Vila das Pombas auf Santo Antao

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Vila d. P. liegt langgezogen am Meer und diente offenbar früher als Versorgerhafen für die in der Ribeira verstreuten Siedlungen. Von einem ‘Hafen’ ist heutzutage nichts zu sehen, und es ist sehr fragwürdig, ob es hier einen jemals gegeben hat. An- und Ablandung muss dann sehr abenteuerlich gewesen sein. Dennoch ist dieser Abschnitt der Küste verhältnismäßig geschützt, so dass die eng am Meer gebauten Häuser eine kleine Rarität auf dem Archipel darstellen, wo ansonsten die starke ungebremste Brandung des Atlantiks alles wegzureißen droht.

Der Ort hat einige nette Sträßchen, eine gepflegte, blumenbeet-besetzte Praca mit einem an eine Kirche erinnernden Gesundheitszentrum, eine etwas versteckte große Kirche, an deren Praca die neue Küstenstraße mündet. Man kann sich gut vorstellen, dass eine Zunahme des Autoverkehrs die Beschaulichkeit dieses Ortes – wie auch aller anderen Orte der Insel – sofort und unwiederbringlich zerstören würde. Die alten Straßen sind schmal und haben keine Trottoirs, die Häuser öffnen nicht selten ihr Wohnzimmer direkt zur Straße, wo man abends noch gemeinschaftlich sitzen und alles beobachten kann. Für Schnellstraßen mit Überholspur etc. geben die schroffen Abhänge und steilen, engen Täler keinen Raum, außer man durchlöchert sie wie einen Schweizerkäse. Diese Art der Zerstörung durch Verkehrserweiterung kann man auf Madeira sehen. Einigen Menschen gefällt das – so kann man dann schließlich überall mit dem Auto vorfahren.

In Vila d. P. mangelt es auch nicht an Restaurants und Bars, die auch Kleinigkeiten zu essen anbieten. Sie sind meistens improvisiert, dennoch sollte man das eine oder andere besuchen, um nicht zuletzt Menschen kennenzulernen, die interessante Lebensläufe haben. So zum Beispiel den Padron (Koch, Besitzer, Servierer, Geschichtenerzähler u.v.m.) der italienischen Pizzeria mit dem Blick auf die ortseigene Wiese. Seine Kochkunst hat er von der “Mama” gelernt, ihr Foto steht im Restaurant. Er selbst wohnt in einer aufs Dach des Restaurants, das nichts weiter ist als ein gedeckter Innenhof, gesetzten Strohhütte. Für Kinder (aber wohl nicht nur für sie) zeigt er Charlie-Chaplin-Filme, die er auf einen alten Laken im Hof projiziert. Geckos sorgen für wenig Insekten. Zu unserem Tisch gesellte sich ein Pärchen, das französisch-deutsch-italienisch sprach. Junge ‘Aussteiger’ auf der Suche nach einer Weiterreise nach Brasilien – sie sind nach Kapverden per Anhalter auf einem Segelschiff gekommen und wollen nun auf dem gleichen Transportmittel weiter, oder auch nicht, denn Santo Antao ist so schön.

An der linken Flußmündung thront auf einem kleine Berg, dessen Höhe sich schlecht schätzen lässt, außer man versucht, ihn zu erklimmen, thront nicht nur Sendemasten, sondern auch eine helle Figur des Heiligen Antonius von Padua. Er ist der Patron der nach ihm benannten Insel Santo Antao, seine Feier findet am 13. Juni in Vila d. P. statt und es muss grandios sein, mit Glücksspiel, Festessen, Eselrennen (Esel wahrscheinlich wegen der Legende um einen hungrigen Esel vor Antonius) und natürlich Grogue.

Am Wochenende gibt es im Ort eine Freilichtdisco auf dem Platz vor der Schule. Doch sie belästigt das Ohr nicht allzu schlimm und vor allem nicht lange.

Ein alter schöner Friedhof hat einen Blick aufs Meer. Die Straße dort entpuppt sich als Sackgasse, wie müssen umkehren. Ärmliche Behausungen, jemand tritt aus der Tür und möchte sich mit mir unterhalten. Leider funktioniert das nicht, dabei weist er immer wieder auf das Straßenschild, das ich fotografiert habe.

Überall kleine und größere überaus gepflegte Terrassenfelder, nicht nur Nützlich-Essbares wird kultiviert, auch einfach nur Schönes wie bspw. Rosen! Müll findet man kaum irgendwo – doch wo ist er? Eine Müllabfuhr haben wir nicht gesehen, was jedoch nichts heißen muß. Auch Platz für eine Wiese mit Pferden gibt es im Ort, wo zu meiner Verwunderung die Pferde auf der Lange trainiert werden.

Und überall wo man nur blickt: blühender Zuckerrohr. Wogende Felder. Doch die Grogue-Produktion ruht, solange das Rohr blüht. In den Feldern noch vereinzelt Häuser und Hütten in alter Bauweise: weißgetünchte Steinwände, Dächer mit Stroh gedeckt. Immer seltener werden sie, was sehr schade ist. Gewaschen oder gespült wird noch im Fluß, getrocknet an den Steinen. Einige wenige Pferde grasen an der großen Grünfläche vor dem italienischen Restaurant und werden dort auch an der Lange trainiert. Wofür? Gibt es ein Pferderennen?

Dieser Ort hat Zukunft, denn hier bildet sich langsam aber stätig ein Touristenzentrum aus – moderne Appartementhäuser wachsen allmählich auch hier -, das direkt an der Quelle dessen, wofür die meisten die Insel in zunehmender Zahl besuchen: Wandern, wandern, wandern! Hier gabelt sich die Straße, die weiter nach Norden verläuft und so die kleinen Streuortschaften der Ribeira mit der Hauptstadt und dem Puerto Novo verbindet. Hier eröffnet sich dem Besucher der erste grandiose Blick in ein steiles, teilweise enges, unglaublich grün bewachsenes Tal, in dessen Fußsohle das ganze Jahr über Wasser gluckst. Das ist das Tal von Paúl: das schönste, grünste, wasserreichste, tropischste, netteste, dicht besiedelteste, grandioseste Tal von Santo Antao. Und, das beste zum Schluß der Aufzählung der Superlative: es ist zwar dicht besiedelt aber noch nicht verbaut und verschandelt worden. Eine lange alte gepflasterte Straße, die nur für ein Auto platz läßt, führt vom Meer in die höher gelegenen Ortschaften und Streusiedlungen ohne befahrbare Abzweigungen!

Wohnt man nicht direkt an der Straße, so muss man sich selbst und alles andere zu Fuß zum Haus tragen. Das hat gleich mehre Vorteile: man wird nicht fettleibig, man kauft nicht massenweise ein, man lebt vom Lärm der Autos unbehelligt in grandioser Landschaft, die Häuser haben keine Garagen, die so wie auf den Kanaren größer sind als die Wohnhäuser, die Luft ist kristallklar, kein Autolärm zerrt an den Nerven, die Ortschaften sind nicht durch unverhältnismäßige Straßenausbauten verschandelt, man lebt ruhiger und mitunter gesellig auf der Straße. Und zu letzt: Berufe entwickeln sich, die mit einem Straßenausbau von heute auf morgen verschwinden würden, so z.B. die Einkünfte der aus armen Familien stammenden Trägerinnen, die alles mögliche, vor allem aber das zahlreiche Gepäck der Touristen in die hochliegenden Pensionen auf dem Kopf balancierend hinauftragen. Diese jungen Frauen haben zwar kein großes aber dafür ein sehr sicheres Einkommen. Oder die Alugers, die nicht nur Menschen befördern sondern auch Güter aller Art von Fisch bis Kartoffel aufladen und am vereinbarten Ort wieder jemanden übergeben.

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