Gefangen im Paradies – Colônia Penal Cândido Mendes

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Es gibt viele berichte über das Ferienparadies Ilha Grande, ‚Südsee Brasiliens‘ wird die Insel auch genannt, die Jahr für Jahr von tausenden und abertausenden Touristen überschwemmt wird. Sogar Kreuzfahrtschiffe ankern vor Abraão, dem Hauptort der Insel und laden auf einmal fast so viele Menschen ab, wie hier wohnen. Dann wird die Insel zum wieder zum Caldeirão do Diablo, zum Heizkessel des Teufels, wie sie zu Zeiten genannt wurde, als man alles erdenkliche vermieden hat, um auf diese Insel zu gelangen, zu Zeiten des berüchtigtsten Foltergefängnisses Brasiliens Colônia Penal Cândido Mendes. Die Verantwortlichen sprechen nun von nachhaltiger Entwicklung, verschweigen aber Probleme wie Müllbeseitigung, Abwasser, das ungeklärt ins Meer gelangt, Zerstörung der Unterwasserwelt, usw. Es wurden zwar Naturschutzgebiete ausgewiesen, Baustopps erlassen und die Gebäudehöhe auf acht Meter beschränkt, doch in Brasilien machen eh alle was sie wollen und es kümmert auch niemanden.

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Über die Geschichte der Insel kann man regelmäßig selbst in deutschsprachigen, periodisch erscheinenden Druckerzeugnissen lesen. Von der Insel der Verdammten (Spiegel) und dem schönsten Gefängnis der Welt (Die Zeit) wird dann mal in die eine und dann in die andere Richtung übertrieben berichtet. Doch eine Zeit wird dabei gerne ausgespart: Die Zeit des Nationalsozialistischen Deutschland, die Zeit des Zweiten Weltkrieges. Dabei wäre die Verbindung schnell hergestellt. – Doch dazu später.


Blick zurück nach Abraão.

Es gibt (fast) keine Autos auf Ilha Grande, selbst die Touristen müssen zu Fuß gehen oder sich an Bord eines der rücksichtslos rasenden Taxiboote begeben, um zu ihren Pousadas zu kommen. Nur den Schulkindern traut man nicht zu zu laufen und fördert so schon früh die überall zu sehende Überfettung und, das ist ein weltweites paradoxes Phänomen, ebenfalls mit negativem Vorbildcharakter, den Mitarbeitern der Umweltbehörde.

Alle anderen müssen die Piste, die von Abraão über einen Bergsattel auf die Atlantikseite der Insel führt, zu Fuß bewältigen. Das geht sogar Barfuß und in Flipflops, wie uns zwei halbstarke, bekiffte Jugendliche mit einem Surfbrett unter dem Arm vorgemacht haben. Warum die beiden den Weg auf sich genommen haben, war uns unklar. Denn es gab keine nennenswerten Wellen. Man wandert durch Bambushaine, vorbei an Bananenstauden, Bachläufen, kleinen Wasserfällen und hat sogar unterwegs die Möglichkeit zu baden. Schwimmbad der Soldaten wird das Naturbecken genannt, wo sich zu Zeiten der Colônia die Soldaten erfrischt haben sollen. Man begegnet kleinen niedlichen Äffchen und großen stinkenden Affenkadavern und genießt die tropische Landschaft.

Die nächsten Fotos: Die Strecke nach Dois Rios.

Nach guten drei Stunden erreicht man eine traumhafte, u-förmige Bucht mit kleinen Inselchen, gerahmt durch nebelbewaldete Berge und zwei Flüsse, die dem Ort Praia dois Rios ihren Namen geben. Eine Palmenallee führt auf ein Wachhäuschen zu und ein freundlicher Angestellter der Umweltbehörde oder der Universität von Rio de Janeiro, die hier eine Außenstelle betreibt, notiert unsere Namen und die Ankunftszeit in eine Kladde. Vor dem Rückweg sollen wir uns wieder abmelden.

Praia dois Rios besteht aus militärisch geraden Straßen, die in früheren Zeiten sicherlich besser in Schuss waren als heute. Hier befinden sich die Reste der Colônia Penal Cândido Mendes. Einige der ehemaligen Wächter und ein paar der Gefangenen sollen immer noch in den Baracken wohnen, die in Reih und Glied, mal gepflegter, mal verfallen zu den Resten der Hauptgebäude führen, in denen heute Museen eingerichtet sind, die aber wegen der Staatskrise und Unterfinanzierung von den Mitarbeitern verschlossen bleiben.


Viele Namen zeugen von deutschen Vorfahren.

 


Die Ruinen des ehemaligen Gefängnisses.

Zur Hölle soll das Gefängnis erst geworden sein, als ab den 1970er Jahren die ersten Drogen- und Bandenbosse auf Ilha Grande inhaftiert wurden, die Geld hatten, um Wächter zu bestechen und ihre Kriege hierher brachten. Escandinha, einer der bekanntesten Kriminellen Brasiliens und Gründungsmitglied der berüchtigten Drogenbande Comando Vermelha war hier inhaftiert. Er floh spektakulär mit einem Hubschrauber. Alle, die eine Flucht über den beschwerlichen Wasserweg, schwimmend oder mit selbstgebauten Flößen und Kanus versucht hatten, wurden spätestens auf dem Festland wieder eingesammelt. Erst 1994 ist das Gefängnis geschlossen worden.

Doch was war mit den Deutschen? Als wir mit Christian, einem Deutsch-Brasilianer aus Rio über unsere Pläne sprachen, zur Ilha Grande zu fahren, erzählte er uns, dass sein Vater dort mehrere Jahre inhaftiert war und jeden Stein der Insel kannte. Er wurde verhaftet, nur weil er deutsche Vorfahren hatte, dabei war er Brasilianer. Das reichte aber als Grund aus, Ländereien, Geschäfte und Vermögen zu enteignen. Auch später wurde nichts ausgeglichen. Die Familie hatte Glück und nur einem Zufall war es zu verdanken, dass ein kleiner Rest des Vermögens in deren Besitz blieb.


Schulkinder fahren mit dem Bus ihrer Überfettung entgegen.

 

Es gibt nur wenige, die sich für die Geschichte und das ehemalige Gefängnis interessieren. Die meisten kommen, um sich am Atlantikstrand in die hohe Brandung zu werfen. In den Dünen verkauft einer der Bewohner kalte Getränke und warmes Essen. Seine Frau bereitet alles in der Küche zu und bringt die Bestellungen über einen Fußweg zum Strand. Es gibt frittiertes Hühnchen mit Bohnen, Reis und Salat. Nach dem Essen ist es nach zwei Uhr und wir müssen uns auf den dreistündigen Rückweg machen, bevor es dunkel wird. Auf einer Bank am Wegesrand, aus Bambusröhren zusammen gebunden, treffen wir auf dem Bergsattel die beiden Kiffer wieder, mit noch kleineren Augen als auf dem Hinweg blinzeln sie in den dunklen Nachmittag. Vermutlich warten sie auf den Schulbus um zu dealen.

Unten in Abraão angekommen finden wir unser Dingi geplündert. Das erste mal auf unserer Reise sind wir beklaut worden. Zwei Fender und zwei Niro-Schäkel sind weg. Motor und Dingi sind noch da – Gott sei Dank. Überall sind wir gewarnt worden, in Las Palmas, Mindelo, Salvador und Rio de Janeiro, und nie ist etwas weg gekommen. Aber hier, wo es angeblich so beschaulich sein soll. In Abraão waren mir schon beim ersten Anlanden die vielen Inseldeppen aufgefallen, die keinen vertrauenswürdigen Eindruck hinterließen. Und dieser erste Eindruck hat sich wohl bestätigt. Wir werden wohl schnell wieder in einen ruhigeren Winkel der Insel verholen.

Die nächsten Fotos: Die Praia dois Rios mit ihren beiden Flüssen.

Die Beute.

 


Ausruhen und Essen nach dem Spiel.

Wegen Staatskrise geschlossen.