auf, und die angenehme Frische des fr\u00fchen Morgens wich in Minutenschnelle der tropischen Hitze des Tages. Sol sp\u00fcrte, wie sie auf ihrer Haut brannte. Die Sonne weckte eine leichte Brise und Sols schwarzes Haar mit den kurzen Locken wehte ihr vor die Augen. Haarstr\u00e4hnen klebten an ihren nassen Wangen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ohne das Haar aus dem Gesicht zu streichen, summte sie einen alten Song von Ant\u00f4nio Carlos Jobim und Vin\u00edcius de Moraes: <em>em busca da madrugada&nbsp;\u2026<\/em>&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sie war im Aufbruch. Umgeben von tiefschwarzer Nacht in ihrem Herzen erwartete sie die D\u00e4mmerung und das warme Licht des Tages.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In Salvador wurde es sofort hei\u00df, sehr hei\u00df, und es roch nach schwitzenden Menschen, die auf Pappkartons auf feuchtem Asphalt hausten und zu gel\u00e4hmt waren, um zu betteln. Diese elende Hitze war nicht nur sp\u00fcrbar, sie war h\u00f6rbar \u2013 im Keuchen und Rattern der Klimaanlagen, die an ihre Grenzen kamen, im Verstummen der V\u00f6gel, im tr\u00e4gen Summen der Fliegen, die \u00fcber den M\u00fcllbergen kreisten. Jugendliche in den Favelas nahmen mit zw\u00f6lf Jahren Drogen, trugen mit dreizehn auf der Stra\u00dfe ein Messer bei sich, mit vierzehn eine Schusswaffe. Die Gangs wurden immer zahlreicher und gr\u00f6\u00dfer \u2013 und mit ihnen wuchsen Spannungen und Gewalt.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Obwohl sie den Karneval liebte, wie so viele in Brasilien, wollte sie weg. Sie hatte gelesen, dass im letzten Jahr deutlich mehr Gesichtsoperationen nach Gewalttaten durchgef\u00fchrt worden seien als in den Jahren zuvor. Sie fragte sich, ob es bezeichnend f\u00fcr dieses Land sei, dass allein sechs Chirurgenteams w\u00e4hrend des Stra\u00dfenkarnevals in Salvador einzig f\u00fcr Gesichtsoperationen zust\u00e4ndig waren.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein Deutscher, ein Brite und ein Holl\u00e4nder waren ermordet worden. Wie viele Favelabewohner umgekommen waren, verschwiegen sowohl die Polizei als auch die Regierung und die Medien, die zum Gro\u00dfteil von denselben Leuten gelenkt wurden wie die Politik.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und w\u00e4hrend Sol die Tr\u00e4nen \u00fcber die Wangen liefen und sie Raul h\u00f6rte, wie er mit langsamen, gleichm\u00e4\u00dfigen Schritten ins Haus ging und mit leiser Stimme, die er im Kreis seiner tropischen Einfriedung immer bewusst senkte, um zu betonen, dass er dort drin jemand anderes war als <em>da drau\u00dfen<\/em>, \u201eBom dia, Sol\u201c, Guten Morgen, Sol, sagte und oben im Haus verschwand, fasste sie sich ans Herz und stand auf.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sie nahm sich ihre Tasche und pr\u00fcfte noch einmal Pass, Kreditkarten, Mobiltelefon und Bargeld. In der K\u00fcche trat die Empregada aus ihrem Zimmer. Ihre Blicke trafen sich. Beide nickten in stillem Einverst\u00e4ndnis.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eDu k\u00fcmmerst dich um Selma, bitte. Pass auf sie auf\u201c, sagte Sol.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Gru\u00dflos schritt sie an den beiden Bodyguards vorbei hinaus auf die Stra\u00dfe. Sie lie\u00df das Tor leise ins Schloss fallen und drehte sich nicht mehr um.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Dritter Teil\u2014Die letzten Inseln<\/h2>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">9\u2014S\u00e3o Vicente 16\u00b0\u00a053\u2032\u00a0N 025\u00b0\u00a000\u2032\u00a0W Exil<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Marek griff nach der Hose und dem T-Shirt auf dem Seesack, roch daran, verzog das Gesicht und streifte sich beides schnell \u00fcber. Dann trat er hinaus, ohne die T\u00fcr hinter sich zu schlie\u00dfen. Das glei\u00dfende und doch tr\u00fcbe Licht der Mittagssonne blendete ihn. Es stach ihm ins Hirn. Warum war er blo\u00df ausgerechnet hierher zur\u00fcckgekommen und hatte Zuflucht gesucht unter diesen staubigen Sonnenst\u00fcrmen?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Er musste etwas essen \u2013 und trinken. Sein Gaumen war so trocken wie diese Insel. Au\u00dferdem sah er ziemlich schei\u00dfe aus, ohne Zweifel. Da hatte der \u00d6sterreicher recht. Marek schaute sich um. Er wusste nicht recht, wo er war, und konnte sich nur ansatzweise orientieren. Kein Horizont in Sicht. Ein paar Escudos hatte er in der Tasche. Das reichte f\u00fcr ein Bier und Cachupa.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ziellos verfolgte er seinen Weg durch die Gassen. Irgendwo roch es nach fettigem Essen. Vor einem Schaufenster blieb er stehen und blickte durch die milchige Scheibe in ein diffuses Halbdunkel.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Da war ein Verkaufstresen mit Glasvitrine, und dahinter stand ein alter Kr\u00e4mer. Marek h\u00f6rte, wie er mit der einzigen Kundin im Laden auf Kreol sprach \u2013 in ged\u00e4mpftem Tonfall. Konspirativ steckten sie die K\u00f6pfe \u00fcber einer ge\u00f6ffneten Schublade zusammen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Von der Decke hing eine Vielzahl von <em>Dingen<\/em>, deren Bedeutung oder Zweck sich nicht ohne Weiteres erschloss. <em>Dinge<\/em>, die keinen Nutzen hatten \u2013 so lange, bis jemand k\u00e4me und genau so etwas suchte. Hinter dem Tresen standen in einer Reihe Plastikflaschen mit Kn\u00f6pfen darin, Produkte in Regalen, in T\u00f6pfen und Schalen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Marek schob sich an der Kundin vorbei in den engen Laden und schaute sich verwundert um. Er hatte ihn noch nie zuvor gesehen, obwohl er sich in Mindelo auszukennen glaubte. Der alte Kr\u00e4mer, ein <em>Magier der Dinge<\/em>, schien ihn diskret zu ignorieren. Es war, als w\u00fcsste er, dass Marek genau das finden w\u00fcrde, was er sich immer gew\u00fcnscht, aber nie gebraucht hatte \u2013 Pleuelstangen zum Beispiel oder ausgestanzte Dichtungen, Gl\u00fchbirnen, B\u00fcndel von R\u00f6deldraht, einzelne Gitarrensaiten (schon eingespielt) und so weiter.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die bereits initiierte Kundin nahm etwas entgegen und lie\u00df es in ihrer Handtasche verschwinden, w\u00e4hrend der Meister Wechselgeld aus dem Hemds\u00e4rmel zauberte, obwohl er ein Poloshirt trug.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Was er aus der Welt der wundersamen Objekte dringend ben\u00f6tigte, erkannte Marek sofort: einen getrockneten Kugelfisch, der schr\u00e4g \u00fcber ihm von der Decke baumelte und ihn mit leeren Augenh\u00f6hlen ansah. Er \u00fcberlegte, was er f\u00fcr dieses ehemals aus dem Reich des Lebendigen stammende, l\u00e4ngst aber in die Welt der Artefakte \u00fcbergegangene und auf ihn dort wartende Etwas zu zahlen bereit war.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eB\u00f4 fazi un b\u00f4 skolta. E pa b\u00f4\u201c, Du hast gut gew\u00e4hlt. Das ist f\u00fcr dich, sagte der Meister.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Er angelte den Kugelfisch mithilfe einer langen Stange, an deren Ende mit Klebeband ein Haken befestigt war, von der Decke. Marek kramte in seiner Hosentasche nach Geld und holte zwei speckige Zweihundert-Escudo-Scheine hervor, die er auf die Glasplatte legte. Der Meister nickte stumm. Ein Handeln oder Feilschen erschien hier zwecklos. Aus einer Schublade zog er eine durchsichtige Plastikt\u00fcte, steckte den Kugelfisch hinein und reichte ihn \u00fcber den Tresen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die zwei Geldscheine waren verschwunden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Erster Teil\u2014Islas Afortunadas 1\u2014Azoren 36\u00b0\u00a049\u2032\u00a0N 019\u00b0\u00a026\u2032\u00a0W Tom hatte schon viele St\u00fcrme erlebt, doch dieser war anders. Vor ihm verschluckten dunkle Wolken eine kraftlose Sonne, die tief am Himmel hing und bald hinter der Kimm versank. 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